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„Für Diverstität, Demokratie und Inklusion“

thelittlequeerreview

Zuletzt aktualisiert am 23. November 2020

Wir können uns wohl darauf einigen, dass das Jahr 2020 in vielerlei Hinsicht eine ziemliche Shitshow war. Auf die letzten Metern allerdings strengt sich das Jahr scheinbar doch noch etwas an, um uns nicht völlig verstört und schlapp ins Jahr 2021 zu tragen, was bitter nötig ist, denn schon allein die Zahl „2021“ sieht hässlich aus. Jedenfalls scheint ein Impfstoff gegen Covid-19 auf dem besten Weg in die Bevölkerung zu sein, der orangefarbene Mann ist nach einem aufreibenden US-Wahlkampf auf dem besten Wege aus dem Weißen Haus und eine zweite Staffel von The L Word: Generation Q ist auf dem Weg auf unsere Bildschirme. 

Eine politische Sport-Biografie

In der dritten Folge der ersten Staffel hatte die US-amerikanische Fußballspielerin, zweifache Weltmeisterin, Olympiasiegerin und Weltfußballerin des Jahres 2019, Megan Rapinoe, einen Gastauftritt, ganz praktisch als sie selbst in der fiktionalen Talkshow von Charakter Alice Pieszecki. Ganz real hat die 1985 in Redding, Kalifornien, geborene Rapinoe nun ihre Autobiografie mit dem Titel One Life (mit Emma Brockes) vorgelegt. One Life ist, wie es kaum anders zu erwarten war, keine klassische Sportler*innen-Autobiografie, sondern neben ihrer Geschichte als Sportlerin, vor allem ein Buch über gesellschaftliches Engagement, politischen Aktivismus, Homophobie und Geschlechter- und Rassendiskrimierung. 

So erfahren wir in One Life nicht nur, dass Megan Rapinoe schon von kleinauf bewegungs- und sportbegeistert war, sondern auch sehr früh ein ausgeprägtes Unrechtsbewusstsein vermittelt bekam und selber entwickelte. Zwar verstand sie nicht immer sofort den größeren Zusammenhang, doch das Gefühl für Recht und Unrecht, das war ihr gegeben. So spricht sie sich auch mehrmals dafür aus, dass Menschen ihren Mund aufmachen sollten, erst recht, wenn ihnen eine größere Plattform zur Verfügung stünde. Allerdings gehöre es auch dazu, sich inhaltlich mit den Dingen auseinanderzusetzen, zu lernen, sich weiterzubilden (vgl. bspw. S. 180). Das tat sie beispielsweise ausführlich zum Thema, zum System White Supremacy, was schließlich zu ihrem knien während der Nationalhymne der Vereinigten Staaten am 4. September 2016 führte. 

Dreh- und Angelpunkt von One Life ist dieses eine bestimmte Ereignis in ihrem Leben, welche Auswirkungen es hatte und was diesem vorausgegangen war. Das ist ein sinnvoller Ansatz, denn so gelingt es größtenteils wirklich gut, die Verknüpfung vom Sport, ihrem Privatleben, ihrem Engagement für LGBTQ*-Personen und -Rechte, Gleichstellung und später auch gegen Rassismus darzustellen. Ihre ersten Berührungen mit dem „großen Ganzen“ hatte Rapinoe im Prinzip durch ihr Studium der Soziologie und Politikwissenschaften im Nebenfach und so kam es, dass sich ihr Gefühl mit unzweifelhaften Fakten untermauern ließ. Ebenso politisierte sie der Studiengang, was auch in ihrem Elternhaus zu leichten Konflikten führte.

Nicht frei von Widersprüchen 

Von diesen abgesehen allerdings, so lernen wir, wuchsen Megan und ihre Geschwister in einem intakten, liebevollen, ihre Kinder durchweg unterstützenden und gesellschaftlich einigermaßen fortschrittlichen Zuhause auf. Ihr eigenes Outing verlief zwar etwas weniger glatt und selbstverständlich, als sie es erwartet hatte, doch auch nicht entsetzlich. Hier gibt es im Buch allerdings eine verwirrende Stelle. An dieser Stelle äußert sie deutliche Kritik an der institutionalisierten Kirche. Zu Beginn erzählt sie mit ihrer Co-Autorin Emma Brockes, dass ihre ältere Schwester bisexuell sei und einen recht breiten homosexuellen Freundeskreis gehabt habe und dies selbstverständlich gewesen sei, um an anderer allerdings Stelle festzuhalten, dass es innerhalb der Familie kaum Berührungspunkte mit Nicht-Heterosexuellen Personen gegeben habe. Das mag nur schludrig formuliert sein, irritiert aufmerksame Leser*innen jedoch. Etwas ärgerlich ist es auch, dass sich manch ein Satz aus dem Vorwort wortwörtlich in späteren Kapiteln des Buches wiederfindet.

Ein anderer Punkt, der hier und da ein wenig seltsam wirkt, ist ihre Art über Beziehungen zu schreiben, beziehungsweise schreiben zu lassen. Das mag aber wohl daran liegen, dass sie diese womöglich mehr als Beiwerk betrachtete und nie zu ihrem Fixpunkt machte. Bis auf ihre derzeitige Beziehung mit der Basketballspielerin Sue Bird wirken ihre Einlassungen zu den vorhergehenden eigenartig emotionslos. So erwähnt sie, dass ihr noch nie das Herz gebrochen worden sei, sie scheint aber auch immer die Verlassende gewesen zu sein. Über die nun vier Jahre dauernde Beziehung zu Sue schreibt sie dann in ganz anderem Ton, wenn Sue sie jemals verließe, würde sie zu Staub zerfallen. Wenn also Emotion, dann richtig. 

Diese doch sehr privaten Einblicke sind jedoch äußerst knapp bemessen. Megan Rapinoe nimmt in One Life zwar kein Blatt vor die digitale Feder, äußert häufig ohne Filter ihre Wahrnehmung einzelner Weggenossinnen und Kolleginnen, Fußball-Funktionäre, natürlich Donald Trumps und so mancher Profis anderer Sportarten. Doch diese Offenheit bezieht sich immer auf die Sache und ihr Engagement. Mit Ausnahme vielleicht der Geschichte ihres drogenabhängigen Bruders, samt ausführlicher Haftaufenthalte, die allerdings wieder direkt mit ihrem politischen Aktivismus zusammenläuft. 

Don’t Ask, Don’t Tell im Sport

Megans Autobiografie ist aber auch aus diesem Grund eine inhaltliche sehr runde Geschichte, voll mit kleinen Bemerkungen und Anspielungen, die wiederum auf größeres Debatten aufmerksam machen. Zum Beispiel als sie feststellt, dass ihr Vater irgendwann nur noch Fox News schaute und im Laufe der Zeit dadurch „griesgrämiger und defätistischer“ wurde oder auch wie sie in Andeutungen das schwierige Verhältnis zwischen ihr und der langjährigen Trainerin der US-Nationalmannschaft, Jill Ellis, unter anderem auch auf Funktionärseinflüsse zurückführt.

One Life von Megan Rapinoe – eingerahmt von Glücksstein und Office-Vase. // Foto: © the little queer review

Überhaupt ist die Welt des – amerikanischen – Frauenfußballs und des Systems Fußball in One Life sehr gut beschrieben. Sei es die quasi Don’t Ask, Don’t Tell-Einstellung zur Homosexualität mancher Spielerinnen, der Unterschied zwischen Fußball in den USA und Europa oder die geschlechterbasierte Diskriminierung bei der Bezahlung, die im Buch zurecht viel Raum einnimmt und aufschlussreich erläutert und ad absurdum geführt wird. Ganz anschaulich geschieht dies insbesondere aufgrund der Leistungsstärke der amerikanischen Nationalmannschaft der Frauen und der internalisierte Sexismus innerhalb der FIFA. Leser*innen werden deutlich spüren, wie sehr Megan Rapinoe für den Sport brennt, dass sie Fußball atmet und das Leben als Spielerin trotz einiger Widrigkeiten und Verletzungen liebt. Ihre Beschreibungen einzelner Spiele haben sogar den Autoren dieser Zeilen, der mit Fußball im Grunde rein gar nichts am Hut hat, in den Bann gezogen. Das liegt auch daran, dass sie, die häufiger erwähnt, dass es ihr an Selbstbewusstsein und einem gesunden Ego nicht mangele, die Spielerfahrung möglichst fiebrig und authentisch beschreibt. 

Ebenso authentisch beschreibt Megan ihre Verwunderung und Verärgerung über den Umgang mit Homosexualität im Sport. Auch hier macht sie Unterschiede zwischen Frauen und Männern im Sport aus, die in einigen Punkten aber auch wieder auf einen zumindest latenten Sexismus und ein bestimmtes Frauenbild, auch lesbischer Frauen im Sport (z. B. Butch), zurückzuführen sind. Im renommierten queeren US-Magazin The Advocate veröffentlichte sie im Februar 2014 im Rahmen der Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi einen Kommentar, in welchem sie „über das Thema Homophobie und Sport im Westen nachdachte“ (S. 152). Und dabei stellte sie fest: „Viel Anlass zu Überheblichkeit konnte ich auch hierzulande nicht erkennen“ (ebd.).

An dieser Stelle in One Life (und ihrem Advocate-Kommentar) beklagt sie ebenfalls die vermeintlichen Argumente in Bezug auf LGBTQ*s im Sport, insbesondere bei Männern. Nach dem Motto „Was, wenn der mich anglotzt?“ oder ebenso beliebt die Behauptung, (offen) homosexuelle Teammitglieder würden die Moral im Team untergraben, „dasselbe lächerliche Argument […] bringen auch die Gegner von LGBTQs im Militär“ (ebd.). Dabei seien ihrer Ansicht nach, die eigentliche Bedrohung die homophoben Spanner. Wer mit Homosexuellen in der Mannschaft nicht klarkomme, „wird auch von Millionen Dingen auf dem Spielfeld überfordert sein“ (ebd.). Dieser treffenden Analyse der ärgerlichen Absurditäten kann nur zugestimmt werden. Da muss im Sport noch einiges passieren, sicherlich auch von Seite einiger sehr inflexibler Fans.

„Echte Veränderung hängt von uns allen ab“

Eine weitere Absurdität, auf die Megan in ihrer wie erwähnt sehr politischen Autobiografie hinweist, ist die schreiend laute Stille anderer Sportler*innen, wenn es um das Thema Rassismus geht und den oft an sie herangetragenen Hinweis „du musst Geduld haben“ (S. 237). Überhaupt die Aussage, Sport und Politik hätten nichts miteinander zu tun. Dieses Argument lässt Megan Rapinoe nicht gelten. Probleme wie Rassismus, Sexismus und ungleiche Bezahlung bestünden eben auch an den geliebten Sportsonntagen. Ebenso ärgert sie sich, dass die großen Stars des Männerfußballs wie Lionel Messi, Cristiano Ronaldo und Co. sich nicht äußerten. Diese quasi unangreifbaren Männer seien sicherlich nicht „wegen einer Aussage gegen Rassismus oder Sexismus aus der Weltgeschichte des Fußballs“ zu streichen (S. 238).

Da ist es dann wieder: das Bewusstsein was Recht und was Unrecht ist. Ebenso das Wissen um das eigene Privilegiertsein, was sie öfter anbringt, ohne dass es nach affektierter ethischer Selbstgeißelung zur eigenen Beweihräucherung klingt. Wie überhaupt die ganze Autobiografie bis auf oben erwähntes Kopieren des eigenen Textes sehr gut und echt klingt. Die Co-Autorin Emma Brockes, der Rapinoe auch ausdrücklich dankt, hat gekonnt formuliert und ebenso gekonnt wurde der Text schließlich von Elke Link, Andrea O’Brien und Jan Schönherr ins Deutsche übertragen. Die Aufmachung des Buches ist ebenfalls sehr fein und rundet das Leseerlebnis auch optisch und haptisch ab.

Zum Ende von One Life sieht Megan Rapinoe noch einmal hoffnungsfroh auf die USA und die Welt, sie sieht einige Kipppunkte erreicht und überschritten – durch die Tötung George Floyds durch einen Polizisten im Juni 2020. Durch die Corona-Pandemie, die wenigstens einigen Menschen die Augen in Bezug auf Trump öffnete (sie schloss ihr Buch natürlich vor der US-Wahl ab). Wegen der gekippten Verbote während der Hymne zu knien. 

One Life ist eine sehr politische, gesellschaftlich relevante und sehr aktuelle Biografie einer der größten Sportlerinnen der Welt, die uns Leser*innen mitfiebern und -fühlen lässt, uns zum Nachdenken anregt und unweigerlich Megan Rapinoes Frage in unser Leben trägt: „Und, was werden Sie tun?“

One Life von Megan Rapinoe

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Megan Rapinoe (mit Emma Brockes): One Life; 1. Auflage, November 2020; 256 Seiten,16 Seiten farbiger Bildteil; Hardcover mit Schutzumschlag; Übersetzung: Elke Link, Andrea O’Brien, Jan Schönherr; ISBN: 978-3-442-31621-2; Goldmann Verlag; 20,00 €; auch als eBook 15,99 €

AS

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