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Garstig, bewegend und wahrhaftig

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Hier lest ihr unsere einigermaßen kurze und Spoiler-freie Besprechung zu The Boys in the Band. Demnächst veröffentlichen wir eine ausführliche Analyse des Remakes unter Einbeziehung der Dokumentation The Boys in the Band – Etwas Persönliches.

Im Rahmen seines Riesendeals mit Netflix, den wir bereits in unserer Besprechung zur ersten Staffel von The Politician erwähnten, macht Ryan Murphy sich an einen so faszinierenden wie wegweisenden und schwierigen Stoff: Das Off-Broadway-Stück The Boys in the Band aus dem Jahre 1968 von Matt Crowley, bereits 1970 von William Friedkin verfilmt und 2018 zum 50-jährigen Jubiläum unter der Anleitung von Joe Mantello (Hollywood) für den Broadway neu inszeniert. 

Joe Mantello inszenierte nun auch die seit dem 30. September bei Netflix verfügbare Neuverfilmung, komplett besetzt mit homosexuellen Schauspielern. Sie alle wirkten bereits am Broadway-Revival mit, das 2019 den Tony Award für das Beste wiederaufgeführte Stück gewann. Somit gibt es schon hinter den Kulissen Parallelen zum Original. Auch dort war das Broadway-Ensemble für den Film besetzt worden und auch dort waren einige der Darsteller homosexuell. Auch wenn keiner sich outete.

Jim Parsons als Michael. // © Scott Everett White/NETFLIX, 2020

Ein perfekte zusammengestelltes Ensemble

In dem Stück, beziehungsweise dem Film, geht es um eine Gruppe von schwulen Freunden, die sich anlässlich des Geburtstags von Harold (Zachary Quinto) im Apartment von Michael (Jim Parsons) an der Upper East Side in New York City zum Feiern verabreden. Michael lädt spontan seinen ehemaligen, wohl heterosexuellen, Kommilitonen Alan (Brian Hutchinson) ein, für den er schon damals schwärmte und von dem es hieß, er sei ein verkappter Schwuler. Nach und nach treffen die weiteren Gäste ein und alkoholgeschwängert treten Verletzungen und Konflikte zu Tage, die lange unterdrückt wurden. Einige werden verbal, andere auch physisch ausgetragen. Schließlich denkt sich Michael ein Spiel aus, das eine aufwühlende Wendung nehmen soll – die Gäste sollen eine Person anrufen, die sie schon immer liebten und dieser Person ihre Liebe gestehen. Unzufriedenheit, Verzweiflung und Scham kommen ans Licht.

The Boys in the Band ist im Grunde ein Kammerspiel, bis auf wenige Außenaufnahmen zu Beginn und zum Ende hin, spielt sich alles in der Wohnung und auf der Dachterrasse des vermeintlich trockenen Alkoholikers Michael ab. Umso wichtiger ist eine stimmige Chemie zwischen den Darstellern. Dies natürlich erst recht in Anbetracht des Stoffes, der in seiner garstigen Vielschichtigkeit nicht nur individuelle Nuanciertheit der einzelnen Schauspieler erfordert, sondern auch ein aufeinander Eingehen. Der Wechsel von fröhlicher Frotzelei und boshaften Anwürfen und zurück kommt so fließend, dass jede Ungereimtheit sofort auffiele.

Jim Parsons als Michael, Robin De Jesús als Emory, Michael Benjamin Washington als Bernard und Andrew Rannells als Larry. // © Scott Everett White/NETFLIX, 2020

Das besetzte Ensemble, angeführt von einem großartig verbitterten Jim Parsons und einem beinahe mystisch desillusioniertem Zachary Quinto, ist in der Hinsicht makellos besetzt und auch die Verteilung der Rollen kann man sich kaum anders vorstellen. Hier sind große, in manchen Fällen unterschätzte (Matt Bomer, Charlie Carver), Talente besetzt worden, die in keiner Sekunde an der Glaubwürdigkeit und Echtheit ihrer Figuren zweifeln lassen. 

Generationenübergreifend

Es ist auch eine gute Zeit für ein Remake oder Revival des Materials, nicht nur weil Matt Crowley es noch selbst bestimmen konnte (er starb im März 2020, ihm ist der Film gewidmet), sondern auch weil durch leichte Anpassungen der Stoff dennoch aktuell daherkommt. Sich der eigenen Sexualität wegen zu schämen mag nicht mehr für jeden das gleiche Thema sein, wie es das in den 50er- und 60er-Jahren gewesen ist. Nichtsdestoweniger werden die „Nun ist es auch mal gut“ Stimmen wieder lauter und das macht etwas mit den Menschen. 

Zachary Quinto als Harold und Charlie Carver als Cowboy. // © Scott Everett White/NETFLIX, ©2020

Außerdem ist es sicherlich nicht verkehrt, einer recht selbstverständlich ihre Queerness auslebenden Generation zu zeigen: So ging es den früheren Generationen. Der Generation eurer Väter, Großväter, ja gar Ur-Großväter. 

The Boys in the Band ist dazu fantastisch geschrieben. Es ist wunderbar, mal wieder einen Film zu sehen, der durchgehende Gespräche beinhaltet und mehr als Drei-Wort-Sätze anbietet. Jeder Charakter wird gehört, jeder hat mehr als nur ein Persönlichkeitsmerkmal und niemand ist Schablone. In manchen der tragischsten Momente und menschlichen Entblößungen können wir am lautesten lachen. Jeder Unterton, jedes Augenbrauen ziehen zählt. Das macht den Film wertvoll und gibt uns als Zuschauer.innen das Gefühl, dass auch unsere Zeit wertgeschätzt wird. 

Plakat // © Netflix

Eine absolute Empfehlung also. Ein stimmiger und so unterhaltsamer, wie zugleich verstörend bewegender Film, ganz egal welcher Generation man angehört.

The Boys in the Band; USA 2020; Regie: Joe Mantello; Drehbuch: Mart Crowley, Ned Martel; Kamera: Bill Pope, Darsteller: Jim Parsons, Zachary Quinto, Matt Bomer, Andrew Rannells, Charlie Carver, Robin de Jesús, Brian Hutchinson, Michael Benjamin Washington, Tuc Watkins; Laufzeit: ca. 122 Minuten; FSK: 16; Ryan Murphy Productions; seit 30.9.2020 auf Netflix verfügbar

P.S. Wir empfehlen die Version im Originalton, auch wenn die Synchronisation überwiegend gut gemacht ist.

AS

Hier noch der Trailer:

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