Garstige Gedankenspaziergänge

Stell dir vor es ist Ortsbegehung und du gehst hin. Und gehst und gehst und gehst und gehst und gehst. Und gehst. Zwischendurch aber stehst du ein wenig, musst an einer Ampel warten, ruhst dich hier und dort etwas aus, rauchst mal eine Zigarette. Benötigst für eine nicht sonderlich lange Strecke einigermaßen viel Zeit, hast vielleicht gar eine Fußverletzung. Anstrengend und langweilig? Nein, nein, zumindest letzteres auf keinen Fall. Du gehst ja nicht allein. Ihr seid zu dritt, dann zu fünft, im Geiste ist gar noch eine Person mehr zugegen. Und unzählige Eindrücke kommen hinzu. Wenn du also durch den Münchener Stadtbezirk 3, die Maxvorstadt, läufst, kannst du im Grunde gar nicht allein sein.

Nicht Allein, Allein

Dieses Nicht-Alleinsein beschreibt Hans Pleschinski in seinem neuen Roman Am Götterbaum, der im Januar im im Münchener Stadtbezirk 12 angesiedelten C.H. Beck Verlag erschienen ist und der sich so beinahe vor der Haustür abspielt, aber eben nicht so ganz, um die zwei Kilometer liegen dann doch zwischen Handlung und Verlag. Auf den Weg vom Rathaus zur Paul-Heyse-Villa machen sich die Baustadträtin Antonia Silberstein, die Literaturpreisträgerin aus dem Jahr 2014, Ortrud Vandervelt, und die Archivarin Therese Flößer, die blöderweise zeitweilig auf eine Gehhilfe angewiesen ist.

Der Plan an diesem Märzabend ist eine Begehung am Zielort, denn aus der Villa soll ein Literatur-, ein Kulturhaus, ein Umschlagplatz des Geistes, ein Salon, vielleicht mit einer Lola-Montez-Bar, ein Alles-Mögliche werden, steigert sich Antonia Silberstein doch immer weiter in die mannigfachen Möglichkeiten des Hauses rein, je mehr sie zuerst von Flößer und später von dem dazu stoßenden, ausgewiesenen Heyse-Experten Harald Bradford erfährt. Der wiederum ist froh über die zumindest in Teilen dankbare Zuhörerinnenschaft, denn sein Partner Deng Long kann es mittlerweile eben nicht mehr hören, hat deswegen auch viel lieber Musik auf den Ohren. 

Heyse versus Goethe

An dieser Stelle soll nicht zu viel zu Paul Heyse, der von 1830 bis 1914 lebte und 1910 als erster Deutscher Autor von Belletristik mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, gesagt werden. Nur so viel: Seinerzeit war er sehr beliebt und ungemein erfolgreich, aber „nicht folkloristisch. Der Berliner führte hier [in München] die Welt zusammen“, wie Antonia Silberstein anmerkt. Geriet im Laufe der Zeit weitgehend in Vergessenheit und nicht ganz unähnlich wie von den von Hans Pleschinski erdachten Charakteren, dürften ihn nur wenige Literatur-Spezis prompt eindeutig zuordnen oder gar zitieren können (das schließt den Autoren dieser Zeilen, der mitnichten ein Literatur-Spezi ist, mit ein). Es erstaunt dann aber doch, dass viele derer, die das Buch bisher besprachen, im Herzen Heyse-Profis zu sein scheinen. Jedenfalls gab kaum jemand zu erkennen, dass (Wieder-)Entdeckung und Wissen zu Paul Heyse durch die Lektüre des ungemein informativen und hintergründigen Am Götterbaum gekommen sein könnte. Nun, so sei es. Über Goethe schrieben sie jedenfalls häufiger; genau wie Helene Fischer geht Goethe halt immer.

Die 1873/74 errichtete Paul-Heyse-Villa in München // © Scheel/Süddeutsche Zeitung Photo

Apropos Johann Wolfgang von Goethe: Über die Faszination und ungebrochen wohlmeinende Rezeption der völlig unreflektierten und vorrangig selbstverliebten „Leiden des jungen Werther“ kann der Rezensent sich nach wie vor nur wundern. Das Selbstmitleid eines Egomanen, der an der Konfrontation der echten Welt mit der von ihm geschaffenen Scheinwelt, vor allem aber an seiner zur romantischen Liebe hindrapierten Selbstbezogenheit zerbricht, ist nur enervierend und hat mit Romantik (nicht als Epoche, sondern als gern genommener Interpretation) so wenig zu tun wie der ebenfalls sehr erfolgreiche Nicholas Sparks mit Literatur. So könnten wir nun bei Ortrud Vandervelt sein, der etwas brüsken Schriftstellerin in Am Götterbaum mit einer ausgeprägten, wenn auch nur andere betreffenden, No-Bullshit-Attitüde. Andererseits wiederum nicht, denn die gerade von einer Russlandreise heimgekehrte Autorin der „Stuckaturen der Emotionen“ schätzt ihren Goethe für das vermeintliche Bildungsbürgertum weit mehr als den Heyse des geistigen Pöbels. Jedoch, das soll nicht unter den Tisch fallen, Goethe ist glücklicherweise nicht nur Werther, sondern auch die „Wahlverwandtschaften“, auch wenn diese nun wiederum von einigen als trivial abgetan werden. Pah! 

„Das ist packend.“

Wieviel Neid auf Heyses Erfolg darin steckt, wir wissen es nicht. Wenn Ortrud Vandervelt auch einmal gedanklich feststellt, dass ja viele Schreibende erst nach ihrem Tod zu großem Ruhm gekommen seien. Nennen wir es mal Stuckatur der Imagination. Sie liegt jedenfalls im Clinch mit der Baustadträtin Antonia Silberstein, da diese sich, obwohl sie nicht wirklich irgendetwas über diesen Heyse weiß, so engagiert für ein Heyse-Kulturhaus mit – ja was? – beinahe weltumspannender Wirkung, samt allem Tamtam einsetzt. Da können wir Leser:innen uns fragen: Findet die Vandervelt die Silberstein einfach nur blöde oder neidet sie ihr schlicht die Begeisterungsfähigkeit? Diese scheint Vandervelt nicht nur in Bezug auf Heyse, sondern auch auf ihr geschriebenes Wort abzugehen, merkt ihre gute Freundin, die Archivarin Therese Flößer doch an: „Schreib doch einfach mal so, wie du erzählst. Das ist packend.“

Es ist auch Vandervelt, die hier am meisten an… nennen wir es mal Spott abbekommt. Was aber auch daran liegen mag, dass sie zum einen konstant kleine Giftpfeile abschießt und zum anderen mit dem größten und verletzlichsten Ego unterwegs ist. Eine Silberstein wischt so manches beiseite, Flößer kennt ihre Wahl-Mischpoke und Bradford ist ohnehin in seiner eigenen Welt unterwegs, die er nur sporadisch zu verlassen scheint. Diese sehr unterschiedlichen Charaktere und Herangehensweisen ans Leben sorgen für eine ungemeine Kurzweil und für einen nur selten künstlich wirkenden Screwball-Faktor der Geschichte. 

Geschichte und Gegenwart

Es ist aber nicht alles Spiel und Spaß, Pleschinski findet für seine Gruppe durchaus ernste, hin und wieder gar andächtige Töne. Auch das macht diese literarische Komödie, oder eher Satire, mit historischem Hinterrund aus. Es wird an die unschöne Vergangenheit erinnert, die München in der Zeit ab Mitte der zwanziger Jahre für den Nationalsozialismus und die Judenverfolgung auch spielte, etwa wenn die drei Damen die „ewige Flamme am Platz der Opfer des Nationalsozialismus“ passieren und dabei eine Kundgebung von Rechtsextremisten im vorigen Sommer thematisiert wird. In solchen Momenten wirkt Pleschinski wie der Kommentator aus dem Off, zu dem die Handelnden schauen, während sie auf ihren neuerlichen Einsatz warten.

Wie gegenwärtig die Gefahr für deutsche Jüdinnen und Juden oder in Deutschland lebende Jüdinnen und Juden ist, greift er auch nochmals an anderer Stelle auf, wenn der Satz „Es war mutig geworden, Kippa zu tragen“, nach einem für viele jüdische Menschen alltäglichen Moment der „Verachtung“ fällt. Auch davor, andere gesellschaftliche Problemlagen und Umbrüche zumindest anzusprechen, schreckt der Autor nicht zurück. Dies geschieht nicht selten, wenn unsere kleine Wandertruppe des Geistes mehr oder weniger zufällig Gesprächsfetzen anderer durch die Gegend streifender Personen einfängt.

Alt gegen Jung und Frauen gegen Homos?!

Schwedische Paul-Heyse-Briefmarke aus dem Jahr 1970 // rook76/Getty Images via Canva

Eingefangen wird auch ein nicht mehr nur unterschwellig schwelender Konflikt: Alt vs. Jung. Und Hans Pleschinski packt diesen dann in den wunderbaren, die Auseinandersetzung auf eine neue Ebene hebenden Satz: „Ältere beneideten Jüngere nicht mehr um die Zukunft. Solche Verfassung hatte es noch nie gegeben.“ Das solle dann auch im Heyse-Zentrum bedacht werden, so scheinbar der Gedanke der Boomerin Silberstein. Wer diese Generation und die Nachwachsenden noch brauche, fragt sich an anderer Stelle die versnobte Vandervelt, überhöht ihre eigene Person und lässt sie auf arrogante Weise entfernt von allem, zu dem sie keinen Zugang finden möchte, klingen, gleichsam auch resigniert. 

Apropos: Irgendwo war zu lesen, dass Hans Pleschinski in seinem Buch ein schwieriges Verhältnis zu Frauen offenbare, gerade wenn Deng Long sich darüber echauffiert, dass Frauen die schwule Kneipenkultur zunichte machten, indem sie sich in diese hineindrängten („Haben Frauen manchmal kein Taktgefühl?“). Ist das so? Hmm… Kneipen für schwule Männer – und auch allgemein Queers, aber bleiben wir bei diesem Beispiel – sind auch Safe Spaces, waren es schon lange bevor es diese Bezeichnung gab. Es hemmt den heftig flirtenden Mittzwanziger oder den an sich herum nestelnden Mittvierziger, das wild knutschende Pärchen, Verzeihung, Ortrud, keine Verniedlichungen: Paar für eine Nacht, wenn dort am anderen Ende der Bar der Typ professorale Mutter, weihnachtlich angeheiterte Schwiegermutter oder gespannte Kommilitonin sitzt. Es ist nicht verkehrt, einen Platz für sich zu beanspruchen. Der Rezensent fällt ja ebensowenig mit seiner Clique und einer Flasche Wodka in die Kindertagesstätte oder irgendein verdammtes  Klang-Yoga-Studio ein, nicht mal, wenn dort zuvor seine Stammkneipe angesiedelt gewesen sein sollte.

Lachend empfohlen

Witzig ist in diesem Zusammenhang, dass der unter vielen sehr eigenen Persönlichkeiten nochmals sehr besondere Herr Deng einen seltsam intensiven Draht zur nicht minder speziellen – und hoch spannenden – Ortrud Vandervelt entwickelt, gerade da sie sich sonst mehr von allen und allem entfernt je länger der Abend dauert. Währenddessen aber kommen wir Lesenden dem Ende leider immer näher, auch wenn sich sagen lässt, dass die Geschichte von Am Götterbaum, die uns nicht nur an Paul Heyse, sondern auch einige andere Namen heranbringt, womöglich Lust bereitet, sich mal wieder mit Arthur Rimbaud oder Paul Verlaine zu beschäftigen, sich eingehender den nicht immer den heteronormativen Werten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts entsprechenden Liebeleien zu widmen, die nachgerade perfekte Länge hat.

Hans Pleschinski zeigt sein Talent für ein wunderbares Timing, lässt kaum eine Länge entstehen, beherrscht den tonalen Wechsel und kennt seine Figuren so gut, dass er sie sich uns vor allem durch ihr Geplänkel erschließen lässt. Dass wir dabei noch einiges an stadthistorischem und literaturgeschichtlichem Wissen sowie manch einen Gedankenanstoß mitnehmen dürfen während wir herzhaft lachen, lässt Am Götterbaum zu einer unbedenklichen Empfehlung werden.

AS

PS: Ähnlich wie bei Jonas Eikas Erzählungen Nach der Sonne erging es dem Rezensenten hier: Das Buch gern und zügig gelesen, angetan gewesen, dann lange Zeit um die richtigen Worte gerungen. Was bei Am Götterbaum insofern noch seltsamer ist, lag die Besprechung doch schon seit geraumer Zeit zu Zweidritteln fertig da, immer mal wieder geöffnet und ergänzt. Nun, so ist es eben. Darüber hinaus ist es ein Buch, das ganz fabelhaft in die Herbst- und Winterzeit, als Geschenk zu Weihnachten oder neben Traditionellem auch zu Chanukka (in diesem Jahr vom 29.11. bis 6.12.) passt, also: Bitteschön!

PPS: In diesem Sinne eine Anmerkung: Wir bei the little queer review sind so oder so der Ansicht, dass viele Bücher durchaus eine längere Halbwertzeit haben dürfen und sollten als nur bis zum nächsten oder maximal übernächsten Programm. Wir sind erstaunt, wenn an mancher Stelle sinngemäß zu lesen ist: „Man glaubt es manchmal kaum, aber auch auf der Backlist sind gute Titel zu finden.“ An dieser Aussage ist so vieles entsetzlich, dass es einen separaten Kommentar rechtfertigt. Wir machen uns da mal ran. 

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Hans Pleschinski: Am Götterbaum; 1. Auflage, Januar 2021; 280 Seiten, mit 2 Abbildungen; Hardcover mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-406-76631-2; C.H. Beck Verlag; 23,00 €; auch als eBook erhältlich

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