Geliehenes sollte nicht zerbrochen werden

Pflanzen sind Lebewesen und im Gegensatz zum Menschen erkennen diese die Grenzen ihres Wachstums. Nur einer der Gründe, warum Pflanzenforscher Stefano Mancuso ihnen in „Die Pflanzen und ihre Rechte“ eine Verfassung schreibt. 

Der Erdüberlastungstag (Earth Overshoot Day), also der Tag an dem alle nachhaltig nutzbaren Ressourcen durch den Menschen verbraucht sind, die Reproduktionskapazitäten nachwachsender Rohstoffe erschöpft sind, und von dem an wir Menschen Ressourcen verbrauchen, die nicht mehr wiederhergestellt werden können, fiel im vergangenen Jahr auf den 22. August. Ganze drei Wochen später als im Jahre 2019. Zu verdanken haben wir und der Planet das der Corona-Pandemie. Das hat es lange, lange Zeit nicht gegeben. An sich rückte der Tag immer weiter vor. Im Jahr 1970 fiel er noch auf den 31. Dezember, im Jahr 2018 bereits auf den 1. August.

Wie kritisch, gefährlich und auf absehbare Zeit wohl gänzlich unumkehrbar dieser Ressourcenverbrauch, ja dieses Verprassen von Ressourcen, für die Tierwelt, die Menschen und vor allem auch für unsere wichtigste Ressource und – gemeinsam mit der Sonne – unseren lebensspendenden Motor die Pflanzen ist, beschreibt der so bewanderte wie prominente Pflanzenforscher Stefano Mancuso in seinem neuen Buch Die Pflanzen und ihre Rechte. Eine Charta zur Erhaltung der Natur, welches vor kurzem bei Klett-Cotta erschienen ist.

Eine Verfassung der Pflanzen 

Stefano Mancuso, Professor für Pflanzenkunde forscht und lehrt an der Universität in Florenz (wo es, wie er schreibt, in den vergangen fünf Jahren „jedes Jahr ein oder zwei Tornados, Wirbelstürme oder ähnliche Wetterphänomene“, die man dort eigentlich nicht kannte, gab), leitet das Laboratorio Internazionale di Neurobiologia Vegetale und hat mit dem Buch Die Intelligenz der Pflanzen bereits einen ordentlichen Bestseller vorzuweisen. Nun hat er sich daran gemacht, eine Verfassung der Pflanzen zu schreiben, „die als Vermittler zwischen ihrer und unserer Welt“ fungieren soll. Das gelingt ihm mit den insgesamt acht informativen und pointierten Artikeln recht ausgezeichnet.

Natur und menschlicher Eingriff. // Foto: © the little queer review

Nach einer launigen Einleitung, in der er neben dem Konzept des Büchleins ebenfalls angibt, dass sein Bruder, ein Richter, ihm davon abgeraten hätte mit „sakrosankten Gesetzestexten“ zu hantieren, was er als guter Bruder wiederum ignorierte, folgen die acht Artikel in einer Übersicht, um sie anschließend jeweils einzeln zu erläutern und einzuordnen. Vorangestellt sind den Artikeln noch sehr schön von Sarah Abbott illustrierte Blätter, die auch am Rand der jeweiligen Artikel abgebildet sind. Das ist ein schönes Detail. Mancuso jedenfalls räumt gleich erstmal damit auf, dass es Sinn ergäbe fest davon auszugehen, dass wir andere Planeten bewohnen werden können. Dieses Gedankenspiel diene in erster Linie unserer Beruhigung. Stattdessen sollten wir uns klar machen, dass wir nur diesen einen Planeten haben und letztlich hier Mieter sind. Und dann geht es richtig los.

Dabei schafft es Mancuso, der neben seiner Begeisterung für Pflanzen wohl ebenfalls eine fürs Schreiben entwickelt hat, auf unterhaltsamste Weise, viel Wissen zu Pflanzen, Menschen und Tieren, politischen Systemen und totalitären Regimen, bürokratischen Auswüchsen, und allerlei (populär-)wissenschaftlichen Erkenntnissen durch sinnstiftende Deduktion mit nachhaltigen Appellen zu verknüpfen. Das bedeutet wir begegnen in den Artikeln neben Zahlen zum Verhältnis Pflanzen – Tiere – Menschen auf der Erde und der Fotosynthese und Chloroplasten auch Mao Zedong und seiner Idiotie Spatzen ausrotten zu wollen, Hannah Arendt und der Banalität des Bösen, dem Peter-Prinzip, das besagt Mitarbeiter innerhalb einer Hierarchie stiegen bis zur „Stufe der Unfähigkeit“ auf und ebenso Darwins Evolutionstheorie, die nicht vom „Gesetz des Stärkeren“ sondern vom Überleben der am besten angepassten Spezies spricht, wie Mancuso schon fast verärgert klarstellt. Und, man mag es kaum glauben: Das fügt sich alles ganz wunderbar ineinander.

Invasives Springkraut

So zieht er für Artikel 2 – „Die Nation der Pflanzen garantiert die unveräußerlichen Rechte der natürlichen Gemeinschaften und erkennt sie als Gesellschaften an, die auf den Beziehungen zwischen den Organismen basieren, aus denen sie sich zusammensetzen.“ – in welchem er im Grunde erläutert, dass jeder Eingriff des Menschen in die Natur weitreichende und unvorhersehbare Folgen hat als Beispiel das lange von den Spaniern gehütete Geheimnis ums Karmensinrot heran, kommt schließlich zu Katkusfeigen in Australien, die dort nützliche Kaktusmotte, die wiederum anderswo Chaos anrichtete und – hier ist es wieder – dringend benötigte Ressourcen gefährdete.

Ebenfalls in diesem Artikel schreibt er über Mao Zedongs Großen Sprung nach vorn ab 1958, der am Ende zu einer schweren Hungersnot führen sollte „die vermutlich 20 bis 40 Millionen Menschen das Leben kostete.“ Zu Beginn wollte Mao die Spatzen ausrotten, da diese Reis und Früchte von den Feldern fraßen. Einige Zeit später wurde Mao und Genossen allerdings klar, dass Spatzen zusätzlich auch Insekten fraßen. Nun wurden Wanzen eine Plage und riesige Heuschreckenschwärme mähten die Felder ab. Schön blöde. Was auch das Fazit zum Großen Sprung nach vorn ist.

Das ist nur ein Beispiel von vielen, das zeigt, wie wir versuchen uns die Natur Untertan zu machen, obwohl wir nicht nur auf sie angewiesen sind, sondern, wenn es nach Mancuso geht, in der Hierarchiepyramide sogar ganz am unteren Ende stehen. Er findet es unerklärlich, wie es sein kann, dass der ineffizienteste und am stärksten Energie verbrauchende und durch hierarchische Organisation anfälligere Teil – also wir – an der Spitze steht und die Energie produzierenden, dezentral organisierten Organismen – also die Pflanzen – ganz unten. Er vergleicht das recht fein und gerade für uns Deutsche sicherlich verständlich mit einem Auto. Die Pflanzen seien der Motor und Treibstoff des Lebens. Alles Übrige sei nichts weiter als Karosserie. Da kann man mal drüber nachdenken.

Begrünung gegen das Massenaussterben

Das Tolle ist, dass Stefano Mancuso in seinem Buch durchaus unsere Arroganz, Ignoranz und maßlose Selbstüberschätzung erörtert (glauben wir durch Geburtsrecht oder von Gottesgnaden Herrscher über die Natur zu sein?), ohne es wie einen Vorwurf klingen zu lassen. Sicherlich fühlt man sich beim Lesen ein wenig schlecht, wenn er in Artikel 4 der Charta – „Die Nation der Pflanzen respektiert die universellen Rechte aller gegenwärtigen und zukünftigen Lebewesen.“ – deutlich beschreibt, wie wir das sechste große Massenaussterben ausgelöst haben, mit einer derzeit 1000-mal höheren Aussterberate als normal und nach einigen Modellen kann gar mit einer 10 000-mal höheren Aussterberate gerechnet werden. Doch bietet er auch teils recht einfache Lösungen an, zum Beispiel alles grün werden zu lassen, auch in den Städten. Dabei meint er nicht nur Parks und Wiesen und derlei, auch nicht nur Hausdächer, sondern Fassaden und Ampeln und so weiter. „Wo eine Pflanze überleben kann, sollte auch eine wachsen“, fordert er. Andernfalls bekämen wir den Anstieg der CO2-Konzentration schon mal gar nicht in den Griff.

Ein Wald in Bayern nach stürmischen Tagen. // Foto: © the little queer review

Die Pflanzen und ihre Rechte beschreibt also eindrücklich, was wir hier eigentlich anrichten und dass wir uns durchaus alle mal schön an die eigene Nase fassen dürfen, lässt dabei aber kein dystopisches Horrorszenario entstehen. Nicht nur, weil der Ton so schlüssig-flüssig lebhaft ist (auch für Personen wie den Rezensenten, die’s in der Schule mit Biologie nicht so hatten), sondern auch, weil Mancuso sachlich Lösungsoptionen benennt, die ihrerseits nun keine Utopien sind. Auch wenn Logik manches Mal beinahe so anmuten mag.

So bestünde zum Beispiel durchaus noch Unsicherheit darüber, wann durch uns Menschen Wälder, Böden und andere für unser Überleben wichtige natürliche Ressourcen so weit ausgebeutet sind, dass es kein Zurück mehr gäbe (wohingegen recht klar ist, wann diese Punkte für Kupfer, Aluminum, Eisen und Co. erreicht sein werden). Das ist doch beinahe beruhigend, oder? Hoffentlich nun nicht so beruhigend, dass wir die Beine hochlegen, aber doch so weit, dass Resignation noch keine Option sein sollte. 

Ein wichtiges, richtiges, im besten Sinne radikales Buch, das nicht von oben herab das Ende der Welt verkündet, sondern auf Augenhöhe die Möglichkeiten der Umkehr aufzeigt. Schließlich geht es doch nur um eine gelingende Zusammenarbeit von Pflanzen und Menschen.

AS

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Stefano Mancuso: Die Pflanzen und ihre Rechte. Eine Charta zur Erhaltung unserer Natur; 1. Auflage, Februar 2021; 160 Seiten; gebunden, mit zahlreichen Abbildungen; Aus dem Italienischen von Andreas Thomsen; ISBN: 978-3-608-98322-7; Klett-Cotta; 18,00 €; auch als eBook, 13,99 €

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