Getrieben ohne Antrieb

Der versperrte Weg von Georges-Arthur Goldschmidt ist so dünn, wie es wirkmächtig ist. Die Geschichte des älteren Bruders des Autors berichtet von Flucht, nicht nur vor den Nazis, Entwurzelung in vielerlei Hinsicht und dem Getriebensein ohne Ziel.

Ist es möglich, sich dem Werk einer Autorin oder eines Autors – sowohl im Singular, als auch im Gesamten – über ein Buch zu nähern, das an anderer Stelle als „grandiose[r] Epilog zu Georges-Arthur Goldschmidts imposantem Lebenswerk“ bezeichnet wurde? Möglich sicherlich. Wie sinnvoll es ist, kommt dann wiederum darauf an, in welcher Form der Autor, hier der erwähnte Georges-Arthur Goldschmidt, schreibt. Besteht sein Werk aus aufeinander aufbauenden Romanen, voller Andeutungen, Cliffhanger und Insider? Oder steht jedes Buch für sich und verdichtet sich durch eingehende Erforschung der anderen Schriften zu einem Gesamtwerk? Im Falle Goldschmidts scheint letzteres der Fall zu sein. 

Das neue Buch, oder mit 110 Seiten eher Büchlein, des mittlerweile 93-jährigen Autors und Übersetzers, der in Deutschland geboren, aber in Paris lebt und arbeitet, behandelt die Geschichte seines älteren Bruders, der in Georges-Arthur Goldschmidts autobiografischen Romanen zuvor kaum einen und dann gar keine Rolle mehr spielte, wie er am Ende anmerkt. Der versperrte Weg – Roman des Bruders ist im Juni im Wallstein Verlag erschienen und steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2021, auf die Shortlist schaffte er es zum Bedauern (aber nicht zum Erstaunen) des Rezensenten jedoch nicht.

„Der Jude, der wieder einmal profitiert“

Der versperrte Weg ist vordergründig zweier- oder gar dreierlei. Definitiv ist es die Geschichte einer Flucht vor den Nazis, ebenso einer lebenslangen Flucht vor der eigenen Unzufriedenheit und Scham. Es ist ebenso die Rückschau auf ein schon in der Kindheit als zerrüttet zu bezeichnendes, von Neid, Wut, Manipulation und unfreiwilliger Verantwortung geprägtes Verhältnis zweier Brüder, namentlich Jürgen-Arthur (der Geburtsname des Autoren) und Erich Goldschmidt. Nicht zuletzt ist es das Charakterbild eines aus all diesen und weiteren Gründen immerfort Getriebenen, nach sich suchenden Menschen, der dennoch versuchte, nicht gesehen zu werden.

Es gibt Stellen, an denen Goldschmidt das Denken seines Bruders so beschreibt, dass dieser alles gewesen sei, was niemand wollte: Der Deutsche, der Jude, „der wieder einmal profitiert“, Teil des „Bettlervolk[es] der Emigrierten“. Aber auch alles, was dieser irgendwann selbst nicht mehr sein wollte, weil er es nicht scheinbar nicht sein durfte, also versucht er es abzustreifen. Zumindest es nicht zu zeigen. Heimisch wird der Bruder Erich schließlich, nach verschiedenen Stationen, auch bei der Fremdenlegion in der damaligen französischen Kolonie Algerien, wo er Teil des Putsches gegen Charles de Gaulle war, dann zwar auch in Frankreich, am Ende jedoch als geschätzter Unscheinbarer.

Ekel, Bücher und Männer

Es ist beeindruckend, manchmal beängstigend, mit welch knapper, dennoch zumeist formvollendeter Sprache (von seltsam implantierten Worten wie „flirten“ einmal abgesehen) Goldschmidt es fertig bringt, kleinsten Momenten große Wirkung zu geben. Ebenso wie er die Beschreibung von Orten und Situationen zu einem klaren Bild verknüpft, durch das sich dann wieder die Charakterzeichnung des Bruders ergänzt.

Goldschmidt selber schenkt sich in Der versperrte Weg auch als über sich schreibender Autor menschlich nichts; gibt seinem Bruder dafür eine Seele, die dieser immerfort zu suchen schien. Genauso wie den Halt, der eben nicht aus der Position eines Bittstellers kommen sollte. Den kleinen Jürgen-Arthur beschreibt er als „schlau genug, alles zu seinen Gunsten zu wenden, er war verlogen und heimtückisch.“ Autobiografische Literatur oder Autofiktion hin oder her: Ist das auch die späte Entschuldigung an den Bruder, der „sich in sich selber ein[schloss]“? Möglich. 

Auch ist Erich peinlich berührt, manches Mal angewidert, von dem Bedürfnis des jüngeren Bruders nach Strafe und Nähe auf einem Internat in dem beide für eine gewisse Zeit unterkamen, wohl auch von dessen Homophilie. Während sich der junge Bruder später vor allem den Büchern und manchen Jungen und Männern zuwendet, wendet Erich sich in die innere Emigration und der Flucht vor seinem Bruder zu. 

Flucht in die Sprache

Durch all die Dinge, die Erich auf seiner lebenslangen Flucht, dem steten „von den Ereignissen fortgetragen“ werden, sieht, erlebt, all die Orte, die er im Widerstand und später in der Fremdenlegion betritt und die Erfahrungen, die er durch gesellschaftliche Veränderungen – und manch eigen verschuldetes Pech – macht, lassen Der versperrte Weg ebenso eine fein ausformulierte Geschichtsstunde sein. Eine Geschichtsstunde, die auch die Fluidität von Grenzen in mehrerlei Hinsicht verdeutlicht. In diesem Sinne ein exemplarisches Beispiel für die Literatur, die Andreas Kossert für sein Sachbuch Flucht – Eine Menschheitsgeschichte als Quellen dienten.

Vollkommen abstrakt ist es, wenn Georges-Arthur Goldschmidt in seinen Erläuterungen zum Bruder immer wieder die Unterschiede zwischen der deutschen und französischen Sprache nutzt, um dessen Veränderung und Anpassungsversuche zu beschreiben. Das „Deutsche, wo alles ernst gemeint und empfunden wurde, wo man sofort auf die Wahrheit stieß, wie sie dastand“ konnte für den immer im Schatten stehenden Bruder nichts sein, oder? 

Das ist dabei aber nicht der einzige Grund, denn in der deutschen Sprache, die das Denken prägt und vice versa, gibt es auch „eine grundlegende Radikalität […], die leicht zum Äußersten führen kann.“ Da ist sie weder, die lebenslange Angst, davor, dass es wieder passieren könne. Jederzeit. Die Koffer scheinen für in Deutschland lebende Juden immer gepackt; die mögliche Flucht immer im Kopf. Jene, die geflüchtet sind, wollen auch einmal nicht mehr auf der Flucht sein müssen.

So ist Goldschmidts Der versperrte Weg – Roman des Bruders auch eine Mahnung. Nicht nur, wenn er von jenen schreibt, die nichts wissen wollten, von jenen, die sich gegen die Nachbarn wandten – ob in Deutschland oder anderswo. Es trifft ins Mark, wenn er „die Haltlosigkeit, die eben auch den Grund der jüdischen Existenz bildet, nicht gelegentlich, sondern überhaupt“ beschreibt. Da dürfen wir sicher sein, dass er sich nicht nur auf die Gefühle des Bruders oder die letzten einhundert Jahre bezieht.

Eine Geschichtsstunde. Eine Charakterstudie. Eine Mahnung. Ein literarisch feines Werk. Eine Geschichte voller kleiner Kommentare. Ein Buch von enormer emotionaler Wucht.

JW

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Georges-Arthur Goldschmidt: Der versperrte Weg – Roman des Bruders; 3. Auflage, Juli 2021; 111 Seiten; Hardcover mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-8353-5061-8; 20,00 €; auch als eBook erhältlich

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