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G’fotzade Show

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Ritzen und Fotzen. Blut und Bier. Klingt sexy, aufregend, bisschen verrucht und nach herber Spannung? Dachten sich die Macher.innen der großen ARD-Event-Serie Oktoberfest 1900 zumindest bei „Blut und Bier“ auch und nannten sie in einer früheren Entwicklungsphase auch so. Irgendwann entschied man sich um und gab ihr einen etwas schwammigeren, mehr nach Dokutainment klingenden Titel. Das macht aber nichts. Denn wenn man einmal über den Lala-Titel hinwegkommt und die Angst davor, dass es sich um eine vor Kitsch und Klischee triefende, style-over-substance-feierende Serie handeln könnte, überwindet, dann, holla, dann geht’s richtig los und man wird ordentlich belohnt. Oktoberfest 1900 ist eine Serie, die man gern binged, ein zweites Mal sehen kann, die überrascht und stellenweise gar begeistert.

München, 1900, in tollem Licht braut sich etwas zusammen

Die Prämisse ist im Grunde relativ simpel: München, wir schreiben das Jahr 1900 (wer hätt’s gedacht?), drei Monate vor Beginn des Oktoberfests. Plötzlich taucht Curt Prank auf, ein Großbrauer aus Nürnberg (Franken, Pfui, Lebkuchenpreißn, bäh!) der das Oktoberfest mit einer Bierburg erneuern und erobern möchte. Dafür allerdings müssen diverse andere große Wirte mit ihren Schankbuden weichen. Unter anderem die Traditionsbrauerei in vierter Generation, das Deibel Bräu der Hoflingers. Die weigern sich jedoch beharrlich, trotz, oder vor allem wegen, ihrer finanziellen Notlage. Prank hat zudem das Problem, dass er als Auswärtiger in München keine Schanklizenz erhält. Aber nichts, das sich nicht mit ein paar drastischeren Maßnahmen aus der Welt schaffen ließe, oder? Außerdem bandelt Pranks Tochter Clara ausgerechnet mit dem Hoflinger-Spross Roman an; im Hintergrund intrigiert die Münchner-Großbrauer-Lobby, vertreten durch den diabolisch-undurchsichtigen Anatol Stifter; die Anstandsdame Colina ist auch nicht so anständig und der Hausdiener vom Prank ist auch keine Leuchte und und und…

Curt Prank (Mišel Matičević) am Ziel seiner Träume und/oder Visionen? // © BR/ARD Degeto/MDR/WDR/Zeitsprung Pictures GmbH/Dusan Martincek

Das klingt nach zwei möglichen Szenarien. Szenario eins: Das ganze könnte ein ziemlich mieser Schmarrn sein. Szenario zwei: Das ist Material, aus dem sich richtig was machen lässt. Und, wie oben bereits kurz erwähnt, so ist es dann auch. Oktoberfest 1900 gehört sicherlich zu den interessantesten, vielschichtigsten und unterhaltsamsten Event- oder Mini-Serien (darauf kommen wir noch), die man zuletzt so zu sehen bekam und das gilt nicht nur für deutschsprachige Produktionen.

Angefangen bei Stil, Ausstattung, Ausleuchtung, Musik & Ton und so weiter und so fort. Da ist mit großer Liebe zum Detail und einem absoluten sicheren Auge für Genauigkeit tatsächlich die Welt eines Münchens um die Jahrhundertwende entstanden. Seien es die am und im Matsch stehenden, lädierten Häuser in den Arbeitervierteln Haidhausen und Giesing und die im Kontrast dazu stehende Gegend der Mittelschicht in Schwabing, wo die Bohème zu Hause ist. Auch Brauereibetriebe, Bogenhausener Villen oder die Nachbildung der Theresienwiese zu dieser Zeit, das alles scheint sehr authentisch. Das setzt sich in Kostümen (Michaela Horejsí) und Ausstattung (Szenenbild: Benedikt Herforth und Astrid Poeschke) fort und gibt uns ein Gefühl für die Zeit.

Erste Begegnung: Clara Prank (Mercedes Müller) und Roman Hoflinger (Klaus Steinbacher). // © BR/ARD Degeto/MDR/WDR/Zeitsprung Pictures GmbH/Felix Cramer

Ebenso die Ausleuchtung – die Serie ist in Stil wie inhaltlichem Ton zumeist eher düster. So kommt es einem vor, als würde das Licht (verantwortlich: Markus Thiermeyer) in der Serie beinahe einem weiteren Charakter entsprechen, was natürlich seinen Reiz hat und durch die Kameraführung (Felix Cramer) und eine innovative, aber nicht zu verspielte Regie von Hannu Salonen nur noch verstärkt wird. In dieser Hinsicht ist das also alles schon mal höchstes Niveau. 

Der Stil wäre damit also abgedeckt, nun an die Substanz. 

Der Charakter des Nürnberger Brauereibetreibers Curt Prank ist inspiriert von Georg Lang, der genau wie der fiktive Mogul die Bier-Hymne „Ein Prosit auf die Gemütlichkeit“ nach München brachte. Auch die Figur der Anstandsdame mit Geheimnissen, Colina Kandl, basiert auf einer echten Person, nämlich Coletta Möritz, der man das Lied „Schützen-Liesl“ widmete, so Alexis von Wittgenstein, ein Produzent der Serie. Außerdem orientiere sich die Serie an dem sogenannten Wirte-Krieg, der 1898 stattgefunden haben soll. Man nehme also ein paar reale Situationen und Personen, fiktionalisiere das ganze ordentlich durch und schaffe eine Geschichte um Liebe und Hass, Loyalität und Verrat, Macht und Gier und eben Blut und Bier. Und Ritzen und Fotzen.

Maria Haflinger (Martina Gedeck) betrauert den ersten von vielen Schicksalsschlägen. // © BR/ARD Degeto/MDR/WDR/Zeitsprung Pictures GmbH/Stephan Pick

Es ist eine düstere Serie, ohne uns Zuschauer.innen selbst in eine düstere Gemütslage zu versetzen. Das liegt zum einen daran, dass die Geschichte sehr handlungsorientiert erzählt ist und wir es zwar mit einem Haufen größtenteils sehr ambivalenter, selten ausschließlich im Licht stehender Charaktere zu tun haben, uns deren Motivation, auch ihrer Untaten, aber durchaus vermittelt wird. Es werden Allianzen geschmiedet und teils aus Notwendigkeit, teils aus Kalkül gebrochen und verraten. Die verschiedenen und variierenden Motivationen kann man nun teilen und für gut befinden oder eben auch nicht, es gibt jedoch keine Gestalten, die lediglich im Schatten stehen und von dort aus eine schlechtere Welt schaffen wollen. 

Zum anderen gibt es durchaus sehr humorvolle und recht großartige Touché-Momente (erneut und letztmalig: Ritze und Fotze) und eine zuweilen sehr süffisante Erzählweise. Und, was nicht leicht ist, das Autorenteam um die Head-Autoren Ronny Schalk und Christian Limmer schafft es, diverse gesellschaftliche Umbrüche, die sich zu dieser Zeit so ereignen oder anzudeuten beginnen, glaubwürdig ins Geschehen einzubinden. Sei es eine Streiksituation, die sich wandelnde Stellung der Frau – das Thema Abtreibung wird aufgegriffen – Homosexualität, elektrischer Strom, Exportgeschäfte, all sowas. Manches davon nur am Rande, anderes wiederum als Handlungstreiber. 

Talent verkörpert vielschichtige Charaktere

Nun haben wir also eine gut aussehende und toll klingende (Titelsong: Wos übrig bleibt von Dreiviertelblut; Komponist: Michael Klaukien) Serie, mit größtenteils klasse Dialogen und ambivalenten Charakteren. Gut gespielt dann auch noch? Ja, ebenso größtenteils. Hervorzuheben sind hier sicherlich Mišel Matičević als Curt Prank, der dessen Ambivalenz, seine Entschlossenheit und manchmal auch Angst vor sich selbst lebendig werden lässt, und Martina Gedeck als Maria Hoflinger, die hier mal eine ganz andere Person verkörpert. Eine ganz, ganz andere, deren geistiges Gedeck im Lauf der Serie ordentlich durcheinander gerät. Francis Fulton-Smith spielt Ignatz Hoflinger in einer zwar knappen, aber bedeutungsvollen Rolle und verleiht ihm eine bewegte Tiefe, wie er es selten darf.

Künstler Gustav Fierment (Vladimir Burlakov, links) und Ludwig Hoflinger (Markus Krojer) begegnen sich erstmalig im Wirtshaus „Zum Oiden Deibel“. Die Begegnung soll ihr Schicksal bestimmen. //© BR/ARD Degeto/MDR/WDR/Zeitsprung Pictures GmbH/Felix Cramer

Mercedes Müller als Clara Prank empfanden wir zuerst als etwas blass und dröge, was primär dem Charakter galt. Sie hat ein paar der aufwühlendsten Themen der gesamten Serie und doch wirkt es lange so, als würde man den Charakter und damit die Darstellerin nur als Spielfeld für die Handlung nutzen. Das dreht sich aber später und dann ist auch das fein. Klaus Steinbacher als der Erstgeborene Hoflinger-Sohn gibt eine zuerst solide und dann richtig solide Leistung, am besten vermittelt er Momente des Schmerzes. #isso

Brigitte Hobmeier als Colina Kandl ist einfach nur toll. Punkt. Der düsterste und noch am ehesten als karikaturesk zu verstehende Charakter ist sicherlich Anatol Stifter. Seine diabolische und sadistische Art wird oft nur angedeutet. Das reicht aber, denn Maximilian Brückner bringt das klasse rüber, wenn auch manchmal schon an der Grenze zum Changieren.

Colina Kandl (Brigitte Hobmeier) gründet mal schnell eine Frauenbewegung. // © BR/ARD Degeto/MDR/WDR/Zeitsprung Pictures GmbH/Dusan Martincek

Zu den interessantesten, weil vielschichtigsten, aber nach unserer Meinung auch tragischsten Figuren gehört der junge Hoflinger-Spross Ludwig, absolut überzeugend gespielt von Markus Krojer. Er vermittelt dessen Kampf mit sich selbst und der Unsicherheit zwischen mindestens zwei unvereinbaren Welten hin- und hergerissen zu sein auf höchstem Niveau. Nicht unerwähnt bleiben soll Vladimir Burlakov, der eine beinahe mystische Figur spielt und mal wieder überzeugt, vor allem in Szenen, in denen er sein Theaterschauspiel-Talent durchscheinen lassen darf.

Wiesn-Beauftragter verärgert & wir begeistert

In Teilen Bayerns regt sich übrigens heftiger Widerstand gegen die Serie, ein Wiesn-Festwirt nannte sie rufschädigend, selbst wenn sie nur fiktiv sei. Und der Münchner Wirtschaftsreferent und qua Amt Wiesnchef, Clemens Baumgärtner (CSU), echauffierte sich in der Bild-Zeitung, dass es nicht okay sei, das „Oktoberfest nur auf ein machtbesessenes Milieu zurückzudrehen“ und er wolle da mal den Hintergrund prüfen lassen, auf dem die Serie basiere. Außerdem sei es schon doof, dass vieles auch in Prag gedreht worden sei. Ach, Bua, geh weida! Ernsthaft: Ich hatte noch nie so Lust, doch mal auf die Wiesn zu gehen (werd ich trotzdem nie). Und dass Teile der Serie in Prag gedreht worden sind, herrje… Man könnte die Serie auch als große Werbung für München und in in diesem Jahr sogar als eine Art Wiesn-Ersatz sehen. Nach dem Paten wollten alle Italiener sein, durch die amerikanische House of Cards Version alle Politiker oder Lobbyisten werden und durch Babylon Berlin hat die Stadt auch noch keinen massiven Wohnungsleerstand zu verzeichnen.

Undurchsichtig und verschlagen: Großbrauereien-Lobbyist Anatol Stifter (Maximilian Brückner) // © BR/ARD Degeto/MDR/WDR/Zeitsprung Pictures GmbH/Dusan Martincek

Oktoberfest 1900 schafft es nahezu bravourös, uns als Zuschauende nicht nur dank eines absolut angemessenen Looks und einer handlungsorientierten Geschichte zu fesseln, sondern es bringt uns in sechs Folgen eine Vielzahl an Figuren nahe, die in einer fiktionalisierten Realität Umbrüche und Charakterprüfungen miterleben und zu durchstehen haben. Dabei werden zumeist plumpe Klischees und dämliche Kitschorgien vermieden; dafür gibt es die Andeutung einer echten Orgie und das ist immer gut. Apropos: Ja, einiges an Sex und Gewalt, aber nicht um des Schocks willen, sondern dort wo es Sinn ergibt. Absolut sehenswert.

Oktoberfest 1900; Deutschland, Tschechien, 2020; Idee: Alexis von Wittgenstein; Regie: Hannu Salonen; Musik: Michael Klaukien; Kamera: Felix Cramer; Darsteller: Mišel Matičević, Martina Gedeck, Francis Fulton-Smith, Klaus Steinbacher, Mercedes Müller, Brigitte Hobmeier, Maximilian Brückner, Markus Krojer, Vladimir Burlakov, Martin Feifel, Michael Kranz, Eisi Gulp, Sibylle Canonica, Michael A. Grimm, Angela Ascher, Urs Althaus; sechs Folgen, jeweils circa 48 Minuten; bis zum 31.12.2020 in der ARD-Mediathek verfügbar

Ausstrahlung im TV: ARD am 15.9. Folgen 1+2, 16.9. Folgen 3+4, 23.9. Folgen 5+6, jeweils ab 20:15 Uhr

AS (Saupreiß), Mitarbeit: HMS (Ur-Bayer)

PS: Mini-Serie: Die Serie endet so, dass sie zu Ende sein könnte. Sie lässt aber auch reichlich Raum für eine Fortsetzung. Wenn sich das Niveau halten lässt, dann sind wir voll dabei. Außerdem: Netflix US nimmt die Serie wohl ab 1.10.2020 ins Portfolio auf. Mit dem Titel: Oktoberfest: Beer & Blood.

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