Hass gegen LGBTQ – mitten in Westeuropa

Beitragsbild, v. l. n. r.: Lenny Fluri wurde nachts in der Bieler Altstadt verprügelt, die Angreifer wussten nicht ob Lenny männlich oder weiblich ist; Fotografin Liva Tresch in ihrer Heimat, dem Urnerland – „Schwulsein war des Teufels.“ // Fotos: © ZDF/SRF

Die Dokumentation „Hass gegen LGBTQ – Von Diskriminierung und Widerstand“ beschäftigt sich mit eben diesem in der Schweiz und zeigt dabei vielfältige Geschichten ganz verschiedener Personen und deren individuellen Umgang mit Diskriminierung und Gewalt. Ein eindrücklicher Film.

Vor nicht allzu langer Zeit strahlte arte die düstere, bittere, wichtige und eindringliche Dokumentation Achtung Lebensgefahr! LGBT in Tschetschenien aus (die noch bis Mitte Juli in der Mediathek verfügbar ist) und wir haben euch ebenfalls den Bildband There Are No Homosexuals in Iran vorgestellt, für den Laurence Rasti aus dem Iran stammende Menschen porträtiert, die sich aufgrund ihrer Sexualität Verfolgung ausgesetzt sahen und das Land verließen. Nun gut und schön, ist ja alles tragisch, aber gefühlt doch sehr weit weg und den Viktor Orbán wird die Europäische Union schon in Schach halten. Mal abgesehen von der Ignoranz einer solch möglichen Haltung sehen auch wir queere Menschen uns in Deutschland und überhaupt im deutschsprachigen Raum konstant Diskriminierung ausgesetzt – ob im Alltag auf der Straße, im Büro, im Sport oder auch institutionalisiert und gar gesetzgeberisch gewollt, man denke nur an das „Transsexuellengesetz“.

Hass und Diskriminierung…

Die 90-minütige Dokumentation Hass gegen LGBTQ – Von Diskriminierung und Widerstand von Béla Batthyany und Barbara Frauchiger wirft nunmehr einen Blick in die Schweiz, eines der Länder das, was die rechtliche Positionierung queerer Personen angeht, noch einiges an Nachholbedarf hat. Was womöglich auch jene kaum verwundern mag, die wissen, dass das Frauenstimmrecht dort formell erst am 16. März 1971 wirksam wurde und der letzte Kanton dieses sogar erst 1990 umsetzte. Nun soll natürlich nichts über einen Kamm geschoren werden, aber anhand solcher Dinge lässt sich gut eine Art grundsätzlicher Verfasstheit in Bezug auf gesellschaftspolitische Öffnung ausmachen. Angemerkt sei aber auch: Die Volksabstimmung zum Frauenstimmrecht kam zu diesem Ergebnis durch eine Volksabstimmung, bei der natürlich zu jener Zeit nur Männer abstimmen durften. Wie gesagt – wir wollen nicht über einen Kamm scheren.

Aber einen Zinken haben wir noch: Nachdem in der Schweiz nun auch die Ehe für alle im Dezember 2020 vom Parlament beschlossen wurde, hat eine Petition mittlerweile genug Stimmen gesammelt, um diese durch einen Volksentscheid möglicherweise kippen zu lassen. Die Abstimmung über die Ehe für alle findet am 26. September 2021 statt, wie die Bundeskanzlei am 19. Mai bekannt gab. Eine vom Dachverband Pink Cross in Auftrag gegebene Umfrage von gfs-zürich zeigt, dass die Schweizer Bevölkerung der vollständigen Öffnung der Ehe für alle für gleichgeschlechtliche Paare mit 82 % deutlich zustimmt

…ob subtil oder laut…

Dennoch vermeiden es in der Schweiz (und nicht nur dort) „viele Lesben, Schwule und Transmenschen, öffentlich Händchen zu halten und die Partnerin oder den Partner zu küssen. Schwule haben gegen offene Aggressionen zu kämpfen, sie werden als ‚abnormal‘ und ‚unnatürlich‘ beschimpft; Lesben werden oft nicht ernst genommen und erleben grobe Anmache: ‚Darf ich mitmachen?‘ gehört zu den Standardsprüchen, die sie von Männern zu hören bekommen – erniedrigende Sexualisierung als wiederkehrende Alltagserfahrung. Die schwelende Homofeindlichkeit zeigt sich auch in der Alltagssprache. ‚Schwuchtel‘ und ‚schwul‘ werden noch immer im Kontext einer Beschimpfung oder Beleidigung ausgesprochen.“ Diese Zustandsbeschreibung aus dem Pressetext zur Dokumentation trifft den Nagel auf den Kopf und kann im Sinne der Sichtbarmachung der Probleme, denen queere Menschen sich jeden Tag ausgesetzt sehen, eigentlich nicht oft und deutlich genug wiederholt werden.

Gewalt, Demütigung und Diskriminierung gehören zum Alltag queerer Menschen // Foto: © ZDF/SRF

Vieles hat sich zwar verändert, doch eine Untersuchung der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) im Jahr 2019 ergab, dass rund zehn Prozent aller Erwachsenen in der Schweiz Homosexualität für unmoralisch halten, ganze 30 Prozent lehnten die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren zum Zeitpunkt der Befragung ab. Dies sei dabei nicht nur bei der älteren Generation so, auch von den jüngeren Erwachsenen fänden es 23 Prozent ekelhaft, wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssten. Dabei äußerten sich männliche Jugendliche doppelt so häufig wie junge Frauen homofeindlich. Diese Studie ist also, wenn wir so wollen, die Ausgangslage des Films, der uns mit gemischten Gefühlen zurückgelassen hat.

…sind immer schmerzhaft

Hass gegen LGBTQ – Von Diskriminierung und Widerstand folgt dabei verschiedenen Menschen, die sich auf verschiedene Art und Weise Diskriminierung, Bedrohung und Gewalt ausgesetzt sehen und sahen. Da ist Lenny, 21 Jahre, nicht-binär. Vor zwei Jahren lief Lenny in der Bieler Altstadt einer alkoholisierten Gruppe über den Weg, einer der Täter schlug Lenny eine Bierflasche auf den Kopf. Seit dieser Tat ist Lenny auf einem Ohr taub, der Traum einer Karriere als Musiker dahin, dafür gibt es nun eine posttraumatische Belastungsstörung, wegen der Lenny in psychotherapeutischer Beratung ist.

Durch die Luzerner Innenstadt verfolgt und Angriffen ausgesetzt war auch der Frisör Vincenzo D’Adamo, der an einigen Stellen des Films sichtlich aufgewühlt und einfach wütend ist. Auch das gehört im ständigen Umgang mit roher Gewalt und Herabsetzung wohl dazu, eine manchmal ins Heitere gehende, aber doch eher beinahe schon resignierte Wut. Vincenzo und Lenny nehmen beide an einem Selbstverteidigungskurs teil.

Familie Zarotti-Zogg – Familiengründung als bürokratischer Hürdenlauf // Foto: © ZDF/SRF

Wir begegnen dem lesbischen Paar Janina und Nicole Zarotti-Zogg, mit Kinderwunsch und später ihren Kindern. Eine Befruchtung für ein gleichgeschlechtlich lebendes Paar ist in der Schweiz zu dem Zeitpunkt nicht möglich, wie kann das sein? Fragen sie sich und uns und die Schweizer Gesellschaft und Politik. Wie kann es sein, dass Nicole keine Rechte in Bezug auf das Kind hat? Wie kann es sein, dass Janina früher einmal davon ausging, Nicole verlassen zu müssen, wollte sie jemals eigene Kinder haben? Ja, wie? Die beiden lebensfrohen jungen Frauen sind den Tränen der Verzweiflung hier oft näher als denen der Freude über die anstehende Geburt ihrer Zwillinge. Hierzu sei gesagt: Mit der Einführung der Ehe für alle ist auch der gleichberechtigte Zugang von Frauenpaaren zu Samenspenden ermöglicht worden, somit steht auch dieses Recht im September auf dem Spiel.

„Ich war in einem Gefängnis – Insasse und Wärter zugleich“

Pascal Pajic, Sohn von Gastarbeitern, hat seine Homosexualität versteckt bis er es kaum mehr aushielt. Homosexualität und Liebe wären nicht möglich, der Sex falsch, das Leben ruiniert. Der junge Student sei in einer total homophoben Welt aufgewachsen und fürchtete sich davor allein zu sein, würde er sich jemandem anvertrauen. Etwas, das wir uns gut vorstellen können, wenn wir seine Familie und Freunde sehen, die das zwar alle akzeptiert zu haben scheinen oder es wenigstens tolerieren, doch ein wirklich offenes Umfeld scheint es kaum zu sein. Gerade wenn seine Buddies davon erzählen, dass ihre Mütter sich wunderten, dass der Pascal noch immer krank sei. Oft ist es keine pure Boshaftigkeit, sondern immer wieder weitergegebenes Unwissen, gefüttert durch Unsicherheit und ja, nicht selten institutionalisierte Religion.

Gläubig und lesbisch – vom schmerzhaften Outing in der ICF Freikirche // Foto: © ZDF/SRF

Religion spielt auch im Leben von Jasmin R. eine große Rolle, die lange Zeit in der Freikirche ICF auf der Bühne stand und dort ihren Glauben auch auf andere ausstrahlend auslebte. Die Kirche allerdings hat eine sehr eindeutige Haltung in Bezug auf gleichgeschlechtlich begehrende und lebende Menschen, beziehungsweise auf alles nicht eindeutig Heteronormative. Ins Rampenlicht geht es da nicht, die Werte seien schließlich andere – die „normale“ Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau. Nun sei der Kirche deren Interpretation des Glaubens und ihr Weltbild zugestanden, doch Diskriminierung ist es eindeutig und gefühlt ist man dort nicht weit weg von der Idee von Konversionstherapien.

Ebenfalls stellt uns der Film die 87-jährige Fotografin Liva Tresch vor, die, gemeinsam mit der Historikerin Corinne Rufli, die mit dem Buch Seit dieser Nacht war ich wie verzaubert die Ergebnisse der Forschung im Rahmen ihrer Masterarbeit zur Geschichte frauenliebender Frauen in der Schweiz durch die Methode der Oral History aufbereitete und festhielt (für die alte Bundesrepublik liegt mit anders fühlen eine ähnliche Arbeit des Historikers Benno Gammerl vor), eine Reise in die Vergangenheit wagt. Da sehen wir nicht nur eine kleine Auswahl einiger ihrer Fotografien, die einmalig das geheime schwul-lesbische Leben in der Schweiz ab Ende der fünfziger Jahre zeigt, sondern auch wirklich mit ihr an die Orte ihrer schwierigen Kindheit und Jugend fährt. Die Geschichte ist, ja, bewegend, aufwühlend, faszinierend und erschreckend. Und führt hoffentlich auch nicht-queeren Menschen einmal vor Augen, wie bedeutend gesellschaftliche Einflüsse sind, wie viel die Umwelt dazu beiträgt, ob ein Mensch in der Lage ist nicht nur körperlich, sondern auch geistig und seelisch zu überleben.

Die Fotografin Liva Tresch über ihre Selbstfindung: „Ich war mein grösster Feind.“ // Foto: © ZDF/SRF

Hass gegen LGBTQ – Von Diskriminierung und Widerstand ist eine Mischung aus Licht und Schatten, weit weniger bedrückend als der Film über die Gefahr für Menschen der LGBTQ*-Community in Tschetschenien, aber eine fröhliche Feier von Queerness bekommen wir natürlich auch nicht zu sehen. Wenn der Film von Béla Batthyany und Barbara Frauchiger eines deutlich macht, dann, dass wir nicht nur für jeden Schritt vorwärts kämpfen, sondern auch gegen Rückschritte kämpfen müssen. Im Kleinen, wie im Großen. Sich dabei nicht selbst zu verlieren ist oftmals gar nicht so einfach, auch das macht die Dokumentation deutlich.

Der Film Hass gegen LGBTQ – Von Diskriminierung und Widerstand von Béla Batthyany und Barbara Frauchiger ist noch bis zum 9. Juli 2021 in der 3sat-Mediathek verfügbar.

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