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„HIV-Positive Pantomimen? Ein Albtraum!“

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Zuletzt aktualisiert am 30. Juni 2020

Es gibt wirklich, wirklich viele – queere – Filme, (Mini-)Serien und Theaterstücke die sich der Thematik HIV und Aids annehmen, beim Großteil davon handelt es sich um Produktionen aus den USA. Manch eine Produktion stammt aber auch aus Europa, dabei zuletzt erstaunlich oft aus Frankreich, wie 2018 die Miniserie Fiertés – Mut zur Liebe oder, aus dem selben Jahr, der Film Sorry Angel. Den beiden voran ging 120 BPM der erste und bisher einzige Film, der sich mit der Geschichte der Aktivist.innen-Gruppe ACT UP (Aids Coalition to Unleash Power) in Europa (speziell natürlich Paris, Frankreich) und ihrem Engagement für mehr Anti-Aids-Forschung auseinandersetzt. 

Paris, Anfang er 90er-Jahre: In Frankreich wütet seit bald zehn Jahren die Krankheit Aids. Begegnet wird der Epidemie jedoch in erster Linie mit Schweigen. Pharmaindustrie und -lobby verschleppen die Entwicklung von Medikamenten und die Regierung von Präsident Mitterrand vernachlässigt die sexuelle Aufklärung an den Schulen und in der Gesellschaft. Die ursprünglich aus den USA stammenden Aktivist.innen-Gruppe ACT UP, 1989 im Vorfeld der Schwulen- und Lesben-Parade auch in Paris gegründet, will das nicht länger hinnehmen. Mit Protesten wie den sogenannten Die-Ins, dem Werfen von mit Kunstblut gefüllten Wasserbomben oder dem „Stürmen“ von Schulen, um Broschüren und Kondome zu verteilen, macht die Gruppe auf diese Missstände, die Krankheit und die Bigotterie der Gesellschaft aufmerksam. In offenen, wöchentlich stattfindenden Treffen diskutiert die Gruppe über Entwicklungen und auch, wie weit sie mit ihren Aktionen gehen wollen. Nathan, 26 Jahre und selber HIV-negativ, schließt sich der Gruppe an und ist von ihrem Engagement beeindruckt. Ebenso beeindruckt ihn Sean, einer der Politischsten und Lautesten innerhalb der Gruppe. Die beiden verlieben sich ineinander, obwohl bei Sean die Krankheit längst ausgebrochen ist. 

Engagierte Diskussion bei ACT UP. // © Salzgeber

„Hier, so sieht eine Person mit Aids aus.“

Mit 120 BPM hat Regisseur und Drehbuchautor (unter Zusammenarbeit mit Philippe Mangeot) Robin Campillo nicht nur der ACT UP-Gruppe ein Denkmal gesetzt, sondern erzählt auch ein Stück Zeitgeschichte, das gerade in der heutigen Zeit allzu gern vergessen, ausgeblendet oder ignoriert wird. Ohne die Aktivist.innen von damals gäbe es wohl heute nicht solch effiziente HIV-Therapien und PrEP wohl schon mal gar nicht. Das aber nur am Rande. 

Campillo, selbst seit 1992 Mitglied von ACT UP gewesen, erzählt eine fiktive Geschichte vor realem Hintergrund. Er betont, dass 120 BPM kein autobiografischer Film sei. Es gehe ihm darum, beschreibt der Regisseur in einem Interview, die Stimmung in den Debatten innerhalb der Gruppe einzufangen, die Spannungen zu zeigen und die Problemfelder, auf denen sie sich nicht nur in ihren Protesten, sondern auch in Gesprächen mit jenen Pharma-Lobbyisten und Ärzten bewegten, darzustellen und somit darum „die nachfolgenden Generationen mit dieser Geschichte vertraut zu machen.“

Das gelingt ihm wohl einwandfrei. Nicht nur, dass der Film vor Authentizität in den wöchentlichen Diskussionen innerhalb der Gruppe strotzt; auch die einzelnen Aktionen von ACT UP, die Streitereien bei Mediationsgesprächen mit dem Vertreter von Melton Pharma, die Trauer, wenn einer der Ihrigen stirbt, die Verzweiflung ob der Gesamtsituation, aber auch die intimen Momente zwischen zwei Liebenden – das alles wirkt tatsächlich, wie aus dem Leben gegriffen. 

Kein Genre, einfach Film

Einen nicht unwesentlichen Anteil daran haben die Darsteller, neben Nahuel Pérez Biscayart als extrem engagierter und forscher, aber auch an der Industrie und dem Stillstand verzweifelnder Sean und Arnaud Valois (auf den der Regisseur nach längerer Schauspielpause auf Facebook aufmerksam wurde) als dem Neuling Nathan und den recht bekannten Adèle Haenel als Sophie und Antoine Reinartz als Thibault, dem Präsidenten der Gruppe, sind das vor allem die größtenteils eher unbekannten Nebendarsteller. Regisseur Campillo sagt dazu auch, dass es ihm und seinen Casting-Agentinnen wichtig gewesen sei, eine Mischung von erfahrenen Schauspieler.innen, „Leuten vom Zirkus und aus der Tanzwelt, aber auch Laien, die wir über Facebook oder in Clubs entdeckten“ zusammenzubringen. Diese Mischung macht sich bemerkbar und bezahlt, trägt sie doch erst recht dazu bei, dass die Figuren greifbar werden und ihren eigenen Charakter entwickeln. In einer Nebenrolle tut sich auch der damals noch eher unbekannte Félix Maritaud (Jonas) hervor.

Ganz wichtig für die unverfälschte Stimmung des Films ist dann auch die Musik. House Music war damals ein großes Ding (ich war Anfang und Mitte der 90er zwar noch jung, falle eher in die Generation der Darsteller, kann mich aber gut dran erinnern, wie unser Haus durch meine älteren Geschwister recht konstant von House Music beschallt wurde) und gehört somit natürlich auch in den Film. Komponist Arnaud Rebotini leistet hier gute Arbeit, den Sound der damaligen Zeit wiederaufleben zu lassen und verknüpft ihn perfekt mit dem Geschehen im Film. Intensiv natürlich insbesondere in einzelnen Clubszenen, aber auch, wenn die Musik die mithilfe von CGI dargestellte Verbreitung und Entwicklung einer HI-Virus-Zelle begleitet.

120 BPM ist ein Film, der sich konkret keinem Genre zuordnen lässt; auch wenn man ihm erst einmal das Wort „Drama“ umhängen möchte, so ist er doch viel mehr als das. Er springt zwischen Stimmungen und Genres hin und her, auf einen Lacher folgt ein Seufzer, dann Aufregung, dann nachdenkliche Seriosität, dann wieder ein Lachen, schließlich Tränen. Das mag manch einem nicht sonderlich geradlinig erscheinen, ist aber nicht nur die beste Weise, auf die der Film zu inszenieren war, sondern möglicherweise die einzige, um diese Geschichte zu erzählen. Denn auch die sich in Etappen entwickelnde, aber niemals den Rahmen sprengende, Liebesgeschichte zwischen Sean und Nathan läuft im gleichen Modus ab und ist somit perfekt mit dem Rest verwoben.

Voller bemerkenswerter Momente

Es fällt daher auch schwer, sich einzelne Szenen herauszupicken und diese als Highlights zu benennen. Das kommt sicherlich auch auf die Stimmungslage während des Schauens an. Natürlich bleibt in Erinnerung, wie die Gruppe die Büros von Melton Pharma stürmt und besagte, mit Kunstblut gefüllte, Wasserbomben an Wände klatscht, das Kunstblut verschmiert, etc. oder wie sie während des Unterrichts eine Schule kapern, um Informationsbroschüren und Kondome zu verteilen (allerdings höflich und ohne die Aggression wie bei Melton Pharma) und wir die Geschehnisse in zwei Klassenräumen verfolgen können. In einem wird der Lehrer wütend und will die Aktivisten.innen rausschmeißen, in einem anderen sagt die Lehrerin sofort ja und ermahnt ihre Schüler, dass das wichtig sei. Auf dem Schulhof dann lehnt ein Mädchen ein Kondom ab: „Hier nimm ein Kondom“ – „Mach ich nicht.“ – „Was?“ – „Ich bin keine Lesbe“ – „Sag mal spinnst Du?“ – „Jedenfalls bekomm ich euer Scheiß-AIDS nicht“ – das bleibt natürlich auch im Kopf.

Nathan (Arnaud Valois) hat sich in Sean (Nahuel Pérez Biscayart) verliebt. // © Salzgeber

Die Diskussionen in der Gruppe um das richtige Motto für die nächste Pride-Parade, wo Sätze fallen wie: „‚Ich möchte, dass du lebst.‘ ist so super einvernehmlich.“ Oder auch: HIV-Positive Pantomimen? Ein Albtraum“, die merkt man sich jahrelang (ich habe den Film zuerst im Winter 2017 im Kino gesehen).

Die stillen Momente zwischen Sean und Nathan sind ebenfalls eindrücklich. Nicht nur, als Sean erzählt, wie er sich infiziert hat, sondern auch als Nathan dessen Körper ertastet und die Erotik knistert oder den schon sehr kranken Sean im Krankenhaus besucht und ihm einen Moment von Nähe und Entlastung schenkt, den Sean in seinem Tunnel von Krankheit, Einsamkeit und Schmerz mehr als alles andere braucht. 

Dazu Bilder von der blutroten Seine, der als Protest gestaltete Trauerzug nach dem Tod eines der Mitglieder der Gruppe oder ein düster und beinahe romantisch abgebildeter Die-In. 

Ein Film, der ins Leben hineinwirkt

© Salzgeber

120 BPM erzählt also nicht nur inszenatorisch, darstellerisch und akustisch eindrucksvoll eine wichtige Geschichte um Aids-Aktivismus in Europa. Er öffnet den Zuschauer.innen auch verschiedene Möglichkeiten, sich ihm zu nähern und die Thematik mit dem Fortgang  des Films zu erkunden. So werden innerhalb der Gruppe auch keine Sympathien verteilt, jeder ist hier, wer er ist und das gibt den Zuschauer.innen Raum, sich ein eigenes Bild zu machen. Die Fähigkeit über das Erzählen, das politische Wirken der Gruppe mit dem Persönlichen der Protagonisten zu verweben und in unser eigenes Leben hineinwirken zu lassen ist der große Verdienst dieses Ausnahmefilms.

120 BPM (120 battements par minute); Frankreich 2017; Regie & Drehbuch: Robin Campillo; Musik: Arnaud Rebotini; Kamera: Jeanne Lapoirie; Darsteller: Nahuel Pérez Biscayart, Arnaud Valois, Adèle Haenel, Félix Maritaud, Antoine Reinartz, Catherine Vinatier, Sanuel Churin, Saadia Ben Taieb, Aloïse Sauvage; Laufzeit: ca. 143 Minuten; FSK: 16; Edition Salzgeber; französische Originalfassung, deutsche Untertitel; erhältlich auf DVD, als VoD und Download

120 BPM läuft im Rahmen der Filmreihe rbb QUEER am 25. Juni um 23:25 Uhr im rbb und ist im Anschluss für sieben Tage in der Mediathek verfügbar (zwischen 22 und 6 Uhr)

AS

Seht hier den deutschsprachigen Trailer:

Hier gibt es die Musik von Arnaud Rebotini und sonstige im Film verwendete Tracks.

Beitragsbild: Zorn = Aktion, Schweigen = Tod // © Salzgeber

  1. […] In der Woche darauf lief der französische Film 120 BPM. Der Film erzählt fiktionalisiert die Aktivitäten und Lebensgeschichten einiger junger AktivistInnen der AIDS-Selbsthilfe- und Protestgruppe Act Up im Paris der 1990-Jahre. Regisseur Robin Campillo war in den 90ern auch selbst Mitglied der Gruppe. Im Zentrum des mitreißenden Zeitstücks, das in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, steht ein schwules Liebespaar, das der damals weit verbreiteten politischen und gesellschaftlichen Ignoranz gegenüber HIV/Aids mit entschiedener Gegenwehr und einem unbändigen Willen zu leben begegnet. Der Film begeisterte mich schon in mehrfacher Hinsicht im Kino und er gehört nach wie vor zu einem der besten und aufwühlendsten queeren Filme, die ich je gesehen habe. Unsere ganze Besprechung lest ihr hier. […]

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