Hollywood: Wenn Träume wahr wären

Was wäre, wenn? Was wäre, wenn es heute bereits selbstverständlich wäre, dass wir People of Color und LSBTIQ*-Personen als ganz normale Menschen im Fernsehen, auf der Leinwand und den Bühnen sähen? Und nicht immer nur als ein Produkt, eine Kopie eines ihrer Identitätsmerkmale? Das ist eine Fragestellung, der auch das kürzlich veröffentlichte Interview mit sechs Schauspieler*innen im Rahmen der #ActOut-Kampagne nachgeht. Es ist ebenso die Fragestellung, mit der sich die Netflix-Miniserie Hollywood befasst. Wir dachten uns: Wann, wenn nicht jetzt, passt es, sich die Sendung noch einmal genauer anzusehen.

Aufstieg in der „Goldenen Ära“

Hollywood erzählt die Geschichte einer Gruppe junger Menschen, die alle der gleiche Traum eint: Den großen Durchbruch zu schaffen. Ob als Schauspieler*in, Regisseur oder Drehbuchautor. Doch nicht nur die jungen mehr oder minder Wilden wollen ihre Chance, auch die, deren beste Jahre vermeintlich hinter ihnen liegen, die, deren Chance längst verstrichen scheint oder denen sie nie gegeben war, sehen Möglichkeiten, ihrem Leben und damit auch dem der Generationen nach ihnen eine Wendung zu geben.

Die Gang ist bereit Hollywood zu erobern… // © Saeed Adyani/Netflix, 2020

Ausgangspunkt ist dabei die Tankstelle von Ernest „Ernie“ West im Hollywood der Nachkriegszeit der 40er-Jahre, der sogenannten „Goldenen Ära“. Die Tankstelle ist im Grunde jedoch lediglich die Fassade seines eigentlichen Geschäfts: Edelprostitution (als Vorlage diente Scotty Bowers, über den wir an anderer Stelle noch berichten werden). Die bei ihm arbeitenden Jungs, nahezu allesamt auf ihre große Chance hinarbeitend, verdienen sich mit primär wohlhabenden Kund*innen den einen oder anderen Dollar dazu.

Jack Castello (David Corenswet, The Politician) und Roy Fitzgerald (Jake Picking) wollen große Filmstars werden, letzterer wird bald vom schmierigen Künstleragenten Henry Wilson (Jim Parsons, The Boys in the Band) den Namen Rock Hudson verpasst bekommen. Raymond Ainsley (Darren Criss) soll das Drehbuch von Archie Coleman (Jeremy Pope), dem heimlichen Freund von Roy, verfilmen. In der Hauptrolle des Films „Meg“ sieht Raymond schon seine Freundin Camille (Laura Harrier), die allerdings ist schwarz und welches Studio würde schon den Film eines schwulen, schwarzen Strichers produzieren, mit einem Halb-Filipino als Regisseur und einer jungen schwarzen Frau in der Hauptrolle? Dafür gibt es kein Publikum und Preise schon gar nicht…

Man badete damals anders und träumte vom gemeinsamen Film: Camille (Laura Harrier) und Raymond (Darren Criss) // © Netflix, 2020

Ein alternatives Universum der Repräsentanz

Es war hier schon an anderer Stelle beinahe wortwörtlich zu lesen: Wir sind große, wenn auch kritische, Fans von Ryan Murphy. Bei allem komischen und verworrenen Kram, den der gute Mann hin und wieder abliefert, hat er immerhin Mut, Neues zu probieren, überschreitet Grenzen und scherte sich im Grunde noch nie um „Das könnt ihr nicht machen“-Sager. Sein Œuvre ist entsprechend breit und seine bisherigen Netflix-Veröffentlichungen The Politician, Pose, Ratched, The Boys in the Band, The Prom und eben auch das hier und da als zu simpel gescholtene Hollywood machen das mehr als deutlich. Durchaus: Die Miniserie erzählt eine nahezu märchenhafte Geschichte im Hollywood der Nachkriegszeit, die zwar in der Realität verankert ist, sich aber, wenn wir so wollen, in einem alternativen Universum befindet.

Wir haben da einen Plan: Richard Samuels (Joe Mantello) und Ellen Kincaid (Holland Taylor) // © Netflix, 2020

Daraus haben Murphy, Janet Mock und Ian Brennan, die sich primär für die Entwicklung und Umsetzung des Stoffes verantwortlich zeichnen, auch nie einen Hehl gemacht. Sie sagten, sie wollten die Story neu erzählen, eine Aufsteigergeschichte schaffen und ein anderes Portrait zeigen, wie Gewinner und Träumer aussehen können. Von Hollywood sollte eine positive, eine menschliche Botschaft ausgehen. 

Janet Mock, Co-Produzentin, Co-Autorin und Co-Regisseurin, beispielsweise stellte fest, wie sehr ihr nicht nur in den Filmen der 40er-Jahre die vernünftige Repräsentation farbiger Frauen (engl.: „women of color“) fehlte; bis heute sei dies häufig problematisch: „Wir schlagen uns noch immer mit einer Industrie herum, wo es viel zu wenig People of Color auf dem Bildschirm gibt, viel zu wenig LGBTQ-Personen und Frauen an der Macht.“ Daher sei es ein Anliegen gewesen, zu zeigen, wie Hollywood heute sein könnte, wenn es damals die entsprechende Anerkennung und Akzeptanz gegeben hätte. 

Verführung à la Henry Wilson (Jim Parsons) // © Netflix, 2020

Was wiederum nicht bedeutet, dass es in der Miniserie nur Nettigkeit und Freude gäbe. Die Widerlinge sind so lebendig wie eh und je. Auch wenn es nur wenige gibt, die einfach nur fürchterlich sind. Murphy bleibt seinem in fast allen Arbeiten auftauchenden Motiv treu: „Niemand wird einfach so ein Monster. Monster werden geschaffen.“ Hier ist das in der fiktionalisierten Version des realen Agenten Henry Wilson, einem heimlichen Schwulen, Alkoholiker, Manipulator und Choleriker der Fall, den Jim Parsons famos verkörpert, dem Monster eine Seele und tragische Tiefe gibt, die weit über übliche Klischees hinausgeht. Wir werden ihn nicht mögen, aber für ihn fühlen. 

Fokussiert auf das Wesentliche

Privilegiertheit, Überlegenheit, Machtgebaren, Vorurteile, das Ausnutzen von Schwächeren, sexuelle Ausbeutung und Nötigung, emotionale Erpressung – all diese Dinge, ihre Auswirkungen auf die Betroffenen und ihre Konsequenzen spielen in Hollywood eine Rolle. Kreisläufe werden skizziert und aufgezeigt, ebenso das mögliche Durchbrechen selbiger. Sowohl in der Serie als auch für die Zuschauer*innen lässt sich an mancher Stelle von kathartischen Momenten sprechen. 

Rassismus flammt auf // © Saeed Adyani/Netflix, 2020

Wie immer bei Murphy gibt es auch in Hollywood diverse Nebenhandlungen, die hier allerdings recht eng verknüpft mit dem Kernthema der Show bleiben. Da ist zum Beispiel der Studioinhaber Ace Amberg (Rob Reiner), dessen Tochter Claire (Samara Weaving) unbedingt Schauspielerin werden will, was Vater und Mutter Avis (Patti LuPone) nur bedingt gutheißen. Als Ace eines Tages erkrankt, sieht seine Frau dafür die Chance gekommen, gemeinsam mit zwei der Geschäftsführer*innen des Studios, Ellen Kincaid (Holland Taylor) und Richard Samuels (Joe Mantello, Regisseur von The Boys in the Band), dem Studio neuen Schwung zu geben. Natürlich stehen dabei konservative Teilhaber und eine Horde seltsamer Anwälte im Weg.

Heimliche Liebe: Archie (Jeremy Pope) und Roy aka Rock (Jake Picking) // © Saeed Adyani/Netflix, 2020

Aber auch diese Hindernisse werden sich doch wohl mit vereinten Kräften überwinden lassen? Hat ja bei Harry Potter auch irgendwie geklappt. Da gab es allerdings auch weniger (nach außen getragenen) Rassismus und Homophobie. Und manch eine*r unserer Held*innen ist leider recht einfältig. Überhaupt: Es gibt bei allem optischen Glamour, aller visuellen Politur, keine perfekten Menschen in diesem Universum. Sie haben ihre Stärken und ihre Schwächen, stolpern und stellen selber mal ein Bein, fallen und fangen auf. Vermischt wird das bunte Charakterensemble mit der Wiederkehr fiktionalisierter Varianten realer Figuren wie den oben genannten aber auch Hattie McDaniel („Mammy“ in Vom Winde verweht, gespielt von Queen Latifah), Tallulah Bankhead (Paget Brewster) oder Anna May Wong (klasse: Michelle Krusiec). Auch sie bekommen hier in diesem Paralleluniversum mehr Anerkennung, als es ihnen zu Lebzeiten vergönnt war.

Momente des Glücks: Camille (Laura Harrier) und Hattie (Queen Latifah) // © Saeed Adyani/Netflix, 2020

In Hollywood wird also eine Was-wäre-wenn-Geschichte erzählt. Ein wörtlich fantastisches Melodrama, das es sich herausnimmt, Geschichte umzuschreiben, durch eine positive Umwandlung auf Fehler im System aufmerksam zu machen und gar den einen oder anderen Lösungsansatz anzubieten, der auch in der heutigen Zeit noch anwendbar ist. Denn der Verlauf der Geschichte in den USA, wie auch in Europa, in Deutschland, war, wie wir alle wissen, ein anderer und die Schablonen, Klischees und Rollen- und Denkmuster hatten und haben Bestand. 

Kommst Du?! Roy aka Rock (Jake Picking) // © Netflix, 2020

Vorbilder sind keine Märchen

Somit stellt Hollywood ein paar der fehlenden Vorbilder, role models, in den Mittelpunkt und lässt neben vielen fiktiv zusammengesetzten Charakteren (also Figuren, die zwar verschiedenen Vorbildern entspringen können, aber nicht einer speziellen realen Person zuzuordnen sind) auch den „echten“ Rock Hudson schwul sein und die „wirkliche“ Hattie McDaniel Erfolg erleben. Diese Vorbilder auf dem Bildschirm braucht es, denn wie Ryan Murphy sagt: „Wir lernen Lektionen fürs Leben von dem, was wir auf dem Bildschirm sehen. Wir lernen, wie wir uns zu verhalten, zu verlieben haben, wie Freundschaften geschlossen und Feinde gemacht werden.“ 

Ohne Feiern ist auch öde: Avis (Patti LuPone), Ernie (Dylan McDermott), Ellen (Holland Taylor) und Claire (Samara Weaving) // © Saeed Adyani/Netflix, 2020

Diese Aussage deckt sich auch mit dem oben erwähnten Gespräch zur #ActOut-Kampagne: Was wir sehen, ist wie wir die Realität verstehen lernen und was wir für gängige Kultur halten. Wenn wir keine glücklichen, selbstbewussten oder auch sich durchs Leben kämpfenden, aber für sich als normale, menschliche Charaktere stehenden LSBTIQ*-Menschen, PoC und Menschen mit Behinderung gezeigt bekommen, glauben wir auch nicht daran, dass es sie wirklich gibt. Es ist aber kein Märchen, es ist gelebte Realität.

Hollywood fasziniert, verzaubert und verblüfft: Die Ryan Murphy-Serie schafft eine in Teilen alternative Realität, die, wenn wir uns darauf einlassen, wunderbare Geschichten bereit hält und ein buntes, lebhaftes und bewegendes Charakterdrama mit dem Anspruch an eine bessere Welt verknüpft.

Hollywood; USA 2020; Regie: Ryan Murphy, Janet Mock, Michael Uppendahl, Jessica Yu, Daniel Minahan; Drehbuch: Ryan Murphy, Ian Brennan, Janet Mock, Reilly Smith; Musik: Nathan Barr; Darsteller: David Corenswet, Darren Criss, Laura Harrier, Joe Mantello, Dylan McDermott, Jake Picking, Jeremy Pope, Holland Taylor, Samara Weaving, Jim Parsons, Patti LuPone, Maude Apato, Mira Sorvino, Michelle Krusiec, Rob Reiner, Queen Latifah, ; 7  Folgen, Laufzeit: 45 – 58 Minuten; FSK: 12; Ryan Murphy Television, Prospect Films; seit Mai 2020 auf Netflix verfügbar

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