Homophobie „penetriert“ den Fußball noch immer

Bild: Die Sportschau-Moderatorin Jessy Wellmer diskutiert „Wie homophob ist der Fußball?“ mit ihren Gästen, dem ehemaligen Fussballnationalspieler und heutigem Sport-Vorstand Thomas Hitzlsperger, der ehemaligen Profi-Fussballspielerin Tabea Kemme und dem SPD-Politiker Kevin Kühnert // © Morris Mac Matzen für Beckground TV/ARD

Homosexualität und Sport und damit auch Homophobie im Sport sind eine schon lange bekannte Problematik. Bis auf die wohl weltweit populäre US-Spielerin, LGBTQ*- und Menschenrechtsaktivistin und Ikone Megan Rapinoe und den FIFA-Schiedsrichter Tom Harald Hagen, der sein Coming-Out selber gar nicht so erst nahm, wie seine Umgebung es tat, gibt es in der Fußball-Profi-Welt keine offen queeren Personen. Hier vermuten wir einfach mal, dass viele aufgrund irgendwelcher archaisch geprägten Muster mit der Verknüpfung von gleichgeschlechtlichem Leben und einer gewissen Erwartungshaltung an insbesondere männliche Sportler etwas durcheinandergebracht sähen (was wiederum zur Umkehr passt: fast alle Fußballerinnen seien ja lesbisch). Dass das alles Blödsinn ist, mag vielen klar sein, nur hilft es nicht unbedingt, wenn dir ein vielleicht betrunkener, grölender, mindestens semi-homophober Fußballfan auf die Fresse hauen will. 

Kein Outing seit 2014

Dieser Problemstellung nahm sich kürzlich die ARD-Sendung Sportschau Thema mit „Homophobie im Fußball“ an, wo auch der – vermeintlich – lediglich als Fußball-Connoisseur und -Fan anwesende SPD-Promi Kevin Kühnert anwesend war und selber, zumindest indirekt, von für homosexuelle Fans bedrohliche Erfahrungen in der „ostdeutschen Pampa“ sprach. Ebenfalls zu Gast in der von Jessy Wellmer moderierten Sendung waren der einzig offen schwule Ex-Profi-Fußballspieler und Vorstandsvorsitzende des VfB Stuttgart Thomas Hitzlsperger, die bisexuelle ehemalige deutsche Nationalspielerin und Olympiasiegerin von 2016 Tabea Kemme und der DFB-Präsident Fritz Keller wurde im Lauf der zweiten Halbzeit zugeschaltet.

Die Sendung stieg direkt mit dem Coming-Out von Hitzlsperger im Jahr 2014 und der großen Frage nach dem „Warum?“ ein. Warum hat sich denn seitdem kein deutscher Fußballer mehr geoutet? Egal an welchem Punkt seiner Karriere. Diese Antwort bleibt die ausgewogene Runde den Zuschauer*innen wohl erwartungsgemäß schuldig. Erklärungsansätze gibt es derer dennoch einige. Insbesondere die Verknüpfung des gefühlten Drucks und womöglich mangelnder Reife sowie auch der zumindest indirekten Einflussnahme von Beratern und Vereinen wie des weiteren Umfelds kann ausgegangen werden. Diese Einflussnahme wird zwar nicht direkt erwähnt, aber sie klingt nicht nur aufmerksamen Zuschauer*innen deutlich durch. In diesem Zusammenhang sei übrigens der Film Mario, den wir hier besprochen haben, empfohlen.

„Alles verlieren oder doch die erhoffte Befreiung?“

So ist es auch interessant, wie häufig in der Sendung von Lippenbekenntnissen, leeren Symbolen und auch Pinkwashing gesprochen wird, dies jedoch immer wieder in einen Kontext gebracht wird, der ein „Ja, aber…“ gar nicht mal so beschissen klingen lässt. Hilfreich für ein queer-freundliches Gesicht des DFB ist da Thomas Hitzlsperger, dessen lange Outing-Geschichte in der Wochenzeitung DIE ZEIT nicht nur in einem schönen Einspieler mit Carolin Emcke und Moritz Müller-Wirth, die das 2014 veröffentlichte Interview mit ihm führten, fein und erstmalig in der Form erläutert wird. Darüber hinaus betont er nicht nur, wie wenig ihm damals fehlte, sondern auch, wie viel besser das Leben nach seinem Outing für ihn geworden sei und welche „Leichtigkeit“ er nun verspüre. Allerdings sagt er auch, dass dies seine subjektiven Erfahrungen seien und ihm womöglich mehr gefehlt hätte, hätte er seine Profi-Karriere länger fortgesetzt oder sein Outing weiter aufgeschoben.

Dennoch sähe er Homohpobie nicht als so problematisch an, vieles hätte sich da getan, er selber könne da durch seine Funktion einiges beobachten und klar, schaffe da nicht jeder kleine Schritt es auf den Titel der BILD. Insbesondere auch bei den Fans sehe er eine Entwicklung, was auch Kevin Kühnert zu einem gewissen Grad bestätigt. Vor zehn Jahren sah die Fankurve eben noch etwas anders aus. Dennoch wurde auch hier und da das Mitnehmen einer Regenbogenflagge ins Stadion verboten, mit der Begründung, es handle sich dabei um ein politisches Zeichen und das sei nicht erwünscht. Was wohl bei vielen Kopfschütteln auslöst. Überhaupt wurde mit dem „wir wollen im Stadion/Fußball keine Politik“ viel zu lange so getan, als seien Ablehnung, Vorurteile und Borniertheit etwas, über das sich hinwegsehen ließe, weil ist ja Sport und Freizeit und „wir“ sind doch alle gleich – wohl gern ignorierend, dass gerade das zu mehr Ausschluss führt. Darauf wird in der Sendung leider kaum eingegangen. Institutionalisierte Religion funktioniert übrigens ähnlich. Integration nur für das Gleiche.

Natürlichkeit und „Vielfaltsdimensionen“

Tabea Kemme bildet einen teils sehr angenehmen Gegenpol zu viel des Gesagten, allein schon weil sie ungefiltert zu sprechen scheint, nicht nur was ihre Outing-Geschichte angeht. Hören wir bei Hitzlsperger eben doch einen Vorstandsvorsitzenden sprechen und bei Kevin Kühnert vor allem einen Politiker (er hat sich schon sehr schnell einen bequemen Polit-Establishment-Mantel angezogen), spricht hier wohl einfach sie als Spielerin-Mensch. Das gibt der Sendung eine zusätzlich natürliche Note und menschelt im besten Sinne. Kemme legt auch eine nahezu erfrischende Ungläubigkeit ob mancher Verhaltensweisen an den Tag, mit der sich Fans wie Nichtfans zum großen Teil identifizieren dürften. 

Apropos Fans: Die zu kennen meint auch der DFB-Präsident Fritz Keller, der wie erwähnt im letzten Drittel der Sendung zugeschaltet ist, und sich… sagen wir mal… maximal… unbeholfen verhält. Wobei unbeholfen hier nicht das richtige Wort ist. Der Auftritt Kellers darf als irritierend gewertet werden. So irritierend und irrlichternd, dass sogar konsequent harte, aber faire und sachliche Nachfragen von Moderatorin Jessy Wellmer als Entspannungsmomente angesehen werden können. Nicht nur, dass er zwar irgendwie lobend und dennoch unwissend über die zentrale Anlaufstelle für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt redet, die ab dem 1.1.2021 geschaffen wird und den Ansprechpartner statt Christian Rudolph erstmalig Christoph nennt (was ja durchaus mal passieren kann, aber nicht sollte), verrennt Keller sich dann auch noch in unzähligen Dingen, die der DFB doch alle schon getan hätte, wie gut er seine Spieler*innen kenne, dass jedem Nachholbedarf entsprochen werde, es um alle „Vielfaltsdimensionen“ ginge, Themen zu penetrieren seien, etc. Es ist viel und Keller ist sichtlich unwohl, jedoch nicht augenscheinlich desinteressiert oder genervt, eher überfordert. Aber dankenswerterweise sitzt dort Thomas Hitzlsperger, der sich der Sache in einem die Generationen drehenden Coup beinahe väterlich annimmt. 

Christoph Hertzsch von den Streetboys München in einem Beitrag für die Sendung. // Foto: Scrennshot Instagram streetboysmunich

Das täuscht allerdings nicht darüber hinweg, dass, wie Jessy Wellmer sinngemäß mehrmals erwähnt, sich viel um ein „könnte, müsste, sollte“ dreht. Reaktionen auf die Einspieler legen das erst recht nahe: Seien es die Münchener Streetboys, die mit markigen Kommentaren zur Ignoranz gegenüber der Homophobie in der Fußballwelt und auch ihrer Auswirkungen auf den Nachwuchs für Verwirrung und Halb-Stottern beim DFB-Präsidenten sorgen oder die San Diego Loyals, die vom Platz gegangen sind, nachdem einer ihrer Spieler, der offen schwule Collin Martin, homophob beleidigt worden war und damit ein sicher gewonnenes Spiel verschenkt haben. 

Ob das in Deutschland möglich sei? Keller erzählt etwas davon, dass wir da schon viel weiter seien, aber bezieht sich null auf die Frage und Thomas Hitzlsperger redet von einer schwierigen Abwägung, jedoch – wer weiß. Hier spricht dann ein Profi, ein Funktionär, ein sympathischer Realist. Leider dennoch ein schwieriges Zeichen kurz vor Ende einer Sendung, in der es viel um den „richtigen Geist“ im Team und der Fußballwelt ging. Queerwashing, much?, ist eine sich unweigerlich aufdrängende Frage. 

Was bleibt also nach diesem – auch für Nicht-Fußball-Interessierte – sehenswerten Sportschau Thema am Ende stehen? Das Abwägen von persönlichen und unternehmerischen Interessen macht auch in puncto Homo-Sexualität im Sport viel aus und es geht nicht um Individuen, sondern um Marken. Hitzslperger sagt dazu auch etwas, dem ich nicht unbedingt zustimme, das aber definitiv zu denken gibt und das Konzept Profisport eigentlich doch wunderbar einrahmt. Außerdem: Bitte einmal Drinks mit Tabea Kemme. Und Kevin Kühnert ist mehr Politiker, als es ihm für den anstehenden Wahlkampf lieb sein dürfte. 

Wir empfehlen noch die Instagram-Accounts der streetboysmunich (die für ihren Anti-Homophobie-Kampf einen feinen Kalender entwickelt haben) und von Tabea Kemme, der ihr schon allein wegen ihrer Reisefotos folgen solltet.

Die Sendung ist bis zum 16.12.2021 in der ARD-Mediathek verfügbar.

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