„Ich wär so gern verliebt geblieben“

Beitragsbild: Lara (Emma Drogunova) und Hanna (Banafshe Hourmazdi) wollen beide kurz Ähnliches. // © ZDF/Marcus Glahn

Loving Her erzählt in sechs kurzen Folgen vom Liebes- und Gefühlsleben der Mittzwanzigerin Hanna. Das läuft so authentisch, witzig und nachfühlbar erzählt ab, dass es ein Fest ist, ihr dabei zuzusehen, wie sie sich analysiert.

Wer kennt es nicht? Verliebt sein! Die Welt umarmen wollen vor lauter Begeisterung über diese andere Person und über dieses Gefühl und all die wunderbaren Dinge, die da kommen mögen. Wer kennt es nicht? Das nicht mehr verliebt sein?! Die Welt ein wenig zu verlieren, weil man niemandem weh tun mag, und es doch zu müssen, weil sich ignorieren auch nicht lange gut geht. Wer kennt es nicht? Das aufregende Gefühl der Heimlichkeit einer Affäre (okay, das mögen in der Tat so manche nicht kennen…)?!! Wenn nicht nur die körperliche Anziehung den sexuellen Reiz ausmacht, sondern auch das Wissen, etwas irgendwie Verbotenes zu tun.

Einmal Gefühlsballett bitte!

Wer all dies und mehr kennt, ist die mittlerweile 25-jährige Hanna (Banafshe Hourmazdi, Futur Drei), Hauptfigur in Loving Her, die mit ihrer Freundin Franzi (Lena Klenke) nach dem Abitur in Bielefeld zum Studium nach Berlin gezogen ist. Nach einiger Zeit stellen sie fest, dass ihre Leben sich sehr unterschiedlich entwickelt haben… oder vielmehr stellt vor allem Hanna das fest. Das mag aber auch daran liegen, dass uns Hanna als Ich-Erzählerin durch ihre Liebesgeschichten und Techtelmechtel begleitet.

Wollen unterschiedliche Dinge: Hanna (Banafshe Hourmazdi, l.) und Franzi (Lena Klenke, r.) // © ZDF/Marcus Glahn

Das beginnt damit, dass sie Franzi und deren neue Freundin Doro auf der Straße trifft. Zurück in ihrer Wohnung, in der sie gemeinsam mit den Mitbewohner*innen Holly (Bineta Hansen) und Tobi (Leonard Kunz, Das Boot) Kisten packt, erinnert sie sich an ihre Zeit und das Ende dieser mit Franzi. So laufen alle der sechs sehr knackig-kurzen Folgen der neuen ZDFneoInstant-Serie nach dem gleichen Schema: Hanna erinnert sich an eine ihrer Ex-Liebhaberinnen und zieht durch ihre Kommentare aus dem Off auch für sich aber auch für uns Zuschauer*innen Bilanz. 

Die Episodentitel der Serie, der die niederländische Serie Anne+ als Vorlage diente, beziehen sich dabei auf die jeweilige mehr oder weniger geliebte Mit-Protagonistin – Loving Franzi, Loving Lara, Loving Anouk, Loving Josephine, Loving Sarah, Loving Hanna. In der letzte Folge geht es also darum, dass Hanna am Ende ihrer Emotionsreflektionsreise (puh…) und fürs Erste bei sich selbst angekommen ist. Die Folgen sind trotz gleichen Erzählschemas inhaltlich wunderbar unterschiedlich und bieten kurze, aber sehr eingängige und nachfühlbare Geschichten.

Liebeskummercouch

So stürzt sich Hanna in der Episode „Loving Lara“ (gespielt von Emma Drogunova, die wir auch gerade in Bonnie & Bonnie sehen können) in eine recht typische Post-Break-Up-Partybeziehung, die natürlich weder zum Halten noch Gehaltenwerden bestimmt ist. Aber vielleicht besser ist als die in der Folge erwähnte Liebeskummercouch?! In Anouk (Larissa Sirah Herden) ist es dann Hanna, die sehen muss, wo sie mit ihren unerwiderten Gefühlen bleibt – großer Lernfaktor! Eine heiße Affäre mit der Chefin Josephine (Karin Hanczewski, Tatort Dresden), die in einer offenen Beziehung lebt, bereichert Hannas Erfahrungsschatz um ein Weiteres. Und schließlich die erste sich ernsthaft anbahnende Folgebeziehung mit Sarah (Soma Pysall), die jedoch nicht so recht weiß, ob sie lesbisch ist und wenn ja, wie das Leben dann aussähe. 

Wollen auch unterschiedliche Dinge: Sarah (Soma Pysall, r.) und Hanna (Banafshe Hourmazdi, l.) // © ZDF/Marcus Glahn

Es ist hierbei egal, ob jede*r schon einmal in vergleichbaren Situationen steckte (der Rezensent kennt sie alle und in verschiedenen Ausprägungen/Varianten), da Loving Her von den Co-Autorinnen Marlene Melchior und Leonie Krippendorff (die auch Regie führte) frei von irgendwelcher aufklärerischen Attitüde oder belehrender Position erzählt wird. Stattdessen beschreiben sie selbstverständliche Erfahrungen, die junge Menschen nun einmal machen. Ergänzt um die Zukunftssorgen durch Corona, was aber nur nebenher stattfindet, doch immer präsent ist. 

Das Buch ist wirklich auf den Punkt und schafft es, traurigere und emotional beißendere Momente im guten Wechsel mit lautem aber auch lakonischem Witz zu erzählen, ohne dass die Gänge hier unglaubwürdig umgelegt werden müssten. Es scheint nachvollziehbar, wenn Autorin Melchior sagt, dass sie Serien, Geschichten und Erzählungen vermisst habe, die von queeren Frauen und deren Lebenswelten handeln, als sie sich selbst als Teenager das erste Mal in ein Mädchen verliebte und nun froh sei, „mit Loving Her über eine lesbische junge Frau erzählen zu können, deren Liebesleben authentisch, facettenreich und manchmal auch absurd komisch ist.“ 

Alle möglichen Schwänze unterm Bett 

Absurd ist ein gutes Wort, beschreibt es doch treffend ein Gefühl, das sicher nicht wenige von uns haben wenn sie rückblickend die eine oder andere Situation betrachten (sicherlich auch manchmal schon im Moment des Geschehens). Absurd ist hier ein Gespräch das die lesbische Hanna in Bezug auf die bisexuelle Lara mit deren Hetero-Buddy führen muss, in dem es darum geht, wie sie denn wissen könne, lesbisch zu sein, wenn sie noch nie mit einem Mann geschlafen hat und so weiter. Solche Gespräche finden in der Tat öfter statt als manche glauben mögen, ob nun lesbisch oder schwul. Wie Hanna hier pariert, ist herrlich und ein kleines Lehrstück an wortgewandter, derber Schlagfertigkeit.

Haben unterschiedliche Vorstellungen: Josephine Brenner (Karin Hanczewski, r.) und Hanna (Banafshe Hourmazdi, l.) // © ZDF/Marcus Glahn

Dazu strahlt Loving Her, wie oben bereits angedeutet, eine wirklich, wirklich unglaublich tolle Authentizität und Nähe zu den Figuren, aber auch uns Zuschauer*innen aus. Das natürliche Spiel der gut ausgewählten Darsteller*innen unterstützt das natürlich. Banafshe Hourmazdi hat uns erst kürzlich in Futur Drei begeistert (die Besprechung des tollen Films liefern wir zeitnah nach), Emma Drogunova dürfte sowieso als eine der kommenden deutschen Filmgrößen gelten und Karin Hanczewski hat sich als Schauspielerin ohnehin schon längst vielseitig etabliert und unserer Community als Mit-Initiatorin von #ActOut einen großen Dienst erwiesen.

Famos finden wir vor allem auch Larissa Sirah Herden, die es als Anouk fantastisch schafft, ein Gefühl des Unbehagens, aber auch des Willens höflich und nicht verletzend zu sein, so echt zu vermitteln, dass es hier mehrmals hieß: „Ja, genau so, so wie sie guckt, fühlt sich das an. Ja!“ Klasse. Jasmin Tabatabai als Hannas Mutter hat einen schönen und dankbaren Gastauftritt und Soma Pysall als verunsicherte Ärztin überzeugt ebenso. 

„Queere Liebe ist kein Nischenthema“

Die sichere und pulsierende Inszenierung von Leonie Krippendorff trägt zum Wirken natürlich erheblich bei und vermittelt uns erfolgreich sofort den Vibe der jeweiligen Szene. Das Szenenbild von Justyna Jaszczuk ist darüber hinaus hervorzuheben. Übrigens möchten wir euch gern ein Pressestatement der Regisseurin (die auch Kokon inszeniert hat, auch hier folgt unsere Besprechung) nicht vorenthalten, in dem sie über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten queerer Geschichten im deutschen Fernsehen spricht: 

„Was Hannas Liebesleben im deutschen Fernsehen weitestgehend unerzählt macht, sind nicht die Beziehungsstrukturen oder die Gründe, warum Hanna sich verliebt, weshalb sie Herzen bricht und ihr eigenes gebrochen wird – es ist einzig und allein der Fakt, dass eine Frau Frauen liebt. Während Übergriffe gegen Menschen aus der LGBTQI-Community (Lesbian, Gay, Bisexual, Trans, Queer and Intersex) zuletzt selbst in Berlin stark zugenommen haben, wächst eine neue Generation heran, die ganz selbstverständlich queere Identitäten lebt. Diese Lebenswirklichkeit muss prominent erzählt werden, sie gehört ins Herz unserer Gesellschaft. Dieses Anliegen ist mir ein persönliches. Ich habe bereits an der Filmuniversität queere Geschichten erzählt. Es hat mich wütend gemacht, wenn diese Filme in eine Nische geschoben und somit marginalisiert worden sind. Queere Liebe ist kein Nischenthema. Sie war es nie! Und darum ist mir Loving Her‘ so wichtig.“

Loving Her Co-Autorin und Regisseurin Leonie Krippendorff im Pressestatement
Wollen ganz unterschiedliche Dinge: Anouk (Larissa Sirah Herden, l.) und Hanna (Banafshe Hourmazdi, r.) // © ZDF/Marcus Glahn

Zum Schluss bleibt noch zu sagen, dass die sechs Folgen zu schnell rumgehen (die fünfte schlingert zwar ein wenig, es fühlte sich an, als würde da eine Minute zur Erläuterung fehlen) und es sehr gern noch einmal sechs Folgen sein dürfen – die Option hat sich die Serie ja auch offen gelassen, wie wir meinen. Loving Her sei nicht nur aufgrund der selbstverständlichen Queerness unbedingt empfohlen, sondern vor allem, weil es so fühlbar eine echte Geschichte erzählt und die Gefühls-Balance zwischen Yay und Nay so wunderbar austariert. Toll!

Hanna (Banafshe Hourmazdi, li.) und Franzi (Lena Klenke) in Loving Her // © ZDF/Marcus Glahn

Loving Her ist ab dem 1. Juli 2021, 10:00 Uhr, in der ZDFmediathek für ein Jahr verfügbar und wird am Samstag, 3. Juli 2021, ab 21:40 Uhr in ZDFneo gezeigt. 

Loving Her, Deutschland 2021; Regie: Leonie Krippendorff; Buch: Marlene Melchior, Leonie Krippendorff; Musik: Tina Pepper, Jasmin Reuter; Darsteller*innen: Banafshe Hourmazdi, Bineta Hansen, Leonard Kunz, Lena Klenke, Emma Drogunova, Larissa Sirah Herden, Karin Hanczewski, Soma Pysall, Jasmin Tabatabai, Eva Meckbach; sechs Folgen, jeweils 10-14 Minuten; Eine Produktion der MadeFor Film GmbH, Berlin im Auftrag von ZDFneo

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