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Ist das jetzt Satire oder kann das weg?

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Zuletzt aktualisiert am 25. April 2020

2015 war ein prägendes, unsere Wahrnehmung der deutschen Demokratie in Teilen erschütterndes, Jahr. Die Flüchtlingskrise brachte das Land und die Europäische Union zum Teil an seine Grenzen. Zumindest an gefühlte Grenzen des Mach- und Schaffbaren. In Deutschland folgte auf eine auch die Kritiker verdeckende Euphorie erst Ernüchterung, vermutlich auch ein wenig Langeweile, dem schlossen sich vereinzelte, laute Stimmen an, die für sich reklamierten für eine schweigende Mehrheit zu sprechen. Was eine wirklich schweigende Mehrheit weitgehend geschehen ließ. Was das über „uns“ als Demokratie, Bürger eines freien und gesellschaftspolitisch strukturell links geprägten Landes und als Individuen aussagt, wird sich im Laufe der Jahre zeigen und die Aufarbeitung findet nach und nach in (Populär-)Wissenschaft, Presse und beim Psychologen statt. 

Die Ausgangslage, die aber all diese gefühlten Wahrheiten zutage brachte, war dann eben die Flüchtlingskrise. Der Ursprung und Verlauf dieser lässt sich aufgrund ihrer Kausalität um einiges leichter nachvollziehen. Ebenso lässt sich der Prozess, der Bundeskanzlerin Angela Merkel dazu veranlasste, sich so zu verhalten, wie sie es im Spätsommer 2015 tat, dank einer soliden Quellenlage gut rekonstruieren. Der renommierte Journalist Robin Alexander arbeitete in seinem 2017 erschienen Buch Die Getriebenen – Merkel und die Flüchtlingspolitik: Report aus dem Innern der Macht die „heißen“ 180 Tage dieser Zeit auf.

„Wir schaffen das!“: Angela Merkel (Imogen Kogge) auf der Bundespressekonferenz. Bild: © rbb/carte blanche/Volker Roloff

Nun ist das Buch verfilmt worden. Mit dem Anspruch so authentisch und faktentreu wie möglich zu sein, auch dank Einflechtung dokumentarischer Elemente, aber „dramaturgisch verdichtet“, wo „es das Sachbuch im Hinblick auf das tatsächliche Geschehen, die konkreten Dialoge und die Emotionalität der handelnden Personen notwendigerweise lässt“, wie Drehbuchautor Florian Oeller sagt. Genau in dieser dramaturgischen Verdichtung liegen dann aber auch die ganz derben Schwächen dieses insgesamt eher ärgerlichen Films.

„Look-alike“-Karikaturen

Die Ausstrahlung dieses Dokudramas, das nun also ausdrücklich kein Dokudrama, sondern ein die Fakten fiktionalisierender Spielfilm mit Archivmaterial sein will, fällt in die Zeit einer weiteren Krise – der Corona-Krise. Die teilweise Fiktionalisierung einer krisenhaften Situation begegnet uns also in einer in Echtzeit stattfindenden Krise, die allerdings auch wieder verschiedene Wahrnehmungsebenen bedient. Was in einigen Redaktionen bereits zu teils äußerst absurden Vergleichen geführt hat, aber das ist hier keine Kulturpresseschau.

Regisseur Stephan Wagner, der mit Der Fall Jakob von Metzler eine richtig gute und mit Die Akte General eine richtig gut gemeinte Verfilmung faktenbasierter Stoffe geliefert hat, gibt bezüglich seines neuen Films zu Protokoll „dass das selbstauferlegte Versprechen, die Handlung in der Sprache der Fiktion zu erzählen, ohne sie dabei zu verändern, wahrlich eine besondere Herausforderung bedeutet. Wir sahen die drohende Gefahr, uns in den Zwängen einer ‚Look-alike- Authentizität‘ zu verlieren.“ Womit er unfreiwillig eines der größten Probleme von Die Getrieben anspricht: „Look-alike-Authentizität“ von ein, zwei Ausnahmen abgesehen querbeet, vorangestellt gehört dann noch das Wort „karikierte“. 

Dass ist dann auch ein wirklich peinliches, unfreiwillig komisches Ärgernis, insbesondere da es eine durchaus talentierte, wenn auch nicht durchgehend wahnsinnig bekannte, Darstellerriege ist. So spielt Josef Bierbichler Horst Seehofer hinter einer Maske, die an Dickens Ghost of Christmas Past (Geist der Vergangenheit, der erste Geist aus der Weihnachtsgeschichte) erinnert und den echten Horst Seehofer beleidigen sollte. Sigmar Gabriel, gespielt von Timo Dierkes, ist mit seinen ständig geschürzten Lippen und der sinistren Tonlage nur noch grotesk; zur vollendeten Präsentation Viktor Orbans (Radu Banzaru) Darstellung als diabolisches Mastermind fehlte nur noch, dass er die ganze Zeit eine weiße Katze mit sich herumtrüge; Tristan Seiths Peter Altmaier (auf dessen Oberlippe sich auch immer ein gelblicher Schatten abbildet) ist absurd überzeichnet; Steffen Seibert (Urs Remond) wirkt als käme er direkt vom Switch realoaded-Dreh, genauso Markus Söder (Matthias Kupfer); Rüdiger Voglers Wolfgang Schäuble schwäbelt nur beim „ischt“, sonst gibt es mehr bunten Dialektstreu; Walter Sittler als Frank-Walter Steinmeier hat es da noch am besten getroffen, auch wenn er ein wenig zu jung ist und eher so aussieht, als würde er gleich mit dem echten (!) Heiko Maas Werbung für Espressi machen. Weiterhin, ist es nahezu unvorstellbar, dass Thomas de Mazière (Wolfgang Pregler) – verschleppte Bronchitis hin, stark erhöhter Stresspegel her – sich derart von allen Seiten schurigeln lassen würde. Gerade wer sein Buch Regieren gelesen hat, kann hier nur entgeistert den Kopf schütteln. 

Roten Rosen und Berlin – Tag & Nacht

Lagebesprechung bei Angela Merkel (Imogen Kogge), Regierungssprecher Steffen Seibert (Urs Remond) und Büroleiterin Beate Baumann (Gisela Aderhold). Bild: © rbb/carte blanche/Volker Roloff

Diese Kritik ist im Übrigen vorrangig auf die Männer zu beziehen. Beate Baumann und Eva Christiansen dürfen von Gisela Aderhold und Silvina Buchbauer angenehm konzentriert und auf den Punkt verkörpert werden. Imogen Kogge als Bundeskanzlerin Angela Merkel ist einigermaßen famos (und dankenswerterweise nicht durch die Maske entstellt worden). Sie setzt die Rolle nicht als Kopie, sondern als glaubwürdige Darstellung der Kanzlerin an und verleiht ihr zusätzlich einige interessante Facetten. Dazu muss aber auch gesagt werden, dass das Drehbuch vergleichsweise gnädig mit Kanzlerin Merkel verfährt. So sind ihre Dialoge eher sachgeprägt und recht nah am Leben, wohingegen viele andere Gespräche, Stichwort „dramaturgische Verdichtung“, eher in die Kategorie Rote-Rosen-meets-Berlin-Tag-&-Nacht fallen. So gibt es beispielsweise ein Gespräch, zwischen Söder und Seehofer auf der Klausurtagung des bayrischen Kabinetts im Juli 2015, in St. Quirin am Tegernsee (ist schön dort), das dem Zuschauenden förmlich zubrüllt „ZEIT ZUM SCHÄMEN!“

Auch die meisten Momente, in denen es privat wird, passen eher nicht. So gibt es kurz vor Schluss einen Moment mit der Kanzlerin und ihrem Mann Joachim Sauer (Uwe Preuss) in dem er ihr vorwirft, alles ausgegessen zu haben und sie ein wenig mit dem von ihr zuvor geäußerten Satz „‚Wir schaffen das!‘ ist ein Satz der im Präsens steht“ zur Sau macht. Nun… dieser Moment ist absurd lächerlich und unnötig gesetzt, nur um dem Zuschauer ein „Jawollja!“ zu entlocken. Man muss Joachim Sauer nicht einmal begegnet sein und seine stoisch-lakonische Art kennen, um das einfach nur als ärgerlichen Bullshit abzutun. Herrje! Dann wiederum gibt es eine Szene am Frühstückstisch, in der die Kanzlerin zu ihrem Mann über Sigmar Gabriels geplanten Besuch in Heidenau sagt: „Kann er [Gabriel] nicht irgendwann mal kapieren, dass ich mich um Lösungen bemühe, statt darum irgendwo Erster zu sein“, die funktioniert, weil sie eben nicht künstlich zugespitzt worden ist.

Solides Handwerk vs. … ach, was auch immer.

Finanzminister Schäuble (Rüdiger Vogler) verlässt eine Sitzung zur Griechenland-Krise in Brüssel. Bild: © rbb/carte blanche/Volker Roloff

Überhaupt ist der Film handwerklich sauber gemacht. Die Dringlichkeit des Geschehens wird durch ständige Bewegung, unzählige Telefonate in Fliegern, Dienstwagen und Gesprächen zwischen Tür und Angel vermittelt, die Hälfte läuft per Splitscreen. Das ist keine neue Erfindung (wie manch ein Beitrag zum Film vermuten lässt, die loben aber auch allesamt die Maske), aber ein gut gesetztes Stilmittel. Etwas nervig ist die immer tickende Startuhr, wenn die durchaus aufrüttelnden dokumentarischen Bilder von Grenzübergängen, Bahnhöfen, etc. eingeblendet werden. Das nutzt sich durch inflationären Gebrauch dann auch ab. Lobenswert wiederum: Es wird ungarisch, französisch und englisch gesprochen und untertitelt, wie auch von Dolmetschern übersetzt und das vermittelt dann tatsächlich Authentizität. Das Verweben von dokumentarischen Aufnahmen und realen Momenten ist grandios umgesetzt, wenn beispielsweise die echte Angela Merkel ans Rednerpult tritt und dann Imogen Kogge spricht oder ebenso virtuos verflochten Sigmar Gabriels „Das-ist-Pack“-Besuch in Heidenau oder der echte französische Präsident François Hollande und Imogen Kogge als Angela Merkel auf einer Pressekonferenz nebeneinander stehen. Highlight ist dann aber doch, wie der schon beinahe legendäre #merkelstreichelt Moment in den Film eingebunden ist. 

Der Ablauf des Films funktioniert also, d. h. der Teil, der mehr Fakten als Fiktion beinhaltet und tatsachengetreu arbeitet, ist eine durchaus gelungene Chronik der Ereignisse, eben dank eines guten Quellenmaterials. Dieses könnte man dann allerdings auch direkt lesen oder hören. Der Teil jedenfalls, in dem es dann fiktional wird oder man „dramaturgisch verdichten“ musste und sich auszudenken hatte, was wer wohl genau zu wem gesagt haben dürfte und sich die Filmschaffenden für ihren Mut, so einen Spielfilm inszeniert zu haben auf die Schulter klopfen, wird’s halt leider kacke.

Ministerpräsident Horst Seehofer (Josef Bierbichler) trifft in Bayreuth auf Angela Merkel (Imogen Kogge). Bild: © rbb/carte blanche/Volker Roloff

Dabei ist dieser Mut an sich wünschenswert und es wäre schön, wenn wir in Deutschland mehr halbwegs aktuelle Ereignisse und politisches, wie auch gesellschaftliches Geschehen semi-fiktional aufbereiten würden, wie es in Großbritannien die BBC und auch ITV halten. Auch für das Kino wäre es wünschenswert, zuletzt gab es da z. B. das ganz starke britisch-amerikanische Doku-Thriller-Drama Official Secrets mit Keira Knightley als Katharine Gun. Oder um in Deutschland zu bleiben: Im Labyrinth des Schweigens, ebenfalls ein die Fakten fiktionalisierendes Filmdrama (und wie Die Akte General im Orbit um Fritz Bauer angelegt) und gänzlich frei von Peinlichkeiten. Es geht also. 

Achso – falls der Film eine Satire auf’s politische Filmemachen sein sollte und ich es nicht verstanden habe, dann entschuldige ich mich und er ist gelungen. 

Der Film ist bis zum 15. Juli in der ARD Mediathek abrufbar

Die Getriebenen; Deutschland 2019/2020; Regie: Stephan Wagner; Drehbuch: Florian Oeller (basierend auf dem Sachbuch von Robin Alexander);  Musik: Irmin Schmidt; Darsteller: Imogen Kogge, Josef Bierbichler, Wolfgang Pregler, Tristan Seith, Walter Sittler, Timo Dierkes, Gisela Aderhold, Rüdiger Vogler, Silvina Buchbauer, Urs Remond, Uwe Preuss, Radu Banzaru, Simon Licht; Laufzeit: ca. 118 Minuten; FSK 12;  Eine Koproduktion der carte blanche International mit dem RBB (federführend) und dem NDR, in Kooperation mit der rbb media GmbH, gefördert vom Medienboard Berlin­Brandenburg. 

Beitragsbild: Kanzlerin Merkel (Imogen Kogge) steigt in ihre Limousine. / © ARD/rbb/carte blanche International/Volker Roloff

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