„It’s a Sin“ wird ein ernstes Vergnügen

Zugegeben, die Corona-Pandemie-Semi-Lockdown-Lage nervt nach wie vor stark, gern hätten wir das Jahr 2021 fröhlicher begonnen. Andererseits ist ja a) nicht alles schlecht und b) lassen sich auch entsetzliche Pandemie-Situationen durchaus mit Lebensfreude, Humor und sinnvollen Tätigkeiten verknüpfen und vor allem besser durchstehen. Wie viel Wahrheit darin steckt, ist auch in der neuen Serie vom britischen TV-Genie Russell T Davies It’s a Sin zu sehen. Diese spielt im London der 80er-Jahre und behandelt die Ausbreitung von HIV und Aids in Großbritannien.

Ab in den Pink Palace

Zu Beginn lernen wir Ritchie (Olly Alexander, Years & Years – die Band) kennen, der von der homophob geprägten Isle of Wight kommt und in London nicht nur sein verheimlichtes Schwulsein ausleben, sondern statt Jura lieber Schauspiel studieren möchte. So lernt er auch die lebensfrohe Jill (Lydia West, Years and Years – die Serie) und den attraktiven Ash (Nathaniel Curtis) kennen. 

Ash (Nathaniel Curtis) und Ritchie (Olly Alexander) weihen den Pink Palace ein. // Bild: © Channel 4

Roscoe (Omari Douglas) flieht vor seiner streng religiösen und intoleranten Familie als er erfährt, dass diese ihn zurück nach Nigeria schicken will, um ihn dort von seiner homosexuellen Besessenheit heilen zu lassen. Zu guter Letzt kommt noch der schüchterne Colin (Callum Scott Howells) in London an, der in der Savile Row eine Ausbildung zum Verkäufer machen wird. 

Durch ein paar Zufälle und allgemeine menschliche Offenheit (gab es mal so, ja) kommt es dazu, dass diese fünf gemeinsam eine WG gründen. Genannt: Pink Palace. Das Leben läuft weitgehend sorgenfrei und vergnügt. Studium und Arbeit, klar. Aber Pubs und Party, Disco und Tanz, Wände. Betten und Sex gibt es im Überfluss. Plötzlich ist von einer seltsam infektiösen Krankheit zu hören, die in den USA reihenweise Schwule tötet. 

Jill (Lydia West) und Roscoe (Omari Douglas). // Bild: © Channel 4

Die HIV- und Aids-Krise wird auch vor London nicht halt machen, auch wenn erste Anzeichen als Blödsinn abgetan werden und niemand es so recht ernst nehmen mag. Eines Tages müssen sich auch die jungen Protagonist*innen von It’s a Sin der Realität stellen: Aids kann jede*n treffen.

Bloß nicht darüber reden

In einem Zeitraum von zehn Jahren folgt die Serie der Gruppe, ihren Freund*innen und der Entwicklung in Großbritannien, wie zum Beispiel der entsetzlichen Section 28 der Thatcher-Regierung, die in Gemeinden, Schulen und Kommunalbehörden die „Förderung von Homosexualität“ verbot. Was bedeutete, dass objektive oder gar positive Informationen über Homosexualität quasi unmöglich waren, ebenso wie Aufklärung über HIV und Aids. Die förderte allerdings das Engagement der Lesben- und Schwulenbewegung verstärkt auf ebendieses aufmerksam zu machen. Das erinnert hier und da an ACT UP, deren Wirken zum Beispiel in 120 BPM wunderbar porträtiert ist. Ein Section 28-ähnliches Gesetz forderte 1988, ebenfalls im Zusammenhang mit Aids, in Deutschland auch der damalige bayerische Innenstaatssekretär Peter Gauweiler. 

Alles nur Lügen! Ja?!

Zurück zur Serie: Russell T Davies, der sich erst kürzlich dafür aussprach, querere Rollen nur mit nicht-heterosexuellen Schauspieler*innen zu besetzen, ist bekannt dafür, dass seine Stoffe immer eine solide Mischung aus Humor, Drama und Gesellschaftskritik enthalten. Sei es die Original Queer as Folk-Serie, Cucumber oder seine jüngste Dystopie Years and Years, die wir zum Wochenende besprechen, nie arbeitet er einseitig in einem Genre. So ist auch It’s a Sin eine Verquickung von viel Lebensfreude, Witz und Charme, wie auch Drama und der Gegenüberstellung von Menschlichkeit und gesellschaftlicher Borniertheit. Und: Davies, geboren 1963, kennt die Zeit nicht nur, er erlebte sie, war damals Teil dieser hier fiktionalisierten Geschichte.

Wann kommt die Serie zu uns?

Besetzt ist die Serie ganz wunderbar und den Years & Years-Frontmann und LGBTQ*-Aktivisten Olly Alexander in der Hauptrolle zu besetzen ist natürlich nahezu genial. In Neben- und Gastrollen begegnen uns übrigens noch Neil Patrick Harris, Stephen Fry und Keeley Hawes als Ritchies Mutter. Das lässt die Spannung und Vorfreude auf It’s a Sin nur steigen…

…denn leider gibt es für die in Großbritannien gefeierte Serie noch keinen deutschen Termin. Immerhin aber den einen oder anderen Clip auf YouTube. Ebenso haben Years & Years den Pet Shop Boys-Song „It’s a Sin“ neu eingespielt. Überhaupt lässt sich die Zeit schon einmal mit ein wenig toller Musik der achtziger vertreiben: Songs von Belinda Carlisle, Bronski Beat, Queen, Divine, Erasure, Orchestral Manoeuvres in the Dark und vielen anderen sind in der Serie zu hören. Wisst ihr was? Wir haben euch da einfach schon mal eine Spotify-Playlist zusammengestellt. 🕺🏽

Hier seht ihr den offiziellen englischsprachigen Trailer für HBO Max, in den USA ist die Serie ab Mitte Februar verfügbar. Hoffen wir auf eine baldige Verfügbarkeit bei einem deutschen Streamingdienst oder eine Ausstrahlung im TV. Wir halten euch natürlich auf dem Laufenden.

Eure queer-reviewer 🌈❤️✌🏽

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