It’s here, it’s (partly) queer – Gossip Girl 2.0

Bild v. l. n. r.: Aki, Max, Audrey, Obie, Julien, Monet und Luna // RTL/©2021 WarnerMedia Direct, LLC. All Rights Reserved

Ein Geständnis: Als ich las, dass es ein Reboot von Gossip Girl oder eher eine Spin-Off-Erzählung im gleichen Universum, aber mit primär neuen Figuren geben wird, war ich auf einer Seite prompt hocherfreut, auf der anderen Seite sehr skeptisch. Die Originalserie, die in den USA von 2007 bis 2012 und bei uns etwas zeitversetzt bis 2013 lief, gehört für mich bei allen mittelgroßen Schwächen, unsinnigen Wendungen und zu lang genutzten Storylines dennoch zum (Teen-)Soap-Gold und war in mehrerlei Hinsicht bahnbrechend. Die Serie habe ich inzwischen um die Dreikommaviermal gesehen und schau mir an doofen Tagen gern mal ein wenig Chuck-und-Blair-Geplänkel, Serena-und-Blair-Liebe/Hass-Streiterei, Georgina-Sparks-Realness oder Lily-van-der-Woodsen-Augenrollen an.

XOXO mit neuen Vorzeichen

Dass mit Joshua Safran einer der wichtigsten Autoren und Ausführenden Produzenten der Originalserie das neue Klatsch-Modell entwickelte, hob meine Hoffnung; ebenso, dass die Schöpfer*innen derselben, Josh Schwartz und Stephanie Savage, an Bord sind. Als dann klar wurde, dass die Serie nicht nur im Cast, sondern auch in den Storylines diverser und weit queerer ausfallen würde als das in der Hinsicht zwar nicht rückständige aber dennoch nur bedingt progressive Original, wurde aus Hoffnung große Vorfreude. Und schließlich sollte Kristen Bell wieder den ikonischen Gossip Girl-Kommentaren ihre Stimme geben (in deutscher Synchronisation ist es wohl auch wieder Nana Spier). Jippie!

Monet De Haan (Savannah Lee Smith) und Julien Calloway (Jordan Alexander) // Foto: RTL / ©2021 WarnerMedia Direct, LLC. All Rights Reserved

So geht es los, beinahe zehn Jahre nach dem Ende Gossip Girls sind wir wieder in Constance Billard und statt einer Rückkehr gibt es echten Neuzugang: Zoya Lott (Whitney Peak) ist mit ihrem Vater Nick (Johnathan Fernandez) von Buffalo nach New York gezogen, eben damit sie hier zur Schule gehen kann. Ebenfalls zur Schule geht hier die aufstrebende Influencerin und Zoyas Halbschwester Julien Calloway (Jordan Alexander), die sich bemüht, sie irgendwie in ihre Obere-Zehntausend-Clique bestehend aus ihrem Freund Otto „Obie“ Bergmann (Eli Brown), Max Wolfe (Thomas Doherty), Audrey Hope (Emily Alyn Lind), Akeno „Aki“ Menzies (Evan Mock) und ihren „Berater*innen“ Luna La (Zión Moreno) und Monet De Haan (Savannah Lee Smith) zu integrieren. Durchaus zu deren Missfallen… einzig Obie entwickelt großes Interesse an Zoya.

Traumpaar?! Audrey Hope (Emily Alyn Lind) und Akeno „Aki“ Menzies (Evan Mock) // Foto: RTL / ©2021 WarnerMedia Direct, LLC. All Rights Reserved

Just in dem Moment taucht Gossip Girl wieder auf – in veränderter Form. Nicht mehr als Tracking-Website, sondern als Instagram-Feed und Tik-Tok-Heimsuchung. Zuerst sind die primär privilegierten und selbstgefälligen Privatschüler*innen irritiert, doch schnell beginnen sie Gossip Girl auch für ihre eigenen kleinen und größeren Pläne und Intrigen einzuspannen. Doch wer ist Gossip Girl? Diese Fragen stellen sich in der neuen Version, deren erste sechs Folgen seit heute auf RTL+ im Stream verfügbar sind (vormals TVNOW), lediglich die Protagonist*innen der Serie, wir uns hingegen nicht. Denn wir sehen direkt in der ersten Folge, wer aus welchem Grund Gossip Girl zurückbringt (es soll hier dennoch nicht verraten werden).

Von der Pflicht zur Kür

Zuerst irritierte das, zumal es wie die gesamte erste Folge, holprig und ein wüstes Durcheinander ist. Doch im Verlauf der Staffel entpuppt es sich als ziemlich smarter Schachzug, denn so fiebern wir Zuschauenden auf andere Art mit, fokussieren uns weniger auf das „Wer“ und stärker auf das „Wie“, sowohl in Hinblick auf den Ausbau ihrer Aktivitäten als auch auf das Interagieren der Handelnden untereinander im Lichte von Gossip Girl. Denn eines ist hier klar: Die Generation Z ist nach anfänglicher Unruhe weit weniger verunsichert von GG als die Millennials es waren. 

…oder Traumpaar?! Akeno „Aki“ Menzies (Evan Mock), Max Wolfe (Thomas Doherty, l.) // Foto: RTL / ©2021 WarnerMedia Direct, LLC. All Rights Reserved

Allerdings braucht das neue Gossip Girl etwas, bis es sich selbst gefunden hat. Nach der ersten Folge war ich recht enttäuscht. Weder überzeugte sie mich als Erweiterung der GG-Erzählung noch als neue, prickelnde eigenständige Soap mit Anspruch, was die Serie offensichtlich sein will. Aber so schnell gibt mensch nicht auf. Die zweite Folge wirkt wie ein Zwischending von etwas Neuem und dem Versuch, den Geist des Alten zu bewahren. Die dritte Folge (Regie: Jennifer Lynch), im Deutschen „Lügen und Wahrheiten“, fühlt sich wie eine knackige Hommage an, die auch endlich mal Gossip Girl nutzt, und es dennoch schafft, ihre Charaktere frei agieren und sich entwickeln zu lassen. Von hier an geht es stetig bergauf, bis zu einer sechsten Folge, die unterhaltsam, witzig, spannend, politisch und soapig ist.

Kein schwarz/weiß – dafür Nuancen

Ambitioniert ist definitiv ein Wort, das jemandem bei den ersten sechs, jeweils beinahe 60-minütigen Folgen einfallen kann; die zweite Hälfte mit sechs weiteren Folgen startet in den USA (bei HBO Max) in diesem Monat, eine zweite Staffel ist bestellt. Erfolgreich also ist die Serie. Verdient, denn wie erwähnt geht es uns nach dem recht wirren Start ab Mitte der Staffel nahe, was den Haupt- und Nebencharakteren hier passiert. Was insofern interessant ist, als dass es, vielleicht abgesehen vom seine Bisexualität ausgerechnet mit dem umtriebigen pansexuellen Max entdeckenden Aki, kaum wirklich sympathische Personen gibt. Jedenfalls keine Held*innen und schon gar keine Favorit*innen auf den ersten Blick. Dafür viele Persönlichkeiten, die alle ihre Vorzüge, ihre Schwächen und ihre entsetzlichen Seiten haben.

Julien, Luna La (Zión Moreno) und Monet De Haan auf einer Charity-Veranstaltung // Foto: RTL / ©2021 WarnerMedia Direct, LLC. All Rights Reserved

Andere Dinge werden nebenbei erwähnt, etwa, dass Luna La genau wie Schauspielerin Zión Moreno trans ist, Monet De Haan Frauen liebt und Max sowieso alles Heiße heiß findet, sich hier manches Mal verbrennt. Auch wird belohnt, wer aufmerksam dabei bleibt, denn viele kleine Dinge, tauchen später auf, spielen sich aus. Es scheint also nicht so, als hätten die Autor*innen um Joshua Safran hier Figuren entwickelt, die von Handlungsstrang zu Handlungsstrang komplett andere Menschen sind. Viel eher hadern sie mit sich, ihrer Umwelt, wissen aber doch um ihren Platz, um ihre potenzielle Macht und klar, ihre Privilegien. Am ehesten äußert sich dieser innere Kampf in Max, der nebenher noch mitansehen muss, wie die Ehe seiner Väter Roy (John Benjamin Hickey, Sublet) und Gideon (Todd Almond) in die Brüche zu gehen scheint. 

Julien erwägt ihre doppelt privilegierte Stellung – Geld und Reichweite – für mehr Gutes zu nutzen, gerade als eine Person of Colour, die eine Stimme hat; Zoya übernimmt ein wenig die Stimme der Moral, schlingert als Teenager aber auch; ihr geht jedoch dankenswerterweise die Selbstgerechtigkeit eines Dan Humphrey oder einer Vanessa aus dem Original ab. Große Probleme habe ich mit Tavi Gevinson als Kate Keller, einer jungen Lehrerin, die gänzlich fehlbesetzt und mit ihrer Rolle überfordert scheint. Was tragisch ist, ist sie doch (bisher) essenziell für die Handlung.

Julien und Max // Foto: RTL / ©2021 WarnerMedia Direct, LLC. All Rights Reserved

Viel bunt, viel Potenzial

In diese lässt sich übrigens problemlos einsteigen, auch für jene, die das Original nie gesehen haben. Natürlich gibt es ein paar Verweise auf dieses, auch tauchen hier und da Nebenfiguren auf (Nelly Yuki!), die jedoch übernehmen nicht die Folgen. Womöglich ist der Einstieg für Frischlinge gar etwas einfacher, weil die natürlich keine Erwartungshaltung verknüpfen, keine Vergleiche ziehen, Charaktere nicht erst danach abklopfen ob dieser oder jene der oder dem entsprechen sollen.

BFFs: Julien und Audrey // Foto: RTL / ©2021 WarnerMedia Direct, LLC. All Rights Reserved

So ist die Serie noch am Werden und bewegt sich irgendwo zwischen der funkelnden Oberflächlichkeit mit kapitalismuskritischen Tönen von Élite und der tiefschürfenden, charmanten, klassenkritischen Charakterstudie Young Royals, scheint aber recht weit weg vom Original, ganz dem Anspruch einer neuen Generation entsprechend, etwas Eigenes sein zu wollen. Eine Riege von talentierten Hauptdarsteller*innen, die ihre Rollen ebenso erforschen wie verkörpern zu wollen scheinen, helfen der Serie, sich von manch anderen Formaten abzuheben.

Darüber hinaus bietet Gossip Girl feine One-Liner, popkulturelle Referenzen für die Generationen Y und Z, klasse Musik, tolle Gastdarsteller*innen, Sexiness aller Couleur fehlt ebenso wenig wie Alkohol jeden Geschmacks, edle Outfits und pompöse Shows (jedenfalls so pompös, wie es sich in Corona-Zeiten inszenieren ließ) und natürlich das eine oder andere, teils bewusst provozierte Missverständnis. Zwar feiere ich die Serie noch nicht so sehr, wie es mir gewünscht hätte, doch ist sie fix auf meiner Watchlist. Das Potenzial ist riesig und die Macher*innen scheinen Bock drauf zu haben. In diesem Sinne:

XOXO, Eure queer-reviewer

PS: Wie so oft empfehlen wir jenen, die englisch können und mögen die Originalversion; die Synchronisation allerdings ist durchaus ziemlich gut und tut nicht weh. 

Artwork zu Gossip Girl 2.0 // RTL / ©2021 WarnerMedia Direct, LLC. All Rights Reserved Die Verwendung des sendungsbezogenen Materials ist nur mit dem Hinweis und Verlinkung auf TVNOW gestattet.

Gossip Girl ist seit heute auf dem Streamingportal RTL+ verfügbar; ebenfalls findet ihr dort die ersten fünf von sechs Staffeln des Originals.

Gossip Girl – Staffel eins, Teil eins; USA 2021; Showrunner: Joshua Safran; Regie: Karena Evans, Jennifer Lynch, Pamela Romanowsky; Drehbuch: Joshua Safran, April Blair, Lila Feinberg, Courtney Perdue, Baindu Saidueine, Aaron Fullerton, Ashley Wigfield; Darsteller*innen:  Whitney Peak, Jordan Alexander, Tavi Gevinson, Eli Brown, Thomas Doherty, Emily Alyn Lind, Evan Mock, Jonathan Fernandez, Adam Chanler-Berat, Zión Moreno, Savannah Lee Smith, Jason Gotay, Todd Almond, Laura Benanti, Luke Kirby, Megan Ferguson, Lyne Renée, John Benjamin Hickey, Malcom McDowell, Hettienne Park; 6 Folgen, Laufzeit jeweils ca. 56 Minuten; FSK: 12; ein Produktion von Fake Empire und Alloy Entertainment in Zusammenarbeit mit Warner Bros. Television und CBS Studios; seit 4. November auf RTL+ verfügbar, auch in OV

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