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„Ja, man muss halt auch mal reden“

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Zuletzt aktualisiert am 07/08/2020

Es ist durchaus schön und begrüßenswert, wenn Filmemacher.innen sich an einen Stoff herantasten. Sie vorher nicht jedes Detail im Kopf haben, die Dinge sich entwickeln lassen, nicht nach vollendeter Form – und somit gern auch Formelhaftigkeit – streben und der Stoff sich wirklich mit dem Entstehungsprozess entwickelt. Jedoch sollte es wohl doch neben schemenhaften Vorstellungen ein gewisses stabiles Gedankenkonstrukt geben. Sonst kann das Ganze auf die Zuschauenden nicht nur ein wenig zusammengewürfelt wirken, sondern im schlimmsten Fall wie ein von oben herab inszeniertes Indie-Ideen-Mischmasch. Leider, wirklich leider, fällt Lichtes Meer in diese Kategorie.

Bild minus Sprache ≠ Bildsprache

Der Film beginnt in einem etwas abgelegenen Winkel Mecklenburg-Vorpommerns, es ist März und noch immer liegt Schnee. Marek (Martin Sznur) verbringt die letzten Tage vor seiner Abreise zum Studium nach Berlin auf dem Bauernhof seiner Eltern und aus dem Off erklingt seine Stimme, wie er eine vielleicht wirklich nur als Gedanken stattfindende E-Mail an Jean (Jules Sagot) schreibt. Von nun an geht es in eine lange Rückblende, die zeigt, wie Marek, der als Aushilfsmatrose auf einem Schiff angeheuert hat, den Schiffsmechaniker Jean kennen-, ficken und wohl auch lieben lernt. Das Ganze wird „begleitet“ von teilweise schwelgerischen See-, Containerschiff- und Landschaftsbildern. 

Das Wort „begleitet“ gehört in Anführungsstriche, da letztlich die Handlung um die beiden Jungs eher die Bilder begleitet. So als baute man in eine Dokumentation um die See und ein Containerschiff noch einen Plot um das Leben eines Matrosen ein. So wartet der Zuschauende dann auch das eine oder andere Mal auf die sonore Stimme David Attenboroughs, der etwas von faszinierenden Wolkenspielen und außergewöhnlichen Glühwürmchen-Effekten erzählt.

Mensch, der aufs Wasser starrt // Foto: © Edition Salzgeber

Grundsätzlich ist gegen schöne Bilder, eine starke Bildsprache und diese zu nutzen, um einen Teil der Handlung zu vermitteln, nichts zu sagen… Allerdings… wenn die Bildsprache völlig losgelöst von der Handlung steht, dann stimmt etwas nicht und dann ist sie auch nicht stark. Dann sind es bewegte Dias. Zumal die Bilder zu einem Teil schlicht nicht sonderlich schön gemacht sind; andere wiederum sehr.

Sex in einer geräumigen Kajüte

Im folgenden Abschnitt stecken leichte Spoiler zum Handlungsverlauf. Da im Grunde jedoch keine Handlung stattfindet, ist diese Warnung quasi überflüssig.

Auf der Handlungsebene bleibt es dann ähnlich mau. Das kann man das wohl schon fast wieder rund nennen. Marek trifft Jean erstmalig, als er ihn beim Vorspiel mit einem anderen Kerl erwischt. Dann frühstücken sie im Hotel, gehen einen heben, reisen gemeinsam zum Ersatzschiff, als das ihnen eigentlich zugewiesene Containerschiff einen Motorschaden hat … all das unterlegt von tagebuchhaften Kommentaren Mareks aus dem Off, Dialoge finden eher kaum statt. Was auch durch ihre französisch-deutsche Sprachbarriere glaubhaft erscheint und an sich ein charmanter Kniff sein könnte. Ist es aber nicht. Mareks Kommentare wirken eher als sollten sie schon einmal den Blindenton vorwegnehmen. 

Als sie schließlich in der sehr, sehr geräumigen Kajüte von Marek Sex haben ist das recht authentisch und wirklich nett anzusehen. Wie sie sich erst küssen, dann anpacken, schließlich Marek Jean mit triebhafter Leidenschaft vögelt, das ist einigermaßen heiß. Nach romantischen Begehren oder einer aufkeimenden Verliebtheit sieht es allerdings überhaupt nicht aus. Eher wie ein guter, zu selten stattfindender, One-Night-Stand. 

Marek schaut nach vorn und wir hinten drauf. // Foto: © Edition Salzgeber

So wirkt die ganze Liebesgeschichte dann auch absolut unglaubwürdig und schlicht an den Haaren herbeigezogen. Als Marek auf einmal eifersüchtig zu werden scheint, passiv-aggressiv auftritt und schließlich bei einem nett bebilderten Landausflug zickig wird, weil er ja etwas von Jean wolle und der so oberflächlich sei. Woher kommt das? Alles, was man als Zuschauender spürt, ist physische Lust, kein emotionales Verlangen. Hinzu kommt noch, das Marek dann auch entdeckt, dass dieses ganze Schiffgeschrubbe unsexy ist und sich entscheidet, doch nicht an Bord zu bleiben, es aber versäumt dies seinem vermeintlichen Love-Interest mitzuteilen. Keine Ahnung, ob das eine WTF-Wendung im Film sein sollte, aber es kommt einfach alles konstruiert und ärgerlich und dann doch wieder völlig belanglos rüber. Am etwas mysteriös wirken wollenden Ende gibt es dann nochmals eine Nacktszene (durch eine Orange, die zuvor in einer Erzählung vorkommt, vor in-die-Fresse-Symbolik triefend & am Ende des Trailers bereits zu sehen), so als wolle man den dafür empfänglichen Zuschauenden für das Fehlen jeglicher Handlung entschädigen oder fürs Durchhalten belohnen.

Nicht richtig schlecht, aber definitiv nicht gut

Das soll vermutlich alles ein stilles, primär ernstes, Charakterdrama sein, mit Augenzwinkern einem etwas sturz-verknallten und vom Leben verunsicherten jungen Erwachsenen gegenüber, dazu eine nautisches Tagebuch (was Regisseur Stefan Butzmühlen auch in einem Interview durchscheinen lässt), ein musikalisches (Seemannsmusik, weihnachtlich-meditativer Score und zwischen etwas aus Madame Butterfly) Verneigen vor der See und statt wort- eben bildgewaltiges Romantikdrama. Das alles ist es nicht. 

Plakat // © Edition Salzgeber

Lichtes Meer ist von allem etwas. Doch nichts ist zu Ende gedacht oder gebracht, dafür trotz einer Laufzeit von nicht einmal 80 Minuten von vielen Längen durchzogen. Der Film ist nicht einmal so richtig schlecht, er hat interessante Elemente, die aber zu einem großen Nichts zusammenkommen und sich vor allem durch ständige Wiederholung abnutzen und dann nerven. Also nicht richtig schlecht, aber ebenso absolut nicht gut. 

Lichtes Meer; Deutschland 2014/2015; Regie: Stefan Butzmühlen; Drehbuch: Jan Künemund & Stefan Butzmühlen Musik: Fabrizio Tentoni; Kamera: Jonas Schmager; Darsteller: Martin Sznur, Jules Sagot; Laufzeit: ca. 79 Minuten; FSK: 12; Edition Salzgeber; erhältlich auf DVD (ca. 15,00 €), als VoD und Download

AS

Seht hier den Trailer:

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