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„Kämpfen und hart arbeiten“ – Christian Lindner im ARD-Sommerinterview

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Zuletzt aktualisiert am 15. Juli 2020

Dieser Text erscheint im Rahmen unserer Reihe Parlamentarische Pause ≠ politische Pause. Wir werden in der sommerlichen Zeit weiterhin politische Bücher besprechen, uns mit den Sommerinterviews von ARD und ZDF beschäftigen, selber Schwerpunktthemen setzen, Interviews führen und uns einiges Spannendes einfallen lassen. Am Ende steht ein Fazit, wie wir den Sommer mit und für euch erlebt haben.

Nachdem in der vergangenen Woche die Noch-CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer zur Fragerunde beim Bericht aus Berlin-Sommerinterview angetreten war, nahm sich Tina Hassel am gestrigen Sonntag des Vorsitzenden sowohl der Partei FDP, als auch ihrer Bundestagsfraktion, Christian Lindner, an. Lindner zeigte sich nachdenklich, aber nicht weniger ambitioniert und kampfeslustig als man ihn gemeinhin kennt. Gesprochen wurde über die coronabedingten Einschränkungen, Bildung, natürlich Thüringen, die Umfragewerte der FDP und Kühe. 

Corona und der „Sündenfall von Thüringen“

Tina Hassel konfrontierte Lindner damit, dass er im Zusammenhang mit den Corona-Maßnahmen von Freiheitsberaubung gesprochen habe, daran könne er sich allerdings nicht erinnern und Tina Hassel hatte ihre Quelle auch nicht prompt parat. Lindner sagte, er würde eher von Freiheitseinschränkungen sprechen, die es ja durchaus gab und die auch erst einmal richtig gewesen seien. Nun mache es aber wenig Sinn, großflächig zu agieren und immer mit einer hypothetischen Situation zu argumentieren. Bezogen auf den von der Regierung zugesagten und nun in wesentlichen Teilen zurückgezogenen Pflegebonus, fragte Hassel den FDP-Vorsitzenden, ob es diesen denn auch für Pfleger.innen im Krankenhaus geben sollte. Er wolle sich da nicht festlegen, aber wenn man eine solche Zusage mache, dann müsse sie eben für alle gelten.

Zu einem vom grünen Ökonomen Marcel Fratzscher eingeblendeten Clip, dass die Krise das Ende des Neoliberalismus bedeute, gab Lindner sich verwirrt und sagte, seine Partei stünde doch für soziale Marktwirtschaft. Punkt. Solide.

Nach gut der Hälfte kam man schließlich auf den „Sündenfall von Thüringen“ (Tina Hassel) zu sprechen. Wie es scheint, will Thomas Kemmerich dort zur 2021 anstehenden Landtagswahl erneut als FDP-Spitzenkandidat antreten. Was Lindner dazu sage, wollte Tina Hassel wissen. Ganz klar, nicht optimal, aber er könne und dürfe dem FDP-Landesverband Thüringen nicht vorschreiben, wen er aufzustellen habe und wen nicht. Tina Hassel hakt nach, es handele sich schließlich um den Mann, der bei einer von Rechtsradikalen organisierten sogenannten Hygiene-Demo mitlief. Lindner könne doch wenigstens mit den Leuten reden und die Schwierigkeit der Personalie verdeutlichen. Da ist natürlich durchaus etwas dran und der Einfluss eines Bundesvorsitzenden auf die Landesverbände ist nicht null. Erinnern wir uns: Kemmerich trat schließlich nach einem Gespräch mit Lindner zurück und AKK kündigte als Konsequenz ihrer Handlungsunfähigkeit in Bezug auf den CDU-Landesverband Thüringen in der Causa Kemmerich ihren Rückzug als Vorsitzende an. 

Lindner schloss allerdings aus, dass so etwas noch einmal passieren würde, denn nun wisse man, dass die AfD trickse und würde nicht erneut in so eine Falle tappen. Das ist, nun ja, sagen wir mal dieses Argumentationskonzept funktionierte schon im Februar und März 2020 nicht so wirklich. In einem Einspieler sagt übrigens die bekannte FDP-Verteidigungsexpertin Marie-Agnes Strack-Zimmermann Kemmerich habe der Partei großen Schaden zugefügt, habe die Wahlen in Bayern und Hamburg zerstört und dass sie hoffe, er nähme nun Rücksicht und würde sich einrollen. Das ist alles wahr und ihre klare Haltung ist ebenso nicht neu. Strack-Zimmermann befindet sich derzeit im Wahlkampf um das Amt der Düsseldorfer Oberbürgermeisterin.

Schlechte Umfragen & soziale Medien

Zu den derzeit schlechten Umfragewerten sagt Lindner, dort kämen Thüringen und Corona zum Tragen, im Januar stand man immerhin noch bei um die 10 Prozent. Abwarten, kämpfen und hart arbeiten sind das Credo. Gefragt, ob er 2021 oder 2025 Kanzler werden wolle, gab er an, 2021 in die Regierungsverantwortung starten zu wollen. Linda Teuteberg sei im Übrigen ein wichtiger Teil des Teams; damit ließ er die Frage um ihre Zukunft mehr oder minder ins Leere laufen. Gerhart Baum, der in der berlin direkt-Sendung vom 5. Juli Teuteberg harsch kritisiert und ihr im Grunde Kompetenz abgesprochen hatte, wurde mit seiner medienwirksam geäußerten Kritik, dass die FDP zu weit nach recht rücke, zitiert. Ob Lindner mit ihm gesprochen habe? Nein, habe er nicht, Herr Baum teile seine Kritik halt gern über die Medien, statt persönlich (stimmt, siehe vorherigen Satz) und außerdem sage er das seit 1982 (stimmt auch) und es sei hier auch unzutreffend. Lindner pariert in diesem Moment sehr gut und lässt keinen Zweifel an seiner Haltung zu.

Christian Lindern beim Sommerinterview mit Tina Hassel. Und seine Lieblingsfarbe ist heute blau.

Schlussendlich geht es um seine Präsenz in den sozialen Medien und ein Bild mit einem Kalb, welches er streichelt *awww* und das ist zwar erheiternd, aber was genau das nun so soll, bleibt irgendwie unklar. Jedenfalls war Lindner, um es mit einem ehemaligen SPD-Vorsitzenden zu sagen, dann wohl dort, wo es stinkt. 

Vor dem Parteitag im September sollte die Partei noch in sich gehen

Im Format Frag selbst äußerte er sich u. a. zum Hass gegenüber politischen Mandatsträgern (damit müsse man irgendwie umgehen können); Philipp Amthor und Lobbyismus (Lobbyregister sei notwendig, wie es bereits auch viele seriöse Unternehmen und Verbände forderten, aber es müsse dann auch für NGOs wie bspw. die Deutsche Umwelthilfe gelten); Frauenquote (FDP habe eine Zielvereinbarung); Lieblingsfarbe (heute blau); Wasserstoff (wichtig, noch zu teuer, aber in die Forschung und Herstellung investieren).

Danach gefragt, ob es ein Rassismusproblem innerhalb der Polizei gebe, antworte Christian Lindner: „Naja, wenn wir eine Studie machen wollen, kann ich das als Politiker ja nicht vorwegnehmen, indem ich so oder so sage.“

Der FDP-Vorsitzende ist im Sommerinterview der ARD also einigermaßen oben auf, wenn er Sorge haben sollte, dass die FDP bei der Bundestagswahl 2021 eventuell wieder von den Wähler.innen in die außerparlamentarische Opposition geschickt werden könnte, so ließ er sich diese nicht anmerken. Nichtsdestotrotz ist es ganz klar, dass die Partei sich ein wenig wandeln und nicht nur, aber auch, in der Außenwahrnehmung deutlich anders aufstellen muss und dazu sollte unbedingt die parlamentarische Sommerpause genutzt werden, sodass vom für den 19. September geplanten Bundesparteitag deutliche Zeichen ausgesendet werden können.

AS

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