Kate Winslet und die beschissene Homophobie in Hollywood

Heute Morgen machte uns ein Bekannter auf einen Beitrag zu einem Interview mit der Schauspielerin Kate Winslet aufmerksam. Sie merkte in dem Gespräch unter anderem an, dass sie mehrere Schauspielkolleginnen und -kollegen kenne, die sich nicht trauen würden, sich zu outen, sich öffentlich zu ihrer Homo- oder Bisexualität zu äußern. Ja, denen gar von ihren Agenten davon abgeraten würde, sich öffentlich zu outen. Sie hätten Angst „erwischt zu werden“, so Winslet, und das fände sie entsetzlich. Unser Bekannter warf nun die Frage auf: Stehen die deutlichen Einlassungen Winslets dafür, dass der Geist von #ActOut auch die USA erreicht hat? 

Soweit würden wir wohl nicht gehen, aber durchaus feststellen, dass die Debatte um Coming-outs, darum öffentlich zur eigenen Sexualität zu stehen und die Probleme, die dies mit sich bringen kann, auch in den USA wieder aufzukommen beginnt. Begonnen hat das womöglich mit den Gesprächen darüber, ob nur noch offen queere Schauspielerinnen und Schauspieler auf queere Rollen besetzt werden sollten, die parallel auch in Großbritannien geführt wurde und durchaus fruchtbar war, wenn man mal von jenen absieht, die versuchten, die die Debatte anstoßenden Äußerungen als absolute Worte zu missinterpretieren. 

Hat Kate Winslet eine lesbische Rolle „gestohlen“?

Nun also Kate Winslet, die selber zwar nicht zur LSBTIQ*-Community gehört, aber als Verbündete gelten darf. In Deutschland startet aller Voraussicht nach am 26. August ihr neuer Film Ammonite, in dem sie die britische Fossiliensammlerin Mary Anning verkörpert, über deren eigene Sexualität nicht viel bekannt ist. Im Film von Francis Lee (God’s Own Country) ist sie jedenfalls lesbisch und beginnt eine Affäre mit der von Saoirse Ronan verkörperten Charlotte Murchison. Unsere Besprechung zum Film lest ihr natürlich noch vor dem offiziellen Start.

Kate Winslet als Mary Anning und Saoirse Ronan als Charlotte Murchison in Ammonite. // © Pyramide Films/Neon

Auch hier könnte die Frage aufkommen: Wieso wurde die Rolle nicht mit einer lesbischen oder queeren Schauspielerin besetzt (Sarah Paulson geht ja gerade immer)? Hat Winslet sie gar einer Kollegin weggenommen? Eher nicht, wie sie meint, da die Rolle ausschließlich ihr angeboten worden sei und sie darin auch die Möglichkeit sehe, eine „LGBTQ-Geschichte in die Wohnzimmer“ zu bringen. Da ist etwas dran. Von anderen queer-thematischen Projekten ist bekannt, das sie nach Ausscheiden eines großen Namens gar nicht erst umgesetzt wurden. Genau dieses verdeutlicht dann auch das Problem: Viele der großen Namen trauen sich nicht, sich zu outen. Aus Angst vor einem Karriereknick, Angst vor der Reaktion, mal ganz abgesehen davon, dass ein Coming-out zwar immer auch etwas Politisches an sich hat, dennoch aber eine sehr persönliche Angelegenheit ist.

„Ich will nicht entdeckt werden.“

Das sagt auch Winslet: Dass es durchaus Schauspieler*innen gebe, die sich aus persönlichen Gründen nicht outen würden und dies dann auch niemanden etwas angehe. Dennoch stelle sie fest, dass es einen „allgegenwärtigen Glauben in einigen Ecken Hollywoods“ gebe, dass „schwule Schauspieler nicht heterosexuell spielen können.“ Sie nennt das ganz treffend „veralteten Mist“ und sagt, beobachtet zu haben, dass es gerade dadurch Männern schwerer falle und gemacht werde, zu ihrer Homo- oder Bisexualität zu stehen. Sie sagt: „Ich kann mindestens an vier Schauspieler denken, die ihre Sexualität vollkommen verstecken. Es ist schmerzhaft, denn sie fürchten, dass es rauskommen könnte. Und das ist was sie sagen: ‚Ich will nicht erwischt werden.‘“ Hollywood (und die westliche Welt) im Jahr 2021, ihr Lieben.

Winslet sagt, diese Haltung à la „Homos können nicht Hetero“ sollte beinahe illegal sein und es sei dabei kaum zu fassen, wie weit verbreitet sie sei und dass sie schon daher Unsinn sei, da ja viele homosexuelle Schauspielerinnen und Schauspieler heterosexuelle Parts übernähmen, nur seien sie eben nicht geoutet. So lässt sich also vermuten, dass hier in erster Linie tiefe, internalisierte und auch sehr individuelle Homophobie den Ton angeben und vieles andere, auch die Angst vor Flops bei queeren Hauptdarstellerinnen und Hauptdarstellern, oftmals vorgeschoben ist. 

Einer der Gründe, dass sie sich so dezidiert äußere, sei, sagt Winslet, dass sie sich wünsche, dass sich Nachwuchstalente in Bezug auf ihre Karrieren sicherer fühlen könnten. Sie wolle Hollywood weder tyrannisieren noch thematisch übernehmen, aber über diese Probleme müsse geredet werden. „Wir sprechen hier von jungen Schauspielenden, die möglicherweise erwägen, voll in das Gewerbe einzusteigen und da muss es einen Weg zu mehr Offenheit geben. So dass es weniger Verurteilung, Diskriminierung und Homophobie gibt.“

Verlogener Anspruch und vorgespiegelte Wirklichkeit

Damit hat die oscarprämierte Winslet vollkommen recht und wir sind wieder beim Problemkreislauf: Die etablierten unter den queeren Schauspielerinnen und Schauspielern trauen sich meist nicht, sich zu outen, somit gibt es auch kaum Beispiele, die als Erfolg verbucht werden könnten (im wörtlichen wie übertragenen Sinne). Das wiederum führt dazu, dass eine „so wie wir es immer gemacht haben“-Mentalität Bestand zu haben scheint, obwohl dieser Bestand Homophobie und Intoleranz bedeutet und befördert und eine Wirklichkeit vorspiegelt, in der Homophiles und Queeres nur mit gelebter Heterosexualität verknüpft erfolgreich sein könne. Das führt dann dazu, dass eine Rolle wie die von Mary Anning in einem ambitionierten Filmprojekt nur Kate Winslet angeboten wird. Und die Jüngeren fügen sich dem, wenn man von manch einer Ausnahme absieht, bei denen aber auch gesagt werden kann, dass sich viele von ihnen ohnehin eher im Indie-Genre bewegen oder durch Förderinnen und Förderer wie Shonda Rhimes und Ryan Murphy bis zu einem gewissen Grad den Rücken freigehalten bekommen, doch auch hier bleibt der große Sprung zu einer Blockbuster-Hauptrolle aus. 

Dieses Gespräch muss also geführt werden, dort wie hier, denn es geht dabei nicht nur um eine individuelle Angst vor einem Coming-out, es geht nicht nur um die eigene Person, sondern es geht um eine Umgebung, die eine Angst schürt und ein Menschenbild vermittelt, das weder in die Zeit noch zu dem nach außen vermittelten Anspruch passt.

Und dieses sollte sich auf gar keinen Fall auf weitere Generationen übertragen. Doch genau das passiert gerade. Um noch einmal die gute Kate heranzuziehen: „Ich kann gar nicht sagen wie viele junge Schauspielende ich kenne – einige bestens bekannt, andere am Anfang stehend – denen es davor graut, dass ihre Sexualität offenbart werden wird und dass das ihnen im Weg steht auf heterosexuelle Rollen besetzt zu werden. Nun, das ist abgefuckt.“ Ja, ist es.

Eure queer-reviewer

About the author

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.