Keine Konversion in Tschetschenien

Am heutigen Abend gibt es gleich zwei sehr empfehlenswerte wenn auch schwere Dokumentationen auf arte zu sehen. Den Beginn macht um 20:15 Uhr der Film Wie krank ist Homo-Heilung?, der sich mit Konversionstherapien, ihren Folgen, den Hintergründen und damit verbundenen Netzwerken beschäftigt. Im Anschluss um 21:50 Uhr sendet der Kultursender die sehr wichtige und schwer verdauliche Dokumentation Achtung Lebensgefahr! LGBT in Tschetschenien, in dem eine Gruppe russischer LSBTIQ*-Aktivist*innen versucht, tschetschenische Lesben und Schwule aus dem Land zu schmuggeln. 

Netzwerke der „Homo-Heilung“ und des Schmerzes

In Deutschland hat der Bundestag vor ziemlich genau einem Jahr, im Mai 2020, einem Gesetzentwurf von Gesundheitsminister Jens Spahn zugestimmt, der sogenannte Konversionstherapien verbietet. Denn bis heute gibt es weltweit Geistliche und Therapeuten, die Menschen von ihrer homosexuellen Orientierung „heilen“ wollen – mit gravierenden psychischen und gesundheitlichen Folgen für die Betroffenen.

Zeichnung, die eine Exorzismusszene darstellt und die aggressive Konversionsmethoden an Homosexuellen verurteilt. // © Ego Productions/ARTE France

Der investigative Dokumentarfilm Wie krank ist Homo-Heilung? spürt Netzwerke auf, die äußerst fragwürdige Konversionstherapien betreiben – mit gravierenden psychischen und gesundheitlichen Folgen für die Betroffenen. Elektroschocks, frontale Lobotomien, Hormonbehandlungen und Aversionstherapien – seit Homosexualität in der WHO-Klassifizierung nicht mehr als psychische Erkrankung geführt wird, gelten diese dubiosen Praktiken eigentlich als verschwunden. Doch an ihre Stelle sind andere, ebenso grausame und menschenverachtende Methoden getreten, die weiterhin weltweit verbreitet werden. Wie es um solche Pseudotherapien steht, haben Bernard Nicolas und sein Journalistenteam zwei Jahre lang in den USA, in Frankreich, Deutschland, Polen und der Schweiz ermittelt.

Benoit Berthe berichtet, dass ihn seine streng katholischen Eltern vom 15. bis zum 18. Lebensjahr in ein Sommerlager für Homosexuelle schickten, die dort umerzogen werden sollten. // © Ego Productions/ARTE France

In den Vereinigten Staaten bekennen sich evangelikale Vereinigungen lautstark zu ihren Praktiken. In Frankreich, Deutschland und der Schweiz dagegen verhalten sich Katholiken und Evangelikale zurückhaltender, selbst wenn einige dieser „Heiler“ hohes Ansehen genießen und ein florierendes Geschäft betreiben. Der Dokumentarfilm enthält erschütternde Aussagen von Opfern, die erstmals vor der Kamera über die von ihnen erlittenen Qualen sprechen. So berichtet Benoit, dass ihn seine streng katholischen Eltern vom 15. bis zum 18. Lebensjahr in ein Sommerlager für Homosexuelle schickten, die dort umerzogen werden sollten. Deb (auf dem Beitragsbild oben rechts), die Tochter eines evangelikalen Paares aus Arkansas, verfiel nach schlimmen Exorzismus-Sitzungen in eine tiefe Depression. Auch Jean-Michel erlitt die verheerenden Auswirkungen von Teufelsaustreibungen; er wähnte sich lange vom Dämon der Homosexualität besessen und kämpfte mehrere Jahre gegen seine sexuellen Bedürfnisse an, da er sie für unvereinbar mit seiner Religion hielt. Ewa wiederum musste qualvolle Heilungsmessen, Umerziehungslager und Elektroschocks über sich ergehen lassen, die sie von ihrer Homosexualität „erlösen“ sollten.

Alan Chambers (li.), letzter Präsident der US-amerikanischen Organisation Exodus International, erkannte 2013, dass Therapien für homosexuelle Menschen gefährlich sind und entschuldigte sich für das Leid, das viele dadurch erlitten hatten. // © Egodoc Production/ARTE France

Ein wichtiger Film, der an die Nieren geht

Besonders ans Herz legen wollen wir euch aber den die Nieren gehenden Dokumentarfilm von David France über verfolgte LGBT* in Tschetschenien, der sonst auch unter dem Originaltitel Welcome to Chechnya bekannt ist. Wer meint, schon in Russland hätten es Menschen der LSBTQ*-Community nicht leicht – was stimmt – wird die erschreckende Realität von Verfolgung, Repression, Gefahr für Leib und Leben für queere Menschen in Tschetschenien entsetzt verfolgen. 

In dem Land, das russische Teilrepublik ist, findet unter Staatschef Ramsan Kadyrow (über den zum Abschluss des Abends noch die Dokumentation Kadyrow, der Schreckliche läuft) seit 2016 eine brutale Kampagne zur sogenannten „Blutsäuberung“ von tschetschenischen LSBT*-Personen statt. Es kommt zu staatlich bewilligten Einsätzen, in denen Menschen inhaftiert, gefoltert und hingerichtet werden. Da dieses Vorgehen international kaum verurteilt wird und der Kreml untätig bleibt, ergriff ein breites Untergrundnetzwerk von Aktivist*innen die Initiative. Zahlreiche Menschen wurden bereits getötet, noch mehr Personen werden vermisst.

Achtung Lebensgefahr! LGBT in Tschetschenien Regisseur David France setzt die neue digitale „Face Double“-Technik ein, um die Anonymität der Betroffenen zu wahren. So können die Überlebenden ihre Geschichten erzählen. In ihren Safe Houses kehrt zumindest ein wenig Ruhe ein – vorerst. // © Public Square Films/ARTE France

Der investigative Dokumentarfilm Achtung Lebensgefahr! LGBT in Tschetschenien begleitet diese unerschrockenem und unterfinanzierten Aktivist*innen, die im Kampf gegen die andauernde Anti-LSBTQ*-Verfolgungswelle ihr Leben riskieren. Die Gefahr für die Helfer*innen wird im Film sehr deutlich und Zuschauer*innen mögen sich den Mord im Tiergarten ins Gedächtnis rufen, um sich klar zu machen, dass, wer sich einmal mit dem Regime anlegt, immerfort in Gefahr ist und immer wieder fliehen muss und nie, nie, niemals sicher ist und sein wird.

Die vergebliche Suche nach Anerkennung

In dem Dokumentarfilm, der auch in der Sektion Panorama der Berlinale 2020 gezeigt wurde, kommen Hilfe suchende homosexuelle Männer und Frauen zu Wort, die offen ihre Geschichten erzählen. Zur Wahrung der Anonymität derer, die um ihr Leben fürchten und fliehen müssen, verändert France die Stimmen und nutzt Pseudonyme. Außerdem setzt er die neue digitale „Face Double“-Technik ein, die auch als „Game Changer für den Identitätsschutz“ bezeichnet wurde (siehe z. B. das linke Beitragsbild). So können die Überlebenden ohne Angst vor Repressalien ihre bewegenden und schmerzhaften Geschichten erzählen. Einer der Geflüchteten – Maxim Lapunov – jedoch „demaskiert“ sich, da er öffentlich Wiedergutmachung forderte und Aufmerksamkeit auf das Thema lenken wollte. Auch erwähnt wird die Geschichte des Verschwindens des schwulen tschetschenischen Sängers Zelim Bakaev oder der Tochter eines einflussreichen Tschetschenen, deren Flucht nicht nur durch die Kontakte der Familie erschwert wurde. 

Auf der Suche nach Wiedergutmachung: Maxim Lapunov (liegend). // © Public Square Films/ARTE France

Mittels eines offenen Austauschs mit den Aktivist*innen – vom Russian LGBT Network bis zum Moscow Community Center for LGBT+ Initiatives – berichtet dieser Dokumentarfilm von Grausamkeiten, die kaum Beachtung finden und von den Gefahren, darüber überhaupt zu sprechen. Er zeigt mit versteckten Kameras, mobilen Telefonen, GoPros und Handykameras die Arbeit der Notruf-Hotline und eines großen Netzwerks von Unterstützer*innen, die Organisation von Notunterkünften, Safe Houses und sicherem Geleit. Immer wieder auch die Lebensgefahr zeigend, derer sich die Helfer*innen aussetzen. Auch deren Ohnmacht in manchen – auch mal vermeidbaren – problematischen Momenten wird gezeigt. 

Ziel Kadyrows ist es natürlich, seine Republik „sauber“ zu halten, und ganz wie der frühere iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad es über den Iran sagt, behauptet auch Ramsan Kadyrow, dass es in Tschetschenien keine Homosexuellen gäbe. Beim Abschluss des Films konnte das LGBT-Netzwerk 151 Menschen helfen, rund 40.000 Menschen leben weiterhin versteckt.

Erschöpft von andauernder Flucht und ungewissem Ausgang. // © Public Square Films/ARTE France

Beiden Dokumentationen ist gemein, dass sie ihre Themen mit einer selten gesehenen Kraft angehen. Insbesondere aber die Tschetschenien-Dokumentation wagt sich in ein Territorium vor, das in dieser Art vollkommen neu und von einem Mut geprägt ist, wie wir ihn nur selten sehen. Zurecht wurden die Aktivist*innen David Isteev, Olga Baranova und Maxim Lapunov mit dem Teddy Activist Award ausgezeichnet, ebenso erhielt der Film unter anderem den Amnesty International Filmpreis oder den Pink Dragon Audience Award des slowenischen Ljubljana LGBT Film Festivals.

Wie krank ist Homo-Heilung? läuft am 18. Mai um 20:15 Uhr auf arte; Achtung Lebensgefahr! LGBT in Tschetschenien direkt im Anschluss um 21:50 Uhr (arte und auch wir weisen darauf hin, dass die zweite Dokumentation nicht für Kinder, Jugendliche oder empfindsame Zuschauer*innen geeignet ist) – beide Filme sind noch länger in der Mediathek verfügbar – siehe unten. Um 23:35 Uhr folgt Kadyrow, der Schreckliche, auch dieser leider sehenswerte Film ist in der Mediathek verfügbar.

Der Dokumentarfilm berichtet von den Grausamkeiten und Gefahren, denen LGBT-Aktivisten in Russland ausgesetzt sind. Uneingeschränkter Zugang und ein bemerkenswerter Ansatz zum Schutz der Anonymität enthüllen die Gräueltaten des Systems. // © Public Square Films/ARTE France

Wie krank ist Homo-Heilung?; Frankreich, 2019; Regie: Bernard Nicolas; Produktion: Ego Productions; Laufzeit: ca. 95 Minuten; bis zum 15. August 2021 in der arte-Mediathek verfügbar

Achtung Lebensgefahr! LGBT in Tschetschenien (OT: Welcome to Chechnya); USA, 2020; Regie: David France; Produktion: Public Square Filme; Laufzeit: ca. 104 Minuten; bis zum 16. Juli 2021 in der arte-Mediathek verfügbar

Eure queer-reviewer (mit Textelement von arte zur Handlungsbeschreibung) – Beurteilung und Wertungen zu den Filmen sind natürlich absolut unsere ganz eigenen. 

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