Keine schwulen Profifußballer, nirgends?!

Beitragsbild: Benjamin Näßler setzt zu einem Tritt an – er hat lange mit sich gerungen, ob er sich offen zum Schwulsein bekennen soll. // Foto: © ZDF/Philip Flämig

Die neue Dokumentation „In der Abseitsfalle – Kein Coming-out im Fußball?“ geht eben dieser Frage und dem „Warum?“ nach. Darüber hinaus beleuchtet sie positive Signale aus dem Profifußball – wenn es auch themenbedingt gedimmtes Licht bleibt. Eine kommentierende Besprechung. 

Es wird davon ausgegangen, dass fünf bis sieben Prozent der deutschen Männer homosexuell sind. Die Frage, ob diese Schätzung auch auf den Profifußball zutrifft, taucht immer mal wieder auf – möglicherweise ist sie dort wesentlich geringer, da Homosexuelle gar nicht dorthin kämen, sich teils schon selber früh vom Platz nähmen. Benjamin Näßler ist einer von jenen, die eine Profikarriere nie forciert haben und denen es schwerfiel, schwul und (Profi-)Fußballer zu sein, zusammen zu bringen. 

„Weiche Kerle“ im „echten Männersport“?

Der inzwischen 31-jährige Näßler ist eine der Stimmen, die in der neuen 37°-Dokumentation In der Abseitsfalle – Kein Coming-out im Fußball? der Autorin Annette Heinrich zu Wort kommen. Ebenso hören wir von Thomas Hitzlsperger, der als bisher einziger deutscher Profispieler ein Coming-out „wagte“. Das war allerdings erst nach seiner aktiven Spielerzeit im Jahr 2014. Seinem knallharten Schuss mit links verdankte der heute 38-Jährige den Spitznamen „Hitz The Hammer“. Also ein beinharter Spieler und kein zu „weiches Kerlchen“ für den „echten Männersport“ – eines der gängigen Vorurteile, welches natürlich auch in der sehenswerten Dokumentation Erwähnung findet.

Thomas Hitzlsperger: “Man kann schwul sein und im Profifußball Karriere machen – auf dem Platz und auch danach!” // Foto © ZDF/Philip Flämig

Dass es ein „sehr männlicher dominierter Sport in Richtung Heterosexualität“ ist, bestätigt in dem Film auch der Teampsychologe der Nationalelf, Prof. Hans-Dieter Hermann, der aber auch sagt, dass die Angst davor ausgeschlossen zu werden ebenso dazu beitragen dürfte, dass sich keine aktiven Spieler outen würden. Das allerdings erklärt nicht, warum es für die Macherin der Dokumentation reihenweise Absagen – oder gar keine Reaktion – auf ihre Interviewanfragen gab. Auf der Film-Seite des ZDF schreibt Heinrich: „Dieses Ausweichen und Rumlavieren hat mich extrem ratlos, aber auch wütend gemacht. Fußballer stehen und werben für so vieles – warum denn nicht für mehr Diversität und Anti-Homophobie?“ (Ihre Produktionsnotizen sind sehr interessant, vielsagend und ergänzen den Film und erklären auch, warum sie den Frauen-Fußball hier außen vor lässt; lest sie.)

Eine gute Frage. Auch nach der ebenfalls im Film erwähnten 11 Freunde-Aktion vom Winter 2021, an der 800 Fußballbeteiligte teilnahmen, um für mehr Toleranz und Offenheit gegenüber Homosexualität und Queerness im Profifußball zu werben, passierte nicht viel. Eine tolle Aktion, doch ähnlich wie das von vielen Seiten gefeierte und sicherlich wichtige öffentliche Coming-out Hitzlspergers blieb es bisher weitestgehend folgenlos – etwas, das auch wir befürchtet hatten.

Liegt das auch an dem enormen Druck, den Thomas Hitzlsperger beschreibt? Nicht nur den, den Spieler würden möglicherweise ertragen müssen, wenn sie sich outeten (was Hitzlsperpger in einem Gespräch zu Homophobie im Fußball vor einiger Zeit allerdings gar nicht als so drastisch empfinden wollte), sondern auch jenen, der auf LSBTIQ*-Allies wirken könnte? Das ist natürlich möglich.

„Einen Teil meiner Persönlichkeit versteckt“

Allies, also Verbündete, jedoch sind es, die sich Marcus Urban gewünscht hätte, wie er in der Dokumentation betont. Urban war als Jugendnationalspieler ein aufgehender Stern bei Rot-Weiß Erfurt, eines der großen Talente des ostdeutschen Fußballs, gefeiert für sein ästhetisches und passgenaues Spiel. Doch Druck und innere Zerrissenheit verhinderten seine große Karriere, worüber er auch in seiner Autobiografie schreibt und kürzlich im Buch Coming Out – Queere Stars über den wichtigsten Moment in ihrem Leben sprach. Im Film sagt er: „Aber dass ich mich für Männer interessierte, wurde zu einem Riesenproblem für mich. Das darf nicht sein – ich bin Fußballer!“ So wurde er auf dem Platz immer aggressiver, auch während des Trainings, pöbelte seinerseits homophob herum – alles, um sein Schwulsein zu kaschieren. 

„Vor allem in der Kabine fühlte ich mich verdammt einsam. Ich war nie wirklich Teil der Mannschaft, habe einen großen Teil meiner Persönlichkeit vor allen versteckt, auch vor mir selbst. Das war ein ständiges Schwanken zwischen Selbsthass und Depression“, so Urban weiter. Ähnlich gelitten halt wohl auch Benjamin Näßler, den sein jahrelanges Verstecken der Homosexualität vor seiner Familie, seinen Freunden und seiner Mannschaft gequält hat: „Es ging eigentlich um nichts – und doch um alles. Ich wusste, was die Menschen in meiner Umgebung mit dem Wort ‚schwul’ assoziierten. Das war nie was Gutes.“

Die Unterstützung von seiner Familie und seinem Mann Chris (2.v.l.) half Benjamin Näßler (l.) beim Coming-out. // Foto © ZDF/Philip Flämig

Näßler stockt an einer Stelle des Films besonders und ringt um Fassung: Als ihm alles über den Kopf wuchs, dachte er daran sich das Leben zu nehmen. Was er glücklicherweise nicht tat. Er fand einen Freund, heiratete ihn 2017 öffentlich und wurde 2020 Mr. Gay Germany; engagiert sich mit den Kampagnen Doppelpass und Liebe kennt keine Pause gegen Diskriminierung und Schwulenhass im Fußball. Eine Kampagne für die Fußball-WM 2022 in Katar wird vorbereitet. Nun, wir werden sehen, wie kompetent der Deutsche Fußball Bund und Co. es hier schaffen werden, ein Problem nicht anzusprechen und das mit dem Respekt gegenüber den konsequent menschenrechtsverletzenden Gastgebern zu begründen.

„Der Tag wird kommen“ – ja, wann?

Es müsse also mehr getan werden, sagt auch Ex-Cheftrainer und Vereinsrepräsentant des FC St. Pauli, Ewald Lienen, den wir zum Ende der Dokumentation sehen, wie er im Grunde die gleichen Sätze sagt, die oft zu hören sind. Dennoch wirken sie glaubwürdig und nicht nur dahingeplappert, schön wäre es aber auch gewesen, hätte er ein paar konkrete Maßnahmen aufgezählt, die der FC St. Pauli möglicherweise implementiert hat. Der Verein ist in der Hinsicht ja als recht progressiv zu betrachten, siehe die Beteiligung an Marcel Gislers schwulem Fußball-Drama Mario

Und mit Marc Wiebusch, dem Frontmann der Band Kettcar, haben sie sogar einen ausgezeichneten Fan, der nicht nur mit dem Song „Der Tag wird kommen“ seiner Band für die Akzeptanz homosexueller Fußballer wirbt, sondern auch mit sonstigem Engagement und bedenkenswerten Einlassungen in der Dokumentation. Der tolle Song mit klasse Video ist allerdings auch aus dem Jahr 2014. Wann kommt denn also nun der Tag möchte man in den Bildschirm fragen, ohne dies als Vorwurf an die Macher*innen von Song oder Dokumentation oder 11 Freunde-Aktionen zu richten.

Marcus Urban sagt früh im Film: „In dem Moment, wo es homosexuelle Spieler gäbe, würden alle sehen – okay, das ist gar kein Problem. Aber solange es ein Tabu ist und es verheimlicht bleibt, bleibt es anrüchig.“ Ganz richtig. Etwas, das auch die Frage größer werden lässt, warum sich denn dann nicht wenigstens mehr Spieler nach der Karriere outen. Die stellt auch Hitzlsperger, der wieder auf die Zahlen kommt: “Also ich kenn die Statistik und ich kenn die Realität.“ Wieso also nicht wenigstens im Anschluss? Es gäbe keine Sponsorenverträge mehr, man könne sein Leben leben, „und dann könnten sich doch viele Ex-Spieler auch äußern, die dann qualifizierte Beiträge leisten können, dass sich Dinge verbessern. Mir ist keiner bekannt.“ 

Leistung, nicht Sexualität, steht im Vordergrund

In der Abseitsfalle – Kein Coming-out im Fußball? geht also neben den Vorurteilen und dem Druck von außen, unter dem viele homosexuelle Männer im Profilfußball leiden, auch dem Druck nach, den sie sich selber machen, zusätzlich zum Leistungsdruck der ohnehin existiert. Auch das ist sicherlich eine Abwägung: Wie viel bin ich bereit ertragen zu wollen? „Ein Spiel hat 90 Minuten. Ein Leben, wenn’s gut läuft, vielleicht 90 Jahre. Ich wollte lieber frei sein, als meine Sexualität und mein Wesen der Karriere wegen weiter zu verleugnen“, sagt Marcus Urban.

Schwul im Fußball – nur wenige wagen ein Coming-out. // Foto © ZDF/Philip Flämig

So macht die teils aufwühlende, teils anregende Dokumentation deutlich, dass der Profifußball, wie auch der Profisport überhaupt, ein Umfeld bieten sollten, in dem nicht zwischen der eigenen Sexualität und der Karriere abgewogen werden muss. Spürbare, gelebte Akzeptanz fördert Sichtbarkeit, fördert mehr Akzeptanz und so weiter. Offen homosexuelle Spieler müssen nicht für ihre Homosexualität gefeiert werden, wohl aber für ihre Leistungsfähigkeit – ganz egal, wen sie lieben und ficken. 

AS/PM

37° – In der Abseitsfalle – Kein Coming-out im Fußball? läuft am 8. Juni 2021 um 22:15 Uhr im ZDF und am Montag (auf Dienstag), 14. Juni 2021, um 00:35 Uhr auf 3sat und ist bis zum 8. Juni 2026 in der ZDF-Medathek verfügbar.

In der Abseitsfalle – Kein Coming-out im Fußball?; Buch und Regie: Annette Heinrich; Kamera: Philip Flämig; Laufzeit ca. 30 Minuten; Eine Helikon Film Produktion im Auftrag des ZDF

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