Kippen, Kotzen und Kebab

Beitragsbild: Die Festnahme des Verdächtigen Jonas Borutta (Thomas Schubert). Nun gilt es für Elisabeth Eickhoff (Verena Altenberger) und Kollegen wie Hansi Dorfmeister (Robert Sigl) ein Geständnis von ihm zu bekommen. // Foto: © BR/Provobis Gesellschaft für Film und Fernsehen

„Frau Kommissarin, ich rede hier mit Ihnen, weil ich das Gefühl habe, dass sie nicht arrogant sind. Nicht wie die meisten Frauen.“ Als Jonas Borutta (Thomas Schubert ) diesen Satz zu Elisabeth „Bessie“ Eickhoff (Verena Altenberger), der noch frischgebackenen Kriminaloberkommissarin der Mordkommission München, sagt, wissen wir bereits zwei Dinge: Borutta ist ein Vergewaltiger und Mörder. Und: Keiner kann ihm das beweisen, Eichkhoff braucht ein Geständnis und geständig wirkt der psychisch kranke junge Mann sicherlich nicht.

Es geht auch um Vertrauen

Doch die Zeit drängt, denn um Mitternacht muss er gehen gelassen werden. Der neue Polizeiruf 110: Bis Mitternacht setzt um 22:00 Uhr ein, erzählt die 120 Minuten in den 90 Minuten Film und wer eignet sich besser, das Ablaufen einer beständig tickenden Uhr kammerspielartig zu inszenieren als Dominik Graf (im Kino gibt es gerade dessen Erich Kästner-Verfilmung Fabian zu sehen)? Kaum jemand, dachte der sich wohl auch und übernahm die Regie (bereits seine zweite für einen Eickhoff-Polizeiruf).

Die Situation im Team ist angespannt, die Uhr tickt. Lagebesprechung, von links: Kriminaloberrat Josef Murnauer (Michael Roll), Hansi Dorfmeister (Robert Sigl), Staatsanwältin Sarah Ehrmann (Birge Schade), Kriminaloberkommissarin Elisabeth “Bessie” Eyckhoff (Verena Altenberger), Wolfi Hader (Daniel Christensen) und Kriminalrat Martin Schaub (Christian Baumann). // Bild: © BR/Provobis Gesellschaft für Film und Fernsehen/Hendrik Heiden

Von Beginn an macht der Film klar, worum es hier geht, woraus die Spannung sich ergeben soll. Das wiederum wird für manch Zuschauende problematisch sein, jedenfalls jene, die ihren Sonntagskrimi klassisch wollen und sich mit veränderter Erzählstruktur schwertun. Für die anderen ist Bis Mitternacht fein austarierte psychologische Thriller-Kost, atmosphärisch dicht, auch dank der Musik der Graf-Vertrauten Florian von Volxem und Sven Rossenbach, schauspielerisch auf höchstem Niveau und voller kleiner, spitzer Kommentare.

Denn nicht nur der zu überführende Serienvergewaltiger und Mörder Borutta (wer so einen Pullover trägt muss eben auch Probleme haben…) hat ein eher schwieriges Frauenbild, sondern auch „Bessie“ Eickhoff wird es nicht leicht gemacht. Hat sie doch nach einem aberwitzigen Abschied in Frau Schrödingers Katze die Hoffnung haben dürfen, in ihrer neuen Dienststelle nicht immerfort als Frau belächelt zu werden und sich sexistische Kommentare anhören zu müssen, wird auch hier schnell klar, dass ihr neuer Chef, Martin Schaub (Christian Baumann) ihr nicht zutraut den Verdächtigen zum Geständigen zu machen. Das liegt zwar nicht nur in ihrer Hand und auch der junge Kollege Schmelzer (Thomas Wittmann) bekleckert sich nicht mit Ruhm, wenn er mal eben zu Gewalt greift, ganz im Gegenteil hebt das Fortschritte auf.

Hey, Boomer!

Also wird der quasi pensionierte Alt-Ermittler Josef Murnauer (Michael Roll) hinzugezogen, schließlich war er mit dem ersten Fall in Bezug auf Borutta vertraut; nun könnte die Frage gestellt werden, wieso jemanden holen, der es schon einmal nicht schaffte?! Die Figur des Murnauer beruht in Zügen auf dem Ermittler der Münchener Mordkommission Josef Willing, wie auch dieser Polizeiruf auf einer Kurzgeschichte aus dessen Buch Abgründe: Wenn aus Menschen Mörder werden basiert. Roll spielt den alten weißen, etwas abgehobenen, aber nicht entsetzlich unsympathischen Mann punktgenau. Neben den Verhörszenen ist sein Zusammenspiel mit Altenberger und auch in der Gruppe fein, wenn ihm deutlich anzusehen ist, dass er ganz genau weiß welchen systemischen Missständen er es zu verdanken hat, in dieser Nacht wieder zurück zu sein.

Alle wichtigen Leute kommen mit dem Hubschrauber! // Bild: © BR/Provobis Gesellschaft für Film und Fernsehen

Überhaupt kämpft Eickhoff nicht nur mit dem Verdächtigen Borutta, sondern vor allem auch für sich selbst und gegen die Geringschätzung. Die einzige weitere Frau im Team ist Staatsanwältin Sarah Ehrmann (Birge Schade), die jedoch, ganz Babybommer, ein anderes Verhältnis zu diesen „Wir Männer machen das schön“-Traditionen hat. Eickhoff wartet auf laute Unterstützung, Ehrmann rät ihr, bei einer Zigarette am Klo, das Ziel vor Augen zu behalten. 

So ist einer der letzten Momente dieses vielfältigen, sich nie verrennenden und mit abgeklärt-resignierten Witz glänzenden Polizeirufs ziemlich groß, wenn sich Kriminaloberkommissarin Elisabeth Eickhoff mehr Rückhalt auch gegen die Wahrscheinlichkeit zusichern lässt. Diese Münchener-Filme sind schon tolle Geschichten. 

„Beschämend und beruhigend“

In diesem Sinne schließen wir mit einem recht graf-typischen Statement zu den Fernsehkrimis, das er ihm Rahmen der Veröffentlichung von Bis Mitternacht (der seine Premiere auf dem Filmfest München hatte): 

Verena Altenberger (Rolle: Elisabeth “Bessie” Eyckhoff) und Dominik Graf (Regie). // Bild: © BR/Provobis Gesellschaft für Film und Fernsehen/Hendrik Heiden

„Die Polizeithriller, die wir – viele meiner Kolleginnen und Kollegen – machen, sehen Woche für Woche Millionen Menschen, es beschimpfen sie auch jede Woche Millionen von Menschen, mal mehr mal weniger, und die meisten TV-Kritiker geben den Filmen geringschätzige Bezeichnungen wie ‚Fernsehkrimi‘.

Francois Truffaut hat mal was Wunderbares über die amerikanischen Thriller-Romanschreiber gesagt: Sie würden alle – von wenigen Stars in ihrer Zunft abgesehen – unerkannt im Untergrund arbeiten. Das tun wir gewissermaßen auch, und vielleicht ist es aber so, dass wir, die AutorInnen und RegisseurInnen, wie Truffaut schrieb, gerade in diesen Drehbüchern und Filmen oft ‚uns auf viel intimere Weise öffnen als man denkt – vor allem als wir manchmal selber denken. Wir glauben uns hinter ein paar Leichen und Revolvern gut verschanzt, aber dabei entblößen und bekennen wir uns vielleicht doch gerade im hundertfachen Trash des immer gleichen Genres – und diesem, mein Zusatz: ‘Ach, schon wieder ein Krimi’-Gejaule – so sehr, dass trotz aller inhaltlichen Zwänge und trotz des Produktions-Tempos und trotz der finanziellen Enge der Filme – oder vielleicht gerade deswegen? – häufig ein freimütigeres Werk entsteht.’ Truffaut-Zitat Ende. Ich füge hinzu: ‚… als es in der Ehrenloge des akademischen deutschen Films (Kinos) möglich ist.’ Aber es merkt eben zumeist niemand – deshalb trauen wir uns ja wahrscheinlich, und das ist gleichzeitig beschämend und auch beruhigend.

Wir machen ja scheinbar nichts Besonderes, nur Konfektionsware für den Sonntag, den Montag, manchmal für den Mittwoch, auf jeden Fall für den Freitag, den Samstag und dann wieder für den nächsten Sonntag. Es lebe der Polizeifilm!

Viel Spaß also auch bei Bis Mitternacht. Aber wie es in Lawrence von Arabien so schön heißt: ‚Es ist bekannt, dass wir eine merkwürdige Auffassung von Spaß haben!‘“

Dominik Graf, Statement zu Polizeiruf 110: Bis Mitternacht

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PS: Ja, es wird Kebab gegessen und zwar authentisch. Nicht dieses authentisch hier, sondern so richtig.

Polizeiruf 110: Bis Mitternacht: Bis zum 5. März 2022 in der ARD-Mediathek verfügbar.

Polizeiruf 110: Bis Mitternacht; Deutschland, 2021; Regie: Dominik Graf; Drehbuch: Tobias Kniebe, basierend auf der Fallbeschreibung Wollust aus dem Buch Abgründe: Wenn aus Menschen Mörder werden von Josef Wilfling; Musik: Florian von Volxem, Sven Rossenbach; Darstellende: Verena Altenberger, Michael Roll, Thomas Schubert, Birge Schade, Daniel Christensen, Robert Sigl, Christian Baumann, Thomas Wittmann, Arthur Klemt, Sophie Meinecke, Emma Jane, Michaela Steiger, Theresa Hanich, Maria Preis; Laufzeit ca. 89 Minuten; Eine Produktion derv Provobis Gesellschaft für Film und Fernsehen (Produzent: Jens C. Susa) im Auftrag des BR

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