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Konstruktiveres Klima?

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Dieser Text erscheint im Rahmen unserer Reihe Parlamentarische Pause ≠ politische Pause. Wir werden in der sommerlichen Zeit weiterhin politische Bücher besprechen, uns mit den Sommerinterviews von ARD und ZDF beschäftigen, selber Schwerpunktthemen setzen, Interviews führen und uns einiges Spannendes einfallen lassen. Am Ende steht ein Fazit, wie wir den Sommer mit und für euch erlebt haben.

Deutschland ächzt unter der Sommerhitze und im öffentlichen Diskurs scheint die Klimaproblematik wieder auf die Agenda zu kommen. Fridays for Future (FfF) hat in den letzten anderthalb Jahren entscheidend dazu beigetragen, das Thema in die Öffentlichkeit zu rücken. Während die Anliegen der Jugendbewegung volle Berechtigung haben – wahrscheinlich haben sie genau deshalb so hohe Resonanz erfahren – ist eine kritische Auseinandersetzung mit ihr bisher eher nicht erfolgt. Clemens Traub, Student der Politikwissenschaft, studentischer Mitarbeiter beim ZDF und SPD-Mitglied, hat als ehemaliger Mit-Protestiertender von FfF diese Lücke erkannt und mit seiner etwa 140 Seiten zählenden Abhandlung Future for Fridays? – Stretschrift eins jungen „Fridays for Future“-Kritikers seine Erfahrungen und Eindrücke zusammengetragen.

Von gesellschaftlichen Spannungen bis Apodiktik und Apokalyptik

In zehn Kapiteln holt Traub das nach, was in der öffentlichen Auseinandersetzung um FfF und die Klimathematik in den letzten Jahren zu kurz gekommen ist – zumindest in Teilen. Von der streikenden Greta Thunberg vor dem schwedischen Parlament ausgehend analysiert er die Entwicklung der Bewegung in Deutschland und ihren Habitus. Traub stellt fest, dass FfF eine gesellschaftlich recht homogene Bewegung der oberen Mittelschicht und Oberschicht ist, die Mittel- und Unterschicht aber kaum vertreten sei. Ergo würden ihre Belange auch kaum Berücksichtigung in den Forderungen finden, was sich in einer zunehmenden Arroganz gegenüber gesellschaftlich Schwächeren manifestiere. Durch FfF träten viele – teils überwunden geglaubte – gesellschaftliche Konflikte wieder zu Tage: Jung gegen Alt, Stadt gegen Land, Wohlhabend gegen Unterprivilegiert.

Der Personenkult um wenige Anführerinnen wie Thunberg oder die wohl bekannteste deutsche Vertreterin der Bewegung, Luisa Neubauer, seien Auswüchse dieser Entwicklungen und werden ebenfalls gut aufgearbeitet. Darüber hinaus widmet er sich der großen Verbissenheit, mit der FfF für ihre Überzeugungen eintrete, von Apodiktik bis Apokalyptik. Dass dabei andere – demokratisch legitime – Meinungen kaum mehr Gehör fänden oder gar akzeptiert würden, sei ebenfalls offenbar. Dass jedoch die Politik sowie die Medienschaffenden – denen er jeweils ein eigenes Kapitel widmet – in einer Art vorauseilendem Gehorsam fast unkritisch jede Forderung übernähmen, allerdings auch keine passablen Lösungsvorschläge böten, wird von ihm scharf kritisiert. Einige Vorschläge hält er auch bereit, vor allem zum Ende, als er unter Rückgriff auf den früheren Wirtschaftsstaatssekretär Matthias Machnig (SPD) verbesserte Technologien für den Klimaschutz fordert.

Inside FfF – und Inside SPD

Traubs Einblicke und Einschätzungen sind deshalb so spannend, weil er, Jahrgang 1997, selbst der Generation Fridays for Future angehört, anfangs begeistert bei Demos mitlief und erst nach und nach merkte, wie sich die Bewegung veränderte. Wie sich die Wortwahl radikalisierte. Wie sich ein bestimmter Habitus durchsetzte. Wie andere Meinungen keinen Platz mehr fanden. Wie daraus vor allem eines geworden sei: „ein Karrieresprungbrett für den ehrgeizigen Elitennachwuchs“ (S. 30).

© Clemens Traub

Allerdings scheint Traubs sozialdemokratischer Hintergrund an sehr vielen Stellen durch seine Argumentation. Ein Anhänger der CDU oder der FDP würde vermutlich ziemlich andere Schwerpunkte setzen, aber da seine Parteizugehörigkeit transparent gemacht wird, ist das vollkommen in Ordnung und entwertet seine Argumente keineswegs. Seine Kritik an der Bewegung dreht sich in Konsequenz oft um die sozial Schwachen: diejenigen, die ihren Job im Kohlebergbau verlieren könnten. Diejenigen, die eine höhere CO2-Steuer wirklich träfe, nämlich die Armen, die überproportional belastet würden. Das sind vollkommen valide Argumente und Perspektiven, die zwar immer wieder irgendwo auftauchen und von FfF erstaunlich wenig Beachtung finden, nein, denen sie gerne mit großer Arroganz begegnen, wie Traub ab Seite 38 schön erläutert.

Interessanterweise finden seine Argumente aber auch bei der eigenen Partei und deren Anhängerschaft nur mäßigen Erfolg. Die SPD ist seit 1998 fast ununterbrochen in der Regierung, stellt seit 2013 die Umweltministerinnen und hätte durchaus Gelegenheiten gehabt, sich dieser Argumente anzunehmen. Man möchte ihr empfehlen, Traubs Streitschrift doch ein wenig Beachtung zu schenken, wenn es um das nächste Wahlprogramm oder das nächste Klimapaket geht. Und auch andere Gruppen, wie die Gewerkschaften, die sich lauthals über die SPD beklagten, nachdem keine Kaufprämie für Verbrennungsmotoren Eingang in das jüngste Konjunkturpaket der Bundesregierung gefunden haben, sollten sich Traubs Gedanken zu Gemüte führen.

Manch fundamentale Frage wird dennoch ausgeklammert: Wirtschaft, Finanzen, Interessenvertretung

Worum es in Traubs Schrift erstaunlich wenig geht, sind Wirtschaft, Finanzen und die Grundsätze der Interessenvertretung. Die Energie- und Klimawende kosten Geld und möglicherweise auch Wertschöpfung. Er schreibt zwar über die grundsätzliche Kapitalismuskritik von FfF, aber nur am Rande darüber, dass Finanzmittel erwirtschaftet und anschließend verteilt werden müssen und geht nur nebenbei darauf ein, dass der den Protestierenden zur Verfügung stehende, oft elterliche, Wohlstand auch erwirtschaftet werden muss – und zwar jeden Tag neu.

Bessere und modernere Technologien seien, wie bereits angedeutet, eine Möglichkeit, dem Klimawandel zu begegnen und sogar neue, ökologische Geschäftsmodelle zu entwickeln und Deutschlands Wirtschaft fit für die Zukunft zu machen. Wenigstens urteilt er sie nicht so fundamental ab, wie Luisa Neubauer das in ihrem Buch (unsere Besprechung findet ihr hier) tut. Dennoch werde noch viel zu wenig, bzw. fast gar nichts getan. Das stimmt nur bedingt. Es gibt einige Initiativen aus Politik und Wirtschaft, die auf eine klimafreundlichere oder -neutrale Produktion abzielen. Sie sind allerdings tatsächlich noch oft in den Kinderschuhen und bedürfen noch einiger Zeit oder Investitionen, um tatsächlich Marktreife zu erlangen. 

„Aus der kleinen Nische der Insider herauszukommen und zu einem politischen Massenphänomen zu werden, das ist das Ziel einer jeden Bewegung“, schreibt Traub auf Seite 89. FfF habe dies nur durch die mediale Aufmerksamkeit erreicht (ebd.). Analog zu diesem Wirkmechanismus, müssen auch Technologien erst einmal einen kritischen Punkt überwinden, um sich tatsächlich durchzusetzen. Der Nationalen Wasserstoffstrategie der Bundesregierung beispielsweise gingen auch jahrelange Abstimmungsprozesse voraus, aber nun ist sie ein wesentlicher Baustein in einer zukunftsgewandten Klima- und Energiepolitik.

Ein Thema, das Traub vollständig unbehandelt lässt, ist die Finanzierung von Fridays for Future. Woher bekommen die Aktivisten ihre Finanzmittel? Das ist nämlich gar nicht so klar und gerade deshalb wäre es wünschenswert und wohl auch erforderlich, hier einmal Licht ins Dunkel zu bringen. Der Fall Amthor hat vor kurzer Zeit noch einmal das Thema Lobbyismus auf die Agenda gehoben und genau das ist FfF auch: Lobbyismus. Traub benennt dieses Problem nicht einmal, denn natürlich ist Klimaschutz ein berechtigtes Interesse, das in unserer Gesellschaft eine Rolle spielen soll und muss. Dennoch wird in der Öffentlichkeit in dem Zusammenhang immer von der „bösen Kohlelobby“ gesprochen, nicht jedoch von der (vermeintlich) guten „Klimalobby“. Traub hat für eine solche Argumentation mehrere Ansatzpunkte, verzichtet aber leider darauf, diese Diskussion zu führen. Schade.

Genau diese Argumente – Wirtschaft, Technologie und Finanzen – wären wohl übrigens diejenigen, die von Anhängern der Union oder der FDP ins Feld geführt würden. Und noch eine Editorial Note: Anhänger von Union und FDP wüssten auch, dass der Name des Wirtschaftsministers mit „ai“ geschrieben wird, nicht mit „ei“ (S. 58 mehrfach) – nur einer von verhältnismäßig vielen Schreib- und Zeichenfehlern, die ein besseres Lektorat nicht überlebt hätten 😉.

Future for Fridays? – Streitschrift eines jungen „Fridays for Future“-Kritikers ist eine kleine Abrechnung mit der wohl größten Jugendbewegung der letzten Jahre. Autor Clemens Traub verfällt dabei aber nicht in Polemik oder „Klimaleugnung“. Er erkennt die Positionen der Protestierenden durchaus an, kritisiert aber die mangelnde Kritik und Kritikfähigkeit der Öffentlichkeit und der Bewegung selbst – überwiegend aus einer recht sozialdemokratischen Perspektive. Damit holt er ein Stück weit etwas nach, was viele Beobachter und Kolumnisten bisher vermieden haben. Future for Fridays? sei daher jedem ans Herz gelegt, der glaubt, die eine Wahrheit gefunden zu haben, sei es über das Klima, über unsere Gesellschaft oder worüber auch immer. Diese gibt es nämlich nicht. Und ganz besonders sei sie den Sympathisierenden und Protestierenden von FfF empfohlen, denn ein bisschen Selbstreflexion schadet niemandem.

Ein Leseprobe findet ihr hier und ein Interview mit Clemens Traub zum Buch hier.

Traub, Clemens: Future for Fridays? – Streitschrift eines jungen „Fridays for Future“-Kritikers; 1. Auflage, Februar 2020; Hardcover, 144 Seiten; ISBN: 978-3-86995-098-3; Quadriga Verlag; 14,90 €; eBook: ISBN: 978-3-7325-9542-6; 9,99 €

  1. […] Das illustriert erneut die immer weiter zunehmende Radikalisierung der Anhängerschaft von FfF. Clemens Traub beschreibt dies in seiner Streitschrift Future for Fridays sehr ausführlich und treffend. Im politischen und demokratischen Diskurs sollte es nicht um Radikalität gehen, sondern darum, gute Lösungen für klar definierte Probleme zu liefern. Dabei muss man Interessen und Bedürfnisse abwägen und kann natürlich unterschiedlich gewichten. Das ist das Wesen der Demokratie, wie auch Traub in seinem Büchlein sehr treffend schreibt. […]

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