„Kritiken sind unwichtig“

Beitragsbild: Joe Eula (David Pitt), Halston (Ewan McGregor), Liza Minelli (Krysta Rodriguez) und Elsa Peretti (Rebecca Dayan) kommen in Frankreich an // © Atsuhi Nishijima/Netlfix, 2021

Die regelmäßigen Leser*innen unter euch mögen bereits wissen, dass wir hier ein besonderes Verhältnis zu den Schöpfungen Ryan Murphys haben. Wir schätzen ihn, seine vielfältige Kreativität und wie er es immer wieder schafft, die manches Mal nicht ganz zu Unrecht auf ihn zielende Kritik zu unterwandern, indem er beim nächsten Projekt eben einfach noch eins drauf setzt. Für Murphy-Verhältnisse ist seine neue Schöpfung beinahe ungewohnt entspannt: Die fünfteilige Mini-Serie Halston erzählt die Geschichte des Modedesigners Roy Halston Frowick, der als einer der ersten, wenn nicht gar der erste, Stardesigner Amerikas gilt (hierzulande jedoch eher unbekannt ist).

Präsente Figuren in konzentrierter Geschichte

Das kann die Serie nun ein Stück weit ändern. Halston begleitet in den fünf Folgen oder auch Kapiteln – sie basiert auf dem 1991 erschienenen Buch Simply Halston von Steven Gaines – den anfänglich recht zähen Aufstieg Halstons (dramatisch gespielt vom alterslosen Ewan McGregor) vom Hutmacher (auch Coco Chanel begann einmal mit Hüten) in den 1960er-Jahren zum gefeierten Designer in den 70er-Jahren zum Lizenzlabel in den 80er-Jahren und das stetige Sinken seines Sterns bis zu seinem Tod im Jahre 1990. Wobei wir diesen nicht sehen, die Serie endet früher und klärt die Zuschauer*innen mit Texttafeln über die Schicksale der wichtigsten Protagonist*innen im Leben Halstons und damit der Serie auf.

Halston (Ewan McGregor), Joe Eula (David Pitt) und Elsa Peretti (Rebecca Dayan) im kreativen Prozess // © Atsuhi Nishijima/Netlfix, 2021

Da ist zum einen natürlich die noch immer lebendige und voller Esprit steckende Liza (Liza mit „Z“!) Minelli, deren Essenz Krysta Rodriguez ganz wunderbar vermittelt. Der Modezeichner, langjährige Weggefährte und engste Freund Halstons Joe Eula, den David Pittu sensibel im Verhalten, aber nicht kleinlaut zum Leben erweckt. Natürlich die erst kürzlich verstorbene, berühmte italienische Schmuckdesignerin Elsa Peretti, die auch für Halston modelte (die wohl bekannteste seiner auch in der Serie auftauchenden „Halstonettes“) und hier elegant, selbstsicher und charmant-garstig mit unglaublicher Präsenz von der Französin Rebecca Dayan verkörpert wird. 

Sehr präsent ist auch Gian Franco Rodríguez als Victor Hugo, Halstons venezolanischem langjährigen Liebhaber, der in der Serie seinem Ruf im echten Leben entsprechend als Hot Mess, beziehungsweise wüstes Durcheinander, porträtiert wird. Zwar spricht er immer wieder davon, dass auch er Künstler sei – Halston lernt ihn als Prostituierten kennen – und mit Andy Warhol arbeite (auf dessen Bilder er wohl auch gepisst und gewichst hat, alles für die Kunst!), doch davon sehen wir in der Serie leider wenig. An manchen Stellen wurde kritisiert, dass die Serie es nicht schaffe, die Menschen, die Halston objektifiziert habe, menschlich werden zu lassen. Zumindest was die Rolle Victor Hugos in seinem Leben angeht, kann dem nur widersprochen werden. Dass eine fünfteilige Mini-Serie hier und da verkürzt ist nur nachvollziehbar und so widerfährt es hier allen Charakteren.

Krysta Rodriguez tanz und singt sich als Liza Minelli in unsere und in Halstons Herz // © Atsuhi Nishijima/Netlfix, 2021

Alles ist und alle sind Objekt

Ein wenig anders mag das mit Blick auf Halstons On-Off-Liebhaber Ed Austin, gespielt von Sullivan Jones, aussehen, der in der Tat mehr ein Objekt erst Halstons Begierde und dann, mit steigendem Ruhm, der Spiegelung seiner Abgehobenheit ist. Als Halston ihn kennenlernt, ist es klar, dass dieser ihn nur anspricht, weil Austin der einzige farbige Mann in der Bar ist. Auch wenn Halston hier von einem gemeinsamen Gefühl des Außenseitertums spricht: Er vergleicht, schwarz in Amerika zu sein, damit als weißer, schwuler Junge im Mittleren Westen der USA aufzuwachsen. Dieser Vergleich ist natürlich mehr als schwierig, wie them.’s Naveen Kumar völlig richtig feststellt, doch macht das die Szene „falsch“? Eher nein, denn wie entrückt und selbstbezogen Halston schon hier ist, ist deutlich abgebildet. Kaum ein*e Zuschauer*in dürfte sich in dem Moment denken: „Mensch, Halston, recht haste.“ 

Victor Hugo (Gian Franco Rodriguez) ist Lover, Inspiration und ein Wirbelwind // © Atsuhi Nishijima/Netlfix, 2021

Zumal sich zusätzlich sagen ließe, dass, zumindest in dieser Serie, für Halston alles Objekt ist, außer seiner selbst. Und selbst das stimmt nur eingeschränkt, denn mit sich auseinandersetzen mag sich der Designer gar nicht – anders übrigens als Heike Behrend, deren Buch Menschwerdung eines Affen wir sehr zeitnah hier vorstellen werden. Als er einen Halston-Duft entwickeln soll, führt Adele (famos wie immer: Vera Farmiga), die den Duft mit ihm kreiert, ihn zurück in seine Kindheit, bringt ihn dazu, sich an Gefühle von früher zu erinnern und die Erinnerungen zu empfinden. Mit dem Resultat, dass der inzwischen berühmte Kreative einen kleinen Zusammenbruch erleidet. Weinend sehen wir ihn regelmäßig, sich hilfesuchend oder gar in sich gehend eher weniger. Wie soll also jemand, der sich selber weniger als Mensch und mehr als Figur, als Marke sieht, denn andere Personen nicht zum Objekt machen?

Dennoch ist Halston hier eine emphatische Figur, denn er weiß, wenn und wen er verletzt und beleidigt und wann er zu weit gegangen ist; er weiß auch, welche Knöpfe er zur Entschuldigung drücken muss und welche, um die jeweilige Person los zu werden (denkt gerade noch jemand an Karl Lagerfeld?). Ob er es später bereut oder nicht, sei einmal dahingestellt. Auch hier zeigt uns die Serie einzelne Momente des Bedauerns, die jedoch schnell von Koks, Sex und Arbeit überdeckt werden. Insbesondere Halston Abhängigkeiten von Kokain und Nikotin werden deutlich herausgearbeitet, ohne jedoch eine vollkommene Eskalation zu zeigen. Sehen wir einmal vom Verlust seiner Marke ab, zu dem aber gesagt sei, dass an der zunehmenden Beliebigkeit des Namens auch das Management maßgeblich beteiligt war.

Halston bemüht sich seine kreative Integrität zu bewahren // © Atsuhi Nishijima/Netlfix, 2021

Dieses die Marke zwar kommerziell erfolgreich aber innerlich und kreativ verkümmern zu lassen, wird recht eindrücklich nachgezeichnet, auch am schwindenden Interesse Halstons, der zuerst wochenlang über das Design eines Flakons stritt und später irgendwelche Socken für eine was-auch-immer-Zielgruppe kreieren sollte. Nicht jeder ist dafür geschaffen. Pierre Cardin? Sicherlich. Cristóbal Balenciaga? Weniger. Und gerade mit dem vergleicht Halston sich immer wieder. Zu sein wie er, das wäre etwas. Oder viel mehr so zu sein, wie das Bild, das er von dem Designer hat – Objekt.

Ein detailreiches Rundum-Paket

Folgerichtig ist auch die vom Theaterautoren Sharr White kreierte Serie sehr poliert, glänzend und immer toll ausgeleuchtet. Spätestens hier merken wir also ganz deutlich, dass es sich um eine Ryan-Murpy-Ian-Brennan-Koproduktion handelt. Ebenso beim Schaulaufen der Neben- und Gastdarsteller*innen. Vera Farmiga habe ich bereits erwähnt, Kelly Bishop spielt Eleanor Lambert, die Modejournalistin und -publizistin, die auch als „letzte Kaiserin Amerikas“ bezeichnet wird, Designer und die Künste förderte und die Fashion Week New York genauso gründete, wie auch das Council of Fashion Designers of America, die Met Gala und die International Best Dressed Hall List erfand. Mit anderen Worten: Ohne die mit 101 Jahren 2003 verstorbene Eleanor Lambert wäre Anna Wintour vermutlich arbeitslos. 

Rory Culkin spielt den jungen, schwulen und drogenabhängigen Joel Schumacher (der in der Tat sehr schablonenhaft bleibt), Bill Pullmann verkörpert David J. Mahoney, den Geschäftsmann, ohne dessen Kapital Halston nie so groß geworden, vermutlich aber auch nie so kreativ ausgehöhlt worden wäre und Mary Beth Pail sehen wir als Martha Graham, die große Choreografin, deren Stil den Modern Dance prägte und deren Technik noch heute gelehrt wird. 

Und natürlich dürfen Momente mit Oscar de la Renta oder Anne Klein und anderen bei der The Battle of Versailles Fashion Show nicht fehlen, ebensowenig wie, dass wir in den Szenen im legendären Studio 54 auch Bianca Jagger auf dem Pferd und Divine auf der Couch sehen. Das sind zwar nur ganz flüchtige Momente, sie machen aber wieder einmal deutlich, dass es bei Murphy und Co. eben immer ein Rundum-Paket gibt. Diesen Szenen ist allerdings auch deutlich anzumerken, dass sie in der Corona-Zeit gedreht worden sind. Zwar hat Steve Rubin auch immer mal im fast leeren Studio feiern lassen, aber sicherlich nicht immer dann, wenn Halston, Minelli, Peretti und der Rest dort waren. Dennoch kommt hier ein ordentlicher Vibe rüber und die Momente wirken so dynamisch wie ansteckend. Regisseur Daniel Minahan (der auch die finale Folge der ersten Ratched-Staffel gedreht hat) hat hier eindeutig das Beste aus der Situation herausgeholt.

Elsa Peretti (Rebecca Dayan) und The Halstonettes beim der legendären Battle of Versailles Fashion Show // © Atsuhi Nishijima/Netlfix, 2021

Dynamisch und ansteckend sind anfangs auch die Kreativität Halstons und der Workflow, den er mit seinem Team, sichtbar vor allem Elsa und Joe, hier entwickelt. Die Lust am Design, am Besonderen, auch am Experimentieren ist an diesen Stellen noch ganz deutlich und wunderbar vermittelt. Es passt auch, dass in jeder der fünf Folge ein jeweils anderer Farbton überwiegt und ein wenig die Stimmung reflektiert. Wenn auch rot und schwarz in verschiedenen Abstufungen die die Serie dominierenden Farben sind.

Ein Drama, das eine Ära zum Leben erweckt

Wieder einmal wurde an mancher Stelle kritisiert, dass es sich um eine recht typische Ryan Murphy-Produktion handele, in der mal wieder „Style over Substance“, also Stil und/oder Kunst über dem Inhalt stünden (vermutlich hat Murphy nicht grundlos Halstons offizielle Haltung gegenüber Kritiken in der Serie platziert: Sie seien egal). Die Style-over-Substance-Betrachtung kann jedoch als genauso oberflächlich gesehen werden, wie man es Murphy vorwirft. Er erzählt die Geschichten anders, lässt nicht jede Gefühlsregung drei Szenen lang ausdiskutieren und schafft so für uns Raum für Interpretationen. Und es kommt auch darauf an, wie weit die Zuschauer*innen sich auf die Geschichten und ihre Charaktere einlassen wollen. Da reicht ein Blick auf die Mini-Serie Hollywood, in der er mit seinem Team ein Paralleluniversum erschaffen hat, das bei aller Härte von märchenhaftem Glanz durchzogen war und, wenn wir den Was-Wäre-Wenn-Gedanken aufnehmen wollten, weit tiefer geht, da es die Frage stellt: Wann sind wir falsch abgebogen?

Halston stromert durch seine Räume // // © Atsuhi Nishijima/Netlfix, 2021

So ist Halston also zuallererst das Portrait eines narzisstischen, manches Mal selbstmitleidigen und fürchterlich verblendeten Menschen, der geliebt und anerkannt werden, dies jedoch nicht zugeben will, aber auch das eines unfassbar schöpferischen Mannes, der recht hat, wenn er sagt: „Das hat noch niemand gemacht.“ Genie und wahnsinniges Arschloch sind eben nah beieinander. Die Serie schafft es zwar uns Halston näher zu bringen, aber sie macht ihn nicht zu unserem Helden, nötigt uns nicht, Sympathie empfinden zu müssen. Das ist schon einigermaßen bemerkenswert, denn das Interesse an seiner Person und den ihn umgebenden Personen bleibt durchweg groß, die Serie ist kurzweilig (manches Mal gar ein wenig gehetzt) und verknüpft Einblicke in die amerikanische Modewelt der 70er- und 80er-Jahre mit persönlichem Drama, Geschichten über Freundschaft und natürlich der aufkommenden AIDS-Pandemie (zu der es in Bezug auf England demnächst die Russel T Davies-Serie It’s a Sin bei uns geben wird, die wir hier kurz vorstellen).

Freundschaftliche Entspannung Halston-Style // © Atsuhi Nishijima/Netlfix, 2021

Wie mehrmals erwähnt, bleibt einiges nur angerissen, einige Figuren sind etwas besser ausformulierte Randnotizen, andere bekommen mehr Raum und auch was Halston betrifft blicken wir nicht allzu oft hinter die Fassade. So ist es wohl auch ein Zeichen an uns, wenn sich Ewan McGregor in der Rolle erstmalig die Maske des Halston aufmalt und fortan der Mensch Roy fast vollständig hinter der (zu schaffenden) Marke Halston verschwindet. Dennoch bleibt das Gefühl, ihn nun etwas mehr zu kennen, seine Lebensdynamik nachvollziehen zu können und etwas dazugelernt zu haben. Und doch werden vielen Zuschauer*innen vermutlich eher einige szenische Einstellungen und die der Zeit entsprechend ausgewählte Musik im Gedächtnis bleiben als manch ein Dialogmoment. 

Halston, Joe und Elsa feiern im Studio 54 // © Atsuhi Nishijima/Netlfix, 2021

Halston unterhält, stimmt nachdenklich und lässt staunen: Die Mini-Serie, erweckt die in den USA auch durch Roy Halston erst entstehende Mode-Ära in den 70er- und 80er-Jahren zum Leben und ist wie dessen Leben selbst: Mit Höhen und Tiefen, aber immer interessant und vielfältig.

Ewan McGregor als Halston in der fünfteiligen Mini-Serie // © Atsuhi Nishijima/Netlfix, 2021

Hier findet ihr den deutschsprachigen Trailer, empfohlen sei aber durchaus die englischsprachige Originalversion. Ewan McGregor lässt Halston mit seiner Stimmfärbung in der Tat lebendig werden.

Halston; USA 2021; Regie: Daniel Minahan; Drehbuch: Ryan Murphy, Ian Brennan, Sharr White, Ted Malawar, Tim Pinckney, Kristina Woo; Musik: Nathan Barr; Darsteller: Ewan McGregor, Rebecca Dayan, David Pittu, Krysta Rodriguez, Bill Pullmann, Gian Franco Rodríguez, Rory Culkin, Kelly Bishop, Vera Farmiga, Mary Beth Pail, Sullivan Jones, Jason Kravits, Dilone, James Waterston; Produzent*innen: Ryan Murphy, Ian Brennan, Alexis Martin Woodall, Daniel Minahan, Ewan McGregor, Christine Vachon und Pamela Koffler, Eric Kovtun, Sharr White; 5 Folgen, Laufzeit: ca. 44-53 Minuten; FSK: 16; seit 14. Mai 2021 auf Netflix verfügbar

AS

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