Küss mich, Dummköpfin!

Liebe ist schwierig und oft schwer von dort aufzuheben, wo sie hinfällt. Das müssen auch Mia und Frida erfahren, die sich schwer ineinander verliebt haben. Dumm nur, dass Mia eigentlich mit Tim verlobt, Frida ihre Stiefschwester in spe und selber in einer monogamen Beziehung ist. Da ist nicht nur Gefühlschaos vorprogrammiert. Dieses aber inszeniert die schwedische Autorin und Regisseurin Alexandra-Therese Keining in Küss mich mit einer so geschmeidigen Ruhe, dass es manches Mal beinahe in eine leichte Lethargie gleitet. Schwierig vielleicht für jene, die ihn morgen Nacht im Rahmen von rbb Queer im TV schauen wollen.

Liebende Stiefschwestern im schwedischen Sommer

Die aufstrebende Architektin Mia (Ruth Vega Fernandez) ist mit ihrem Verlobten und Geschäftspartner Tim (Joakim Nätterqvist) zur Geburtstagsfeier ihres Vaters Lasse (Krister Henriksson, Mankells Wallander) gekommen, auf der sie dessen Verlobte Elisabeth (Lena Endre) kennenlernen sollen. Mias Motivation ist gering, zumal ihr Verhältnis zum Vater schwierig und von Enttäuschungen geprägt ist, aber ihren Bruder Oskar (Tom Ljungman) wiederzusehen und einmal ein paar Tage rauszukommen helfen. Dann lernt sie ihre leuchtende zukünftige Stiefschwester Frida (Liv Mjones) kennen, die ungeahnte Gefühle in ihr auslöst. Auf einem Ausflug auf eine einsame Insel, den ihr Vater arrangiert hat, damit sich Tochter und Stieftochter besser kennenlernen, beginnen Mia und Frida eine Kurz-Affäre. Wenig später flüchtet Mia mit Tim zurück nach Stockholm, Frida kehrt zu ihrer Partnerin Elin (Josefin Tengblad) zurück. Doch können sie die gemeinsamen Momente nicht vergessen und stehen vor der Frage: Unterdrücken sie die Gefühle, die sie füreinander empfinden oder riskieren sie, ihre jeweiligen Partner*innen zu verletzen, um miteinander sein zu können?

Was nach einer einigermaßen konventionellen Geschichte klingt, ist es im Grunde auch. Was hier jedoch neben tollen schauspielerischen Leistungen und zwar zurückhaltenden, aber doch prägnanten Dialogen überzeugt, ist die feine Inszenierung, sind die tollen Bilder, die die Kamera von Ragna Jorming einfängt. Auch wie wie nebenher noch ein wenig das dezent zerrüttete Verhältnis von Mia und Lasse aufgearbeitet, seine ignorante Haltung gegenüber nicht heterosexuellen Menschen hinterfragt und die Verletzungen, die Frida früher zugefügt worden sind, nun auf einmal umgekehrt wiederkehren.

Sex mit der Seele

Das sind erzählerische Feinheiten, die Küss mich ein Stück über Romanzen-Standard heben. Dazu kommt noch eine fantastische Sexszene zwischen Mia und Frida, in der sich Regisseurin Alexandra-Therese Keining die Zeit nimmt, die aufkeimenden Gefühle, die unterdrückten Sehnsüchte und das starke Begehren nur durch Blicke, Körperbewegungen und erregte Laute auszudrücken, ohne dass es hier in irgendeiner Form pornografisch oder allzu voyeuristisch zuginge. Voyeurismus ist es nur insoweit, als dass wir einen Einblick in Mias Seele erhaschen.

Leidenschaft und Nähe // © Salzgeber

Etwas weniger charakternah baut Keining dann den Konflikt zwischen Mia und Frida auf. Frida, die zuerst noch Verständnis hatte, hat es kurz danach nicht mehr, nicht mal mehr, um ihre doch so geliebte Mia ausreden und sie erklären zu lassen, ob sie sich denn nun entschieden hat. Ebenso der Konflikt, in dem Frida Mia vorwirft, sie wolle immer nur weglaufen (ernsthaft: Wer hatte eine Affäre und dachte nicht mindestens einmal daran mit dieser durchzubrennen?!) und das könne doch nichts sein, sie wieder nicht reden lässt und später im Film selber die Flucht antritt. Das… verwirrt und erschließt sich auch aus dem Charakter nicht.

Redundanz und Längen

Was auch daran liegen mag, dass Mia gut gezeichnet ist, Frida hingegen ein wenig blass bleibt. Zwar wissen wir von vergangenen Verletzungen, ansonsten wird uns aber nicht vermittelt, was sie antreibt – außer der Liebe zu Mia, die aber zuerst sehr forsch, dann fordernd und auch wackelig wirkt. Mit mehr Hintergrund zu ihr wäre das vielleicht nachvollziehbarer gewesen.

Sommer, Sonne, eitel Sonnenschein?! Nicht ganz // © Salzgeber

So kommt es dann auch, dass Küss mich in der zweiten Hälfte die eine oder andere redundante und belanglose Länge hat, bevor es auf ein abruptes und nicht zum Ton des restlichen Films passendes Finale zuläuft, in dem jemand – ganz romantische Komödie aus den Neunziger- und Nullerjahren – suchend durch einen Flughafen sprintet. Nun ja. Hervorzuheben aber ist, dass der Film einmal nicht tragisch endet, niemand muss hier sein oder ihr Leben für die Liebe lassen

Küss mich ist die wenig überraschende, dafür aber teils sehr gefühlvoll erzählte und fantastisch bebilderte Erzählung einer unterdrückten und irgendwie verbotenen Liebe, die vor allem an Erwartungen an sich selbst zu scheitern droht.

JW

Küss mich läuft am 22. Juli um 23:25 Uhr im Rahmen von rbb Queer im rbb und ist anschließend für zwei Wochen in der ARD-Mediathek verfügbar.

Küss mich (OT: Kyss mig); Schweden, 2011; Regie und Drehbuch: Alexandra-Therese Keining; Kamera: Ragna Jorming; Musik: Marc Collin:  Darsteller*innen: Ruth Vega Fernandez, Liv Mjönes, Krister Henriksson, Lena Endre, Joakim Nätterqvist, Tom Ljungman, Josefin Tengblad; Laufzeit ca. 103 Minuten; FSK: 12; Originalfassung mit deutschten Untertiteln; eine Produktion von LeBox Produktion im Verleih von Salzgeber; als VoD, Download und auf DVD

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