Lest mal andere Bücher

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Am Montag wurde im nun doch mal irgendwie eröffnet-offenen Berliner Humboldt-Forum der Deutsche Sachbuchpreis 2021 vergeben. Der Journalist Jürgen Kaube wurde für sein Buch Hegels Welt mit dem erstmalig vergebenen Preis der Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Das kam für Kaube augenscheinlich unerwartet, zumindest ließ seine Dankesrede darauf schließen, dass er nicht wirklich damit rechnete, mit der Auszeichnung bedacht zu werden.

Und in der Tat, die Verleihung an Kaube kommt ein wenig überraschend. Wir haben uns bei the little queer review intensiv mit den nominierten Büchern beschäftigt und müssen zugeben, dass wir Hegels Welt nicht als Favoriten gesehen hatten. Leider können wir daher an dieser Stelle noch nicht auf unsere Einschätzung zu Kaubes Werk verweisen.

„Lesen Sie auch die anderen Bücher“

Kaube aber animierte zum Ende seiner Dankesrede: „Lesen Sie auch die anderen Bücher“. Die Bandbreite der Nominierten war nämlich in der Tat beachtlich. Andreas Kossert und Michael Maar widmeten sich in ihren beiden Büchern in großer Detailtiefe der Literatur, dabei mit sehr unterschiedlichen Herangehensweisen und thematischen Zielsetzungen. Kossert beschreibt in seinem Buch Flucht – Eine Menschheitsgeschichte, welche Aspekte mit Flucht zusammenhängen, wählt dabei die Option, dies über literarische Zeugnisse zu vermitteln. Michael Maar hingegen widmet sich in Die Schlange im Wolfspelz der Frage nach gutem Stil in der Literatur. Über eine recht spezielle analytische Methodik vermitteln dabei beide Bücher eindrücklich einen Teil individuell geprägter historischer und gesellschaftlicher Interpretationsmöglichkeiten von Literatur. Zugänglicher und dringlicher ist dabei Kosserts Flucht, da dieser im Gegensatz zu Maar, der doziert und sich zwischen den Seiten der deutschsprachigen Literaturgeschichte sonnt, sein Thema praktisch anwendet und vermittelt.

Ein völlig anderes Genre vertreten die Bücher der Autorinnen Heike Behrend und Asal Dardan. Beide Frauen liefern mit ihren Beiträgen autobiografisch geprägte Werke, die sich aber dennoch deutlich voneinander unterscheiden. Während Behrend sich in Menschwerdung eines Affen mit ihrer Lebensleistung in der ethnografischen Forschung in Ostafrika auseinandersetzt und sich dabei selbst zum Untersuchungsgegenstand macht, betrachtet Asal Dardan in ihren Betrachtungen einer Barbarin unsere Gesellschaft aus verschiedenen Positionen der Minderheit. Sie zeigt ganz eindrücklich, wie es sich anfühlt, das Gefühl vermittelt zu bekommen, sich „anders“ fühlen zu sollen. Beide Bücher haben uns sehr zum Nachdenken gebracht und seien analog zu Kaubes Empfehlung zur Lektüre dringend empfohlen.

Wissenschaft, Freiheit und Gerechtigkeit

In dem Buch Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit von Mai Thi Nguyen-Kim, versucht die Autorin durch vor allem naturwissenschaftliche Bezüge eine gesündere Streitkultur oder auch einen faktenbasierteren Diskurs (das steht hier nur für Sie, Herr Maar), zu befördern. Leider verfängt sich das Buch an mancher Stelle in eigenen Vorbehalten und mancher Verklausulierung. Empfohlen sei es aber allemal.

Um Freiheit und Gerechtigkeit geht es in zwei weiteren der nominierten Bücher. Freiheitsgrade von Christoph Möllers behandelt laut dem das Buch herausgebenden Suhrkamp Verlag die „Elemente einer liberalen politischen Mechanik“. Wir haben es noch nicht gelesen, werden das aber ohnehin nachholen. Gerade im Superdupermegwahljahr 2021 ist das zumindest für uns Pflichtlektüre. Im Buch Maos langer Schatten wiederum arbeitet der Forscher Daniel Leese überaus detailreich heraus, wie die chinesische Führung das Unrecht zur Zeit Maos aufarbeitete und durch gezielte Geschichtspolitik Risse in der Gesellschaft zu kitten vermochte. Ein sehr gehaltvolles Buch, das vermutlich primär bei Fachleuten auf Interesse stoßen dürfte, aber dennoch einen wichtigen Debattenbeitrag liefert.

Debatte konstituiert Gesellschaft

Und darum ging es der Jury des Deutschen Sachbuchpreises vornehmlich: die Debatte über manche Themen in der Gesellschaft zu befeuern, indem sie einzelne Werke in den Vordergrund rückt. Das mag bei manchen der nominierten Bücher in der Tat gelungen sein, aber gleichzeitig steht zu befürchten, dass beispielsweise Maos langer Schatten, Menschwerdung eines Affen oder auch der Siegertitel Hegels Welt fast schon zu speziell sind, um in der allgemeinen Debatte Anschluss zu finden.

Und natürlich stellt sich grundsätzlich die Frage nach der Auswahl der Bücher und der behandelten Themen. Flucht und Vertreibung war eines der großen Themen der vergangenen Jahre und nicht zuletzt ist es spätestens mit Blick auf die Corona-Krise sinnvoll, ein Buch wie Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit in den Fokus zu rücken, das sich mit dem Wert und der Beurteilung wissenschaftlicher Arbeit und Methoden auseinandersetzt.

Die Debatte ist breit(er) zu führen

Gleichzeitig vermissen wir allerdings auch Themen, die sich in den letzten Jahren in der gesellschaftlichen Debatte spiegelten. Rassismus und Feminismus werden in Betrachtungen einer Barbarin zwar thematisiert, aber in dieser Hinsicht gäbe es weit mehr Perspektiven, die von Bedeutung wären. Die gesellschaftliche Spaltung, zunehmende Radikalisierung und politische Polarisierung findet sich ebenfalls primär in Asal Dardans Werk und in Teilen bei Andreas Kossert, der diese Mechanismen aufarbeitet – ansonsten jedoch kaum. Und natürlich ist uns an den Themen von LSBTIQ* gelegen, die in den nominierten Werken leider kaum stattfinden (wenn auch Kossert einzelne queere Geflüchtete erwähnt und meint, sexuelle Orientierung sollte als Fluchtgrund in der Genfer Flüchtlingskonvention verankert werden; Behrend von einem für manche irritierenden Ausstellungskatalog mit homoerotischen Fotografien zu berichten weiß und Maar nicht darauf verzichtet, ebenfalls homoerotische Bezüge der Literaturen und vor allem lesbische Schriftstellerinnen zu erwähnen (um die Homophilie Thomas Manns aber seltsamerweise einen großen Bogen macht)).

In diesem Moment sei gesagt, dass von den gelesenen Büchern für HMS – der die Barbarin, die Menschwerdung und den Mao gelesen hat – das Buch Asal Dardans ganz weit vorn war und für AS – der Flucht, die Wirklichkeit und die Schlange gelesen hat – das Buch über und zu Flucht von Kossert Favorit war. Beides übrigens Bücher, die sich stark mit der Definition, Wahrnehmung und Vereinnahmung des Wortes „Heimat“ auseinandersetzen und gerade in dieser Hinsicht Teil aktueller gesellschaftlicher Debatten sein sollten. Darüber hinaus mag der Deutsche Sachbuchpreis mit seiner ersten „Krönung“ die Chance verpasst haben, ein eher zugängliches Werk auszuzeichnen. Auch das macht Debatte aus: Augenhöhe.

Klar ist natürlich, dass sich die Auf- und vor allem Vorbereitung der Debatte bei acht Titeln thematisch beschränken muss und einige Punkte immer unter den Tisch fallen. Auch wir bei the little queer review müssen eine Auswahl treffen, welche Bücher wir besprechen, auch wenn wir versuchen sowohl bei Sachbüchern als auch Belletristik eine möglichst breite Palette abzudecken (dazu übrigens demnächst mehr; ihr habt ja keine Ahnung, was wir uns teilweise anhören müssen…). Aber zum Glück gibt es 2022 eine neue Runde des Deutschen Sachbuchpreises und wir freuen uns bereits heute darauf. Bis dahin halten wir uns an den Tipp von Jürgen Kaube und lesen „die anderen Bücher“.

Eure queer reviewer

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