Lieben-Wollen versus Lieben-Können

Ein Geständnis: Ich bin ein großer Simon Amstell-Fan. Seine Bühnenprogramme haben mir manches Mal emotional aufrüttelnde, hintergründige, garstige Freude bereitet. Ebenso hatte ich das Glück seine Mockumentary Carnage sehen zu können und war nahezu begeistert. Seinen Spielfilm Benjamin aus dem Jahr 2018 habe ich irgendwie bisher an mir vorbeiziehen lassen, bedauerlicherweise (der erschien in Deutschland bei Salzgeber jedoch auch erst im September 2020). Die wie bei Amstell kaum anders zu erwarten schwarze Komödie mit viel selbstironischem und -tadelndem Humor samt dezent dramatischer Anklänge läuft am 15. Juli um 23:25 Uhr im Rahmen der diesjährigen Ausgabe von rbb Queer auch im deutschen Free-TV.

Unsicherheit überall

Der Plot des knapp neunzigminütigen Films ist dabei eigentlich schnell erzählt. Der 30-jährige Benjamin (Colin Morgan, Lord „Bosie“ in The Happy Prince) hat bald sieben Jahre an seinem zweiten Spielfilm gearbeitet, in dem er autobiografisch und als Hauptdarsteller seine letzte Beziehung und die Unfähigkeit zu lieben verarbeitet. Er ist nervös, denn er weiß nicht, ob der Film seinen und den (unbekannten) Ansprüchen des Publikums gerecht wird. Am Vorabend der Premiere lernt er auf einer hippen Veranstaltung – der Einführung eines Stuhls – den charismatischen Sänger Noah (Phénix Brossard) kennen und spürt sofort die Anziehung. Doch ist es nun der richtige Zeitpunkt für Gefühle? Immerhin steht seine Karriere möglicherweise vor dem Aus?!

Schon wer die Story liest und Simon Amstell kennt, kann sich wohl sehr gut vorstellen, dass der Brite solch einen Film wohl machen würde. Und wer ihn nicht kennt, sei nicht abgeschreckt: Der Film erzählt die Geschichte einer erwachenden, verunsicherten und überzeugenden Liebe ganz wunderbar, beinahe beiläufig, ohne die sich verändernden Gefühle irrelevant sein zu lassen.

Benjamin (Mitte) umgeben von vor Weirdness strotzenden Menschen: Billie und Stephen // © Salzgeber

Hinzu kommen einige ganz wunderbar überzeichnete Nebenfiguren, die jedoch alle für einen recht klar auszumachenden Typus Mensch stehen, was den Figuren eben auch Glaubwürdigkeit verleiht. Da ist Benjamins bester Freund Stephen (Joel Fry, Cruella, Plebs) ein depressiver Stand-Up-Comedian mit ausgeprägter Sozialphobie, die überdrehte und recht verlorene Reporterin Billie (Jessica Raine), deren Irgendwie-Freund Harry (Jack Rowan), eine völlig abgefuckte „Künstlerseele“, der in Benjamins neuem Film den Ex-Freund in spe spielt oder die Produzentin Tessa (Anna Chancellor).

In diese Welt abstruser Personen, Benjamin nicht ausgenommen, der nicht nur unter seinen Selbstzweifeln, sondern auch seinem Ego leidet, platzt nun der kleine Franzose Noah, der als einziger von ihnen tatsächlich aus dieser Welt zu kommen scheint. Dass Phénix Brossard (Departure) dabei so zurückhaltend wie einnehmend zu lächeln und spielen weiß, kommt dem natürlich entgegen. Wenn er sich für Magic Mushrooms entscheidet, wirkt das hier so naheliegend und unproblematisch wie Wasser. Wenn er Benjamin vor einem nervösen Anfall in der freistehenden Badewanne bewahrt, wirkt das vollkommen selbstverständlich. Wie auch seine kleine Wandlung im Laufe der Geschichte nachvollziehbar bleibt. Im Gegensatz zu Benjamin stürzt sich Noah eben auch nicht kopfüber in seine Begeisterung.

Film-im-Film und Hals-über-Kopf

Dieses Kopfüber-und-los mag auch einer der Gründe sein, warum Benjamin glaubt, emotional nicht geben und nicht zugänglich sein zu können. Wenn auch eine etwas forcierte, dennoch unterhaltsame Begegnung mit seinem echten Ex-Freund Paul (Nathan Stewart-Jarrett, Generation)verdeutlicht, was Benjamins eigentliches Problem gewesen zu sein scheint. Dieser Austausch ist übrigens einer der wenigen Momente, in dem uns eine andere Person erläutert, was in Benjamin vor sich geht. Das unterbricht auch den Rhythmus ein wenig, verschafft uns aber Klarheit. 

Irritierend hingegen ist es, dass Benjamin so lange und eng mit Harry gearbeitet haben soll, den Jack Rowan wirklich klasse und leider wunderbar arrogant-sexy spielt, und dennoch scheinbar nichts über ihn gewusst haben soll. Das ist schlicht unrealistisch und auch das größte erzählerische Problem des Films.

„Gefällt dir mein Film?“ – Benjamin und Noah // © Salzgeber

Ansonsten punktet Benjamin neben dem immer willkommenen und hier erstmals in seinem eigenen Akzent sprechenden (der Film ist nur als OmU verfügbar) Colin Morgan vor allem mit der passenden Ausgewogenheit von leichtem und etwas schwererem Witz, kleinen dramatischen Einschüben, die es jedoch fast immer schaffen dürften, die Erwartungshaltung der Zuschauer*innen zu unterlaufen, leichter Sexyness und natürlicher Gefühligkeit. Die Chemie zwischen Morgan und Brossard trägt auch ganz entschieden zur nachfühlbaren (und größtenteils klischeefreien) Entfaltung der Geschichte bei.

Witzig ist auch die Film-im-Film-Nummer, die sich Regisseur und Autor Simon Amstell als Gegenüberstellung quasi prätentiöser Kunstscheiße und greifbarerer Geschichte wünschte; diesen Widerspruch unterhaltsam zu präsentieren und dabei eben die Geschichte der Wiedererdung seines Protagonisten zu erzählen ist ihm durchaus gelungen. Und auch er erzählt eine autobiografische oder autofiktionale Geschichte, hat er doch seine Karriere wichtiger als die Menschen genommen, und versucht Liebe beim Publikum zu finden. 

Charmant, aber ohne Nachhall

Zwei kleine Mankos mag es geben: Das, was mir an dem Film gefiel, mag den Nerv von anderen so gar nicht treffen. Mein Kollege fand den Film okay, aber irgendwie „nicht so doll, auch nicht wirklich witzig.“ Da ist was dran. Wir bewegen uns hier auf einer sehr eigenen, wie oben beschriebenen, Humorschiene, zu der die Zuschauer*innen eben den Zugang haben müssen.

Benjamin redend und Noah hörend – in gewohnter Pose // © Salzgeber

Und zweitens: Der Film ist so charmant; die kleine, feine, süß und sensibel gespielte Schlussszene bleibt hängen, wie auch zwei, drei andere Momente. Ansonsten hat Benjamin auf Handlungsebene nichts, das ihn wirklich erinnerungswürdig sein ließe. Was, ironischerweise, auch eine der größten Ängste des gleichnamigen Charakters ist.

Dennoch ist der Film eine Empfehlung, allein schon der Chemie zwischen Colin Morgan und Phénix Brossard wegen. Ins Sommer“kino“ passt er ebenfalls auf jeden Fall und auch für einen verregneten Lottertag mit Kuchen und Rotwein aus der Kaffeetasse auf der Couch eignet er sich hervorragend.

JW

Benjamin; UK, 2018; Regie und Drehbuch: Simon Amstell; Kamera: David Pimm; Musik: James Righton:  Darsteller*innen: Colin Morgan, Phénix Brossard, Joel Fry, Anna Chancellor, Jack Rowan, Jessica Raine; Laufzeit ca. 85 Minuten; FSK: 12 Originalfassung mit deutschten Untertiteln; eine Produktion von Open Palm Films im Verleih von Salzgeber; als VoD, Download und auf DVD

Benjamin lief am 15. Juli um 23:25 Uhr im Rahmen von rbbQueer.

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