„Lieber nichts als das Falsche!!!!!!!!!“: Kurt Hiller und Hans Giese und das WhK

Da laufe ihm „der Euter über“ schreibt Kurt Hiller in einem seiner Briefe im Jahre 1950 aus London an den in Frankfurt am Main lebenden Hermann Weber. Die beiden kennen sich seit langer Zeit, engagierten sie sich doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ende der Weimarer Republik beim Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK) gegen antihomosexuelle Strafgesetze. Hiller wurde 1929 nach dem Rückzug Magnus Hirschfelds gar zweiter Vorsitzender, Weber war Leiter der Ortsgruppe Frankfurt. Hiller bezieht sich in diesem Brief auf die seiner Ansicht nach kläglichen Versuche Hans Gieses ab 1948 nicht nur ein neues WhK ins Leben zu rufen, sondern ebenso ein an Magnus Hirschfeld ausgerichtetes neues Institut für Sexualwissenschaft, beziehungsweise –forschung.

Hiller, Jude und Sozialist, und Giese, der Ex-NSDAPler

In dem Büchlein Homosexuellenpolitik in der jungen Bundesrepublik. Kurt Hiller, Hans Giese und das Frankfurter Wissenschaftlich-umanitäre Komitee geht Raimund Wolfert diesem Versuch und der Haltung Hillers demgegenüber nach. In erster Linie dienen die Briefwechsel Hillers mit ehemaligen Weggefährten wie dem bereits genannten Hermann Weber oder auch Heinz Meininger und Otto Juliusburger und neuen die Bühne betretenden Aktivisten, wie natürlich Hans Giese, aber auch Paul Hugo Biederich als Grundlage des fesselnden und hochgradig informativen Aufsatzes, der in der Reihe der Hirschfeld-Lectures im Wallstein Verlag erschienen ist. Die Briefe befinden sich im Besitz der Kurt-Hiller-Gesellschaft.

Neben persönlichen Befindlichkeiten und den stark hervortretenden Differenzen was Herangehensweise, Stil und den für ein solches Engagement als nötig befundenen persönlichen und geistigen Hintergrund angeht, erfahren die Leser*innen ebenfalls, dass es im kleinen, sicherlich noch nicht Forschung zu nennenden, Rahmen auch um das Zusammentragen fundierter Informationen wie zum Beispiel über Homosexuelle KZ-Häftlinge ging. Etwas, das Jahrzehnte später auch einmal Aktivist*innen und Historiker*innen beschäftigen sollte.

Hiller allerdings war sich ebensowenig sicher, ob es in der noch sehr jungen Bundesrepublik bereits an der Zeit sei, sich wieder öffentlichkeitswirksam der Thematik, Entkriminalisierung und Aufklärung der „mann-männlichen Liebe“ zu widmen und nahm die ersten Gründungsschritte des jungen Mediziners Giese, einem ehemaligen NSDAP-Mitglied, verhalten, aber nicht desinteressiert, wahr. Hiller, der nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten als Sozialist, Jude und Homosexueller bis 1934 mehrfach verhaftet und in Konzentrationslagern inhaftiert wurde, dort schweren körperlichen Misshandlungen ausgesetzt war, floh über Prag nach London. Es darf davon ausgegangen werden, dass Hiller in jedem anderen Fall einer der vielen heimlichen Paragraph-175-Häftlinge gewesen wäre, da er sicherlich als „Jude“ Internet worden wäre. Raimund Wolfert ist sich nicht sicher, ob und wenn ja ,wann Hiller von Gieses Zugehörigkeit und Vergangenheit erfuhr, vermutet habe er diese aber wohl.

Zu früh für erneutes Engagement?

Die Sache der Homosexuellen sah Kurt Hiller als ungemein wichtig an, warnte jedoch vor einer „Politik mit dem Kopf durch die Wand“ und sah überstürztes oder gar falsch angelegtes Engagement nachvollziehbar als der Sache eher schädlich an. Es gäbe bereits ausreichend „Gründeriche“ und „Dilet-Tanten“ die in der Nachkriegszeit mit dem Titel einer guten Sache nur Geld verdienen wollten. Dennoch legte er gegen ein neues WhK kein Veto ein (was womöglich ohnehin überhört worden wäre) und der Versuch einer gemeinsamen Kooperation nahm ihren Lauf.

Sein Briefwechsel mit Hans Giese, der hier im Fokus steht, nicht immer direkt, manches Mal auch im Austausch Hillers mit anderen über Giese, steht dabei von Anfang an unter keinem guten Stern. Was, wie Wolfert in dem Büchlein ausmacht, sicherlich auch Hans Gieses Unbedarftheit, seiner nicht immer diplomatischen Herangehensweise und einer gewissen Salamitaktik geschuldet ist, aber mindestens ebenso sehr auch der fortwährenden Betonung Kurt Hillers auf das Trennende. 

Von den thematisch-inhaltlichen Auseinandersetzungen ganz zu schweigen. Weder ist man sich über den Namen einig, noch über die Zusammensetzung eines Komitees, ebensowenig über die Ziele in Bezug auf die Abschaffung oder Abschwächung des Paragraphen 175, der Strafbarkeit von männlicher Prostitution, und auch nicht über die Ausrichtung, mit der es an die Öffentlichkeit zu treten gelte. Dennoch wird gegründet und ebenso entsteht eine eher dem sozialen Leben zugewandte Bewegung, auch wenn dies nicht im Sinne Hillers ist.

„Zusammengestümperter Quark“

So warnt dieser auch immer wieder davor, dass die Bewegung und das Amüsement auseinandergehalten werden sollten, stellt aber in Bezug auf den ersten Clubabend des Vereins für die Pflege einer humanitären Lebensgestaltung (VhL) fest, dass es nicht verwundere, wenn „90 % der Leute keine ernste Arbeit [innerhalb der Bewegung, Anm. d. Red.] sondern Unterhaltung dabei suchen“, das sei immer so gewesen und werde immer so bleiben. Wenn also die „90 % durch ihre einfache Zugehörigkeit den restlichen 10 % die Möglichkeit geben, an der guten Sache zu arbeiten, so ist das auch etwas wert“, so Hiller in einem Brief an Hermann Weber im August 1949. 

Absolut fatal allerdings wird es als Kurt Hiller erfährt, dass Hans Giese Homosexualität für eine Funktionsstörung hält, was Magnus Hirschfelds Studien und Lehren diametral entgegensteht und eine weitere Zusammenarbeit nahezu unmöglich machen sollte. Zwar ist Hiller hier bereits mit dem Juristen Paul Hugo Biederich in Kontakt, doch auch hier gibt es Differenzen, da Biederich eine Politik der kleinen Schritte bevorzugt, Hiller jedoch, trotz der Ablehnung des „Kopf-durch-die-Wand“-Konzepts, für eine Alles-oder-Nichts-Strategie plädiert. 

So gab sich Kurt Hiller auch entrüstet darüber, dass „die neue Homosexuellenbewegung die Früchte vom Baum der Arbeit von vor 1933 verschmähte, um sich da, wo ein ‚Fundament aus Basalt‘ vorhanden sei, eins ‚aus vertrocknetem Quark zusammenzustümpern.‘“ Wolfert stellt in seiner analytischen Auseinandersetzung mit dem Thema allerdings auch heraus, dass Hiller durchaus manch einen Misserfolg rückwirkend zum Erfolg verklärte und die, vor allem auch seine, Errungenschaften in der Zeit vor 1933 gern ein wenig erfolgreicher darstellte, als sie es gewesen waren.

Die Entwicklung des Versuchs eines neuerlichen Aufbaus des Wissenschaftlich-humanitären Komitees ist so verwoben, komplex, von menschlichen Schwächen, Eitelkeiten, Sorgen und Egoismen geprägt, dass es nicht leicht fällt, hier immer durchzusteigen. Wolfert gelingt es in einem sicheren Ton jedoch, die Ereignisse beinahe erzählerisch aufzuarbeiten und die Hintergründe und wesentlichen Beweggründe der Beteiligten darzulegen. Dies selten wertend, wenn dann aber merklich und einschneidend. 

Eine durch und durch lehrreiche Lektüre

Nicht nur in Vorwort und Fazit werden festgehalten, sondern auch den gesamten Beitrag über ist merkbar, dass Kurt Hiller bei allen guten Gedanken nach dem Zweiten Weltkrieg aus seinem Londoner Exil heraus in erster Linie in einer Weigerungshaltung verharrte und bei zwar auch an manchem Punkt berechtigter Skepsis, doch vor allem aus vermeintlich eher persönlichen Gründen und wohl auch Furcht vor dem Scheitern der Sache (und womöglich seiner Person) nicht willens war, tatsächlich kritisch-unterstützend, statt barsch-abweisend und beinahe zynisch zu wirken. 

Kurt Hiller wollte übrigens 1962 in Hamburg das WhK erneut gründen, dieser Versuch scheiterte jedoch vor allem auch daran, dass Kurt Hiller sich inzwischen isoliert sah. Nicht zuletzt auch im Streit um die Aktivitäten und seiner Weigerung einer aktiven und inhaltlich wertvollen Hilfe Ende der 40er- und Anfang der 50er-Jahre brachen frühere Weggefährten und Freunde mit ihm (weitere waren inzwischen verstorben). Die zu Beginn der 1950er-Jahre anbrechende Zeit, geprägt von Übergriffen und Verhaftungswellen gegen Homosexuelle, Selbstmorden, Fluchtbewegungen ins Ausland, sollte später als die „bleierne Zeit“ bezeichnet werden.

Der erzählerisch stringente und uns in die Situation hineinbringende Aufsatz zur „Homosexuellenpolitk in der jungen Bundesrepublik“ von Raimund Wolfert sei bei grundsätzlichem Interesse an der Thematik der Geschichte der LSBTQ*-Bewegungen in Deutschland dringend empfohlen. Er schult darüber hinaus ebenso im Menschlichen.

Raimund Wolfert: Homosexuellenpolitik in der jungen Bundesrepublik. Kurt Hiller, Hans Giese und das Frankfurter Wissenschaftlich-humanitäre Komitee; Hirschfeld-Lectures Bd. 8; 72 Seiten, Klappenbroschur, ISBN: 978-3-8353-1727-7; Wallstein Verlag; 9,90 €; auch als E-Book, 7,99 €

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