Liebeskummer lässt lernen

Liebeskummer. So ein unschönes Wort, das in den meisten von uns zuerst einmal den einen oder anderen schwermütigen Gedanken auslösen dürfte. Dann andererseits wieder werden wir uns vielleicht daran erinnern, dass wir uns durch eben diesen womöglich auch weiterentwickelt haben. Dass er eine unschöne Notwendigkeit im Prozess unserer Entwicklung und unseres Menschseins ist. Dass er auch Teil des Lebens ist, eines Teils der zuvor oftmals durch viel Schönes geprägt gewesen sein kann. Darum haben wir uns diesem Gefühl vielleicht sogar mehr als einmal ausgesetzt und gehen häufig die Gefahr ein, uns wieder damit konfrontiert zu sehen. 

Sachbuch oder Roman? Beides.

Patjabbers beschäftigt sich in seinem autobiografischen Roman Vielleicht liebst du mich übermorgen – Toxische Gefühle genau damit: der Liebe, dem Leid und dem Liebeskummer. Dem Erkenntnisprozess, dem innerlichen, wie äußerlichen Schmerz, der Bewusstmachung eines längst erlittenen Verlustes und des Weitergehens. Das Buch allerdings liest sich in weiten Teilen eher wie eine wirkliche Autobiografie, eine Erinnerung und weniger wie ein Roman. So verwundert es kaum, dass auch der das Buch herausgebende Piper Verlag Vielleicht liebst du mich übermorgen als Sachbuch listet.

Das bedeutet allerdings nicht, dass das Buch nicht genau so unterhaltsam wäre wie ein Roman. Der Wechsel von sehr anschaulich geschilderten Beschreibungen sowohl der der äußeren Umgebung wie auch des inneren Zustands, von Hauptcharakter und Ich-Erzähler Ricko und situativ-funktionalen Dialogen ist so unterhaltsam wie fließend und gekonnt. Man merkt dem Buch die Schreib- und Wortkompetenz von Autor Pat aka Patjabbers, der studierter Journalist und freier Trauredner ist, deutlich an, ohne den Eindruck zu gewinnen, er sei eine Wortproduktionsmaschine. Vielleicht liebst du mich übermorgen ist somit trotz eines heftigen Hin und Her von vollkommener Glückseligkeit zu tiefer Depression und vielem zwischendrin eine äußerst angenehme Leseerfahrung. 

Gen Z und Gen Y lieben und leiden gleich

Vielleicht liebst du mich übermorgen – Toxische Gefühle erzählt von bereits erwähntem Ricko, seiner Jugend als schwulem Jugendlichen in einer dörflichen oder kleinstädtischen Umgebung und seiner ersten Liebe, dem ein wenig älteren, super attraktiven Milan. Es ist natürlich die große Liebe. Doch dann gerät die Beziehung durch einen anderen Jungen ins Wanken und Milan verlässt den erschütterten Ricko. Doch der denkt nicht daran aufzugeben, denn schließlich sind Milan und er doch füreinander bestimmt. Er lässt kaum etwas unversucht, um ihm zurückzuerobern, doch verliert sich selber dabei immer mehr. Ihm fällt nicht auf, wie selbstzerstörerisch sein Festhalten an Milan ist. Als um ihn herum auch noch die gewohnte Welt aus den Fugen gerät und er sich Attacken ausgesetzt sieht, verschlimmert sich seine Situation mehr und mehr. 

Gerade für jüngere Leser*innen ab circa vierzehn, fünfzehn Jahren ist die Geschichte nicht nur deswegen ansprechend, weil das dem Alter von Ricko entspricht (zu Beginn ist er fünfzehn und sie endet mit seinem achtzehnten Geburtstag), sondern weil Patjabbers es immer wieder schafft, gute Ratschläge und reflektiertes Betrachten einzustreuen, ohne darüber ein großes ACHTUNG schreiben zu müssen. Quasi Nudging at its best. So ist es zuweilen faszinierend zu lesen, wie reif Ricko auftritt und sich beispielsweise seiner Essstörung völlig bewusst ist, aber nicht daran denkt, diese „aufzugeben“. Zu gut füllt sie sich an. Ein wissender Süchtiger, manch eine*r mag das kennen.

Auch wenn das Dating-Leben dieser jungen Leute von heute sicherlich ein wenig anders organisiert sein dürfte als zu Beginn der Nullerjahre (hier spielt die Geschichte), so haben sich einige Dinge eben nicht verändert. Ein Stadt-Land-Gefälle auch in der Zugänglichkeit von Möglichkeiten. Trotz der gekonnten Verwendung von Social Media und Co. eine gewisse Unsicherheit mit den ersten Emotionen. Bei queeren Personen noch die sozialen und gesellschaftlichen Unsicherheiten (es gibt eben einen Unterschied zwischen erhoffter, vermittelter und tatsächlicher Welt). Und so weiter und so fort. Somit ist Vielleicht liebst du mich übermorgen auch damit passend für die Generation Z. 

Hätten wir doch nur bereits Throuples gekannt!

Doch die Geschichte um Selbstfindung entgegen vieler – auch selbst geschaffener – Hindernisse ist nicht nur für die eben beschriebene Klientel interessant, sondern, wie der Rezensent findet, für quasi alle Generationen. Ein*e Jede*r kann eine kleine Lektion aus dem Buch mitnehmen. Seien es junge Erwachsene, die sich im Mittendrin des Ungewissen befinden oder auch Eltern, deren Kind sich vielleicht gerade in einer Outing- und/oder Liebes-un-glückssituation befindet. Spannend auch für diese ach so nichtsnutzigen (die Renten zahlenden…) Millennials, zu denen auch Pat gehört, allein schon, um Erfahrungswerte abzugleichen und noch einmal in die eigene Jugend zurückzublicken.

Autor Patjabbers // © Privat / Piper Verlag

Patjabbers und ich dürften etwa im gleichen Alter sein und so kam mir vieles in der Story sehr bekannt vor. Nicht nur, insbesondere zu Beginn, was sich auf der Gefühlsebene ereignet, sondern auch die Erlebnisse und Wahrnehmungen verschiedener Dinge. Laut auflachen musste ich zum Beispiel, als er schreibt: „[…] und machte es mir dann auf dem Bahnhof mit der neuen BRAVO bequem. Ich las sie echt gern, aber immer so, dass die Leute um mich herum das Cover nicht sehen konnten. Ich war schließlich keine zwölf mehr.“ So sieht das nämlich aus. Außerdem musste ich mich mehrmals fragen, wieso zur Hölle „wir“ mit sechzehn oder siebzehn das Wort „Throuple“ (quasi Dreierbeziehung) noch nicht kannten. Die Welt wäre eine einfachere gewesen. 💁🏻‍♂️

Vielleicht liebst du mich übermorgen hat allerdings auch einige Probleme, die womöglich aus der Verknüpfung von autobiografischem Report und erzählter, fiktionalisierter Geschichte herrühren. So ist die Zeitlinie nur schwerlich nachvollziehbar, diverse kaum ausformulierte Zeitsprünge dürften auch aufmerksame Leser*innen manches Mal etwas verwundert sein lassen. Ebenso wird anfangs der Eindruck erweckt, Ricko sei bereits bei seiner Mutter geoutet, was aber erst später geschieht. Es stellt sich im Laufe des Lesens dann mehr zufällig heraus, dass da zu Beginn ein Ricko aus dem Off schon einmal kommentiert hat, was sich allerdings so nicht erkennen lässt. Das ist kein Drama, aber ungünstig. Später wird das, die wenigen Male die es geschieht, deutlicher abgesetzt.

Ein weiteres kleines Manko sind manch Länge und gefühlt unnötige Wiederholung, wo an anderer Stelle plötzlich Momente übersprungen werden, die in der Rückschau nur mit einem „Das ist dann auch noch passiert“-Satz abgetan werden. Da wirkt die eigene Geschichte unliebsam kuratiert und gerät durch einen unausgewogenen erzählerischen Takt immer mal wieder ins Schlingern. Das schmälert das Lesegefühl durchaus ein wenig. Es stellte sich irgendwann nach etwa zweihundert Seiten das Gefühl ein, wir könnten jetzt mal in Richtung Endspurt gehen. Dann allerdings holt Autor Patjabbers nochmal einen ziemlichen emotionalen Hammer hervor, der ob selbst betroffen oder nicht, für Tränen sorgen dürfte. Die Stärke von Pat ist recht eindeutig das Be-Schreiben von Gefühlen. 

Lebensnah & gefühlsecht 

Das Ende, was dennoch keinen Moment zu spät kommt, klammert leider aus, dass auch Personen, die uns wehtun, selber nur Menschen sind. Oder sagen wir es anders: Das Ergebnis von Rickos Prozess der Erkenntnisgewinnung kommt schlussendlich in einem derartigen Sprint (wenn auch ausgelöst durch einen nachvollziehbaren Moment), dass man als Leser*in das Gefühl haben kann, hier wäre statt Luftlinie vielleicht doch ein Fußweg mit ein oder zwei Ecken besser gewesen. Allerdings mag erneut der Faktor autobiografischer Report einbezogen werden.

Das Nachwort beinhaltet noch eine kurze, aber sehr persönliche und in seiner Ernsthaftigkeit nicht anzuzweifelnde Nachricht, die sich vornehmlich an jüngere Leser*innen wenden dürfte, ganz egal ob queer oder nicht, und schließt mit „In Liebe – Pat“.

Cover: „Vielleicht liebst du mich übermorgen“

Vielleicht liebst du mich übermorgen ist neben manch kleiner Probleme und Längen ein lesenswertes Buch, das gekonnt zwischen Liebe und Schmerz, Glück und Wut, viel, viel Lachen und Trauer hin und her wechselt. Lebensnah geschrieben und trotz allem emotionalen Ballast voller Esprit ist der autobiografische Roman generationsübergreifend eine absolute Empfehlung.

Patjabbers: Vielleicht liebst du mich übermorgen – Toxische Gefühle; 1. Auflage, November 2020; 272 Seiten; Klappenbroschur; ISBN: 978-3-492-50465-2; Piper Verlag; 14,00 €; auch als eBook erhältlich (9,99 €)

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