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Zuletzt aktualisiert am 15/07/2020

In der Corona-Krise zeigt sich immer wieder und immer mehr der Konflikt zwischen Gesundheit und Wirtschaft. Um die Gesundheit und das Leben der Menschen zu schützen, wurde eindringlich empfohlen, dass sie möglichst zu Hause bleiben sollen. Viele können zwar von zu Hause weiter ihrer Arbeit nachgehen, aber viele eben auch nicht. In jedem Fall geht der Lockdown auf Kosten der Wirtschaft. Das dürfte mittlerweile eigentlich jedem bewusst geworden sein.

Deshalb hat die Regierung auch eine Reihe von Hilfsmaßnahmen und ein Konjunkturpaket verkündet oder zumindest angekündigt. So weit, so gut und vor allem auch so sinnvoll, denn von der Wirtschaft von morgen werden wir leben. Allerdings droht hier die Gefahr, dass alte Traditionen und die Vergangenheit zu sehr unsere Zukunft bestimmen.

Auf dem Boden bleiben

Ein Beispiel ist der bevorstehende Einstieg der Bundesregierung bei der Lufthansa. Es ging hier lange darum, ob der Bund nach seiner Beteiligung auch Stimmrechte haben sollte und so Einfluss auf das Geschäftsmodell der größten deutschen Airline nehmen dürfe. Dass der Staat im Grundsatz kein guter Unternehmer ist, wird derzeit immer wieder mantraartig wiederholt und es ist auch richtig. Aber wahr ist auch, dass die Krise nun eine Chance bietet, andere gesellschaftliche Ziele zu verwirklichen, die sonst nicht oder nur schwer erreichbar sind, zum Beispiel mehr Umwelt- und Klimaschutz.

Mal ehrlich: Wie bald müsste man mit dem Argument rechnen, dass Investitionen in mehr Klimaschutz beim Flugverkehr erst einmal nicht möglich sind, da die Lufthansa nun erst einmal mit den Folgen von Corona kämpfen und sich stabilisieren muss? Da ist es doch sinnvoller, wenn es mit dem Staat einen liquiden Ankeraktionär gibt, der eventuelle Wettbewerbsnachteile, die er durch schärfere Umweltauflagen selbst verursacht, begleiten und ausgleichen kann?

Die Frage, die sich hier ähnlich wie nach der Finanzkrise stellt, ist die der Systemrelevanz: Der Staat und die Gesellschaft werden klären müssen, welche Unternehmen in ihrer Branche und für das Wirtschaftssystem der Bundesrepublik systemrelevant sind. Die Lufthansa zählt vermutlich dazu, denn lediglich von ausländischen Airlines abhängig zu sein – nationale Wettbewerber von Format gibt es ja kaum mehr, bzw. wird Condor ja ohnehin bereits zum zweiten Mal gerettet – kann für ein auf internationalen Handel angewiesenes Land wie Deutschland keine Alternative sein.

Verkruppxt und zugenäht

Anders sieht es bei anderen Unternehmen aus, die früher oder später auch in Notlagen kommen mögen. Beispiel ThyssenKrupp: Der Stahlkocher ist eines der traditionsreichsten Unternehmen des Landes, steht aber seit massiven Fehlinvestitionen in Brasilien und den USA schon seit mehreren Jahren an der Schwelle des Todes, bzw. der Insolvenz. Die Fusion mit der indischen Tata Steel wurde 2017 durch die EU-Kommission verboten und kurz vor Corona verscherbelte das Unternehmen mit der Aufzugsparte noch rechtzeitig sein Tafelsilber mit einem Erlös von etwa 17 Milliarden Euro.

ThyssenKrupp hat Corona nicht verursacht und leidet aber nun dennoch darunter, wie auf der heute stattfindenden Sitzung des Aufsichtsrats auch bestimmt deutlich werden dürfte. Der Erlös aus dem Verkauf kann vermutlich nicht überwiegend in die Tilgung der Schulden und Pensionsrückstellungen fließen, sondern muss auch für die Bewältigung der Krise eingesetzt werden. Das ist tragisch, zumal auch tausende Arbeitsplätze und Existenzen daran hängen. Es ist also mutmaßlich nur noch eine Frage der Zeit, wann der Stahlkocher an die Tür von Landes- und Bundesregierung klopft. Da es zum Beispiel mit Salzgitter oder Klöckner noch weitere innovative Stahlunternehmen von Format gibt, ist aber zu hoffen, dass die Bundesregierung den Mut aufbringt, das Unternehmen, so traditionsreich es sein mag, auch Pleite gehen und sterben zu lassen, sobald es anklopft.

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble sagte kürzlich in einem viel beachteten Interview, dass dem Schutz von Leben nicht alles unterzuordnen sei. Genau wie für menschliches Leben gilt das auch für die Wirtschaft. Die Politik wird sich entscheiden müssen, welche Wirtschaft sie nach der Krise haben will und welche Prioritäten sie für unsere Gesellschaft setzt. Welche Hebel sie jetzt in der Hand hält, bzw. jetzt vielleicht unerwartet in Reichweite kommen. Hierfür braucht es eine größere Vision, aber auch Mut, um zu definieren, was systemrelevant ist und was nicht. Und es braucht Entschlossenheit und Transparenz, um die Folgen wie steigende Arbeitslosigkeit und Unzufriedenheit in der Bevölkerung zu vermitteln, aber dennoch den dann eingeschlagenen Kurs zu halten. Die Politik wird den Mut brauchen, nicht systemrelevante Unternehmen sterben zu lassen, um eine vitale und resiliente Wirtschaft zu schaffen.

HMS

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