Lucy in the dreams

Schlaflosigkeit ist schon schlimm genug, und immer wieder Motiv im sonntäglichen Tatort (beispielsweise dem Dresdner Parasomnia oder der Folge Die Amme aus Wien). Die Frage aber, was Traum und was Realität ist, kann fast noch mehr plagen, vor allem, wenn die zentrale Frage lautet: Habe ich sie umgebracht?

Augen auf!

So die grobe Ausgangslage im Tatort: Dreams, der am Sonntag ausgestrahlt wird und die Münchener Ermittler Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) in Schach hält. Die junge Geigerin Marina Eeden (Jara Bihler) meldet sich bei der Münchener Mordkommission, ist sich nicht sicher, ob sie ihre ebenfalls talentierte Kollegin Lucy Castaneda (Dorothée Neff) auf dem Dach des bekannten Konzerthauses Gasteig ermordet hat. Blutspuren weisen darauf hin, die Abwesenheit der Leiche eher nicht.

Ivo Batic (Miroslav Nemec), Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und ihre Kollegin Bucher (Sushila Sara Mai) sind überrascht von Marina Eedens (Jara Bihler) Aussage, während Konzertmeisterin Lahja Åkerström (Lisa Marie Janke) zuhört // © BR/NEUESUPER GmbH/Hendrik Heiden

Es kann nämlich sein, dass die ehrgeizige Marina alles nur geträumt hat. Sie und Lucy, ebenso wie Lucys überaus ambitionierter Freund und Leistungsturner Mats Haki (Theo Trebs – kürzlich erst als Schlüsselfigur im Kölner Tatort: Der Reiz des Bösen zu sehen gewesen), besuchen nämlich regelmäßig ein Studio, das „luzides Schlafen“ trainiert, eine besondere Form der Leistungssteigerung im Schlaf. Als High Performer haben sie dies bis zum Äußersten ausgereizt, können daher teils tatsächlich nicht mehr unterscheiden, was Realität und was Traum ist.

(Alb-)Traum mit Impulsen

Batic und der an Schlafmangel leidende Leitmayr stehen also vor der Frage: Gibt es einen Fall und wenn ja, in welche Richtung muss ermittelt werden? Ist Lucy tot und wenn ja, was war Marinas Motiv? Konkurrenz und Karriere? Oder doch vielleicht Eifersucht? Oder etwas ganz anderes? Und wo ist überhaupt die potentielle Leiche?

Turner Mats Haki (Theo Trebs) scheint mehr zu wissen, als er zugeben mag // © BR/NEUESUPER GmbH/Hendrik Heiden

Es klingt erst einmal etwas krude, was sich die Macherinnen und Macher um Regisseur Boris Kunz sowie Moritz Binder und Johanna Thalmann (Drehbuch) ausgedacht haben. In der Tat Batic und Leitmayr stochern erst einmal ein wenig im Dunkeln, aber dennoch gibt es ähnlich wie beim luziden Träumen immer wieder neue Impulse und Spuren. Das birgt die Gefahr, dass die Story durch viele Details, kleine Wendungen und Nebenhandlungsstränge irgendwo ins Belang- und Ziellose abgleitet.

Aber, das haben wir bereits in einem weiteren Tatort von Co-Autorin Thalmann gesehen – vergangene Woche in Luna frisst oder stirbt aus Frankfurt – dieses Zusammenführen manchmal ziellos wirkender Stränge, das plausible Aus-dem-Hut-Zaubern von Erklärungen und Verknüpfungen, das klappt auch in München meist sehr gut. Etwa nach der Hälfte kehrt zwar für etwa 15 Minuten in der Tat ein wenig Müdigkeit ein, aber ansonsten ist die Geschichte um Marina, Lucy und Co. sehr gut und nachvollziehbar erzählt.

Dr. Deah (Katrin Röver) erklärt Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), was bei Schlafstörungen hilft // © BR/NEUESUPER GmbH/Hendrik Heiden

Spannung und Witz gut kombiniert

Bis auf jene Viertelstunde ist und bleibt das Spannungslevel fast durchgehend auf hohem Niveau und auch an (Wort-)Witz lassen es die Charaktere nicht mangeln. Wenn Dr. Deah (Katrin Röver) so hilfreich wie süffisant sowohl Ermittlungen als auch die Schlaf- und Traumprobleme der Kommissare unterstützt und aufzulösen versucht, ist das äußerst kurzweilig. Und ganz anders als die beiden „alten Hasen“ Batic und Leitmayr sind es vor allem die Szenen mit dem aufgeweckten Adjutanten Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer – und: Danke!), die für so manchen Lacher sorgen und die Folge dennoch nicht ins Lächerliche abgleiten lassen.

Kalli (Ferdinand Hofer, Mitte) sorgt bei Batic und Leitmayr für Aufklärung // © BR/NEUESUPER GmbH/Hendrik Heiden

Der Münchener Tatort: Dreams bietet somit fast durchgehend spannende Unterhaltung, Witz und Humor und sicherlich so manchen Moment, in dem man als Ottilie-Normal-Verbraucherin samt Göttergatten auch mal ungläubig ob der Ambitionen „dieser jungen Leute“ die Augen verdreht. Aber man kann sich gut und gerne darauf einlassen. Solide Sonntagsunterhaltung, die die meisten vermutlich nicht schlaflos zurücklassen dürfte.

HMS

PS: Die klassische Musik für Dreams ist von David Reichelt eigens für die Folge geschrieben und mit dem Münchner Rundfunkorchester mit seinem Dirigenten Ivan Repušić eingespielt worden. 

Tatort: Dreams läuft am 7. November um 20:15 Uhr im Ersten, um 21:45 Uhr auf one und ist anschließend sechs Monate in der ARD-Mediathek verfügbar.

Tatort: Dreams; Deutschland, 2021; Buch: Johanna Thalmann, Moritz Binder; Regie: Boris Kunz; Kamera: Volker Tittel; Musik: David Reichelt; Darstellende: Mirsolav Nemec, Udo Wachtveitl, Ferdinand Hofer, Jara Bihler, Dorothée Neff, Theo Trebs, Katrin Röver, Lisa Marie Janke, Florian von Manteuffel, George Lenz; Laufzeit: ca. 88 Minuten; Eine Produktion von NEUESUPER im Auftrag des BR für die ARD.

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