Ludwiks Gedankenzimmer

„Schwimmen ist wie ein Bad für meinen Verstand.“ Wenig verwunderlich, dass dieser Satz, den Autor Tomasz Jendrowski seinen Charakter Janusz sagen lässt, nur einer von vielen ist, der sich auf Wasser bezieht. Schließlich heißt sein seit März diesen Jahres im Hoffmann und Campe Verlag in deutscher Übersetzung vorliegender Roman auch Im Wasser sind wir schwerelos. Der Titel der englischsprachigen Ausgabe lautet übrigens Swimming in the Dark, beide Titel scheinen passend. Der Vergleich deutet eines an: Die romantisch-tragische Geschichte voller politischer, menschlicher und emotionaler Unwuchten lässt sich auf mindestens zweierlei Weise interpretieren.

Wobei „die Geschichte“ nicht ganz zutreffend ist, denn Debütautor Jedrowski, der als Kind polnischer Eltern in Bremen aufwuchs, in Cambridge und an der Université de Paris Jura studierte, einige Jahre in Großbritannien und Polen lebte, um schließlich wieder in Paris zu landen, öffnet aus der Perspektive seines Erzählers Ludwik „Ludzio“ Glowacki auf drei Zeitebenen mehrere Erzählungen. Kein Wunder also, dass sein Wälzer über 220 Seiten stark ist. Warte… was?

Geschichte hinter der Geschichte

Ja, #isso. Da ist zum einen das Jetzt, das für uns aber auch in der Vergangenheit liegt, in dem Ludwik im Exil aus „der schrecklichen Sicherheit Amerikas“ einen Brief an Janusz schreibt. Es ist der 13. Dezember 1981, Polen hat das Kriegsrecht ausgerufen und die Arbeit der Gewerkschaft Solidarność verboten. Seinen Brief beginnt er mit einer Geschichte aus seiner Kindheit, der Geschichte, wie er seinen besten Freund Beniek, einen Juden, verlor.

So beginnt das Buch mit Andeutungen zu Flucht, Vertreibung, oder wie es in Polen eher genannt wurde „Umsiedlungen“, denn mit anderen Bezeichnungen hatte man dort nach der Nazi-Diktatur massive Probleme, wie auch Andreas Kossert es in seinem ausgezeichneten Buch Flucht – Eine Menschheitsgeschichte anhand literarischer Berichte belegt. In einer Neuauflage könnte er gar das Buch Jedrowskis heranziehen, denn wie dieser auf den ersten Seiten des Buches prägnant die Ankunft seiner Oma in Breslau beschreibt, erzählt in wenigen Worten wieder eine ganz eigene Geschichte:

„Die Sowjets beschlagnahmten ihr Haus und karrten sie in denselben Viehwaggons weg, in denen man ein oder zwei Jahre zuvor die Juden in die Lager gebracht hatte. Sie landeten in Breslau, einer seit Jahrhunderten von Deutschen bewohnten Stadt, in einer Wohnung, gerade verlassen von einer Familie, die wir nie kennenlernen würden; das Geschirr stand noch in der Spüle, die Brotkrumen lagen noch auf dem Tisch. Dort wuchs ich auf.“

S. 13 f.

Schon hier macht der Tomasz Jedrowski deutlich, welch toxischem Einfluss die Bevölkerung nicht nur durch die Sowjets, sondern auch durch einigermaßen willkürliche neue territoriale Zuordnungen ausgesetzt war. Dennoch gibt er gleichsam den Ton des Verhältnisses seines Erzählers zum Regime und somit auch der polnischen Führung und Elite vor. Dass sein bester Freund aus Kindheitstagen dann Opfer einer weiteren „freiwilligen“ Umsiedlung wird, verbessert daran nichts. Auch durch ein Geheimnis, das seine Mutter und Oma sich mit ihm zu teilen entschließen und seine Kindheit jäh enden lässt, festigt seine Haltung dem sozialistischen Regime gegenüber.

Später, auf der dritten Zeitebene, soll er Janusz kennenlernen, den Schwimmenden. Im Gegensatz zu Ludwik schwimmt Janusz jedoch nicht nur in einer anfänglich von Unsicherheit und eher passiven, ängstlichen und von Selbstzweifeln geprägten Lebensweise, sondern sehr wörtlich gern im Wasser. Etwas, das sie später teilen werden. Nicht teilen werden sie hingegen die politische Einstellung, denn Janusz ist überzeugter Sozialist. Was im Buch auch dadurch sehr passend beschrieben ist, dass sie beide auf zwei unterschiedlichen Seiten Warschaus, wo sie beide studierten, wohnen. Einer wohnt auf der weniger vernichteten Seite der Weichsel, jener, auf der die Sowjets der Niederschlagung des Aufstands der Warschauer gegen die deutschen Besatzer zusahen, um schließlich nach deren Abzug als „Befreier“ in die Stadt zu kommen.

Vampire und Abartige

Teilen wiederum werden Ludwik und Janusz die Leidenschaft für das in Polen zu der Zeit eigentlich nicht zugelassene Buch Giovannis Zimmer*1 des großen amerikanischen Autors James Baldwin. Eine Leidenschaft, die wohl auch Tomasz Jedrowski teilt, denn die Geschichte um eine eigentlich gar nicht von Beginn an zum Scheitern verurteilte Liebe zwischen zwei Semi-Exilanten im Paris der 50er-Jahre ist nicht nur der erste Anknüpfungspunkt für Ludwik und Janusz, sondern bleibt immer ein kleiner Ankerpunkt für beide. Darüber hinaus finden sich in Im Wasser sind wir schwerelos einige Parallelen wie beispielsweise einen unangenehm ambivalenten Moment in einem Buchladen. Oder die Spaziergänge und suchenden Wege, die Ludwik zu verschiedenen Zeiten unternimmt. Nicht zuletzt ist zumindest beim Rezensenten der Eindruck entstanden, als wäre es hier eine Geschichte aus der Sicht eines Giovannis. Aus der Perspektive desjenigen, der womöglich mehr um seine Position im eigenen wie auch im Leben des anderen kämpfen muss, da er andere Werte und Maßstäbe wie Eigenverantwortung und Freiheit lebt oder nach diesen strebt und nicht nur Getriebener sich ergebender Umstände sein möchte und kann. 

So ist Ludwik immer Suchender, weil auch Zweifelnder, Janusz hingegen scheint vielmehr ein Nehmender und die Umstände Nutzender, was zu jener Stelle passt:

„[…] und hast mich an dich gezogen. Dein Mund landete gierig auf meinem Hals. Wie ein Vampir, dachte ich und schloss die Augen.“

S. 89

Beide wissen, dass ihre junge Liebe in Polen Anfang der 1980er-Jahre keine reale Chance auf Glück und Zufriedenheit hat. Durch die Erzählperspektive erleben wir natürlich auch die ersten Gehversuche schwulen Seins von Ludwik, seine Scham und seinen Ekel vor sich selbst, nicht zuletzt auch dank der omnipräsenten Religiosität, verstärkt durch einen repressiven Staat, der das auch mal „Abartigkeit“ und „Päderastie“ nennt und zusätzlich stigmatisiert. Doch mit seiner wachsenden Liebe wächst durch seine Unzufriedenheit mit der gesellschaftlichen Situation auch eine gewisse Selbstsicherheit, jedenfalls was die Einstellung sich selbst gegenüber angeht. Was ein großer, wesentlicher Schritt ist.

Im Wasser sind wir schwerelos erzählt also auch die Geschichte einer schwulen Selbstfindung, allerdings ohne große Aha-Momente, eher durch kleine Momente der Wahrnehmung, wie die „deutlich hervorstehenden Muskeln und Rippen, nackt bis auf den Lendenschurz“ von Jesus am Kreuz. Etwas, das auch schon Nora Eckert verdeutlichte, wo die Reise für sie hingehen würde. Hilfreich ist sicherlich auch seine beste Freundin Karolina, die ihn unvermittelt in eine Kneipe für gleichgeschlechtlich Interessierte schleppt und damit auch direkt ihre Unterstützung für den etwas überforderten Ludwik ausdrückt.

Opportunismus versus Romantik

Vor allem erzählt es aber eine Liebesgeschichte, die einfühlsam und sehr menschlich aufgebaut, dann situativ passend in elegantem bis recht erregendem Ton fortgeführt und schließlich in romantisch-erschütternden Tönen zum Höhepunkt gebracht wird. Erschütternd, wohlgemerkt, soll hier nicht als Hinweis auf ein Ende in dieser oder jener Form weisen. Es bezieht sich rein auf die Sprache. Jedrowski schreibt Sätze wie:

„Du kannst Leute nicht dazu zwingen, dich so zu lieben, wie du es gern hättest.“ 

S. 204

Die Geschichte, die sich zwischen Ludwik und Janusz abspielt, ist somit bei allem Frust, der sich womöglich durch die eine oder andere Situation einstellen mag, eine wunderbar erzählte, weil auch nachvollziehbare und in ihrer Romantik nicht ins Fantastische schweifende. Zumal ihre Liebe auch die unterschiedlichen Einstellungen zum Regime überbrückt. Es sind am Ende nicht die politischen Differenzen, die die Liebe erschweren, sondern menschlich unterschiedliche Betrachtungen, verschiedene Lebensarten und Charaktere. Quasi etwas vereinfacht pragmatischer Opportunismus versus moralisch-idealistische Romantik. Der Nehmende und Suchende. 

Was nicht gleichsam bedeutet, dass der Nehmende nur im Licht stünde und der Suchende als einziger im dem englischsprachigen Titel entsprechenden Dunkel schwämme. Wasser ist essenziell in diesem Buch. Immer wieder prägt es nicht nur Handlungen in der Erzählung, sondern hält auch für nicht wenige Allegorien her. Und ähnlich unberechenbar, wie das Element als solches ist, ist auch die Wirkung, die es im Buch entfaltet. Es kann für den Genuss, die erträgliche Leichtigkeit des Seins stehen, genauso kann es für ungewollte (?) Gleichförmigkeit, schwer zu ertragende Widerstände oder auch die Angst vorm Ertrinken in der Welt herangezogen werden. 

Tomasz Jedrowski erzählt wie erwähnt mehrere Geschichten und innerhalb dieser Geschichten verändert sich mit dem Erzähler Ludwik auch die Wahrnehmung. Überlegt, zurückhaltend und abwartend-abwägend ist er zwar schon als Kind, doch je älter er wird, desto stärker prägt sich eine emphatische Reflektiertheit bei ihm aus, die ihn nahezu immer auch die Anderen mitdenken lässt und im Grunde von ethischer Vernunft geprägt ist. So kommt er zu einer seiner wesentlichen Entscheidungen nicht nur nach Abwägung eigener Vor- und Nachteile, sondern auch, weil das womöglich richtige Leben im Falschen eben falsch bleibt und die eigene Identität damit nichtig wäre.

Wucht und Leichtigkeit

Jedrowski ist dabei ein begnadeter Erzähler und Brigitte Jakobeit eine hervorragende Übersetzerin, nicht nur der Worte, sondern auch der Empfindungen*2: Ludwik wird uns nah gebracht, wir haben nicht nur Teil an dessen Gedanken und Gefühlen, sondern können sie mitdenken und mitfühlen. Dabei hilft die prägnante Sprache ebenso, die nicht wenigen Stories, die sich ringsherum entfalten, problemlos einfließen zu lassen. Keiner seiner Kritikpunkte am sozialistischen Regime wirkt aufgedrängt und künstlich platziert, sie ergeben sich im Rahmen einer schlüssigen Erzählung. Wie auch die System-Bonzen-Kinder nicht aus dem Nichts kommen und auch nicht nur Schablone bleiben, wie meine Bezeichnung es vermuten lassen könnte, sondern in dieser Geschichte durch die reflektierte Erzählperspektive Ludwiks als Menschen eingeflochten werden. Janusz lebt, fühlt und agiert ambivalent und so kann er auch uns erreichen, faszinieren, begeistern und an anderer Stelle womöglich abstoßen und dann doch wieder nachdenken lassen. Die Liebesgeschichte von Ludwik und Janusz konkurriert als Erzählung nicht mit der Darstellung der gesellschaftspolitisch katastrophalen Lage Polens, raubt der Erzählung um homophobe und antisemitische Muster nicht die Wucht und ist an passender Stelle doch immer wieder von wunderbarer Leichtigkeit geprägt.

Insbesondere mit Blick auf aktuelle Entwicklungen in Polen, der Schlagkraft der Regierungspartei Prawo i Sprawiedliwość (PiS, deutsch: Recht und Gerechtigkeit), die mit teils antidemokratischen Mitteln nicht nur eine Spaltung der Gesellschaft betreibt, sondern sich diverser rechtsstaats- und  menschenfeindlicher – nicht nur in Bezug auf die LSBTIQ*-Community – sowie geschichtsrevisionistischer Narrative bedient, immer auf die Unterstützung der institutionalisierten Kirchen setzen könnend, ist Im Wasser sind wir schwerelos nicht nur als eine in Sommer wie Winter prickelnd-komplizierte Liebesgeschichte zu lesen. Sondern auch als wunderbar erzählte Mahnung, dass Geschichte sich womöglich nicht direkt wiederholt, aber eben doch immer gerade passiert.

Tomasz Jedrowski: Im Wasser sind wir schwerelos; 1. Auflage, März 2021; Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag; 224 Seiten; Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit ; ISBN: 978-3-45501-117-3; Hoffmann und Campe; 23,00 €

AS

*1 – In Kürze lest ihr auch unsere Besprechung zu Giovannis Zimmer. Für neuveröffentlichte Beiträge lohnt es sich immer, unseren Newsletter zu abonnieren. 

*2 – In einem vom Hoffman und Campe-Verlag veranstalten Instagram-Live-Gespräch, erzählte der deutsch sprechende Tomasz Jedrowski, dass er seit langer Zeit nicht mehr auf deutsch geschrieben habe und ihm die schöne und gelungene Übersetzung von Brigitte Jakobeit vom Englischen ins Deutsche manch neue Perspektive auf seine Geschichte eröffnet habe. So gesehen setzt sich hier fort, was ich oben in Bezug auf die unterschiedlichen Titel geschrieben habe. Und natürlich wollen wir nun auch mal die englische Version lesen und eine vergleichende Besprechung verfassen. Schau’n wa mal. 

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