Mehr Schwein als Schein

Als Diktator hat man es auch nicht leicht. Alle vergöttern einen, alle erwarten die beste Führung für das Land. Aber einmal im Ernst: Diktaturen sind teils erstaunlich stabile Regime, doch sie basieren auf Gewalt, Unterdrückung, offensichtlicher Machtausübung und nicht selten auch auf Deportation und Vertreibung. Und wer Macht offen zur Schau stellen muss, der zeigt, wie schwach er oder sie eigentlich ist.

Der niederländische Wissenschaftler Frank Dikötter hat in seinem auf Deutsch im Klett-Cotta-Verlag erschienenen Buch Diktator werden – Populismus, Personenkult und die Wege zur Macht den Regierungsstil von acht Diktatoren des 20. Jahrhunderts analysiert und zeigt deutlich auf, welche Mittel diese Despoten einsetzten, um an die Macht zu kommen und dort zu bleiben. Trotz einiger kleiner Schwächen ist dabei ein erstaunlich informatives und kurzweiliges Buch herausgekommen.

Das Buch ist nach den jeweiligen Herren der Schöpfung (manche sehen sich ja selbst als die Schöpfung) gegliedert: Von den „Weltkriegshelden“ Mussolini über Hitler und Stalin zu Mao Zedong und Kim Il-sung in Fernost sowie Haitis Duvalier, Rumäniens Ceausescu und dem Äthiopier Mengistu in der Peripherie ist das eine recht illustre Runde an Despoten, die Dikötter abhandelt. Ein kurzes Fazit sowie eine anfängliche Einordnung runden seinen Band ab.

Personenkult und Terror

Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Personenkult, für den die meisten Despoten bekannt sind. Die Konterfeie von Stalin, Mao oder Kim zierten ihre Reiche und die Herrscher wurden zu gottgleichen Gestalten erhoben. Dikötter arbeitet sehr schön heraus, welcher Mittel sich die Despoten bedienten und wie weit Zensur und Indoktrination teils gingen. Auch wenn es an vielen Stellen mittlerweile bekannt ist, es erschreckt, welche Anstrengungen unternommen wurden, um oft dysfunktionale Regime mittels Terrors und Gewalt am Leben zu halten. Die Angst, die beispielsweise viele Sowjets vor dem stalinistischen Regime hatten, wird in Ljudmila Ulitzkajas Buch Eine Seuche in der Stadt recht eindrücklich geschildert.

Auffällig ist gleichzeitig, wie viele der späteren Diktatoren aus sehr einfachen Verhältnissen kamen, teils sogar recht ungebildet waren. Umso schlimmer wiegt es, wenn sie das „gemeine Fußvolk“, dessen Bildung sie tunlichst vermieden – Zensur und Medienkontrolle sowie Gleichschaltung, wie es China auch heute noch macht, tragen ihren Teil zur Stabilität dieser Regime bei – massiv unterdrücken und so im Prinzip ihre eigene Herkunft ein Stück weit verleugnen.

Aber auch den höheren Parteikadern und selbst Vertrauten des jeweiligen Diktators ging es oft nicht anders: Auch sie litten und leiden oft unter dem Terror der Despoten. Um es mit den überliefert letzten Worten der Diktatorengattin Elena Ceausescu vor ihrer Erschießung durch lange regimetreue Soldaten zu sagen: „Ihr Scheißkerle!“ Gute Führung, wie Karl-Ludwig Kley und Thomas de Maizière sie in ihrem Buch Die Kunst guten Führens beschreiben, sieht jedenfalls anders aus.

Dikötter geht in seinem Buch aber oft weiter. Er führt beispielsweise an, welchen Prunk die Diktatoren zur Repräsentation nutzen – Mussolini und Hitler in ihren riesigen Arbeitszimmern, Mao und Mengistu in früheren Kaiserpalästen – um ihr Gegenüber zu beeindrucken und einzuschüchtern. Oder wie sie das Land und vor allem die Hauptstadt architektonisch umgestalten. Hitlers Vision einer Hauptstadt Germania ist bekannt, aber auch Mussolini ließ gefühlt halb Rom umbauen und Pjöngjang ist ganz auf die Macht Kims ausgerichtet. Der eingestürzte Präsidentenpalast auf Haiti zeugt von dem einen oder anderen Größenwahn. Und auch eine passende Ideologie („Stalinismus“, „Maoismus“ – sehr oft vor allem im linksextremen Bereich) musste bei den meisten Despoten als Instrument der Indoktrination dienen. Oder ein besonderes Programm, beispielsweise der sich als nicht ganz so Großer Sprung nach vorn erweisende Versuch einer Dynamisierung der Diktatur Maos.

Fallbeispiele liefern (nur) Ausschnitte

Besonders schön ist, dass Dikötter bei seiner Auswahl eine hohe Bandbreite an Fallbeispielen ausmacht. Hitler, Mussolini und Stalin sollten eigentlich jedem bekannt sein, bei Duvalier und Mengistu mag das aber nicht der Fall sein. Entsprechend sind auch die Kapitel der bekannteren Vertreter etwas länger als die der unbekannteren. Das ist auf Basis der Quellenlage sehr nachvollziehbar, aber gleichzeitig wären es doch gerade die Regime in Haiti oder Äthiopien, über die nicht so viel bekannt ist, die von Interesse wären und auf denen der Schwerpunkt liegen könnte.

Generell ist die Fallauswahl gut, aber sie ist genau das: eine Auswahl. Dikötter greift diesen Punkt gleich in seiner Einleitung auf und räumt selbst ein, dass es zahlreiche weitere „Kandidaten“ gäbe, die ein Kapitel in seinem Buch verdient hätten. Klar, man muss eine Auswahl treffen, aber warum es am Ende genau diese wurde, ist nicht ganz klar – zumal vor allem Afrika nur mit einem Diktator eher unterrepräsentiert ist. Umgekehrt öffnet das aber die Möglichkeit, in einem zweiten Band noch nachzulegen. Und das muss dennoch auch herausgehoben werden: Wo möglich, greifen die Beispiele auch ein wenig ineinander. Gegenseitige Besuche, kurze Vergleiche oder der Einfluss, den ein Diktator auf so manch anderen hatte, arbeitet Dikötter sehr schön heraus.

Gleichzeitig kann eine so kurze, vergleichende Analyse natürlich nur die wichtigsten Punkte liefern. Die Kapitel sind zwischen 25 und 40 Seiten lang und ein gesamtes Regime hier im Detail zu präsentieren, das ist kaum möglich. Diktator werden sollte also tendenziell eher als eine Art Überblickswerk gesehen werden, um dann eventuell individuell tiefer einsteigen zu können. Die Tiefe eines Regimes wird aber eher in einem ganzen Buch, zum Beispiel zum jugoslawischen Herrscher Tito, abgebildet.

Diktaturen bringen Leid

Am Ende geht es in Diktator werden aber primär darum, grundsätzliche Mechanismen herauszustellen, wie Despoten sich ihre Macht erkämpfen und absichern. Das geschieht oft mit Terror und Erniedrigung, mit Überwachung und der Einschränkung von Rechten, die wir in Demokratien so hochhalten. Unter diesen Mitteln leiden oft ganz normale Menschen, wie Ljuba Arnautovic in ihrem Roman Junischnee jüngst festhielt.

Diese Mechanismen und die Folgen diktatorischer Herrschaft arbeitet Frank Dikötter in seinem Überblickswerk sehr gut heraus und das macht es gerade in Zeiten des zunehmenden Nationalismus, der zunehmenden Spionage und Sabotage, so lesenswert. Jeder und jede, der oder die die liberale Demokratie verteidigen will – oder auch diejenigen, die sie nicht unbedingt wertschätzen – können nach der Lektüre von Diktator werden vielleicht besser nachvollziehen, wohin der Weg in die Autokratie führen kann. Wir sollten tunlichst vermeiden, dass solche Wege eingeschlagen werden, aber gleichzeitig nicht jede nötige Einschränkung gleich als Schritt in die „Meinungsdiktatur“ verunglimpfen, denn auch dieses Schwert stumpft schnell ab.

HMS

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Frank Dikötter: Diktator werden. Populismus, Personenkult und die Wege zur Macht; 2. Auflage, 2020; 368 Seiten; gebunden, mit Schutzumschlag; Aus dem Englischen von Heike Schlatterer und Henning Dedekind; ISBN: 978-3-608-98189-6; Klett-Cotta; 26,00 €; auch als eBook

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