Nach Osten, bitte!

In Immer wieder Ostwärts erzählt die Journalistin Julia Finkernagel auf überaus humorvolle Art und Weise von ihren Drehreisen ins Baltikum, nach Montenegro und in der Transsibirischen Eisenbahn. Der Unterhaltungsfaktor ist mehr als hoch.

Die Welt hält in alle Richtungen viele Überraschungen parat. Norden, Süden, Westen oder auch Osten. Die Journalistin Julia Finkernagel widmet sich in ihren Reportagen vor allem der letzten Himmelsrichtung und hat damit bereits einige Länder abgedeckt. Nun hat sie ihr zweites Buch Immer wieder Ostwärts – Oder wie man in der Transsibirischen Eisenbahn duscht, ohne seekrank zu werden veröffentlicht. Nach ihrem ersten Buch (Ostwärts) aus 2019 beschreibt sie in Immer wieder Ostwärts, wie sie einige ihrer Reisen Richtung Sonnenaufgang erlebt hat. In dem im Knesebeck-Verlag erschienenen Buch widmet sie sich ihren Erfahrungen auf Reisen in so manches Sehnsuchtsgebiet und entdeckt dabei die eine oder andere verborgene Perle.

Kultur und Kulinarik, Humor und Hindernisse

In Immer wieder ostwärts reist Julia Finkernagel gemeinsam mit ihren Kameramännern und zumeist auch örtlichen Reiseführerinnen und -führern nach Litauen, Lettland, Estland, Montenegro und mit der titelgebenden Transsibirischen Eisenbahn. Wie man das von einer guten Reisereportage erwartet, berichtet Finkernagel über Land und Leute, über „Kultur und Kulinarik“, wie sie dies im Kapitel zu Montenegro erläutert. Gleichzeitig gibt es aber stets auch die Perspektive der Journalistin, die mit ihren Kameraleuten eine gute Story sucht, schöne Bilder oder eine gute „Abmod“ für den Beitrag (eine Abmoderation).

Julia Finkernagel und ihr Team sind auf der Suche nach schönen Bildern, wie hier in der Bucht von Motor in Montenegro. // © Julia Finkernagel / Knesebeck Verlag

Und sie berichtet davon, was dabei alles im Weg liegt und schief gehen kann, was ganz schön viel ist. Sei es ein in der Bahn vergessener Rucksack mit dem technischen Equipment, eine kleine Lebensmittelvergiftung oder die sehr offensive Polizeikontrolle in der Moskauer U-Bahn – Julia Finkernagel nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es auch darum geht, welche Hindernisse sie mit ihrem Team überwinden musste oder welche Abwägungen zu treffen waren. Das macht ihre Reiseberichte mehr als authentisch und sehr gut erlebbar.

Wesentlich trägt dazu auch die gehörige Portion Humor und Ironie bei, die sie stets einstreut. Egal, ob es um sie geht, um ihre Teammitglieder, ob es Situationskomik ist oder ein schriftlicher Kommentar aus dem „Off“ – Julia Finkernagel scheint gerne den einen oder anderen ein wenig auf die Schippe zu nehmen und vielen Dingen etwas Positives abgewinnen zu können, ohne dabei ins Klamaukige abzurutschen. Auf etwa 230 Seiten Erfahrungsbericht gibt es keine Stelle, an der man sich denken würde, dass der eine oder andere Kommentar unpassend oder geschmacklos sei. Das trägt in sehr hohem Ausmaß zu dem hohen Unterhaltungswert von Immer wieder Ostwärts bei.

Mensch und Kultur werden groß geschrieben. Meistens.

Das lenkt allerdings auch nicht davon ab, dass es ein paar kleine Schwächen in dem Buch gibt. Gleich die beiden ersten Kapitel zu Litauen und Lettland beispielsweise sind ganz nettes Beiwerk zur Einführung, wirken aber eher so, als ob sie der Vollständigkeit halber ergänzt wurden. Auch wenn Geschichten zu Wolfskindern in Litauen oder dem alten Sanatorium in Lettland punktuell sehr interessant sind und Lust auf mehr machen, über diese beiden Länder und ihre Kultur erfährt man ansonsten kaum etwas. Ähnlich sieht es in Estland aus, wo sich der gesamte Beitrag fast ausschließlich auf das Leben auf der Insel Kihnu erstreckt. Das ist überaus interessant, aber eben nur ein kleiner Ausschnitt aus einem ansonsten (auch darüber hinaus) vermutlich recht interessanten Land.

Kultur, wie hier im montenegrinischen Gusinje, wird groß geschrieben. // © Julia Finkernagel / Knesebeck Verlag

Anders ist dies bei den auch platztechnisch mehr als die Hälfte des Buches einnehmenden Kapiteln zu Montenegro und Sibirien. Hier schreibt Finkernagel in aller Ausführlichkeit über das ganze Land (oder die von ihr bereiste Strecke), über die Menschen und die Kultur (und klar: Kulinarik). Diesen beiden Kapiteln gibt sie weit mehr Raum, was dem Buch auch gut tut. Man merkt ihr die Begeisterung für diese beiden Reisen deutlich an. Und an mancher Stelle gibt es durchaus auch mehr Hintergrund – politisch, gesellschaftlich – aber gerade nur so viel, dass man den wesentlichen Inhalt versteht. Nicht mehr.

Und dennoch: Der Fokus liegt tatsächlich auf den Menschen und der Kultur, weniger auf Natur und Landschaft. Das ist selbstverständlich sehr interessant, aber konkrete Reisetipps sollte man sich von Immer wieder Ostwärts eher nicht erwarten. Vermutlich kommt das aber ohnehin besser in den filmischen Dokumentationen heraus, die Finkernagels Büchern zugrunde liegen. Die zu Weihnachten ausgestrahlte 90-minütige Dokumentation zu Finkernagels Reise in der Transsibirischen Eisenbahn jedenfalls war auch in Bezug auf das Bildmaterial sehr anschaulich und schafft es, diesen Kritikpunkt ein wenig zu beheben (die Dokumentation ist noch bis zum kommenden Weihnachten online und sehr empfehlenswert).

Deutsche Klischees und starke Frauen

Zwei weitere Dinge fallen in Immer wieder Ostwärts auf: Erstens ist es ganz eindeutig ein Buch, das – wenn man Stereotypen glauben schenkt – von einer Deutschen geschrieben wurde. Zwei Episoden zum Thema Rauchen (in Montenegro und der Transsibirischen Eisenbahn) unterstreichen, dass es in manch anderen Ländern eben noch nicht selbstverständlich ist, dass Rauchen in Lokalen oder in der Bahn verboten ist, wie das hierzulande der Fall ist. Oder auch der kurze Abschnitt in Montenegro, als sich Finkernagel über die achtlos weggeworfenen Feuchttücher an einem Aussichtspunkt echauffiert. Beides sind absolut gerechtfertigte Punkte und wir können ihr hier nur beipflichten, wir sind aber ebenso auch Deutsche und hierzulande sozialisiert. Und dieses Mindset zieht sich, mal mehr, mal weniger deutlich durch das gesamte Buch.

Frauen, wie hier auf der estnischen Insel Kihnu, werden bei Julia Finkernagel prominent platziert. // © Julia Finkernagel / Knesebeck Verlag

Auffälligkeit Nummer zwei: Julia Finkernagel beschreibt sehr viele Frauen und ihre Rollen. Sei es ihre „Familie“ um die taffe Mare auf der estnischen Insel Kihnu (und überhaupt das Leben der Mädchen auf dem Eiland), die montenegrinische Hausfrau Veselinka, die um fünf Uhr aufstehen muss, um das Pita für die Männer zu backen oder die beiden Schaffnerinnen in der Transsibirischen Eisenbahn: Finkernagel nimmt sich vor allem der Frauen an, die im Hintergrund arbeiten und agieren. Sie porträtiert deren Leben mit großer Anschaulichkeit und rückt so Personen in den Mittelpunkt, die sonst gerne eher übersehen werden – und das, obwohl Frauen in Osteuropa überaus penibel auf ihr Äußeres achten, wie wir nicht zuletzt erfahren. Trotz der blumigen Aufmachung des Buchs ist Immer wieder Ostwärts jedoch keinesfalls nur ein Buch für Frauen und Mädchen, sondern auch und vor allem für alle Reisefreudigen und an Fernweh leidenden egal welchen Geschlechts geschrieben.

Reise, Filmtagebuch und Humor frei von der geschundenen Leber

Immer wieder Ostwärts deckt somit sehr viele Facetten ab. Als Reisebericht erzählt es von spannenden Ländern und teils unbekannten Reisezielen in Osteuropa gepaart mit Charme und Witz und frei von der (teils arg geschundenen) Leber der Autorin. Als Filmtagebuch illustriert es den Leserinnen und Lesern den nicht immer einfachen Alltag einer Filmcrew während der Drehphase.

Ein Buch für Winter, Frühling, Sommer und Herbst. // © Julia Finkernagel / Knesebeck Verlag

Und es bringt uns auf humoristische Art und Weise die teils unbekannten Kulturen und Traditionen Osteuropas näher, wie dies filmisch beispielsweise die zweiteilige ZDF-Dokumentation Balkan-Style tat (oder natürlich Finkernagels weitere Dokumentationen – zehn davon sind aktuell neben der bereits erwähnten Reportage zur Transsibirischen Eisenbahn in der Mediathek des mdr verfügbar). Mit seinem hohen Unterhaltungsfaktor ist es ein ideales Buch für kalte Wintertage, aber gerne auch schon für die Frühjahrs- und Sommerlektüre.

Julia Finkernagel: Immer wieder Ostwärts. Oder wie man in der Transsibirischen Eisenbahn duscht, ohne seekrank zu werden; 3. Auflage, 2021; 272 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen; Klappenbroschur; ISBN: 978-3-95728-406-8; Knesebeck Verlag; 18,00 €

HMS

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