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Naherholungsziel Scharmützelsee: Erwünscht unerwünscht

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Zuletzt aktualisiert am 22/09/2020

Der Scharmützelsee südöstlich von Berlin ist ein beliebtes Ausflugsziel für gestresste Hauptstädter und erholungsbedürftige Kurgäste und Flitterwöchler aus ganz Deutschland. Wir haben den aus der Weichselkaltzeit stammenden See mit dem Fahrrad umrundet und dabei auf etwa 28 Kilometern einige Eindrücke gesammelt, die wir mit euch teilen wollen.

Ein gut gepflegter Ort, der von Natur und Tourismus lebt

Die Sonne strahlt über den Scharmützelsee, das Wasser schimmert, die Segel sind gehisst. // © the little queer review

Die Anfahrt erfolgte während der September-Mehrwertwochenenden des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB) selbstverständlich mit der Bahn. Von der Bundeshauptstadt über Fürstenwalde an der Spree ist man in knapp einer Stunde in Bad Saarow, der mit 6 000 Einwohnern größten und wohl bekanntesten Gemeinde am Scharmützelsee.

Gleich bei der Ankunft sieht man der Gemeinde an, dass sie ganz auf den Tourismus ausgerichtet ist: Ein einladender und gepflegter Fachwerkbahnhof samt Kolonnaden mit großem Vorplatz und Springbrunnen erwarten die Gäste aus Nah und Fern. Die Hoteldichte ist hoch, die Villendichte ebenfalls und das Kurangebot lässt nur wenig zu wünschen übrig. Therme, Theater, Spa und Restaurants – vieles, was das nach Erholung suchende Herz begehrt, gibt es hier zu Hauf.

Die Gedenktafel am Bahnhofsgebäude. // © the little queer review

Direkt am Bahnhof ist ebenfalls eine aufwändig gestaltete Gedenktafel angebracht: „wir gedenken der verfolgten und ermordeten juden von bad saarow“ Im Bahnhof befindet sich wohl auch eine kleine Ausstellung des Fördervereins „Kurort Bad Saarow“ e. V., die sich mit den jüdischen Spuren des Ortes befasst.

Wanderung durch die Mark Brandenburg

Nach kurzem Trial and Error entscheiden wir uns für eine Seeumrundung gegen den Uhrzeigersinn – eine gute Wahl. Von Bad Saarow an der Nordspitze des lang gezogenen Sees geht es über das Westufer nach Süden. Der Weg ist anfangs noch stark durch Uferbebauung, Cafés und Restaurants gesäumt und nach wenigen Minuten stoßen wir auf den Fontanepark. Der berühmte preußische Erzähler erwähnt Saarow in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg – nicht nur im Jahr nach dem Fontanejahr ein empfehlenswertes Stück Literaturgeschichte. Am Scharmützelsee widmen sie ihm 16 Tafeln mit von ihm überlieferten Zitaten, die in einem kleinen Wäldchen am Ufer charmant eingelassen sind. Gegenüber befindet sich – wie wir später leidlich erfahren müssen – das einzig richtige Eiscafé der Stadt. Leider ist es am Ende unserer Tour zu voll, sodass wir ohne den Eisbecher, auf den wir uns die gesamte Fahrt über freuen sollten, den Tag beenden werden.

Der Förderverein „Kurort Bad Saarow“ e. V. hat 16 Tafeln mit Zitaten Fontanes auf einer kleinen Halbinsel installiert. // Foto: © the little queer review

Unsere Tour geht wortwörtlich weiter gen Süden. Wir entscheiden uns nämlich, einen großen Teil der folgenden schätzungsweise fünf Kilometer zu laufen und unsere Leihräder vom Berliner Fahrradladen Zum Goldenen Lenker den Uferweg entlang zu schieben und das Panorama auf den See zu genießen. Das wird sich als sehr kluge Entscheidung herausstellen, denn am Ostufer gibt es nur an wenigen Abschnitten einen direkt den See entlangführenden Fahrrad- bzw. Wanderweg.

Ein Teil der Strecke entlang des Uferwanderwegs lässt sich natürlich vor allem zu Fuß genießen. // Foto: © the little queer review

Viele der Grundstücke sind mit prächtigen Seevillen, Wochenendhäusern oder betreuten Wohnanlagen bebaut und eine längere Route direkt am See entlang ist am Westufer nicht möglich. Auch am Ostufer gibt es natürlich eine Reihe von Häuschen – sogar einen alten, verfallenen Bootsverleih, ein etwas verstecktes und zugewuchertes Kleinod – aber der Uferweg führt charmant unter diesen Anlagen entlang. In diesem Abschnitt lädt der See zum Verweilen und Entlangschlendern ein.

In die Pedale treten

Die südliche Hälfte des Ostufers werden wir aber dennoch fahrend bestreiten – dafür haben wir schließlich die Drahtesel dabei und im Gegensatz zu unserer Fahrt in Polen (wir berichten demnächst) eignen sich die beiden City-Fahrräder für diese Strecke sehr gut. Weil wir sie dennoch nach einer Treppe abwärts nicht direkt nochmal eine aufwärts schleppen wollen, um weiter am Uferweg entlang zu schieben, fahren wir entlang der Landesstraße L142 gen Süden an Wäldern aus Kiefern und Eichen sowie Brennnesselkolonien vorbei. Wir fahren bis zum Freizeitpark am Ortseingang von Wendisch Rietz, der Gemeinde am Süden des Scharmützelsees. Wir entschließen uns, ein Foto der Alpakas im dortigen Kleintierzoo zu schießen, aber den restlichen Park den Kindern zu überlassen.

Alpakas im Kleintierzoo im Erlebnispark Wendisch Dietz. // Foto: © the little queer review

Unsere Suche nach einer ansprechenden Eisdiele in Wendisch Rietz bleibt leider erfolglos, weshalb wir auf die Fahrt entlang des Ostufers zurück nach Bad Saarow hoffen. Die Strecke westlich des Scharmützelsees führt uns erneut durch dichte Wälder, entlang schöner Wiesen und in die Ortschaft Diensdorf-Radlow. Das ist ein typisch brandenburgisches Dorf: klein, beschaulich, gut bürgerlich. Es gibt wohl nicht viel zu sehen, es passiert auch nichts und man kennt sich vermutlich. Es ist die Art von Dorfidylle, von der man als Städter vielleicht träumen mag. Nur den See, den erblicken wir erst zum Ende der Ortschaft wieder wirklich.

Villendichte und Zaunhöhe nehmen wieder zu

Der nördliche Teil des Dorfes geht fast nahtlos über in den südlichen Ortsteil Bad Saarows, Pieskow. Hier nehmen schließlich auch Villendichte und Zaunhöhe zu. Der Blick zum See ist hinter diesen oft leider nur noch zu erahnen. Wie gut, dass wir unsere Mittagspause an dem verlassenen Bootsverleih einlegten, denn hier gibt es kaum mehr Blickmöglichkeiten auf diesen.

Der verlassene, verfallene Bootsverleih, den sich die Natur aber Stück für Stück zurückholt. // © the little queer review

Und auch unser Verlangen nach Eis soll am Ende nicht gestillt werden. Wie beschrieben, das einzige Eiscafé war leider voll besetzt und nur eine Kugel mitnehmen wollten wir nicht. Wir entschieden uns daher dazu, am Bahnhof zu warten und dort in einem Lokal noch ein Getränk zu uns zu nehmen. Vom von uns ausgewählten Restaurant Die Bühne waren wir allerdings schwer enttäuscht. Nicht nur, dass uns (auch unter Corona-Bedingungen) freie Plätze von dem genervt wirkenden Kellner zuerst nicht angeboten wurden, wurden wir anschließend nicht bedient. Und das obwohl er uns wahrgenommen hatte als er uns den Tisch nicht anbot. Als die Zeit zu knapp wurde, mussten wir auch hier unverrichteter Dinge die Terrasse verlassen. Schade, so wenig zuvorkommend wurden wir lange nicht behandelt.

Ist der Zenit schon überschritten?

So schön dieser Ausflug und die Strecke entlang des Scharmützelsees auch war – die Umgebung ist äußerst idyllisch, die Infrastruktur gut ausgebaut – dieses abschließende Erlebnis steht symptomatisch für einen Eindruck, ein Gefühl, das wir auch in der Stadt hatten: Man ist nicht überall erwünscht und es wird sich auf dem aktuellen Erfolg ausgeruht. Viele Kur- und Touristenorte sind bereits dem Trugschluss erlegen, dass es immer so weitergehen würde. Heute sind sie nicht selten hoch verschuldet.

Der historische Bahnhof ist gut gepflegt, aber die Einwohner sollten sich darauf nicht ausruhen. // © the little queer review

Auch den Anwohnern um den Scharmützelsee muss klar sein: Erfolg muss man sich erarbeiten, jeden Tag aufs Neue. Der Ausverkauf des Ufers, die schier endlose Bebauung mit großen und prächtigen Häusern stehen dafür, dass hier eine zunehmend geschlossene Gesellschaft entsteht. Aber auch das nach Corona noch immer nicht wieder eröffnete Hotel A-ROSA, das dem Hörensagen nach gar nicht wieder aufmachen soll, oder die nicht ganz unerhebliche Leerstandsquote bei innenstädtischen Immobilien zeigen, dass der Ort seinen touristischen Zenit möglicherweise überschritten haben könnte. Es bleibt den Einwohnern zu wünschen, dass sie diesem Trend entgegensteuern, denn die Natur am und um den See ist mehr als sehenswert. Ein Besuch lohnt also allemal, mit oder ohne Fahrrad.

HMS / Mitarbeit: AS

Vorschaubild: Schöne Aussicht auf den Scharmützelsee vom gepflegten Steg. // Foto: © the little queer review

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