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Natur und Kunst und menschengemachte Grenzen

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Staatliche Grenzen haben in der Vergangenheit vielfältige Diskurse hervorgebracht. In Imperien sind sie durchlässig und dienen eher einer groben Orientierung. In Nationalstaaten hingegen sind sie strikt und fest und schirmen gegen das Außen ab. Eine Veränderung der Grenzziehung ist oft mit Krieg und Gewalt verbunden, Faktoren, die einzelne Individuen übersteigen.

Eine besonders spannende Perspektive nimmt der 1984 geborene Roger Eberhard ein. In der Robert Morat Galerie in Berlin sind noch bis zum 19. September seine Fotografien von ehemaligen Grenzverläufen in der Ausstellung Human Territoriality zu sehen. Eberhard porträtiert in 13 Motiven von fünf Kontinenten Orte, die einst die Grenze zwischen zwei Gewalten markierten. Das sind teils menschengemachte Grenzen, teils aber auch natürliche.

Grenzen sind manchmal künstlich…

Den meisten sieht man zumindest auf den ersten Blick nicht mehr an, dass sie einst die Front bildeten. Im chilenischen Teil der Atacamawüste liegen tausende Landminen in einer ansonsten friedlichen Landschaft vergraben. Dahala Khagrabari in Bangladesch steht stellvertretend für knapp 200 ehemalige Enklaven, die das Land gemeinsam mit Indien in einem Aufsehen erregenden Vertrag im Jahr 2015 tauschte. Die offensichtliche Friedlichkeit dieser Orte steht hier im starken Kontrast zu der Geschichte, die sie über Zeit und Raum teilen und noch immer wiedergeben.

Die Chinesische Mauer diente jahrhundertelang zur Abwehr von „Barbaren“ // © Roger Eberhard / Robert Morat Galerie

Weit offensichtlicher sind die vormaligen Grenzen an natürlichen oder künstlichen Abgrenzungen. Schneeverwehte Berge zwischen Alaska und Kanada zeigen, wo vor etwas mehr als 150 Jahren noch Russland und Kanada aufeinandertrafen. Die Chinesische Mauer sollte das Reich im Mittelalter vor Gefahren von außen schützen. Oder der Hadrianswall in Nordengland – er wurde von den Römern erbaut, um England und das gesamte Imperium vor den Barbaren im Norden zu schützen. Sie alle sind noch da und manifeste, unzerstörbare Zeugen der bewegten Vergangenheit.

…aber immer natürlich…

Roger Eberhard schafft es, mit seinen Bildern diese Vielzahl und Unterschiedlichkeit vormaliger Grenzen einzufangen. Sie sind in Stil wie Umsetzung so unterschiedlich, wie man sich Grenzen nur vorstellen kann. Sie alle haben gemein, dass sie ihrer Zeit entsprachen und, wenn man nur lange und nahe genug hinsieht, sie immer noch da sind und die Menschen bewegen. Durch ihre Unterschiedlichkeit und ihre Wandlung stehen sie sinnbildlich dafür, wie sich auch die Menschheit, die Kultur, über Zeit und Raum verändert.

© Roger Eberhard / Robert Morat Galerie

Das ist besonders vor den aktuellen Debatten spannend. Die Grenze zwischen Namibia und Südafrika beispielsweise ist in der namibischen Verfassung festgelegt. Sie verläuft in der Mitte des Oranje-Flusses. Aber was passiert, wenn der Fluss seinen Lauf ändert? Oder wenn er austrocknet? Und wo genau ist „die Mitte“?

…und ein Ausdruck ihrer Zeit

Das südliche Afrika hat seit Langem mit hoher Trockenheit zu kämpfen und viele weitere Gegenden folgen diesem „Beispiel“ weltweit. Die Geschichte zwischen Südafrika und Namibia ist sehr bewegt.  Eberhard stellt auch diese Geschichte mit seinem Porträt aus Walvis Bay, einer früheren südafrikanischen Enklave, die mittlerweile an Namibia übergeben wurde, eindrücklich dar. Aber wenn wir seine Gedanken weiterdenken – was passiert, wenn der Mensch in die Natur eingreift. Was passiert auch mit den Menschen? Führt eine menschengemachte Naturveränderung vielleicht zu einem neuen Konflikt? Wie verhalten sich die betroffenen Parteien in dem Fall?

Walvis Bay und die Penguin Islands vor Namibia waren der große Zankapfel bei der Unabhängigkeit von Südafrika // © Roger Eberhard / Robert Morat Galerie

Egal was der Mensch und die Kunst zu dem Bestehenden ergänzen, das, was sie zuvor erschaffen hat, wird immer irgendwie da sein. Und egal, was der Mensch und die Kunst zu dem Bestehenden ergänzen, die Natur ist doch immer da und sie erobert sich ihren Platz zurück, ob der Mensch und die Kunst es wollen oder nicht. Eberhard schafft es mit seinen Fotografien, dass die Betrachterinnen und Betrachter ein Bewusstsein hierfür entwickeln. Wir empfehlen daher den Besuch seiner Ausstellung Human Territoriality, selbst wenn die Ausstellung nur noch wenige Tage zu sehen ist.

Hier noch ein kurzes Video zum Konzept hinter der Kunst:

Roger Eberhard: Human Territoriality; Robert Morat Galerie; Linienstraße 107, 10115 Berlin; noch bis 19. September

HMS

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