Nur mit uns, nur für ganz wenige

Beitragbild, v. l. n. r.: Schwebende Bubbles (Foto: Robert Daly/Photo Images); Buchcover; die Rakotzbrücke aka Teufelsbrücke (Devil’s Bridge) (Foto: Martin Damboldt/Pexels)

Diese Rezension ist neben der regulären Besprechung politisch geprägter Bücher auch Teil unserer Kategorie Superdupermegawahljahr 2021.

Im Juni sind wir auf eine Veranstaltung der Iranischen Gemeinde Deutschland e. V. (IGD) und der der SPD-nahen  Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) unter dem Titel „Nicht länger Zaungast sein – Wege zu mehr Vielfalt in Parlamenten und Parteien“ aufmerksam geworden, die auch zur Vorstellung des von der Ebert-Stiftung herausgegebenen und mit Unterstützung der IGD entstanden Buches Nur mit uns – Stimmen für eine vielfältige Politik diente, das im Mai im Verlag J. H. W. Dietz erscheinen ist. Um das ambitionierte Buch soll es im Folgenden gehen.

Brückenbau ohne Werkzeug

Vielmehr handelt es sich bei dem in sechs Themen unterteilten Nur mit uns jedoch um eine Handreichung, mit ein wenig mehr als hundert großzügig grafisch genutzten Seiten. Bevor es also anhand einiger konkreter Beispiele um den Inhalt gehen soll, kurz zur Optik. Denn, was laut geflügeltem Wort für’s Essen gilt, gilt auch für Bücher. In dieser Hinsicht macht das Buch leider keinerlei Freude oder lässt hier Genuss vermuten. Glücklicherweise jedoch trifft das bezogen auf die Inhalte nur auf manche zu.

So versammeln sich hier neben den Stimmen der beiden Herausgeberinnen Anne-Marie Brack, Projektleiterin bei er IGD, und Annette Schlicht, zuletzt Referentin der FES in Berlin für Migration und Teilhabe, die von gesellschaftspolitischen Akteur*innen, Podcaster*innen (das Projekt entstand auch aus dem Podcastprojekt Hörgut: Auf Stimmenfang für Vielfalt, was am Ende des Buches mehr schlecht als recht erläutert wird, jedoch auch einige inhaltliche Unzulänglichkeiten erklärt, dazu unten mehr), Politiker*innen und „von jungen Menschen“.

Als Stimmen aus der Politik finden sich unter anderem die von Sawsan Chebli, Serpil Midyatli (die auch eine Art Geleitwort verfasst hat) – beide SPD – und Benjamin Adjei (für Bündnis 90/Die Grünen im Bayerischen Landtag). Die individuell ganz andere Schwierigkeiten beschreiben, wenn es um den Umgang mit ihnen und die Wahrnehmung ihrer Person, als migrantisch gelesene Menschen geht. Adjei beispielsweise hat die Zuschreibung satt, dass er wohl irgendwas mit Migrations- und Integrationspolitik machen würde, ist doch IT sein Steckenpferd. 

Cluster-Bubble-Komplexe

Midyatli schreibt von vermeintlich festgelegten Machtstrukturen, dem Sich-aus-diesen-heraus-kämpfen-müssen, nicht die von anderen festgelegten Rollen anzunehmen und derlei. In einer kleinen Textpassage von ihr steckt dabei viel Kraft, vor allem zwischen den Zeilen. Sawsan Chebli schreibt über ihr Engagement, auch und gerade in Bezug auf Hass im Netz und jenen, der ihr als Migrantin auch außerhalb der sozialen Medien entgegenschlägt. Der Rezensent bewundert wie jedes Mal, wie sie das aushält, er wundert sich aber auch wie jedes Mal, wieso ihm Sawsan Chebli, die er auf diversen Veranstaltungen über das Allgemeine hat reden hören, nie fachpolitisch auffällt. 

Die politischen Stimmen leiten jeweils die sechs Themenbereiche „Vorbilder“, „Identität“, „Verantwortung“, „Sichtbarkeit“, „Rassismus“ und „Empowerment“ ein. Hier kommt es natürlich zu thematischen Überschneidungen, was die Herausgeberinnen in ihrem, nennen wir es mal sperrigenund bubbligen, „Making-Of“ genannten Vorwort auch ausdrücklich wünschen: „Orientierung in diesem Polylog bieten sechs thematische Stationen, die sich partiell überschneiden und wie Cluster-Überschriften für Fragekomplexe zu lesen sind: […]“. 

In einigen Bereichen des Buches geht es um die Notwendigkeit von Brückenbau, gerade da sich so viele verschiedene, abgeschottete und verhärtende Bubbles gebildet haben. Nach Lektüre des Vorworts hatte der Rezensent konstant die Frage im Kopf: Wer außerhalb einer recht fixen Bubble liest dieses Büchlein? Die Formulierung des „Making-Of“ zeigt recht eindeutig, dass hier entweder keine Brücken gebaut werden sollen oder schlicht Unwissen besteht, wie außerhalb der eigenen Bubble kommuniziert werden kann. Umso erstaunlicher, wenn wir bedenken, dass Brack unter anderem auch ein Projekt für die IGD der Bundeszentrale für politische Bildung geleitet hat. Wobei die bpb – leider – doch durchaus an mancher Stelle Probleme hat, thematisch auch für Neulinge zugänglich zu sein. 

Prägnante Gedanken…

Nichtsdestoweniger finden sich in Nur mit uns neben einigen fein formulierten Gedankenanstößen einige sehr starke Beiträge, deren Vertiefung wir uns gewünscht hätten, beziehungsweise an anderer Stelle wünschen. Die Gedanken des Sozialwissenschaftlers Dr. Cihan Sinanoglu zu Ambivalenz im integrationspolitischen Diskurs und einem bestimmten „Aufstiegsnarrativ“ sind prägnant und treffend, finden sich auch immer mal wieder im Buch. Auch so die Anmerkungen von Anna Dushime, die sich einem anderen Narrativ – „Sei doppelt so gut, um nur die Hälfte zu bekommen“ – nicht fügen und dieses auch nicht an ihre Kinder weitergeben will.

Der Beitrag von Zuher Jazmati, Co-Host von BBQ – der BlackBrownQueere Podcast, beginnt seinen Beitrag zu „Tokenism” – also jene Praxis, in der symbolisch Teile margnialisierter Gruppen (bspw. Frauen, queere Menschen, Personen mit Behinderung, natürlich migrantisch gelesene Menschen) im Rahmen einer vermeintlichen Diversity-Strategie eingebunden werden, eine wirkliche Einbindung aber weiter vermieden wird – sehr stark, erläutert dieses Phänomen auch sehr bildlich. Leider kommt er auf einen persönlichen Fall zu sprechen, der ein zwar gutes Beispiel ist, in dem er jedoch den falschen Schuldigen ausmacht – der Überbringer einer Nachricht oder Hinweisgeber auf ein Problem ist eben nicht die Ursache und auch kein Täter. Das ändert jedoch nichts an der Wirkung seines Beitrags per se. Wir hier vermuten ja, dass Tokenism aus gutem Grund eines der größeren Themen der kommenden Zeit werden könnte.

Weitere starke Beiträge sind jener über Hybride Identitäten (Wie? Muslim UND deutsch? Hör ma!; Eine Problematik übrigens mit der sich auch Fatima Daas in ihrem ausgezeichneten Fragmentroman Die jüngste Tochter beschäftigt hat) von Dr. Asmaa Soliman, der Leiterin der Jungen Islam Konferenz oder jener über die Hürden zu politischem Engagement, die jedoch auch manchmal in den Augen der Interessierten größer wirken mögen, als sie es sind (bspw. Vereinsgründungen) von Dr. Nina-Kathrin Wienkoop, Leiterin der Programmlinie Demokratie und Gesellschaft bei der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung oder ein weiterer zu medialer Repräsentation der Journalistin Dr. Iva Krtalic.

…und ärgerliche Konstrukte

Irritierend ist ein beinahe ausschließlich als Werbung zu lesendes Interview mit Dr. Fessum Ghirmazion von der IG Metall über eben deren Engagement in puncto „gelebter Solidarität“. Das liest sich als hätte die Gewerkschaft die Welt schon gerettet, es müsste nur noch entdeckt werden. Hätte die SPD doch mal den Gewerkschaftsfunktionär Reiner Hoffmann als Kanzlerkandidaten aufgestellt, wie es einst kolportiert wurde. Frech!

Frech mag es auch wirken, dass in einem interessanten, wenn auch zwiespältigen, Beitrag zu rechtlichen Schritten gegen Diskriminierung von migrantisch gelesenen Menschen in Berlin von Armaghan Naghipour (Persönliche Referentin des Berliner Senators für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung, Dr. Dirk Behrendt, Bündnis 90/Die Grünen) alles detailliert ausformuliert wird, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, aber auf ihren Vornamen verzichten musste. Ebenfalls wird hier zum Ende fröhlich auf das beschlossene Vielfaltsstatut der Grünen hingewiesen (was mit dem Rest des Beitrags nichts zu tun hat), jedoch nicht erwähnt, dass die Partei durchaus eine sehr, sehr weiße Optik hat und dieses Statut erst beschloss, als ihr eben jenes Image nicht mehr nur von konservativ aufgestellten Zeitungen um die Ohren gehauen wurde. 

So stört manche Einseitigkeit durchaus sehr, zumal sie durch leichte Umformulierungen oder kurze Halbsätze aufgehoben hätte werden können. Das funktioniert auch bei der Kürze von maximal vier Seiten pro Beitrag, schien aber nicht gewollt. Sehr, sehr wackelige Brücken also.

Ein letzter Beitrag, der positiv hervorgehoben werden soll, ist jener von Karen Taylor, der Vorsitzenden des Europäischen Netzwerkes gegen Rassismus (ENAR), unter dem Titel: „Diversität kommt nicht von allein – Was sich Parteien von BPoC-Vereinen [Schwarze Menschen, People of Color, Anm. d. Red.] abschauen sollten“. Hier weist sie darauf hin, dass sich der neue Bundestag sicherlich anders, dennoch eher einseitig, zusammensetzen dürfte, moniert vertane Chancen gegen systemischen Rassismus vorzugehen, kritisiert das „System“ von Gatekeeping und zeigt kurz Möglichkeiten zur Verbesserung auf, gerade im Zusammenspiel mit dem Beitrag von Nina-Kathrin Wienkoop ist das interessant.

Ein Buch für einen zu kleinen Kreis

Was also ist im Gesamten von Nur mit uns zu halten? Schwierig. Sicherlich ist das Buch im Zusammenspiel mit oben erwähntem Podcast, der im „Making-Of“ angedeutet, dann am Ende des Buches weiter erläutert wird, noch einmal etwas anderes. Womöglich werden dort Themen vertieft?! Viele im Buch angesprochene Punkte bleiben zu schummrig, zu verkürzt, um ein Bild zu verdeutlichen oder wirklich als Debattenbeitrag verstanden zu werden. Viele lesen sich eher wie ein Teaser. 

Darüber hinaus hätte gut auf einige der politischen Stimmen verzichtet werden können; die junger Menschen fallen aus unserer Rezension raus, sie fordern im Prinzip allesamt mehr Teilhabe, dem ist nichts hinzuzufügen (trefflich streiten könnten wir natürlich über die vor Wahlen immer wieder aufkommende Forderung eines Wahlrechts ab 16 Jahren auf Bundesebene). 

Bleibt also die Frage, für wen dieses Buch ist. Tja. Während der Lektüre fiel hier mal der Satz „Das ist so eines dieser Bücher, das die Vereine und Stiftungen den neuen Praktikant*innen in die Hand drücken und stolz verkünden: ‚Schau mal, da sind wir gerade erst wieder veröffentlicht worden!‘“ So finden sich wie erwähnt einige Beiträge die in der Tat nicht nur für Personen geschrieben scheinen, die sich ohnehin damit auseinandersetzen wollen oder müssen. Das Gros jedoch schwebt in einer schwer zugänglichen Bubble. So ist es auch als Einstieg in die Problemfelder mangelnder Teilhabe und Sichtbarkeit migrantisch gelesener Menschen, sowohl zu speziell, als auch zu verkürzt. Das ist schade. 

Nur mit uns ist in seiner Ambition begeisternd, in der verkürzten und teils unreflektierten Ausführung teils aber frustrierend. Mit einer stärker auf Debatte ausgerichteten herausgebenden Begleitung, die auch versteht, dass solche Bücher unbedingt auch von Hildegard Meier im Wahlkreis 196 gelesen werden sollten, wäre hier sicherlich einiges mehr drin gewesen. Erneut: Schade.

JW

PS: Dass in Nur mit uns natürlich der Fokus auf den Parteien SPD und Bündnis 90/Die Grünen liegt, liegt in der Natur der Sache bei den beteiligten Vereinen und Stiftungen, wie auch dem Verlag. Dennoch ist liest es sich kritisch, wenn bei Erwähnung der SPD und bei Kritik an der Regierung in puncto Politik für junge Menschen, für migrantisch gelesene Menschen und andere marginalisierte Gruppen – wieder einmal – „vergessen“ oder eher unterschlagen wird, dass die SPD seit langer Zeit Teil der Regierungskoalition ist und durchaus in der Lage war, ihr wirklich wichtige Vorhaben durchzubringen oder zu verhindern. Wir denken an Grundrente, Rente mit 63, das „Gute-Kita-Gesetz“ oder das Abstimmungsverhalten beim Transsexuellengesetz. Überhaupt wird der Transparenzgedanke im Buch nur an ins Narrativ passenden Stellen konsequent umgesetzt. 

Einen Blick ins Buch gibt es hier

Anne-Marie Brack, Annette Schlicht (Hg.): Nur mit uns – Stimmen für eine vielfältige Politik; 1, Auflage, Mai 2021; 112 Seiten; Klappenbroschur; Verlag J.H.W. Dietz Nachf.; ISBN: 978-3-8012-0611-6; 14,00 €

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