Persönlicher Polit-Porno

Vor einigen Jahren verbrachte ich einige Tage in Wien und erinnere mich an irgendein Plakat mit diesem jungen, schnittigen Mann, glatt von oben bis unten, perfekt in Szene gesetzt, ich meine er lief in der abgebildeten Szene, ich hielt das Plakat jedenfalls zunächst für ein Filmplakat. Irgendwann erkannte ich den vermeintlichen Hauptprotagonisten dann als Sebastian Kurz, damals noch österreichischer Außenminister. Kein Filmplakat also. 

Offen und souverän

Um dieses Überperfekte, diesen Typ Slim-Fit-Poltiker, dreht sich der neue (für den Rezensenten erste) Roman des 1994 geborenen österreichischen Autors Elias Hirschl Salonfähig, der am heutigen Montag im Paul Zsolnay Verlag erschienen ist. Hirschl setzt uns einen namenlosen Protagonisten vor die Nase, der in der Jungen Mitte, der Jugendorganisation der Partei Mitte Österreichs, engagiert ist und gemeinsam mit anderen Engagierten den 29-jährigen Spitzenkandidaten der Partei, Julius Varga, zum Bundeskanzler machen will. Julius ist das große Vorbild des Erzählers, sein Idol, dem er nacheifert, an dessen Lippen er hängt. Er geht regelmäßig zum Friseur, zur Maniküre, zur Psychotherapie und zum Rhetoriktraining: „Eine offene Körperhaltung vermittelt Souveränität!“

Zwar erfahren wir an keiner Stelle den Namen unseres Protagonisten, wissen aber sonst recht viel über ihn. Ein paar Beispiele: Er ist ein guter Mensch. Er kann helfen. Er ist altruistisch, spendet regelmäßig zwanzig Cent und um sich einen Gewöhnungseffekt anzutrainieren gibt es dann ein Stück Sachertorte. Er hat den berühmten Slogan „Nehmen wir es in die Hand!“ mitinitiiert. Er trinkt gern Espresso. Ihn kümmert das Leid der Menschen und der Kinder nach Anschlägen in Kabul, Teheran und Idlib. Er ist pragmatisch aber nicht herzlos. Er kennt sich mit dem emotionalen Wert von Pornografie aus. Er möchte Walter Horn sprachlos sehen. Er ist aufmerksam, nimmt „bügelglatte Notizblätter“ wahr. Er schreibt seine Träume auf. Er ist authentisch. Kann authentisch lächeln, hat authentische Therapieerfahrungen, authentisches Mitgefühl für die Opfer der Nationalsozialisten. Würde doch nur der 102-jährige Überlebende des KZ Mauthausen auch authentisch klingen, wünscht er sich. Er fühlt sich dem kleinen Mann verbunden. Er ist ein guter Mensch. Er existiert.

„Jede unausgereifte Geste ist infektiös“

Elias Hirschl lässt den Ich-Erzähler allerlei von sich preisgeben. Nur dass er hier nicht wirklich etwas preisgibt, sondern seine eigene, irgendwie geistig-onanistische Projektionsfläche ist. Wir erfahren, was wir von ihm, der seine Manierismen, die hier auch einmal medizinisch interpretiert werden dürfen, vor dem Spiegel abrundet, dabei immer das große Idol Julius Varga im Hinterkopf, so sehr, dass er beinahe einmal vergisst, die Pflegemaske abzunehmen, wissen sollen. Wir wissen, dass er die Blumen des Kanzlers-to-be während dessen Abwesenheit pflegen soll. Wir wissen, dass die Organisation hierarchisch ist, heterosexuelle Männer im Vordergrund stehen und alle das geil finden, vor allem er (Körperkult und homophile Tendenzen inklusive).

Wir wissen, dass er tatsächlich begeistert und engagiert ist, von inhaltslosen Phrasen und für eine Politik, die so leer wie menschenfeindlich ist, ist sie doch nur am eigenen Strahlen interessiert. Während der Koalitionsverhandlungen gehen über Aufregung in Bezug auf Vöslauer statt Römerquelle das Innenministerium und über Royal-Gala- statt Golden-Delicious-Äpfel das Außenministerium an den rechten Koalitionspartner. Elias Hirschl wählt für seine rasante aber nicht überhastete Erzählung dabei eine emotional distanzierte, aber sehr fassbare Sprache. 

Gespräche und Thematiken überschneiden sich regelmäßig. Während der Autofahrt erleben wir diese, ebenso wie die Beschreibung des perfekten, authentischen Lachens. Das Leben und Sterben von Pflanzen und ein Auftritt Julius Vargas in der letzten Elefantenrunde vor der Wahl (etwas, das später feinmotorisch zusammengebracht werden soll). Die Dinge, die beschrieben werden, die Ereignisse, die der Protagonist aus der Erinnerung oder dem direkten Moment wiedergibt, sind konkret und doch ist da so etwas wie eine Rauchglasscheibe zwischen uns. An mancher Stelle glücklicherweise, sonst wären wir womöglich irgendwann voller Kotze und Blut. 

„Ein Ozean aus Sprache“

Ekel mag uns aber aus anderen Gründen so oder so beschleichen, wenn auch gepaart mit einem Lachen. Wenn der Ich-Erzähler und sein nach seiner Meinung bester Freund an verschiedenen Stellen über die Ästhetik von Anschlägen fabulieren, darüber, dass die frühen Attentate der RAF besser gewesen seien als die der dritten Generation, also rein symbolisch und qualitativ. Die 9/11-Anschläge immerhin die Bedeutung eines Datums prägten! Alles zwar schrecklich schrecklich, moralisch entsetzlich, natürlich, aber so ästhetisch und voller Effekt. Dennoch darf der islamistische Terror nicht den abendländischen ersetzen, meint der Freund. Eine Erklärung zum Grundgedanken des Utilitarismus gibt es dazu. Groß! 

Solche Stellen finden sich einige, manch einer und manch einem mag es allzu zynisch, kalt und geschmacklos zugehen und es sei gesagt, dass der Verlag das Buch in Anspielung an Bret Easton Ellis’ Klassiker American Psycho nicht grundlos als Austrian Psycho bewirbt. Auch benennt Elias Hirschl den Erzählton von Ellis als großen Einfluss, was deutlich spürbar ist; ich fühlte mich vor allem an Glamorama erinnert und sei es nur der Anschlagsthematik wegen. Das heißt jedoch nicht, dass Salonfähig ein Ellis-Wannabe wäre, aber wie schreibt Hirschl doch: „Suche dein Idol. Finde dein Idol. Werde dein Idol.“

Abstrus und präzise

Salonfähig ist sprachlich zudem zumeist doch einen Ticken präziser, literarischer, thematisch dazu recht fokussiert. Hirschl weiß sehr genau, was er mit diesem bösen, aggressiven, kalten Werk sagen möchte. Das Abgeklärte und Maliziöse sind so gut wie nie zu perfektioniert affektiert, was der Geschichte einen gesunden, im Echten verankerten Unterbau gibt, um mal ein im Buch wunderbar verwendetes Wort zu entleihen.

An wenigen Stellen lässt Hirschl seinen Erzähler das Geschehen in einem etwas anderen Ton einordnen, beinahe so, als wolle er sich moralisch rechtfertigen, oder als würde ihn hier eine Zuschauerin oder ein Zuschauer überrascht haben. Diese Momente irritieren ein wenig und zumindest dem Rezensenten war zum Schluss nicht ganz klar, ob es bewusste Brüche gewesen sein sollten oder doch Versehen im Schreibprozess. Von nachhaltiger Bedeutung sind sie jedenfalls nicht.

Nachhaltig bleibt dafür die Gesamtwirkung von Salonfähig, das so abstößt wie fasziniert, eben da es zwar abstruse Wege in verschwimmende Realitätswahrnehmungen geht, jedoch keine abstrakten, sondern sehr konkrete Gedankenmuster schildert. Das tut Elias Hirschl sprachlich so präzise wie unvermittelt, dass er uns manches Mal auf dem kalten Fuß erwischt.

QR

PS: Afghanistan und Ghostwriter – Elias Hirschl hat’s kommen sehen, irgendwie. 

PPS: Könnte „Die Internationale“ nicht wirklich von Frei.Wild stammen?! Frage für einen Freund.

Eine .pdf-Leseprobe gibt es hier.

Elias Hirschl: Salonfähig; 1. Auflage, August 2021; 256 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-552-07248-0; Zsolnay; 22,00 €; auch als E-Book erhältlich

Hier gibt es noch einen Buchtrailer, quasi eine bebilderte Leseprobe. Enjoy!

Und die Playlist zum Buch (in dem Musik eine große Rolle spielt).

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