Pi mal Dudelsack

Beitragsbild: Die Swilkan Bridge – oder auch Swilcanth – ist die berühmte kleine Brücke auf dem Old Course in St Andrews, der Heimat des Golfsports. Sind Franziskas Eltern etwa hier verschwunden?

Nachdem Schottland kürzlich ein neues Regionalparlament gewählt hat, steht nun vielleicht auch erneut ein Unabhängigkeitsreferendum ins Schloss, äh Haus. Das ist Ausdruck einer innig verbundenen Abneigung zu den Partnern aus England. Die Eigenarten der Schottinnen und Schotten manifestieren sich aber auch in vielen anderen Bereichen. Wer Schottland besucht, sollte sich dieser auf jeden Fall gewahr sein.

Schottland und seine Gepflogenheiten

Die Journalistin und BRIGITTE-Online-Autorin Ulrike Köhler kennt sich mit den Gepflogenheiten im Norden Großbritanniens aus und hat so manche Besonderheit dieses Landes und seiner Leute in einem Buch der Reihe Fettnäpfchenführer des Conbook-Verlags, der gerade erst mit dem Deutschen Verlagspreis 21 ausgezeichnet wurde, festgehalten. Schottland – Auf dem Holzweg durch die Highlands heißt das Buch, in dem Köhler die Geschichte der Münchenerin Franziska erzählt, die für eine Studie für ein paar Monate an das Krankenhaus der Stadt Inverness im Norden Schottlands zieht.

Ähnlich wie die Protagonistinnen und Protagonisten der Fettnäpfchenführer Bayern und Weihnachten scheint auch Franziska sich nicht übermäßig vorab mit den kleinen Gepflogenheiten ihres Gastlandes auseinandergesetzt zu haben. Oder sie steht nebendran, wenn Freundinnen oder Familie zu Besuch kommen und den einen oder anderen Bock schießen. Aber so manche Kleinigkeit kann oder muss man in der Tat auch nicht unbedingt vorab wissen.

Nicht England und dennoch Linksverkehr!

Was aber auf jeden Fall dazugehört, ist zu wissen, dass Schottland eben nicht England ist. Wer Schotten und Engländer in einen Topf wirft, hui, der sollte schnell das Weite suchen, denn das hören die Bewohnerinnen und Bewohner des Whiskylandes nicht gerne – Unabhängigkeitsreferendum und so. Andere Fettnäpfchen allerdings sind keine spezifisch schottischen. Links wird auch in England gefahren, das Essen fällt in England wohl noch mehr in die Kategorie „Fraß“ (außer wenn es um die Tea Time geht; und ja, es gibt natürlich ein Kapitel zu Haggis). Und dass das Wetter schnell umschlägt und man besser stets sowohl Jacke als auch Badehose/Bikini (für die hartgesottenen – die Nordsee ist auch im Sommer immer noch die NORD-See) ist auch kein Unikum im Land der Highlands und Islands.

Stattdessen erfahren wir auf gewohnt humorvolle Fettnäpfchenführer-Art und -Weise, dass es üblich ist, mit Kreditkarte zu zahlen und die Rechnung im Pub nicht nach schwäbischer Art mit dem Taschenrechner durchzudividieren, sondern einfach die nächste Runde zu schmeißen. Wir lernen, dass Schottland weit mehr als Edinburgh und Glasgow zu bieten hat (das haben wir bereits im Bildband Highlights Schottland festgestellt) und dass es neben besagtem Fraß auch allerlei Kulinarisches zu entdecken gibt. Und nein, Ulrike Köhler hat auch nicht immer recht mit Franziskas Erkenntnissen. Irn Bru, der typisch schottische, orangefarbene Energydrink mit viel, viel Zucker schmeckt durchaus und ist daher sehr zu empfehlen, ebenso wie manch frittierte Köstlichkeit. Aber das mag natürlich ganz im Auge des Betrachters liegen 😉

Betrachten kann man jedenfalls in Schottland so einiges. Ob es das Monster von Loch Ness ist, die vielen Schlösser und Burgruinen, die Touristenhochburg Skye (leider hat Köhler hier recht, die Insel strotzt nur so vor atemberaubenden Panoramen, ist aber inzwischen vollkommen überlaufen) oder einfach nur die Fragen, was die Schotten unter ihren Kilts tragen oder wie man eigentlich auf einspurigen Straßen mit Gegenverkehr umgeht: Ulrike Köhler lässt Franziska und ihre Familie/Freundinnen in so manche Falle tappen, die unsereins so nicht unbedingt erwarten würde. Höflich und charmant gibt es aber immer eine Erklärung für Franziska und die Leserinnen und Leser, eine Reihe von weiterführendem Material und Informationen sowie Daten zur Geschichte Schottlands.

Über den Dudelsack gepeilt

Und obwohl sich im Fettnäpfchenführer Schottland auch einige Geheimtipps verstecken, gibt es leider auch manch eine Ungenauigkeit. Die eine oder andere Jahreszahl hätte im Lektorat wohl noch einmal geprüft werden sollen (eindeutig ein Tippfehler, da an anderen Stellen richtig: Die Schlacht von Culloden fand 1746 statt, nicht 1946) und hin und wieder passen die Rahmenbedingungen nicht ganz. Während Franziska beispielsweise in der ersten Hälfte Besuch von drei Freundinnen bekommt, sind ihre Eltern in den Kapiteln 28 bis 33 zu Gast.

Und in Kapitel 34 scheint es einen unvermittelten Zeitsprung gegeben zu haben, denn die Eltern sind weg (oder einfach nach Kapitel 33 auf einem der Golfplätze im malerischen St Andrews verschollen). Stattdessen wandelt Franziska mit ihrer Freundin Tamara im Januar durch Edinburgh. Keine Frage, wir gönnen Tamara ihren zweiten Besuch (sie war eine der Freundinnen aus der ersten Hälfte), aber dieser Wechsel kam sehr abrupt und passt rein erzählerisch gar nicht in die Geschichte (zumal das Kapitel kein wirkliches Fettnäpfchen enthält). Hier hätte man doch elegantere Lösungen finden können – im Zweifel einfach ein, zwei erklärende Sätze zum Zeitsprung und zu Tamaras Rückkehr.

Was halten wir aber fest? Der Fettnäpfchenführer Schottland – Auf dem Holzweg durch die Highlands von Ulrike Köhler informiert uns auf gewohnt humoristische Weise über die Eigenheiten eines Landes, das sich selbst auch gerne mal auf die Schippe nimmt. Das Buch ist meist unterhaltsam und lehrreich, auch wenn nicht jeder Gag unmittelbar zündet und es leider auch manche Ungenauigkeit in die Endfassung geschafft hat. Im Großen und Ganzen aber informiert der Fettnäpfchenführer Schottland sehr gut über ein Land, das uns geografisch nicht allzu fern ist, stets eine Reise wert und vor allem eine sehr liebenswerte und spannende Kultur und Landschaft hat. Und vielleicht ja bald unabhängig und irgendwann auch wieder Teil der Europäischen Union ist.

HMS

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Ulrike Köhler: Fettnäpfchenführer Schottland – Auf dem Holzweg durch die Highlands; 1. Auflage, August 2019; Flexcover, gebunden, 256 Seiten; ISBN: 978-3-95889-248-4, Conbook Verlag; 12,95 €

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