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Polens Oderradweg: Wo unberührte Natur auf postsozialistische Tristesse trifft

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Hinweis: Alle Bilder sind unbearbeitet, jede Lichtsituation ist echt, nichts retuschiert oder mit Filter angepasst. // Fotos: © the little queer review.

Die ehemalige Festungsstadt Küstrin an der Oder wurde – wie so viele andere – durch die Festlegung der Oder-Neiße-Grenze nach dem Zweiten Weltkrieg geteilt. Ein Teil – der heute größere – liegt nun unter dem Namen Kostrzyn nad Odra auf polnischem Gebiet. Zu Deutschland gehört noch die Ortschaft Küstrin-Kietz, die Ausgangspunkt für unsere Fahrradtour an der deutsch-polnischen Grenze sein sollte.

Von Berlin fährt stündlich die Regionalbahn bis nach Küstrin-Kietz, Dauer ca. 70 Minuten. Während der Mehrwertwochenenden der VBB im September war die Fahrt bis dorthin für uns ohne Aufschlag möglich – und auch nur bis dorthin, wie uns die nicht ganz zuvorkommende Schaffnerin in der Niederbarnimer Eisenbahn deutlich zu verstehen gab. Egal, wir packten die geliehenen Drahtesel des nach Suchmaschineninfo LGBT+-freundlichen Berliner Fahrradladens Zum Goldenen Lenker und starteten unsere Tour im beschaulichen Grenzort Küstrin-Kietz.

Die Räder von Zum Goldenen Lenker // © the little queer review

Ein beschauliches Dorf hat viel zu bieten

Dafür, dass das Dorf so beschaulich ist, hat es allerdings verhältnismäßig viel zu bieten. Nein, nicht die Beschilderung des Fahrradwegs – die ist nämlich nicht ganz klar, was uns zu Beginn ein wenig nach dem rechten Weg suchen lässt. Diesen einmal gefunden kommen wir allerdings an einem kleinen Vogelpark vorbei, an dem wir direkt kurz Halt machen. Nur wenige Meter später gelangen wir zu dem äußerst sehenswerten Friedhof. 

Der idyllische Soldatenfriedhof in Küsterin-Kietz // © the little queer review

Dieser scheint zwar durchaus gepflegt zu werden, ist aber dennoch an vielen Stellen mit Efeu und Gräsern überwuchert und unter hohen Baumkronen vor der Sonne geschützt, was seinen Charme massiv erhöht. Die alten oder restaurierten Grabsteine zieren Namen und Daten aus der Jahrhundertwende um 1900. In München wurde um diese Zeit die Wiesn in ihrer heutigen Form erfunden. Aber dieser Ort ist mindestens genauso spannend und beeindruckend.

Unsere Fahrt geht weiter Richtung Osten, Richtung Oder. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einer alten – leider abgeriegelten – Artilleriekaserne der Wehrmacht vorbei. Schade, dass wir diese nicht besuchen können, denn sie sieht sehr spannend aus. Sie befindet sich auf der Oderinsel, die noch heute zu Deutschland gehört. Direkt im Anschluss aber überqueren wir den Grenzfluss und erreichen unmittelbar die alte, direkt an der Oder gelegene Festung, die Küstrin jahrhundertelang zu einem wichtigen strategischen Ort machte. Eine kurze Besichtigung später machen wir uns aber wieder auf den Weg, denn unsere Strecke ist noch lang.

Ein Blick auf die verlassene Artilleriekaserne auf der Oderinsel // © the little queer review

Unangenehmes Fahrgefühl am Rand des eindrucksvollen Nationalparks

Sie führt entlang der Staatsstraße DK 22 nach Südosten. Die Straße per se ist leider keine gute Wahl, denn nicht nur der Wind pfeift uns entgegen, sondern auch die Autos und Lkws kommen mit hoher Geschwindigkeit aus beiden Richtungen. Da es keinen abgetrennten Fahrradweg gibt, ist dieses Teilstück rein fahrerisch die unschönste Angelegenheit, mit der wir uns an diesem Tag konfrontiert sehen.

Der Nationalpark Warthemündung bietet unzählige solcher Tümpel // © the little queer review

Darüber hilft auch nur bedingt hinweg, dass die Sicht vor allem zur linken (östlichen) Seite äußerst hübsch ist. Die DK 22 bildet die südliche Grenze des Nationalparks Warthemündung, der unzählige Feuchtstellen und Biotope beheimatet, von denen wir aber nur einen winzigen Bruchteil zu sehen bekommen werden. Außerdem gibt es dort etwa 260 Vogelarten, von denen wir direkt an der Straße aber nur wenige sehen werden. Wir merken uns den Park aber spätestens nach unserem eindrucksvollen Ausblick von einer extra errichteten Aussichtsplattform als Ausflugsziel für spätere Erkundungen im kommenden Frühjahr vor. 

Beschauliche Tristesse einen Steinwurf von Deutschland entfernt

Unsere Tour führt uns nach einer kurzen Pause weiter nach Süden durch die Ortschaften Czarnów, Zabice und Górzyca. Wir sind überrascht und beeindruckt, wie trist manche Ortschaften hier wirken. Fast wie auf dem Balkan oder im brasilianischen Hinterland. Manche der kleinen Häuschen sind ein wenig renoviert, andere wiederum sind so heruntergekommen, als ob sie in der Bannmeile um Tschernobyl lägen. Man würde nicht ein paar Kilometer weiter die Grenze zum reichen Deutschland vermuten, sondern eher Belarus. Die beschauliche Tristesse nur einen Steinwurf vor unserer Haustür bewegt und überrascht uns.

Fast wie bei uns – die Post kommt nicht an die Haustür. // © the little queer review

In Górzyca finden wir nach kurzer Suche einen Zugang zum Oderradweg. Den Rest unserer Strecke fahren wir also nun auf polnischer Seite neben dem Grenzfluss her. Der Radweg auf dem Deich ist auch weit angenehmer als die bisherige Strecke und hierfür sind unsere City-Fahrräder auch weit besser geeignet als für die Überlandfahrt der ersten Stunden.

Der polnische Oderradweg: Natur satt, aber die Wegwerfgesellschaft ist nicht weit

Bis zu unserem Ziel, Slubice, das wir bereits kurz zuvor zum deutsch-polnischen CSD besucht hatten, kommen wir nur an zwei größeren Ortschaften vorbei: Lebus am deutschen Oderufer und Nowy Lubucz gegenüber auf der polnischen Seite. In beide Städte machen wir keine Ausflüge, denn allein die Natur am Radweg fasziniert uns genug. Die Oder schimmert und funkelt in glänzendem Blau. Die Ufer sind mit Ausnahme der Deiche nicht befestigt und dem Fluss wird so noch ein wenig Raum gegeben. Wir sehen kleine Wiesenabschnitte, Bäume und Sträucher und ein paar Zugänge zum Wasser – die wir schließlich natürlich für einen Stopp am Ufer nutzen.

Die Oder hat noch ein wenig Freiraum in ihrem Bett // © the little queer review

Am Wasser tragen die Hagebuttensträucher Früchte, die Farne und das Schilf bedecken den Ufersaum. Aber wir finden auch menschliche Hinterlassenschaften von Partys und Uferaufenthalten. Das ist schade, denn am Ende steht zu befürchten, dass der Fluss diese mitnimmt und die Ostsee damit verschmutzt. Hier wünschen wir uns mehr Aufmerksamkeit von den vielen Besuchern des Grenzflusses.

Auch wenn es nur wenig ist, menschliche Hinterlassenschaften sind nicht nötig // © the little queer review

Auwälder: Horte der Biodiversität

Besonders beeindruckt sind wir von den Auwäldern, denen wir vor allem im letzten Teil zwischen Nowy Lubucz und Slubice begegnen. Bereits vor einigen Wochen haben wir in einer Erlebnis Erde-Doku gelernt, wie wichtig die Auwälder an der Donau für die Artenvielfalt sind. Auch in einem Bildband zum Bayerischen Wald, den wir demnächst besprechen werden, finden wir Informationen hierzu. Umso mehr freut es uns, dass wir nun an der Oder ebenfalls ein so vielfältiges Biotop vorfinden, das noch sehr unberührt scheint. Nur eine Tierart, die nervt an dieser Stelle ganz massiv: die vielen Mücken, die uns dazu zwingen, unsere Münder für einen längeren Abschnitt geschlossen zu halten, wenn wir nicht bereits satt an unserem Ziel ankommen wollen.

Die Oderauen sind wichtige Lebensräume für Pflanzen, Tiere und den Fluss // © the little queer review

In Slubice sind wir schließlich mehr als erschöpft. Bei Patrol Pizza gönnen wir uns daher zum Abschluss des sportlichen Teils unseres Ausflugs jeder eine große Pizza, die uns wieder stärkt. Wir nutzen die Gelegenheit, um die Eindrücke des Tages Revue passieren zu lassen, die Erinnerungen an unseren CSD-Ausflug herauszukramen und das eine oder andere Gespräch zu belauschen.

Eine lohnenswerte Route, aber Planung und Equipment sollten passen

Was haben wir von der Fahrt mitgenommen? In Küstrin-Kietz waren wir überrascht, wie viele unerwartete Kleinode wir entdecken konnten. Den Nationalpark Warthemündung müssen wir noch einmal besuchen, aber die DK 22 meiden. Die Tristesse der Dörfer direkt hinter der Oder ist weit höher als wir dachten. Die Oder selbst und die sie umgebende Landschaft hingegen macht das zumindest für Tagestouristen definitiv wett. Es lohnt sich, den Blick über den Grenzfluss hinweg zu wagen. Man findet dort oft nahezu unberührte Natur vor, leider aber auch unerwartet schnell zumindest den Eindruck von wirtschaftlicher Armut und leider manchmal auch Sorglosigkeit im Umgang mit den natürlichen Ressourcen. Die Tour können wir aber sehr empfehlen – wenn auch nur bedingt mit City-Fahrrädern. Hätten wir doch mal nach anderen gefragt 😉.

Der polnische Oderradweg – eine Tour wert! // © the little queer review

HMS, Mitarbeit: AS

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