Queer – Jüdisch – Feministisch

Homosexuell und jüdisch? Aber die Tora verbietet doch Homosexualität, oder? Darüber sollte es auch keine Diskussion geben, wie wir selber merkten, als wir unsere Besprechung des Bild-Textbandes Queer in Israel in eine sich sehr offen gebende Facebook-Gruppe zu jüdischem Leben in Deutschland posteten und sich einige Mitglieder (in der Tat ausschließlich Männer) in ihrem Glauben beleidigt fühlten, uns Sünde und Verführung vorwarfen und der Admin der Gruppe sich entschied den Beitrag zu löschen. Interessanterweise mit dem Hinweis, es seien zwar alle Meinungen akzeptiert, aber… Ja, was aber? Offen queere Sichtweisen und Themen dann doch nicht? Eine weitere Erläuterung blieb aus.

Queerness ist Teil des Lebens und des Glaubens

Queerness gehört zum Leben, ist Teil des Alltags, auch des Alltags religiöser Menschen, ganz gleich welchen Glaubens sie sind. Für viele bilden sich dadurch allerdings komplexe Konfliktfelder heraus. Insbesondere für manch jüngere LSBTIQ*-Personen mag die Vereinbarkeit von (konservativen beziehungsweise orthodoxen) Glaubensinterpretationen und des eigenen, zum Teil unterdrückten Selbst eine schwere Herausforderung und quälend sein. 

Die 23-jährige Helene Shani Braun lässt sich derzeit am Potsdamer Abraham Geiger Kolleg zur Rabbinerin ausbilden und ist selbst queer. Sie möchte außerdem jungen Leuten helfen, ihr Jüdischsein zu definieren und daran mitwirken, „dass Queerness ein selbstverständlicher Teil in schon existierenden Gemeinden wird“, wie sie in einem Gespräch mit Spiegel Online sagt.

Helene Shani Braun ist nicht nur eine der ersten Frauen, die nach Abschluss ihres Studiums der Jüdischen Theologie an der Universität Potsdam und der Ausbildung zur Rabbinerin am zur Universität gehörenden Abraham Geiger Kolleg das Amt der Rabbinerin bekleiden wird, sondern die bisher jüngste. So hatte Braun beim Auswahlprozess auch erst einmal Überzeugungsarbeit zu leisten, dass es nicht nur die „Schnapsidee“ einer 21-Jährigen war. 21 ist das Mindestalter um am Kolleg angenommen zu werden.

Die religiös aufgewachsene Braun berichtet im Beitrag von einer Konferenz in Boston im Jahr 2017, bei der sich liberale Jüdinnen aus aller Welt trafen. Am Abend habe sie mit einer Freundin zusammengesessen und sich darüber ausgekotzt, dass in den hohen Ämtern nur Männer säßen. In diesem Moment habe sie sich zum ersten Mal gedacht: „Daran muss ich selbst etwas ändern.“ Durch Gespräche mit jungen Rabbinerinnen aus den USA sei sie dann ermutigt worden, diesen „eher unüblichen Weg zur weiblichen Rabbinerin zu gehen.“ Schließlich sollte das jüdische Leben in Deutschland nicht mehr nur mit Kippa tragenden Männern assoziiert werden.

Verschiedene Interpretationen

Sie wolle „junge Menschen für jüdisches Leben begeistern und die Themen, die ihnen wichtig sind, in die Gemeinden tragen“, ist im Spiegel-Beitrag zu lesen. Nicht zuletzt auch, weil jüdische Gemeinden ohne jugendlichen Zulauf irgendwann ausstürben. Das liberale Abraham Geiger Kolleg kann seit längerer Zeit als engagiert gelten, wenn es darum geht, jüngere Menschen für das jüdische Leben zu interessieren und dies in die Breite zu tragen, exemplarisch dafür steht beispielsweise der 2018 erschienene Sammelband „Weil ich hier leben will …“. Jüdische Stimmen zur Zukunft Deutschlands und Europas. Dessen Mit-Herausgeber Walter Homolka ist Rektor des Abraham Geiger Kollegs und Vorsitzender des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk e. V., dort ist Jo Frank Geschäftsführer, ebenfalls Co-Herausgeber des Buches. 

Auch Braun öffnet sich auf ihrem Instagram-Kanal, damit auch ihre Herangehensweise an ihren Glauben und ist somit eine gute Adresse für jene, die erst beginnen, sich mit dem Judentum zu befassen, möglicherweise ihr eigenes Jüdischsein (neu) entdecken oder erkunden wollen. Natürlich nimmt auch das Thema Homosexualität einen gewissen Raum ein. Zwar komme sie aus einer liberalen Gemeinde, doch wäre es ihr nie in den Kopf gekommen, manche Fragen an die Gemeinde zu richten.

Zum Beispiel die Frage, ob, und wenn ja, warum sich Homosexualität mit dem jüdischen Glauben verbinden ließe, wenn diese doch durch die Tora verboten sei. Eine Frage, der sie auch auf ihrem Instagram-Kanal nachgeht und dabei auf unterschiedliche, quasi unendliche, Interpretationen der Textstellen verweist und sagt, sich ausschließlich auf eine tausend Jahre alte Interpretation zu beziehen sei eben auch nicht das Optimum. Außerdem schmerze es sie, wenn sie sehe, dass eine Person nicht seine oder ihre Sexualität ausleben könne, weil die Religion dies verbiete. 

Queers nicht mit ihren Fragen allein lassen

In einer modernen Gemeinde müsse Platz für diese Fragen sein sagt Braun gegenüber dem Spiegel. Diesen Platz wolle sie schaffen, indem sie ihren Glauben und ihre eigene Queerness öffentlich verbinde. Würde sie als angehenden Rabbinerin nicht über Queerness im Judentum sprechen, mache es niemand. „Da nehme ich mir lieber die Zeit, als dass querere Jugendliche mit ihren Fragen alleingelassen werden.“

Es ist also ganz offensichtlich, dass der Themenkomplex Homosexualität und Judentum für sie noch lange nicht abschließend behandelt ist, was sie auch auf Instagram schreibt. Sexualität und Religion zueinander führen, das sei ihr ein Anliegen. Und sie empfiehlt: „Lest, studiert, lernt, helft.“ Dem schließen wir uns an.

Love & Peace ❤️🧡💛💚💙💜

Eure queer-reviewer

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