Queere Weihnachten mit Witz & Message

Beitragsbild: Harper (Mackenzie Davies) und Abby (Kristen Stewart) in entspannten Zeiten. // © 2020 CTMG, Inc.

Covid-19 aka Corona geht uns zwar auch in der festlichen Zeit ziemlich auf die Nerven, das ändert aber nichts daran, dass Weihnachten 2020 filmisch für queere Personen eine recht feine sein kann. Noch mehr, wenn man in den USA lebt und schaut (zwei TV-Filme sind bisher nicht für Deutschland angekündigt), allerdings gibt es – der Streaming-Portale sei dank – auch hierzulande das eine oder andere bunte Schmankerl zu sehen. So zum Beispiel The Prom, der zwar nicht direkt Weihnachten ist, aber in die Zeit passt, oder den zweiten Film von Clea DuVall: Happiest Season (Regie und Drehbuch) mit Kristen Stewart und Mackenzie Davies in den Hauptrollen als lesbisches Paar, das die Familie von Davies Charakter, Harper, über die Weihnachtstage besucht. Dumm nur, dass diese ihrer Partnerin Abby erst auf dem Weg zur Familie erzählt, dass sie bisher nicht geoutet sei. Dabei wollte Abby ihr doch an Weihnachten einen Antrag machen. Hoppala.

Die Familie Caldwell – Verloben vielleicht verboten?!

Harper überredet Abby dazu, gute Miene zum sexuellen Versteckspiel zu machen und sich lediglich als beste Freundin und Mitbewohnerin auszugeben. Bei der, nicht ganz untypisch für derlei Filme, etwas verschrobenen Familie angekommen trifft Abby auf Harpers Mutter Tipper (Mary Steenburgen), den politisch ambitionierten Vater Ted (Victor Garber), die stramme Schwester Sloane (Alison Brie), deren Ehemann Eric (Burl Moseley) und ihre zwei unausstehlichen Kinder (ihr werdet sehen warum) sowie das nerdige Nesthäkchen Jane (Mary Holland, auch Co-Autorin des Films). Natürlich sind die ersten Begegnungen gespickt von Unsicherheiten und kleineren Fettnäpfchen. Schließlich tauchen noch Harpers heimliche Ex-Freundin Riley (Aubrey Plaza) und Ex-Freund Connor (Jake McDorman) auf. Nicht nur die Familie von Harper und alle Ex-en machen es Abby schwer, auch Harper lässt Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Beziehung aufkommen. Als hilfreich erweist sich, dass Abbys bester Freund John (Dan Levy), der wenigstens immer ans Telefon geht.

John (Dan Levy) und Abby (Kristen Stewart) in großer Verwunderung. // 2020 CTMG, Inc.

Ihr seht, die Ausgangslage klingt nach einer einigermaßen klassischen weihnachtlichen romantischen Komödie, mit leicht melodramatischen Zügen. Tatsächlich erinnerte mich der Film auch an mancher Stelle an Die Familie Stone – Verloben verboten!, wobei erwähnt sei, dass Harper nicht so unsympathisch ist, wie Sarah Jessica Parkers Meredith bei den Stones und Happiest Season nicht in derart zynische Boshaftigkeiten verfällt, die eine Wendung unmöglich zu machen scheinen. Wobei auch bei Happiest Season nicht alles ganz so kommt, wie man es erwarten mag (dennoch werden Abby nicht die genretypischen Peinlichkeiten erspart).

Screwball-Komödie trifft Melodrama 

Der Film ist recht wunderbar gemacht, es wechseln sich sehr witzige Momente, Screwball-Komödie und Slapstick, mit, wie erwähnt, ernsthaften Einschüben ab, ohne dass dies die Stimmung gänzlich zum Kippen brächte. Das Gefühl, Happiest Season ist bei aller Zuspitzung von Charaktereigenschaften stärker in der Realität verankert als viele andere Festtagsfilme begleitet den Film. Was passt, da die inzwischen offen lesbisch lebende Clea DuVall sagte, dass ihr Skript teils autobiografisch sei, insbesondere was das heimlich lesbisch und als Paar Leben anginge. Dass sie bei einem Herzensprojekt die echte Welt nicht ganz außen vor lässt, ist naheliegend.

Apropos echte Welt: Der Cast ist nicht nur in schauspielerischer Hinsicht wunderbar gewählt, sondern passend zum Film recht divers und queer aufgestellt, was sich zum Teil natürlich auch in den Rollen spiegelt. Dies führt dazu, dass Harpers Sorge vor der Reaktion ihrer Eltern auf ihr Lesbisch-Sein manchmal etwas irrational wirkt, in anderen Momenten aber wieder völlig naheliegend. Insbesondere Mutter Tipper Caldwell ist hin und wieder ein beinahe Stepford’sches Enigma. 

Ted (Victor Garber) und seine ungeoutete Tochter Harper (Mackenzie Davies) // 2020 CTMG, Inc.

In den USA ist Happiest Season teilweise dafür kritisiert worden, zu seicht und nicht politisch genug zu sein. Ein irritierender Vorwurf, denn es handelt sich schlussendlich immer noch um eine romantische Komödie. Weiterhin arbeiten DuVall und Holland in ihrem Skript mit sehr ernsten, kritischen Momenten. Nicht nur Angst vor einem Coming-Out, vielleicht einhergehend mit Liebesentzug, vermutete und reale Homophobie, Eifersucht und Verlustangst werden angesprochen sondern auch latenter Rassismus, Sexismus, soziale Ungleichheiten. Das geschieht jedoch häufig eher beiläufig in Form von Kommentaren, Andeutungen und zumeist subtil, beinahe zwischen den Zeilen und nicht zu orchestraler Musik von Hans Zimmer. Davon abgesehen ist es zu begrüßen, dass der Film sich in einigermaßen gewohnten Sphären bewegt und damit auch das vermeintlich Unnormale in die allweihnachtliche Normalität des sonst weniger queer-affinen Publikums bringen dürfte. Ohne Corona wäre der Film als quasi regulärer Weihnachtsfilm weltweit in den Kinos vermarktet worden. 

Eine überraschende Perle

DuVall äußerte bereits, dass sie sich eine Fortsetzung vorstellen könnte und die ist durchaus wünschenswert und durch eine gute Streaming-Quote wohl gar möglich. Oder einen Ablegerfilm in dem Aubrey Plazas Riley und Dan Levys John (der schon sehr an David aus Schitt’s Creek erinnert, was aber fein ist) als Fake-Couple einen republikanischen Kongress unterwandern und diverse Jünger*innen unterstützen zu ihrer Sexualität zu stehen und dem Trumpismus und McConnellismus abzuschwören. Das wäre dann doch auch voll politisch, so.

Happiest Season ist eine sehr feine und hintergründige Weihnachtskomödie, die nicht nur erstaunlich differenziert unterhält, sondern auch zum Mitfiebern einlädt und zum Nachdenken anregt. Die beiden Autorinnen nehmen ihre Figuren ernst, was den Humor umso treffsicherer macht. Ein wirklich, wirklich toller Soundtrack (Sia, Anne-Marie, Tegan and Sara, BAYLI, …), ein klasse Schauspieler-Ensemble bis in die kleinste Nebenrolle und eine sichere Inszenierung runden diese überraschende Filmperle ab.

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten allen geouteten und nicht geouteten Queers und allen Queerfreundinnen und -freunden!

Happiest Season; USA 2020; Regie: Clea DuVall; Drehbuch: Clea DuVall und Mary Holland; Musik: Amie Doherty; Kamera: John Guleserian; Darsteller: Kristen Stewart, Mackenzie Davies, Alison Brie, Aubrey Plaza, Mary Holland, Dan Levy, Mary Steenburgen, Victor Garber, Ana Gasteyer, Jake McDorman, Timothy Simons, Lauren Lapkus; Laufzeit: ca. 102 Minuten; FSK: 6; verfügbar beispielsweise über Prime Video und Maxdome

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