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Queerer Machiavelli in funkelnden Farben

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Zuletzt aktualisiert am 7. Oktober 2019

Payton Hobart wird Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden, darüber ist er sich im Klaren seit er ein kleiner Junge ist. Der Adoptivsohn einer Milliardärs-Familie aus Santa Barbara, Kalifornien, hat sich dafür einen ausgeklügelten Plan zurechtgelegt: Nicht nur, dass er einer der leistungsstärksten Schüler seiner High School ist, nein, er wird in Harvard studieren, schließlich ist das die Präsidentenschmiede schlechthin. Doch zuvor muss er noch Schülersprecher werden, ergo einen erfolgreichen Wahlkampf bestreiten.

Unterstützt wird er dabei von seiner Adoptiv-Mutter, Trophy Wife Georgina Hobart, seinen besten Freunden und gleichsam Wahlkampfhelfern McAfee Westbrook und James Sullivan, seiner Freundin und kommenden First Lady Alice Charles und schließlich seinem Running Mate, der vermeintlich krebskranken Infinity Jackson. 

Sagt „Hallo“ zu Payton Hobart (Ben Platt), zukünftiger Präsident der USA. / © Netflix

Da aber ohne Konkurrenz nichts läuft, tritt er gegen seinen Mitschüler und mehr oder weniger heimlichen Lover River Barkley an, der nur auf Druck seiner Freundin Astrid Sloan kandidiert. River allerdings ist weder darüber glücklich noch kann er überhaupt wirklich mit all seinen Gefühlen umgehen und nimmt sich in Anwesenheit Paytons das Leben. Statt seiner tritt nun Astrid als Schülersprecherin an und sucht sich die queere, schwarze Skye Leighton als Vizekandidatin aus.

Hinzu kommen Paytons ihn hassende Adoptivbrüder, die Affäre seiner Mutter mit Reitlehrerin Brigitte, eine vermeintliche Entführung, eine Verhaftung, diverse Mordversuche, Infinitys hohler Freund Ricardo und ihre schwierige Nana Dusty, das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom und ein homophober Ausfall. 

Fühlen, wenn man es muss

Man kann also sagen, da ist eine ganze Menge los in the Politician. Was stimmt. Dann fügt man an, dass es sich um die neue Serie von Ryan Murphy, Brad Falchuk und Ian Brennan handelt. Schon kommt einem die Handlungsbeschreibung recht naheliegend vor, schließlich haben wir es mit den Machern von unter anderem Nip/Tuck, Glee und American Horror Story zu tun.

Paytons Team James (Theo Germaine), Alice (Julia Schlepper) & McAfee (Laura Dreyfuss) – allzeit bereit / © Netflix

Nun widmen sich Murphy und seine langjährigen Kompagnons in seiner ersten Serie für Netflix im Rahmen eines 300-Millionen-Dollar-Pakets also der Welt der Politik. Und tatsächlich spielt es keine Rolle, dass es in dieser ersten von mehreren geplanten Staffeln „nur“ um einen Wahlkampf an einer High School geht. Erstens ist spätestens seit Election bekannt, wie grausam es dabei zugehen kann und zweitens steht diese High School Welt derer der schon fast legendären Underwoods aus House of Cards im Grunde in nichts nach. 

Ein wesentlicher Unterschied ist allerdings, dass die Charaktere hier ziemlich offen zueinander sind was ihre Motivation und ihre gegenseitige Abneigung angeht. Somit ist es möglich einen recht scharfen Blick auf überambitionierte, vermeintlich eiskalte und abgehobene Upper-Class-Schüler zu werfen, die nicht nur für sich Anspruch nehmen, dass ihnen die Welt gehöre, sondern das gefälligst auch jeder zu akzeptieren habe. 

the Politician ist eine zutiefst zynische, garstige Nummer, voller, manchmal nicht allzu subtiler, Andeutungen, u. a. auf Nixon, unmotivierte (Nicht-)Wähler (hierzu gibt es sogar eine ganze Folge), den Bestechungsskandal um Zulassungen zu US-Universitäten, Gillian Flynns Gone Girl und einiges mehr. Nicht immer zündet das grandios, doch tut das dem beinahe voyeuristischen Spaß an der Serie keinen Abbruch. 

Paytons Adoptivbrüder – hübsch & hohl / © Netflix

So bleibt es auch dankenswerterweise nicht bei einer oberflächlichen Beschreibung von Oberflächlichkeiten gepaart mit flotten Sprüchen. Murphy & Co. lassen den meisten ihrer Charaktere reichlich Raum sich zu entfalten und auch gegen den Strich zu agieren, so werden wir Zeuge der einen oder anderen nicht sofort abzusehenden Wandlung, auch hin zu mehr Menschlichkeit, beispielsweise wenn jemand einigermaßen harsch mit den eigenen Eltern abrechnet.

Das wurde an anderer Stelle als sprunghaft kritisiert, doch da die Beweggründe für die jeweiligen Personen subjektiv-glaubwürdig ausdifferenziert werden, funktioniert das. Und aus dem eigenen Leben sollten wir doch wissen, dass Menschen zumeist nicht sonderlich gradlinig durchs Leben gehen.

„Ich muss sagen, dass mir dein Ehrgeiz Angst macht“

Es bereitet einem eine seltsam wohlige Freude, den Schülern dabei zuzusehen, wie sie sich gegenseitig pushen, versuchen einander auszustechen, sich vernichtende Einzeiler um die Ohren hauen und darum kämpfen die Oberhand zu behalten. Gesteigert wird diese Freude durch stark ausgeprägte Loyalitäten, die zwar auf den ersten Blick nichts mit Sympathie, aber doch mit einem eingehaltenen Versprechen von Vertrauen zu tun haben und somit den bunten Mix aus überzeichneten Charakteren gleichsam erden.

Paytons Konkurrenz: Skye Leighton (Rahne Jones) und Astrid Sloan (Lucy Boynton) / © Netflix

the Politician ist bei allem Sarkasmus durchaus eine sehr weltoffene Serie – Depressionen, Links/Rechts-Denken, Bi- & Homosexualität, nicht-binäre Charaktere, Queer-Sein, Dreier und Dreierbeziehungen, Alkoholismus und Medikamentenmissbrauch, Waffengewalt. Findet alles statt, wird alles thematisiert, zwar nicht so ein Wunder, wenn die Murphy-Gang auf Netflix trifft, doch weiß die Serie wo ein Witz zu Ende ist und wo es einfach um das Sein seiner Charaktere geht, wo statt einer Pointe eine ehrlicher Satz vonnöten ist. Das ist sensibel ohne anbiedernd zu sein und das ist eine Leistung.

Wärme erleben wir auch. Das Verhältnis zwischen Georgina und Payton ist geprägt von aufrichtiger Zuneigung und tiefer Liebe oder auch Payton und River, den Payton auch nach dessen Freitod nicht loslassen mag. Überhaupt: Payton fängt an mehr zu fühlen und weniger nur der Politiker zu sein.

Paytons Adoptivmutter Georgina (Gwyneth Paltrow) und er auf Spritztour. / © Netflix

Das gibt Ben Platt als Payton auch durchaus überzeugend wider, wobei Platt an einigen Stellen, Satire hin oder her, dann doch zu einem etwas übertriebenem Spiel neigt. Grandios sind Lucy Boynton als Astrid und Laura Dreyfuss als McAfee. Solide auch Theo Germaine als Jack, quasi Paytons Doug Stamper, loyal und mit einer Koste-es-was-es-wolle-Mentalität an dessen Seite. James wird in der Rolle männlich als er/ihn angesprochen, seine Geschlechtsidentität aber nie weiter zum Thema gemacht, was eine bewusste Entscheidung war. Theo Germaine selbst identifiziert sich als trans nicht-binär und bevorzugt die Ansprache they/them, was in der englischen Sprache gut funktioniert, wohingegen wir hierzulande noch über eine geeignete Benennung diskutieren, da „Es“ dann auch ein wenig gruselig klingt. Ich finde es gut, wie Ryan Murphy und sein Team schon seit Jahren ihre Besetzungen vornehmen, nicht erst seit und nur bei Pose, sondern auch schon bei Nip/Tuck und Glee. Das kommt in vielen Besprechungen seiner Serien oft zu kurz, daher sei das an dieser Stelle mal erwähnt.

Regie in der dritten Folge October Surprise führte übrigens Janet Mock, mit der Murphy als Autorin, Produzentin und Regisseurin auch intensiv bei Pose zusammenarbeitet und die als erste Transfrau, einen Multimillionen-Dollar-Deal mit Netflix, bzw. überhaupt einem großen Medienunternehmen, abgeschlossen hat.

😉 / © Netflix

Als durchaus praktisch erweist sich die Entscheidung, die High School Kids von Darstellern um die Mitte zwanzig spielen zu lassen, erlaubt ihnen das doch ihre Rollen mit einer gewissen, durchaus notwendigen abgeklärten Verve zu versehen. Außerdem wird es sich wohl im weiteren Verlauf der Serie als Vorteil erweisen, denn ohne Zeitsprünge wird man die geplante Geschichte (jede Staffel ein weiterer Wahlkampf) nicht erzählen können und Umbesetzungen sind zeitraubend.

Neben den in Hauptrollen erwartungsgemäß stark aufspielenden Stars Gwyneth Paltrow als Paytons Adoptivmutter und Jessica Lange Nana Dusty, glänzen mit wenigen kurzen Auftritten Dylan McDermott als vermutlich gar nicht so abwegige Karikatur eines überarroganten irgendwas-mit-Geld-Geschäftsmannes, Judith Light als Mehrheitsführerin des New Yorker Senats und Bette Midler als deren Stabschefin. Besonders gefreut habe ich mich über einen schon fast Cameo von Jackie Hoffman.

Ein wenig gesungen wird auch, so gibt Platt eine herzzerreißende Performance von Joni Mitchells River und ein wenig Musical-Qualitäten werden auch gezeigt. Bei der stimmgewaltigen Besetzung war ich jedoch beinahe überrascht, dass wir nicht mindestens einen Song pro Folge vorgeführt bekommen. Aber wer weiß – vielleicht erlaubt die Zukunft dem Politician eine Musicalfolge.

Tafeln, Pools, Regenbogeneinhorn & Loewe 

Zwei weitere ganz wichtige Pfeiler die zur Faszination der Serie beitragen sind Ausstattung und Kostüme. Die bis obenhin mit Kunstwerken vollgestopften Paläste auf parkähnlichen Anwesen in denen Payton, Astrid, Alice und Co. aufwachsen sind zur Perfektion ausgestattet. Sei es die Pool-Sitzgelegenheit-Pflanzen-Regenbogeneinhorn-Situation oder das Speisezimmer bei Alice, die kalte Halle im Haus der Sloanes im Kontrast zum etwas wärmeren Zimmer Astrids oder das an die Wohnräume JFKs angelehnte Schlafzimmer Paytons oder die Stallanlage der Familie. 

Keine guten Nachrichten? / © Netflix

Gwyneth Paltrow darf ein ganz wundervolles rotes Garten-Outfit tragen, ansonsten sehr passend zur Rolle primär Mode im Equestrian Style, Ben Platt perfektioniert den Preppy Look und trägt in einer Szene einen ziemlich großartigen Loewe Pullover. Ansonsten sind vor allem die Outfits von McAfee, professionell, ein wenig zugeknöpft, aber feminin und Astrid, mal sehr elegant, dann wieder verspielt, immer mit einem I-Tüpfelchen auf den Punkt und Alice könnte nicht mehr nach First Lady aussehen. Etwas zurückgenommener, aber auch passend preppy sind James’ Looks.

Absurde Kreativität vs. Absurde Realität

Im Grunde ist das Gros der Geschichte um den Wahlkampf zum Schulsprecher mit der siebten Folge auserzählt, so dient die achte und letzte Folge der ersten Staffel dann auch bereits als Brücke zur zweiten. Es wird klar um welche Kandidatur es sich drehen wird, welchen Wahlkampf Payton und seine übrig gebliebenen Getreuen demnächst bestreiten werden. Es dürfte faszinierend zu sehen sein, wie sich insbesondere zwei uns bekannte Charaktere, die man gänzlich neu strukturieren kann, in der zweiten Staffel entwickeln werden. Und wir dürfen davon ausgehen, dass Judith Light und Bette Midler in der kommenden Staffel eine wesentliche Rolle spielen werden, somit ist die ohnehin bereits Gold. Und hoffentlich auch mehr Jackie Hoffman. Mehr Jackie Hoffman für alle!

Payton, Running-Mate Infinity (Zoey Deutch) und Andrew (Ryan J. Haddad) / © Netflix

Natürlich ist das alles sehr überzeichnet, zuweilen hysterisch, doch genau das sollte eine Satire oder gar Farce eben auch abliefern. Zumal, nun, ich denke the Politician kommt bei aller absurden Kreativität am Ende doch nicht an der heutigen Realität in Washington und an Trump vorbei. Oder UK, dem Brexit und Boris Johnson. Oder an dem ein oder anderen AfD-Landesverband. Oder der FPÖ und Heinz-Christian Strache. Oder…

Gelernt habe ich übrigens noch, dass es eine deutsche Version von Yesterday namens Gestern Noch, gesungen von Knut Kiesewetter, gibt, über dessen YouTube-Video es seit Ausstrahlung der Serie ein wahres Füllhorn an Kommentaren ausgeschüttet wird. Überhaupt ist die Musik in der Serie ziemlich toll, auch das wenig überraschend bei einer Murphy-Kreation. Es lohnt sich in die Spotify-Playlist reinzuhören.

Fazit: Anschauen!

Der deutschsprachige Trailer zur ersten Staffel the Politician
Promoplakat / © Netflix

Wir haben die Serie auf englisch mit englischen Untertiteln geschaut und nur Auszüge der deutschen Synchronisation gesehen. Diese scheint aber durchaus gut zu sein.

the Politician; USA 2019; Idee: Ryan Murphy & Brad Falchuk & Ian Brennan; Drehbuch: Ryan Murphy & Brad Falchuk & Ian Brennan; Regie: Ryan Murphy, Brad Falchuk, Janet Mock, Helen Hunt, Ian Brennan, Gwyneth Horder-Payton; Musik: Mac Quayle; Darsteller: Ben Platt, Zoey Deutch, Lucy Boynton, Theo Germaine, David Corenswet, Julia Schlaepfer, Gwyneth Paltrow, Jessica Lange, Dylan McDermott, January Jones, Bette Midler, Judith Light, Bob Balaban; FSK: 12; acht Folgen, 28-62 Minuten

Beitragsbild: River (David Corenswet) und Payton (Ben Platt) / © Netflix

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