Schöner Ent-Wohnen in der Stadt

Es scheint fast so, dass die Macherinnen und Macher des letzten Tatorts der Saison es gewusst hätten, dass die beiden größten deutschen Wohnungsunternehmen, Vonovia und Deutsche Wohnen, vorletzte Woche ihre Fusion bekanntgaben. Sie liefern den perfekt dazu passenden Tatort mit dem Berliner Team Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke). Die dritte Haut dreht sich um das Thema Schöner Wohnen durch Entmieten und häusliches Upcycling. Oder anders gesagt: Menschen werden aus ihren Wohnungen geworfen, damit diese aufgehübscht an den oder die Meistbietenden verscherbelt werden können.

Raus aus’m Haus, runter vom Balkon

Worum geht es? Cem Ceylan (Murat Dikenci) ist der Sohn der Inhaberin der Hausverwaltung Ceylan Immobilien. Oder vielmehr er war es, denn er liegt tot vor dem Haus, vermutlich ist er vom Balkon gefallen. Oder ist er geschubst worden? Jedenfalls herrscht Unfrieden in dem Haus, denn die teils sehr langjährigen Mieterinnen und Mieter sollen auf Basis teils fragwürdiger Argumente ausziehen, vielen droht die Obdachlosigkeit. Da sind der in Berlin unerlässliche, in Teilzeit kapitalismuskritische Mietenaktivist Dries Vandenbroucke (Tijmen Govaerts), die alleinerziehende Mutter Jenny Nowack (Berit Künnecke), deren Mietvertrag auf ihren bis vor kurzem verschwundenen Ex Micha (Timo Jacobs) läuft, oder auch die Seniorin Ilse Kirschner (Friederike Frerichs), die seit mehr als 20 Jahren in dem Haus lebt und nun vor dem Verlust ihres Zuhauses steht.

Die Chefin von Ceylan Immobilien Gülay (Özay Fecht) berät sich mit ihrem Schwiegersohn Thomas (Florian Anderer) über die Zukunft des Unternehmens // © rbb/Gordon Muehle

Und es gibt aber auch innerhalb der Familie Zwist. Cems Schwester Yeliz Dahlmann (Sesede Terziyan) und ihr Mann Thomas (Florian Anderer) arbeiten ebenfalls in der Firma der Mutter Gülay (Özay Fecht). Die Firma läuft gut, die Mutter hat sich scheinbar erstaunlich viel aufgebaut. Aber das Verhalten im Fall dieses Hauses stellt sie vor ein Rätsel: Wenn es so gut läuft, warum ist die Mutter so versessen darauf, dass sie hier jeden letzten Cent aus der Immobilie herausholt? Hinter den Menschen stecken doch auch Einzelschicksale (Asal Dardan geht in ihrem Buch Betrachtungen einer Barbarin übrigens auch sehr gut auf Einzelschicksale ein und verwebt sie mit größeren Themen). Stimmt etwas mit der Firma nicht? Hat ihre Mutter einfach das Gefühl, dass sie jetzt „auch mal dran ist“, Erfolg zu haben? Und welche Rolle spielt der Mann von Yeliz – von dem sie sich übrigens scheiden lassen will?

Sozialer Fall

Hui, da ist viel los in diesem Tatort und wie einleitend beschrieben, wird hier ein typisches Berliner Thema aufgegriffen. Das Thema Mieten und Wohnen ist dort schon seit Langem sehr weit oben auf der Agenda, aber durch die eingangs beschriebene Fusion sowie die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Mietendeckel hat es nochmal eine vollkommen neue Brisanz erfahren. So ist es auch folgerichtig, dass die Macherinnen und Macher um Regisseur Norbert ter Hall und Drehbuchautorin Katrin Bühlig das Thema aufgreifen und einen Fall darum herum konstruieren (auch wenn Die dritte Haut vor dem Urteil entstand).

Denn das muss man in diesem Fall einmal mehr festhalten: Hier tritt der eigentliche Fall ganz eindeutig hinter das soziale Thema zurück. Wir sehen eindrückliche Bilder aus Berliner Notunterkünften, begleiten und begegnen Menschen, die auf der Straße leben müssen und kein Obdach haben. Die Bilder, die daraus entstehen, sind mehr als bemerkenswert und eingängig und rufen zum Nachdenken auf, tragen aber nicht zum eigentlichen Fall bei. Ähnliches gab es kürzlich im Kölner Tatort ebenfalls zu sehen

Kriminalhauptkommissar Robert Karow (Mark Waschke) sucht den Busfahrer Otto Wagner (Peter René Lüdicke) auf um mit ihm über seine Zwangsräumung zu sprechen // © rbb/Gordon Muehle

Daran kann auch die alles in allem solide Leistung des Teams Rubin und Karow wenig ändern. Lobend festzuhalten ist, dass hier erstmals in einem Tatort sehr eindeutig kenntlich wird, dass dieser unter Corona-Bedingungen entstanden ist (gedreht wurde von Ende November bis Ende Dezember 2020), da das Ermittlerteam und viele weitere Charaktere sehr häufig Maske tragen – auch wenn wir leider häufig einen Blick hinter die Maske werfen können, wenn diese eigentlich aufgesetzt bleiben sollte. Als Lehrmaterial für das Bundesgesundheitsministerium zum Umgang mit den Masken dient der Film also nicht, vermittelt aber dennoch ohne Scheu die soziale Gegenwart und setzt damit natürlich ein positives Zeichen.

Und auch das Verhältnis zwischen Rubin und Karow scheint sich wenige Folgen vor dem Weggang Meret Beckers noch einmal zu verändern. Karow schiebt weiter seine Egonummer, die wir bereits von ihm kennen, Rubin scheint doch noch ein soziales Gewissen zu haben – zum Beispiel für die Kollegin, die sich nicht zuletzt wegen mehr als 200 Überstunden ins Nichts, äh nach Bielefeld, verabschiedet hat. Dafür ist Karow nah am Fall, was ein wunderbarer kleiner und sehr nachvollziehbarer Wutausbruch deutlich macht. 

Rubin (Meret Becker) und Karow (Mark Waschke) in einer Notunterkunft für Menschen, die zwangsgeräumt wurden // © rbb/Gordon Muehle

Alles in allem ist der Tatort: Die dritte Haut also ein Fall, der noch einmal auf so manch soziale Frage hinweist, aber rein kriminalistisch nicht unbedingt in die Kategorie „auszeichnungswürdig“ fällt, auch wenn die Auflösung sich um diverse menschliche Abgründe dreht, die jedoch irgendwie im ganzen Drumherum versanden. Halbwegs gute Unterhaltung am Sonntagabend dürfte er aber dennoch bieten. Wenn auch festzustellen ist, dass sich die Reihe mit einem eher tristen Menschenbild in die Sommerpause verabschiedet. 

HMS

Tatort: Die dritte Haut läuft am 6. Juni 2021 um 20:15 Uhr im Ersten; um 21:45 Uhr auf one und ist anschließend bis zum 6. Dezember 2021 ARD-Mediathek verfügbar.

Tatort: Die dritte Haut; Deutschland 2021; Regie: Norbert ter Hall; Drehbuch: Katrin Bühlig; Kamera: Richard van Oosterhout; Musik: Max van Dusen, Lukas McNally; Darsteller: Meret Becker, Mark Waschke, Cynthia Micas, Timo Jacobs, Berit Künnecke, Sesede Terziyan; Laufzeit: ca. 88 Minuten; Eine Produktion von studio.tv.film GmbH (Produzentin Milena Maitz) im Auftrag des rbb (Redaktion Josephine Schröder-Zebralla) für Das Erste

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