Schrill und still

Mit den Autobiografien prominenter Personen verhält es sich ähnlich wie mit skandinavischen Krimis: Das kann was sehr Interessantes, Spannendes, tief Gehendes und Frisches sein oder schlicht derber, ausgenudelter, uninspirierter und schlecht geschriebener Müll. Ungeschminkt – Mein schrilles Doppelleben, die Autobiografie von Olivia Jones, die sie gemeinsam mit der Journalistin Lena Obschinsky und, wie der Danksagung zu entnehmen ist, ihrem Geschäftspartner und langjährigen Freund Philip Militz, schrieb, erfindet das Rad hier nicht neu, ist aber definitiv und deutlich näher an der ersten als an der zweiten Kategorie. 

Trash-TV und Engagement

Das knapp dreihundert Seiten starke, im Rowohlt Verlag erschienene Buch ist dabei inhaltlich ausnahmsweise einmal so bunt wie sowohl das Cover als auch das öffentliche Bild Olivia Jones’ das versprechen. In den 16 Kapiteln von Ungeschminkt spielt dieses Bild natürlich auch eine wichtige Rolle, doch gewährt sie uns auch immer mal wieder einen Blick auf Oliver und dessen Leben. Wenig überraschend ist Oliver ein eher stiller und zurückhaltender Typ, Olivia hingegen die extrovertierte Kunstfigur, die viele von uns wohl schon ihr halbes Leben lang begleitet. Sicherlich vor allem jene, die Ende der Neunziger, aber vor allem in den Nullerjahren ihre sexuelle Identität bewusst wahrzunehmen begannen, dürften auch über die Buntheit hinaus einen ganz eigenen Blick auf die Figur und Person Olivia Jones haben.

Denn ja, Kunstfigur ist sie natürlich, aber, wie es auch im Buch immer wieder rüberkommt, eben nicht nur eine „Figur“, sondern tatsächlich eine erweiterte Person. Da trifft das „Doppelleben“ es schon ganz gut. Dass Olivia Jones nicht nur eine Rolle ist, wird jenen klar sein, die sich schon ein mal ein wenig mehr mit den diversen Projekten von ihr und ihrem Team, ihrer Olivia-Jones-Familie, befasst hat und auch den etwa 93 Prozent der deutschen Bevölkerung und all jener die deutschsprachiges Fernsehen empfangen und sie im Jahr 2013 im Dschungelcamp gesehen haben. Über das sie hier offen schreibt, auch darüber, wie gern sie dabei sein wollte und es bereits einmal vergeblich versuchte und sie steht offen zu ihrer Liebe zum Trash-TV. Attagirl! 

Wie sie überhaupt sehr offen ist in dem Buch. Aber nur bis dorthin, wo dennoch ein wenig mystische Aura aufrechtzuerhalten bleibt und manches darf eben nicht gesagt werden, aber es gibt ja nichts, das ein gutes Lektorat nicht auch geschwärzt durchgehen lassen würde… Sehr offen beschreibt die aus Springe bei Hannover stammende Jones ihre durchwachsene und teils bittere Familiengeschichte, die voller Enttäuschungen und Zurückweisungen ist und das obwohl ein großer Teil ihrer Familie ihr wohl nichts Böses wollte. Da waren es (klein)bürgerliche Sorgen und die Angst vor dem Fremden und davor was die Leute denken würden. Geschichten, die uns auch immer wieder im Buch anders fühlen von Benno Gammerl zur Geschichte schwulen und lesbischen Lebens in der alten Bundesrepublik begegnen.

Beworbene Offenheit

Das bedeutet nun nicht, dass Ungeschminkt ein riesiger Tearjerker ist, das würde Miss Jones wohl schon deswegen nicht zulassen, da sie sicherlich an Kolleg*innen denkt, die das lesen und dann wieder von vorne beginnen müssten, was Make-Up und Co. angeht. Auch hierzu schreibt sie einiges, zum Aufwand, den es braucht, optisch die makellose Olivia zu werden, wie viele Perücken sie besitzt und mit welch enormem künstlerischen aber auch arbeitstechnischen Aufwand ihre meist famosen Kleider entstehen.

Jedenfalls: kein Tearjerker. Leichter Witz durchzieht das Buch, an manchen Stellen begegnen uns ein paar humorvolle Alltagsweisheiten, an anderen eher Kalauer, richtig derb wird’s nie; auch wenn sie uns erzählt, mit welchem ihrer vielen Freund*innen und Bekannten es auch mal unter die Gürtellinie gehen darf. Der eine oder andere Spruch klemmt etwas, da funktioniert geschriebener Witz eben doch anders als der auf Bühnen oder vor Kameras vorgetragene Spruch. Apropos vor Kameras: Nicht nur über ihre Zeit im Dschungelcamp schreibt sie, sondern auch ihre anderen Engagements wie auch Werbedeals, von denen sie sagt, sie werbe nur für Produkte, die sie selber verwende und zählt an der Stelle gleich nochmal die eine oder andere Marke auf. Ob das als offen oder störend empfunden wird, muss jede*r für sich selbst entscheiden. Da der Rezensent Autobiografien prominenter Menschen ohnehin auch immer als große Reklametafel betrachtet, ist’s ihm recht gleich. Und führte man den Anti-Gedanken fort, dann müsste auch das Dschungelcamp mit „dieser TV-Show, die normalerweise nicht aus Hürth-Efferen kommt“ umschrieben werden.

Zur Offenheit, die viele beim Titel Ungeschminkt sicherlich erwarten, gehört es auch, über die eine oder anderen Schönheits- oder Körperoptimierungs-OP zu schreiben, wie auch ihre Beinverkürzung. Da sind die Schmerzen, die sie gefühlt haben muss, beinahe direkt spürbar. Es ärgert ein wenig, dass sie dafür zur Belohnung ihre Gedenkstücke nicht mit in eine Kochsendung nehmen durfte. Sei’s drum. Auch beschreibt Jones recht eindrücklich die ersten Gehversuche im Bereich der Travestiekunst, die lange Zeit des harten Kampfes und der Entbehrungen, Fehler, die sie machte, weil sie auch mal naiv war und natürlich die Probleme, die es innerhalb der Drag-Szene gibt. All das ohne wehleidig oder boshaft verlästert zu klingen, so bleibt die Story von Olivia Jones immer im rechten Maße menschlich, ohne allzu gestellt zu wirken.

Etwas drüber

Sicherlich gibt es Momente, in denen wir Leser*innen uns denken können, ja, ist auch mal gut jetzt, das liegt aber eher an der Überbetonung einzelner Elemente, die sich eben doch als nicht so eindeutig heiter und grandios erweisen, wenn das Buch genau gelesen wird. Beispielsweise ihre Olivia-Jones-Familie, das ist, natürlich ganz klar, ein Unternehmen und das ist gut und Fleiß ist toll und wenn er sich lohnt sowieso. Man stelle sich aber mal vor, Lagerfeld hätte von seiner Kaiser-Karl-Familie gesprochen. Was hätten wir gelacht. 

Ist Ungeschminkt anfangs noch vor allem chronologisch, geht es im weiteren Verlauf eher mit situativen Schlaglichtern voran, was sich durch einen an dieser Stelle guten Übergang stilistisch als sinnvoll erweist. Stilistisch weniger schön ist es hingegen, dass man vielen Teilen anmerkt, dass sie eben nicht aufeinander aufbauend geschrieben zu sein scheinen; so kommt es zu ständigen Wiederholungen wie beispielsweise der Information, wie es um ihr Dschungeloutift steht oder dass Olivia erst mittags aufsteht, was immerfort so notiert wird, als würde es das erste Mal vermittelt werden (abgesehen von einer Maulwurf-Ausnahme). Das ist eine Kleinigkeit, aber eine, die im Buch einer Perfektionistin auffällt und auch wenn’s bei ihr immer etwas mehr sein darf, hier muss es nicht sein. Außerdem haben wir irgendwann kapiert, dass es einen großen Kostümfundus gibt. 

Schön und durchaus sehr glaubwürdig sind die Momente, in denen Jones über Corona schreibt und wir Leser*innen das Herz und Engagement für „ihr“ St. Pauli (nach Hamburg komme man und frau schließlich nicht ausschließlich wegen der Mönckebergstraße… nee, sicherlich nicht) ihr Team spüren. Nett sind auch die Geschichten und Einlassungen von Weggefährt*innen und Freund*innen, da tauchen schon witzige Namen auf, neben den Kubickis, auch Guido Maria Kretschmer, Claudia Obert (!), Micaela Schäfer Dolly Buster, Sonja Zietlow, Menschen aus ihrem Team und einige mehr. Es fällt jedoch auf, dass viele von ihnen ihr bestes Erlebnis mit Olivia Backstage hatten. Merke also: Für den echten Spaß, musste eben doch mindestens Semi-VIP sein. Schön auch Momente, in denen sie sich dankbar gibt. Gegenüber jenen, die ihr früh halfen und sie bestärkten, wie Lilo Wanders und einige andere, die die Grandezza der Jones schon auf dem Radar hatten als andere nicht nur Drag als solches, sondern auch die Person noch eher belächelten oder schlicht als nicht vermarktbar abstempelten. Fools! 

Werden wir politisch

Fools sind auch die AfD’ler, denen Olivia Jones einen Teil des Buches „widmet“, speziell dem ehemaligen Vorsitzenden der AfD in Sachsen-Anhalt – wo am letzten Sonntag übrigens Wahlen stattfanden und sich der der rechte Riss immerhin nicht verstärkte – André Poggenburg. Hintergrund war ein Streit um ihr Kinderbuch Keine Angst im Andersum, das in Sachsen-Anhalt in einer Broschüre vom Ministerium für Justiz und Gleichstellung für Kindergärten empfohlen wurde. Das konnte die AfD natürlich nicht gutheißen, würden doch alle Kinder schwul und trans* und bunt werden… So kam es also zu einem Treffen zwischen Poggenburg und Jones, bei dem sie nicht nur merkte, dass er das Buch nie gelesen hatte, sondern ebensowenig die Magdeburger-Erklärung seines Landesverbandes, die sich gegen die Gleichstellung nicht heteronormativer Lebensweisen mit diesen und gegen „Frühsexualisierung“ positioniert. Überrascht?

Wie das Buch überhaupt in Teilen sehr politisch und sicherlich für nicht wenige auch in dieser Hinsicht informativ ist, auch was die nicht abklingen wollenden Ressentiments und alltäglichen Attacken gegen queere Menschen angeht. Ich denke, würde ich gerade in einer Coming-out-Situation stecken oder hätte innerhalb meiner Familie Probleme akzeptiert zu werden, wüsste aber, dass sie nicht grundsätzlich homophob oder sonstiges sind, ich würde mich nicht nur über Ungeschminkt freuen, sondern es sicherlich auch den Eltern oder Tante Gerda mal auf den Tisch legen. 

Ein Letztes noch: Die katholische Kirche und Glaube. Zum einen findet der Rezensent es toll, das Olivia Jones meint, es gebe kein Leben nach dem Tod, da ist es aus, alles andere wäre auch garstig. Wir verstehen uns. Zum anderen schreibt sie auch über ihren Auftritt beim Wort zum Sonntag, das für viele eine große Institution ist, wie auch für Guido Maria Kretschmer, was er in seinen Einlassungen zu Olivia schreibt. Sie erläutert, wieso sie sich entscheid bei ihrem Auftritt im Jahr 2016 vor dem Eurovision Song Contest dort nicht auf die diversen Missstände innerhalb der Institution Kirche (mit der sie sich auch kaum identifizieren könne) aufmerksam zu machen, sondern lieber eine positive Message zu vermitteln. Auch, weil schon ihr Auftritt als solcher einer Revolution gleichgekommen sei, eine Drag-Queen beim Wort zum Sonntag! Stimmt. Aber, naja,… es ist schwierig. Das Wort zum Sonntag vor dem ESC ist schon seit längerem ein „offeneres“ und es ist natürlich für die Institution Kirche eine große Werbemöglichkeit, da dieses auch Leute schauen, die es sich sonst nicht gäben. Insofern hatte man dort mit ihr ein taugliches Werbegesicht; jedenfalls zu einem gewissen Grad komme ich nicht umhin, dies so zu betrachten. Was nicht heißt, dass sie das Angebot hätte ausschlagen sollen. 

Ungeschminkt ist die fast durchgehend unterhaltsame, kurzweilige und gefühlt sehr aufrichtige Autobiografie von Olivia Jones – einer Person mit vielen, vielen Facetten und Interessen, deren Engagement und Präsenz schon so einiges bewirkt und im Bewusstsein verändert hat. Von manchen Redundanzen und üblichen Glättungen abgesehen, ein vorbehaltlos zum empfehlendes Buch.

PS: Ein wenig schade, gerade mit Blick auf das Engagement Jones’ und ihr politisches Wirken, ist es, dass sie am Ende des Buches unter „Projekte, die uns besonders am Herzen liegen“ nur eigene Projekte benennt, die im Buch ohnehin reichlich Raum einnehmen. Hier wäre es doch schön gewesen, noch zwei, drei weitere LSBTIQ*-Community-Projekte zu finden. Hätte auch weit besser zu dem Bild gepasst, das das Buch die vorherigen 280 Seiten von ihr entstehen lässt. Schade, ärgerlich. 

Olivia Jones, mit Lena Obschinsky: Ungeschminkt – Mein schrilles Doppelleben; 5. Auflage, Mai 2021; 288 Seiten; mit farbigem Fototeil; Taschenbuch; ISBN: 978-3-499-00415-5; Rowohlt Taschenbuch Verlag; 12,00 €; auch als eBook

Bild oben: Das Buchcover auf einem Bild mit Blick auf Hamburg, St. Pauli, den Hafen, Landungsbrücken und die Tanzenden Türme an der Reeperbahn, Foto: Sebastian Grote/Getty Images via Canva

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