Schuld und Schein

Am Sonntagabend geht’s ins beschauliche Bamberg: Das fränkische Tatort-Duo Felix Voss und Paula Ringelhahn fragt sich mit einigen anderen Wo ist Mike? Und muss dabei feststellen, dass der Anschein oft trügt, so ganz aber doch nicht und dass auch sie vielleicht noch anders sind, als sie es glaubten. 

Überforderung überall

Der Titel des neues Films ist gleichsam die sehr kurze Inhaltsangabe. Wir führen das jedoch kurz aus: Der fünfjährige Mike ist verschwunden. Was seinen getrennt lebenden, aufbrausenden und irgendwie selbstbezogenen Eltern erst drei Tage später auffällt, da Mutti (undurchsichtig: Linda Pöppel) davon ausging der Junge sei bei Vati (laut: Andreas Pietschmann) und umgedreht. Nun verdächtigen sie einander, etwas mit dem Verschwinden des Sohnes zu tun zu haben. Oder ist Mike weggelaufen? Hinter dem Haus beginnt ein tiefer Wald… Doch wie weit kommt ein Fünfjähriger so allein, fragt Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel, gerade auch in Coming Out zu sehen). „Weit“ antwortet Kollege Voss (Fabian Hinrichs) und erinnert sich immer wieder an die in seiner Kindheit ebenfalls wild streitenden Eltern und seine Verstecke und Fluchten. 

Felix Voss (Fabian Hinrichs, Mitte) und Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel, hinten) versuchen von Mikes Eltern (Andreas Pietschmann, links, und Linda Pöppel, rechts) zu erfahren, wo ihr Sohn sich befindet. // © BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Marc Reimann

Währenddessen wacht der 17-jährige Titus (schaudernd manisch: Simon Frühwirth) nackt und verwirrt auf dem Domplatz auf, nachdem er heimlich nach Amsterdam gejettet war. Oder war er das doch nicht? Dessen Mutter (Bettina Hoppe) jedenfalls weiß dem Arzt der psychiatrischen Klink, Prof. Bude (wunderbar: Tilo Nest), prompt zu erklären, wieso auf Titus’ Arm das Wort „Schrank“ steht.

Dem nicht genug, hat sich Paula verliebt: Seit kurzem lebt sie unerwartetes Glück mit dem Lehrer Rolf Glawogger (erschüttert: Sylvester Groth). Doch plötzlich klingelt Kollege Voss und hat Fragen: In welchem Verhältnis steht der Lehrer zu Mike? Und was ist an den Vorwürfen und der Anzeige wegen sexueller Belästigung von zwei Schülern dran? Paula wusste davon nichts und weiß nicht, wie sie mit der Situation umgehen soll… 

Viel los im gut laufenden Rad

Hui! Da ist schon wieder ganz schön was los und das auf so vielen verschiedenen Ebenen von Emotion und Spannung. Der Fall als solcher soll sich insofern als vielschichtig entpuppen, als dass wir zwar ahnen können, was geschehen ist, das runde Drehbuch von Thomas Wendrich und die an den richtigen Stellen Lücken lassende Inszenierung von Andreas Kleinert jedoch bis zu einem gewissen Punkt Zweifel bestehen lassen. Darüber hinaus stellt sich auch die Frage der mittelbaren und viel wichtiger der empfundenen Schuld. Und das für nahezu alle in den Fall involvierten Personen.

Auszüge von Glück: Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) ist verliebt. Rolf Glawogger (Sylvester Groth) hat Frühstück für sie gemacht. // © BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Marco Nagel

Auf einer anderen Ebene erleben wir Voss, wie er von den Erinnerungen an seine Vergangenheit zwar nicht direkt eingeholt, aber doch gefordert wird. Er muss sich neben all dem auch missverständlichen Grauen um ihn herum fragen, wie weit er diese Erinnerungswahrnehmung auch für das Vorankommen im aktuellen Fall nutzen will. Oder bleibt er dabei und stürzt sich lediglich auf die augenscheinlichste aber doch unglaubwürdigste Lösung, nur weil „sie passt“?

Für Ringelhahn, hach ja, da kämpfen tatsächlich zwei Seelen in ihrer Brust. Da ist das neu gefasste und prompt erschütterte Vertrauen in einen Menschen. Doch der gesunde Menschenverstand der erfahrenen Ermittlerin ist schnell wieder da. Doch auch die Frage: Was erzähle ich überhaupt alles in den ersten Tagen einer beginnenden Liebe? Und was erwarte ich? Wir haben doch beide viel gesehen… Zu viel? Möglich… Womöglich sind es auch die Raben über dem Haus, die das Schlimmste im Kopf geschehen lassen. Und wenn die Gedanken erst einmal an bestimmten Punkten sind, ist es doch sowieso vorbei, oder?  

Eigene Haltung hinterfragen

Und die Frage der überforderten Eltern, nicht nur der von Mike, sondern auch Titus’ Mutter, die die Hilfe des Arztes lieber nicht will, sicherlich auch aus sehr fragwürdigen Motiven. Der Sohn sucht derweil einen Ersatzvater und hat seine geheime Freundin Coco (Michelle Barthel, Goldjungs) auch immer dabei und ist doch so ganz allein. Welche Schuld tragen die, die ihre Umgebung nicht als solche wahrnehmen? Und jene, die dabei helfen? Schwierig, schwierig, schwierig. 

Titus (Simon Frühwirth), komm wir fahren nach Amsterdam – wo du druff sein kannst… // BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Hendrik Heiden

Schwierig auch das Thema der vermeintlichen sexuellen Belästigung und des möglichen Rufmords. Hier werden gegebenenfalls auch die niederen Instinkte der Zuschauer*innen angesprochen. Nicht wenige von ihnen werden wohl ein Urteil fällen, bevor ein Prozess auch nur in Frage kommt. Es ist auch einfacher, als sich das gesamte Umfeld anzuschauen.

Wo ist Mike? ist ein ganz ausgezeichnetes, spannendes, düsteres und doch nicht hoffnungsloses Krimi-Drama, das uns nicht nur neue, die Charaktere passend erweiternde, Facetten an Voss und Ringelhahn zeigt, sondern in seiner fein ausgearbeiteten Erzählung Fragen an die Zuschauer*innen richtet, die diese, so sie gewillt sind, noch einige Zeit zum Hinterfragen eigener Haltungen und vermeintlicher Sicherheiten anhalten dürften. 

Tatort: Wo ist Mike? läuft am 16. Mai 2021 um 20:15 Uhr im Ersten; um 21:45 Uhr auf one und ist anschließend bis zum 16. November 2021 in der ARD-Mediathek verfügbar.

Tatort: Wo ist Mike?; Deutschland 2020; Regie: Andreas Kleinert; Drehbuch: Thomas Wendrich; Kamera: Michael Hammon; Darsteller: Fabian Hinrichs, Dagmar Manzel, Sylvester Groth, Simon Frühwirth, Andreas Pietschmann, Linda Pöppel, Eli Wasserscheid, Andreas Leopold Schadt, Matthias Egersdörfer; Laufzeit: ca. 88 Minuten; Eine Produktion von Claussen+Putz Filmproduktion (Produzenten: Uli Putz, Jakob Claussen) im Auftrag des BR

AS

Kleine Trivia-Fun-Facts: Dagmar Mannzel und Sylvester Groth sind einander seit dem Schauspielstudium in der DDR freundschaftlich eng verbunden, spielen hier das zweite Mal gemeinsam in einem Film. Ebenfalls gut bekannt sind sie mit Regisseur Andreas Kleinert, der Dagmar Manzel auch im von Thomas Wendrich geschriebenen Film Freischwimmer besetzte, welcher auf den Filmfestspielen von Venedig 2007 für den Queer Lion Award nominiert war. So, fertig. 

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