„Sexualität hat eine Geschichte“

Im Grunde ist die Sache ja vergleichsweise simpel: Wem nicht gedacht wird, hat nicht existiert. Das kann sich auf einzelne Individuen beziehen, gleichsam aber auch auf Gruppen. Hier besonders auf marginalisierte. Wie beispielsweise auf homosexuelle oder genauer queere jüdische Opfer des Holocaust. Dass, wie und auch warum diese lange von der normativen Geschichtsschreibung ignoriert, teilweise gar unterschlagen worden sind, erläutert die Prager Historikerin Anna Hájková im im Rahmen der Hirschfeld-Lectures im Wallstein Verlag erschienenen Buch Menschen ohne Geschichte sind Staub – Homophobie und Holocaust.

Keine Opferkonkurrenz

Eines der zentralen Probleme sei dabei schon die lange etablierte heteronormative Perspektive der Erinnerungskultur, wie Daniel Baranowski, Wissenschaftlicher Referent Kultur, Geschichte und Erinnerung der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, in seinem Geleitwort anmerkt. Im Verlauf ihrer kompakten und schlüssigen Ausführungen erläutert dann auch Hájková eindrücklich und anhand zahlreicher Quellen – nicht das erste Mal -, dass durch die inhärente Homophobie in den Lagern wie Theresienstadt (Hájkova promovierte über die Alltagsgeschichte des Theresienstädter Ghettos), queere Häftlinge, ob weiblich oder männlich, als abnormal galten und daher in späteren Berichten über die Lager verschwiegen oder aus Aufzeichnungen getilgt worden seien.

In dem zwar dünnen aber gehaltvollen Buch erläutert die Historikerin zuerst ihre Herangehensweise und Motivation, wie auch die Schwierigkeiten, derer sie sich während der Ausarbeitung zuzeiten der Corona-Pandemie ausgesetzt sah. Sie stellt fest, dass vor allem in den letzten gut zwei Jahrzehnten Historiker*innen begannen, sich auch mit der Geschichte homosexueller Verfolgter, Inhaftierter und Ermordeter während der Nazi-Diktatur zu beschäftigen. Dabei jedoch handele es sich meist um die Geschichten vermeintlich schwuler Männer, es gäbe kaum Geschichten von Frauen. Ebenso werde allgemein in getrennten Opfergruppen oder -kategorien gedacht: Es habe die jüdischen Opfer und die homosexuellen Opfer gegeben, eine Überschneidung werde zumeist unterschlagen und damit, so können wir folgern, auch immer wieder die Debatte um die so bezeichnete Opferkonkurrenz angeheizt.

Sie wolle allgemein weg von der binären Geschichtsschreibung, hin zu queeren Betrachtungen, in denen eine sexuelle Identität nicht von Historiker*innen zugeschrieben wird. Bedeutet: Nur wenn die Quellen eine eindeutige Einordnung erlauben, sei von „schwuler“ oder „lesbischer“ Identität zu sprechen; ansonsten von Queerness, da durch die Strukturen in den Lagern gleichgeschlechtliche sexuelle Akte und Praktiken nicht automatisch Rückschlüsse auf die sexuelle Identität erlaubten.

Unterbewertetes Kinship

Diese Strukturen erläutert sie unter anderem in den Abschnitten „Homophobie“ und „Kinship“, in dem es um die Möglichkeiten neuer Bindungen und das Schaffen von Intimität, die nicht unbedingt körperlich sein müsse, außerhalb des etablierten und meist verloren gegangenen Familienkreises geht. Schlüssig stellt die Associate Professorin für Neuere Geschichte Europas an der University of Warwick heraus, wie eine queere Lesart die echte Bedeutung neuer zwischenmenschlicher Bindungen in einen beachtenswerten historischen Kontext setzen würde. Etwas, worauf auch der stellvertretende Direktor und Hauptkurator der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Ulrich Baumann, in seinem Vorwort Bezug nimmt (das übrigens auch in Hinblick auf die Schwierigkeiten einer Ausstellungsgestaltung lesenswert ist).

Wie so eine queere Lesart aussehen könnte, beschreibt die Autorin dann an vier Beispielen, drei davon Frauen/Mädchen und ein Mann/Junge, ganz im Sinne einer stärkeren Sichtbarmachung der  lange vom Patriarchat kleingehaltenen weiblichen Perspektiven. Margot Heumann ist „die erste als Jüdin deportierte lesbische Holocaustüberlebende, die Zeugnis ablegte“, wie Hájková schreibt. Ihre im Band nur kurz wiedergegebene Geschichte beeindruckt nicht nur dadurch, sondern auch durch die Einblicke, die sie in ihr Leben nach dem Holocaust als mit einem Mann verheiratete lesbische Frau gibt (auch wenn sie in New York lebte, werden Parallelen zu mancher Erzählung aus Benno Gammerls Emotionsgeschichte sichtbar).

Im anschließenden Beispiel geht es um den jungen Nate Leipciger, der als ein „Pipel“ für einen Kapo (einen Funktionshäftling) in einem Außenlager von Groß-Rosen diente (zu den so genannten „Pipels“ git es auch interessante Ausführungen im Buch Erinnern in Auschwitz auch an sexuelle Minderheiten, für das auch Hájková einen Beitrag beigesteuert hat). Hier jedenfalls lässt sie uns nachvollziehen, wie sich aus einer Zwangs- und Abhängigkeitsbeziehung doch auch Zuneigung und gar Eifersucht entwickeln konnte, ohne jedoch zu romantisieren. Eher verdeutlicht dies auch eine emotionale Abhängigkeit des Jungen. An dieser Stelle macht die Historikerin auch den wichtigen Punkt, dass Übergriffe in Lagern zumeist durch die augenscheinliche Homosexualität des Täters oder der Täterin und nicht durch die Täterschaft als solche erklärt würden, was wiederum durch Homophobie zu erklären sei. Was letztlich bedeutet, dass die Umstände ignoriert und einfach eine auf Angst und Abscheu zielende Erklärung gesucht wurde, teils noch immer wird. So bildete sich im Prinzip ein Kreislauf des bewussten Verdrängens.

Erinnerung schmerzt

Was auch eine, nennen wir es Anekdote, in dem Bericht zu Anne Frank verdeutlicht. Neben einer Passage in ihrem Tagebuch, die „in schöner Regelmäßigkeit […] von queeren Journalist*innen (vermeintlich) neu entdeckt“ wird, fänden sich noch weitere queere Punkte. Diese sollten vor allem analytisch und nicht unbedingt als Identitätszuschreibung betrachtet werden, meint Hájková. Auch hier wurde oft versucht entsprechende Stellen zu tilgen, sehr zum Ärger des Vaters. Jedenfalls schreibt Anne Frank auch von Annäherung an ihre gute Freundin Jacque (Jacqueline van Maarsen). Diese wiederum schreibt in ihren Erinnerungen, sie sei schockiert über diese Stellen im Tagebuch und distanziert sich, aber auch Anne, in teils absurden Äußerungen von jedweder Queerness. Anne Hájková sieht darin, dass Maarsen einen Teil von Annes Persönlichkeit auszuradieren versuche, weil sie dazu selber keinen Zugang habe, „eine besondere Form epistemischer Ungerechtigkeit“. Der Rezensent schließt sich dieser Sichtweise an.

Eine Verknüpfung von „Kinship“ und „Agency“, im Sinne von Handlungsmacht, definiert Hájková im Beitrag zu Molly Applebaum (geboren als Melania Weissenberg). In ihren veröffentlichten Erinnerungen schreibt Molly schon als Jugendliche von „lesbischer Liebe“, einer Liebe, die sie lange trug, auch in ihrer Erinnerung. Sogar so, dass sie dem überlebenden Vater nichts von Fotos erzählte, die sie noch aufbewahrte. 

Wenn Anna Hájková schlussendlich fordert, nicht „nach ahistorischen sexuellen Identitäten zu fragen“, sondern nach queeren Praktiken zu suchen, können wir uns dem nur anschließen. Würde das doch auch bedeuten, (wieder) mehr Menschlichkeit in die Erinnerung zu bringen und nicht mit Opferschablonen zu arbeiten, wie wir meinen. Es ist schlimm genug, dass viele in ihren Erinnerungen auch aus Scham schwiegen; umso dringlicher sei nun die Aufgabe die Geschichte und ihre Erforschung offen und inklusiv zu denken, meint auch die Historikerin. Eine Geschichte, „die sich nicht fürchtet, Platz für auch unbequeme Funde zu machen.“ Schade allerdings, dass Hájková nicht noch kurz Wege aufzeigt, wie eine bewusstere Auseinandersetzung im Wissenschaftsbereich möglich sein könnte.

Das Buch sei unbedingt jenen empfohlen, die sich an queere Geschichte heranwagen wollen, aber auch denen, die einen Überblick zum Forschungsstand haben möchten, da es trotz seiner spezifischen Thematik ebenso einen guten Überblick über die Art und Weise gibt, wie queere Geschichte gern und konstant im größeren Kontext marginalisiert wurde und wird und somit auch, aber nicht nur, queere Opfer der Holocaustgeschichte „ihre historische Zugehörigkeit [verlieren] und verschwinden.“ Dafür, dass dies eben nicht geschieht und sie nicht zu Staub werden, steht auch Anna Hájkovás dringliches und ausgewogenes Buch.

JW

PS: In Bezug auf das Zitat im Titel unserer Besprechung: In ihrer Einleitung weist Anna Hájková darauf hin, dass beispielsweise Polen Homosexualität bereits 1932 entkriminalisierte und somit der Einwand, Menschen seien damals einfach homophober gewesen, eben „ahistorisch und simplifizierend“ sei. Ein Blick auf die junge Bundesrepublik und die Verfolgung Homosexueller beziehungsweise queerer Menschen nach § 175 zu der Zeit im Vergleich zur Weimarer Republik verdeutlicht das nur.

PPS: Zumindest eine Quellenangabe im Anhang ist inkorrekt, da wird auf ein Aus Politik und Zeitgeschichte-Heft „68/32-33 (2018)“ verwiesen, es handelt sich aber um die Ausgabe 68/38-39/2018.

PPPS: Natürlich wird auch das Frauenlager in Ravensbrück erwähnt, wie auch die lange Debatte um ein angemessenes Gedenken der dort inhaftierten lesbischen und queeren Frauen, das ebenfalls ausführlich in Erinnern in Auschwitz von Insa Eschenbach erläutert wird, die wiederum Quelle im vorliegenden Band ist. 

Anna Hájková: Menschen ohne Geschichte sind Staub – Homophobie und Holocaust; Hirschfeld-Lectures Bd. 14; 1. Auflage, Juli 2021; 59 Seiten, 5 Abbildungen, Klappenbroschur; ISBN: 978-3-8353-3769-5; Wallstein Verlag; 9,90 €; auch als E-Book erhältlich

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