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Sitzungswoche ganz privat

thelittlequeerreview

Politiker sind auch nur ganz normale Menschen. Angela Merkel zum Beispiel kann man in Berlin – natürlich bewacht durch Sicherheitspersonal – regelmäßig beim Einkaufen beobachten. Und genau wie wir bereits aus einem Plausch über ihr Kochverhalten wissen, dass sie empfiehlt, Kartoffeln in der Suppe zu stampfen, nicht zu pürieren, haben auch alle anderen Politiker ein Privatleben, das sie mit Familie, Freunden und Hobbys verbringen.

Der SPIEGEL-Journalist Marc Hujer hat dies zum Anlass genommen, elf Politikerinnen und Politiker bei ihren Hobbys zu porträtieren. In Auch nur ein Mensch – Politiker und ihre Leidenschaften – und was sie uns über sie verraten begleitet er acht Männer und (nur) drei Frauen, die bundespolitisch aktiv sind, jenseits ihrer unmittelbaren politischen Tätigkeit und lässt dabei noch den einen oder anderen politischen oder biografischen Fakt einfließen. Dass Hujer menschelnd porträtieren kann, dürfte regelmäßigen SPIEGEL-Lesern bekannt sein und erst neulich hat er das am Beispiel unseres Lieblings-Virologen Hendrick Streeck erneut unter Beweis gestellt.

Ein breites Spektrum an Politikerinnen und Politikern…

Hujer deckt mit seiner Auswahl an Persönlichkeiten schon einmal eine hohe Bandbreite ab. Im demokratischen Parteienspektrum geht es zum Beispiel von CSU-Chef Markus Söder über die CDU-Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner, den FDP-Vorsitzenden Christian Lindner, den SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil bis zu den beiden Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Katrin Göring-Eckhardt und Anton Hofreiter. Sahra Wagenknecht (und im Prinzip auch ihr Mann Oskar Lafontaine) von der Linken bildet im Parteienspektrum von „rechts“ nach links den Abschluss der von den Standpunkten her sehr diversen Protagonistinnen und Protagonisten. Schön finden wir – Achtung: persönliche Meinung – dass die AfD hier nicht stattfindet. Ein kurzer Hinweis, warum das so ist (nicht angefragt, kein Interesse seitens der AfD, bewusst ausgeklammert) wäre aber nett und würde so mancher Spekulation (Stichwort: Mainstreammedien) vorbeugen.

Aber Hujer deckt auch weitere Dimensionen ab. Der im Sommer etwas eingebremste CDU-Shootingstar Philipp Amthor und der scheidende Juso-Vorsitzende und womöglich bald neue SPD-Bundestagsabgeordnete für Berlin-Tempelhof – Schöneberg Kevin Kühnert verkörpern die Nachwuchsgeneration; Altkanzler Gerhard Schröder und Altpräsident Christian Wulff eher diejenigen, die ihre politische Karriere weitgehend hinter sich haben und sich – gerne auch ungefragt – hin und wieder aus dem Off melden. Mit drei Frauen und acht Männern ist die Geschlechterquote zwar eher wenig ausgeglichen, was kein Drama ist, aber auch hier wäre eine kurz Erläuterung zur Zusammensetzung nett gewesen.

…mit vielseitigen Hobbys

Mindestens genau so wichtig wie die Auswahl der Politikerinnen und Politiker ist aber das der jeweiligen Hobbys. Hier fällt auf, dass viele der porträtierten Persönlichkeiten trotz der Belastung gerne sportlich aktiv sind, so Lars Klingbeil beim Crossfit, Markus Söder beim Tennis oder Sahra Wagenknecht beim Fahrradfahren. Bei so manch anderem wird wiederum das eine oder andere Klischee bedient: Gerhard Schröder spielt Golf oder Christian Lindner, der in seinem Porsche unterwegs ist. Und manche, wie Anton Hofreiter oder Julia Klöckner, integrieren ihr Hobby teils recht geschickt in ihre politische Arbeit.

Blick ins Buch: Vespa-fahren mit Julia Klöckner. // © DVA

Hujer hat laut seinen textlichen Beschreibungen meist schon eine Vorstellung davon, bei welcher Tätigkeit er seine Gäste begleiten möchte, die Entscheidung überlässt er aber natürlich ihnen. Nach seinen Schilderungen ist dabei aber gerne auch ein Quäntchen Nudging mit von der Partie, sodass der Journalist am Ende allzu oft das bestätigt bekommt, was er in einem klischeehaften Bild über die jeweilige Person bereits skizziert hat. Er lässt sich zu den einzelnen Kapiteln stets ein Motto einfallen, das aus seiner Sicht zu dem jeweiligen Politiker und der Situation passt, beispielsweise der Verweis auf das Buch Winning Ugly des Tennisspielers Brad Gilbert im Kapitel zu Markus Söder. Das ist einerseits ganz nett, denn es gibt den Kapiteln jeweils einen individuellen Touch, aber gleichzeitig bedient er dadurch erst recht das eine oder andere Klischee. Ein Drahtseilakt zwischen gelungenem Journalismus und halbwegs billigem Boulevard, der nicht immer vollends gelingt.

Zum Hobby gibt es stets eine Geschichte, aber manchmal zu wenig Distanz

Wie bereits angedeutet schreibt Hujer aber nicht nur über das jeweilige Hobby, sondern ergründet auch die Motive der Politikerinnen und Politiker, die persönliche Verbindung zum Tennis, der Vespa oder dem Pralinen machen. Er zeigt die Verbindungen zwischen Politiker/in und Privatmann/frau auf, wie dieses oder jenes Hobby die Porträtierten prägt, es zu ihnen persönlich passt, es sich gut oder weniger gut zu mit ihren politischen Zielen deckt. Das gelingt mal gut, mal weniger gut und kommt vermutlich auch darauf an, wie gut das Hobby aus der Sicht der Leserin oder des Lesers dem wahrgenommenen Charakter des jeweiligen Politikers/der Politikerin entspricht. Die die Beiträge begleitenden Bilder veranschaulichen das hin und wieder, wirken allerdings teils arg gestellt und in manchen Kapiteln sehen sie alle im Grunde gleich aus. Hier hätte man sich etwas mehr Mühe und Gründlichkeit gewünscht.

Rückseite

Positiv hervorzuheben ist, dass Marc Hujer bei seinen Recherchen scheinbar alles mitmacht, was ihm seine Gäste – oder vielmehr Gastgeberinnen und Gastgeber – vorschlagen. Tennis, Tanzen, Treten: Hujer lässt sich auf viele der Erfahrungen ein, auch wenn sie zumeist eher Standard sind und weniger Extremsport. Wer Marc Hujer nicht so mag, der sollte übrigens das Wagenknecht-Kapitel lesen 😉

Allerdings führt dieses Selbst-Involviertsein auch dazu, dass gerne mal die kritische Distanz fehlt. Besonders deutlich wird das in dem Kapitel mit und über Christian Lindner. Hujer wirft hier mit Klischees um sich und man merkt ihm seine vermutliche Antipathie gegenüber dem FDP-Chef und seinem „Bonzenhobby“ an. In etwas schwächerer Form gilt dies auch für das Kapitel mit Philipp Amthor. Das ist ärgerlich und macht ein ansonsten recht ausgewogenes Büchlein ein wenig schlechter.

Nicht nur „die da oben“, sondern Bürger wie Du und ich

Dem Berufsstand des Politikers oder der Politikerin haftet allzu gerne der Makel an, dass diese „da oben“ ja von den Problemen der „einfachen Leute“ nichts verstünden. Aber das stimmt so nicht. Bei uns wird man in der Regel nicht als Politiker/in geboren. Politik ist Teil des täglichen Lebens vieler Menschen und bei einigen ist es eben ein sehr großer Teil. Das ist es aber oft nur für eine gewisse Zeit und das eine oder andere Hobby für „Normalsterbliche“ haben auch unsere Spitzenpolitikerinnen und -politiker.

Marc Hujer leistet damit ein knappes Jahr vor der Bundestagswahl einen wichtigen Beitrag, dass Politikerinnen und Politiker als das wahrgenommen werden, was sie durchaus auch sind, nämlich Menschen wie Du und ich. Menschen, die ein Privatleben haben – das man im Übrigen auch respektieren sollte – und die eben nicht nur die „da oben“ sind, sondern in großer Zahl auch die Probleme der Bürgerinnen und Bürger verstehen. Weil sie selbst welche sind und Tür an Tür mit ihnen leben.

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Hujer, Marc: Auch nur ein Mensch – Politiker und ihre Leidenschaften – und was sie uns über sie verraten; 1. Auflage, Oktober 2020; 288 Seiten; Hardcover mit Schutzumschlag; div. Fotografien; Format: 17,0 x 24,0 cm; ISBN: 978-3-421-04847-9; DVA Verlag; 24,00 €; auch als eBook 19,99 €

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