So ein Buch, so wunderschön wie dieses

Wenn ein Buch mit dem Geständnis „Ich liebe Bücher“ (Bücher, nicht Bremen!) beginnt, dann kann es ja eigentlich nur gut werden. Und nein, hier folgt nun kein „Denkste“-Twist sondern viel eher ein #isso. Die bücherbezogene Cartoon-Sammlung Grant Sniders, die im Oktober im Penguin Verlag unter dem ziemlich eindeutigen Titel Dein Bücherregal verrät dich – Momente, die du nur kennst, wenn du Bücher liebst in Deutschland erschienen ist, ist eine feine, sehr heitere und hin und wieder tiefblickende Zusammenstellung von zumeist One-Page-Comics des Kieferorthopäden, der nachts zum Zeichner wird.

Die meisten der in vierzehn thematische Bereiche – wie eben „Ich liebe Bücher“ oder auch „Ich verwechsle Fiktion und Wirklichkeit“, „Ich finde, Realismus sollte immer etwas magisch sein“, „Ich schnuppere an alten Büchern“, „Ich lese die Klassiker (Irgendwann mal)“ oder „Ich habe immer ein Notizbuch dabei“ – geordneten Cartoons sind dabei schon einmal zumindest in den USA veröffentlicht worden. Dort in erster Linie in der renommierten The New York Times of Book Review, aber auch im The New Yorker (den kennt ihr aus der Sex and the City-Hamptons-Folge und wegen der Beutel) und im The Kansas City Star; Snider lebt mit seiner Frau und fünf Kindern in Wichita, Kansas, USA.

„Allein in Gedanken…“

Neben einem angenehmen Zeichenstil, der für Jung und Alt ansprechend sein dürfte und der zumeist gut passenden Aufteilung, ist es vor allem der auch mal selbstironische, immer augenzwinkernde und nicht nur Lesende und Schreibende, sondern auch das Verlagswesen kennende und liebevoll auf die Schippe nehmende Humor Sniders, der Dein Bücherregal verrät dich zu einem kleinen Juwel werden lässt. Die geschmeidige, pointierte und auf unsere Medien angepasste („Büchersortieren für Ordnungswütige“ gibt uns Bares für Rares und Promis unter Palmen) Übersetzung von Sophia Lindsey (die auch das feine Queer London ins Deutsche übertragen hat, hierfür steht unsere Besprechung noch aus) lässt auch keine Erkenntnis- oder Lachlücken entstehen.

Das wäre auch zu schade, steckt in den kleinen Cartoons doch meist von beidem recht viel. In einigen erzählt Grant Snider kleine Geschichten, andere blicken hinter die Geschichten („Konflikte in der Literatur“, „Literaturkanon(e)“ „Die vielen Gesichter des Romans“, „Die Erzähl-Achterbahn“), manche aufs Business („Trostliteraturpreise“, „Der Schreibblock“ – große Klasse!), es gibt etwas zur Zeichensetzung – die Geschichte „Die Abenteuer des Und-Zeichens“ ist eines der Highlights des Bandes – Leseverhalten und um das Schreiben – sowie Blockaden selbiger („Ode an ein halbgelesenes Buch“) – geht es zu guter Letzt auch noch.

„Verbietet dieses Buch“ // © Grant Snider / Penguin Verlag

Dadurch ist Dein Bücherregal verrät dich sehr viel mehr als nur eine Sammlung heiterer und kreativer Anekdoten über das Lesen („Lesen ist gefährlich“!) und Bücher als Objekte der Begierde, etwas, das Snider in „Streunende Bücher“ wunderbar illustriert. Es ist auch ein Buch, das zum um die Ecke denken einlädt; ein Buch über das Kreativsein (wollen und manchmal müssen), das Schaffen und Schreiben, das Sich-Überwinden („Das Scheitergespenst“) und auch mal das Miteinander, an einigen Stellen wird’s auch gesellschaftskritisch und politisch („Fahrenheit 351“ oder „Verbietet dieses Buch“). 

„…ganz ohne Schranken“

Was nun nicht heißt, dass das titelgebenden Bücherregal zu kurz käme. Ganz im Gegenteil. Eine Erläuterung der verschiedenen Buchtypen im Regal („Das Buch, das ich so gern mögen wollte; Das Buch, das mit zum Strand kam, …“) fehlt ebenso wenig wie das bereits erwähnte Sortieren oder ein Besuch samt Inspektion der Regale bei Freunden. Wo natürlich auch der „Ordnungswahn“ nicht fehlen darf, illustriert als ein nach Farben sortiertes Regal.

Ein Konzept übrigens, das mich schon immer zutiefst irritiert hat, vielleicht einmal von der Suhrkamp-Bibliothek abgesehen. Ich vermute immer, dass Personen, Zwangsneurotiker ausgenommen, die die Bücher ausschließlich nach Farben sortieren, auch entweder nur identische Bilderrahmen auswählen oder diese auf die Bildfarben abstimmen und damit jede Persönlichkeit des Bildes schwinden lassen, von Schwarz-Feiß-Fotografien einmal abgesehen. Color Blocking ist eben auch nur bei Mode und vielleicht bei Bettwäsche cool und hier auch nur in Maßen.

Über die Maßen zu erfreuen jedenfalls weiß der Band Dein Bücherregal verrät dich, gleichsam lässt er uns an mancher Stelle verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn wir uns wiedererkennen, wie etwa in der „Bindungsangst“. Vor allem aber nicken, schmunzeln und lachen wir und somit ist der liebevoll und hochwertig aufgemachte Cartoon-Band ein wirklich feiner und fideler Beitrag zu einer Zeit, in der dankenswerterweise viele interessante, aber auch sehr sachlich-ernsthafte Bücher über das Lesen, die Literatur und Bücher als solchen, auch als Bewahrer des Wissens, erscheinen. 

AS

Dein Buecherregal verrät dich von Grant Snider

PS: Zwar ist es nicht „der größte Bildband der Welt“, wie im Comic „Meine Wunschliste“, aber das hier ist ein sehr großer und sehr schöner Bildband.

PPS: Grant Sniders Homepage und sein Instagram-Profil sind natürlich einen Besuch wert.

PPPS: Dass er in Kinderbüchern zu viele Pinguine ausmacht, ist natürlich Blödsinn und nahezu unverzeihlich… Pah!

Einen Blick in das Buch gibt es hier.

Grant Snider: Dein Bücherregal verrät dich – Moment, die du nur kennst, wenn du Bücher liebst; 1. Auflage, Oktober 2021; Aus dem Englischen von Sophia Lindsey; Pappband, gebunden; 128 Seiten; durchgehend 4-farbig, 19,5 x 24 cm; ISBN: 978-3-328-60193-7; Penguin Verlag; 16,00 €; auch als eBook

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