Speerspitze Spionage

„Ausspähen unter Freunden – das geht gar nicht“ sagte einst Angela Merkel. Der US-Geheimdienst NSA hatte ihr Handy abgehört, aber zumindest ihre öffentliche Reaktion fiel damals verhalten aus. Vermutlich war auch der scheidenden Bundeskanzlerin klar, dass das Ausspähen von Feind und Freund eben das Tagesgeschäft von Geheimdiensten ist.

Schild und Schwert – das Logo des Geheimdienstes KGB im Kalten Krieg. ZDF / © Clover Films

Eine ganz besondere Geschichte des Ausspähens hat der mehrfach umbenannte russische beziehungsweise sowjetische Geheimdienst, den meisten als KGB bekannt (vormals u. a. Geheimpolizei Tscheka, NKWD, heute u. a. FSB und GRU). Die dreiteilige Dokumentation KGB – Schild und Schwert, die derzeit in der Mediathek von arte verfügbar ist, widmet sich dem Wirken und der Geschichte der russischen beziehungsweise sowjetischen Geheimdienste. Die Reihe illustriert ganz wunderbar, wie eng die Geschichte der Geheimdienste mit der weltpolitischen Geschichte des letzten Jahrhunderts verwoben ist und welch bedeutende Rolle sie auch für die Politik Moskaus haben und hatten.

Mit Dserschinski, Berija und Putin durch ein Jahrhundert

In drei chronologisch gegliederten Teilen arbeiten sich die Macherinnen und Macher um den britischen Regisseur Jamie Doran an der Geschichte der Geheimdienste ab. Von dem ersten starken Mann Feliks Dserschinski, der noch von Lenin eingesetzt war und über den Erfolg der sozialistischen Revolution wachte, über Stalins Schergen Lawrenti Berija, bis hin zu Russlands heutigem Präsidenten Wladimir Putin werden die wichtigsten Operationen und Erfolge der Geheimdienste illustriert.

ZDF / © Clover Films

Spannend ist dabei mitanzusehen, welches Ausmaß an Terror die zu der jeweiligen Zeit aktiven Geheimdienste über das Land brachten, aber auch, wie sie ins weltpolitische Geschehen eingriffen. Egal ob es innenpolitische Maßnahmen waren – Säuberungen innerhalb der Partei, die Verfolgung von Dissidenten, die Bekämpfung von Unruhen oder die Erlangung von Macht unter dem jeweils starken Mann im Land – oder außenpolitische Initiativen – Spionage und Anwerbung zum Bau sowjetischer Atombomben, Moskaus Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 oder die Besetzung der ukrainischen Halbinsel Krim 2014 – in der Reihe Schild und Schwert wird wunderbar erläutert, welche Initiativen die Geheimdienste ergriffen, um in das politische Geschehen einzugreifen.

Historische Aufarbeitung mit Humor

Vor allem für die ersten beiden der jeweils ca. 50 Minuten laufenden Folgen lässt sich daher sagen, dass es sich um eine wertvolle Aufarbeitung der sowjetischen Geschichte handelt, die das Handeln Moskaus in einen sehr plastischen Zusammenhang stellt. Hier handelt es sich quasi um „Eine kurze Geschichte der Sowjetunion“, denn es wird klar, wie mächtig der KGB oder seine Vorgängerorganisationen jeweils waren.

Archive in Kiew zeigen, wie skrupellos die sowjetischen Geheimdienste operierten. ZDF / © Clover Films

Interessant ist es in diesem Zusammenhang, Ljudmilla Ulitzkajas Buch Eine Seuche in der Stadt entgegenzustellen, denn sie beschreibt sehr eindrücklich, wie der Geheimdienst NKWD seine sonst für den Staatsterror genutzten Mittel 1941 nutzte, um einen lokalen Ausbruch der Pest in Moskau einzudämmen. Zu ihrem fast schon komödienhaften Buch passt, dass auch Schild und Schwert vor allem in seinen ersten beiden Folgen immer wieder auf die Rolle von Humor und Witzen abzielt und mit ein wenig Ironie neue Erzählkapitel mit einem Witz aus einem Moskauer Kabarett einleitet – zu Zeiten des überwiegenden staatlichen Terrors wäre das undenkbar gewesen (manch ein Opfer des DDR-Geheimdienstes Stasi dürfte das nachvollziehen können). Auch ansonsten kommen sehr viele alte KGB-Spione und teils auch Opfer des Terrors zu Wort, was die Reihe sehr anschaulich macht.

Mauerfall „off screen“

Hiervon hebt sich der dritte Teil ein wenig ab. Während Teil 2 quasi mit dem Ende des Kalten Krieges ebenfalls aufhört, setzt Folge 3 im Grunde unmittelbar danach an. Welche Verwerfungen es im Rahmen des Mauerfalls und des Falls des Eisernen Vorhangs gab, wird nur am Rande im Rahmen des Putschversuchs gegen Michail Gorbatschow erwähnt. Die Mauer fiel quasi „off screen“. Für diejenigen, die mit den zeithistorischen Gegebenheiten vertraut sind, ist das in Ordnung; wer das nicht ist, dem dürfte hier vermutlich etwas Kontext fehlen.

Der Rest der Folge unterscheidet sich noch einmal ein wenig von den ersten beiden. Waren jene historische Abrisse der Sowjetzeit, stehen der Aufstieg und die Rolle Wladimir Putins im dritten Teil im Vordergrund. Auch das ist mehr als spannend zu sehen, zeigt es doch, wie sehr sich der frühere KGB-Mann in seiner Laufbahn geheimdienstlicher Methoden bedient, um die geopolitischen Interessen Moskaus durchzusetzen.

Die Ljubljanka in Moskau, seit mehr als einem Jahrhundert der Sitz der sowjetischen bzw. russischen Geheimdienste. ZDF / © Clover Films

Auch hier wird weiter das Wirken der Geheimdienste beschrieben, die doch teils sehr anderen Schicksale früherer Spione, aber eben stets mit einem Fokus auf Putin und seine Machenschaften. Ob es innenpolitisch der Krieg in Tschetschenien, gegen Widerständler wie den 2014 ermordeten Boris Nemzow oder 2007 die Journalistin Anna Politkowskaja ist, oder eine außenpolitische Dimension hat – 2004 die Vergiftung des ukrainischen Präsidentschaftskandidaten Viktor Juschtschenko, des zwischenzeitlich nach Großbritannien geflohenen früheren Agenten Alexander Litwinenko 2006 oder eben die Besetzung der Krim 2014 – die Geheimdienste haben auch in Putins Russland eine gewichtige Rolle zu spielen.

Insofern ist die dreiteilige Dokureihe KGB – Schild und Schwert eine wunderbare Zusammenfassung der russischen und sowjetischen Geschichte der letzten circa 100 Jahre. Natürlich gäbe es noch viele weitere Punkte, die in diesem Rahmen Erwähnung finden könnten, aber dennoch ist Schild und Schwert eine wertvolle Zusammenstellung der Zeitgeschichte, die auch Menschen mit nur geringem Vorwissen über den Kulturraum (Finkernagel) einen Zugang zu der bewegten Geschichte geben kann.

HMS

Die drei Teile KGB – Schild und Schwert sind noch bis zum 16. September in arte-Mediathek verfügbar.

About the author

Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.