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Spuk im Ketzerbachtal

thelittlequeerreview

Zuletzt aktualisiert am 16. November 2020

Die Tatort-Reihe hat es derzeit ganz stark mit den Toten und vor allem dem Totenreich. Ersteres mag so überraschend nicht sein, geht es doch zumeist um Mord und den damit einhergehenden Stressfaktoren, wie beispielsweise erwischt zu werden. Letzteres aber ist eine eher neuerliche Entwicklung, die nun zwei Wochen hintereinander in den Fokus rückt. Vergangene Woche hielten wir uns im Münsteraner Limbus auf, in dieser Woche betreten wir sozusagen das sächsische Jenseits. Ging es im Limbus eher heiter, wenn auch nachdenklich, zu, so wird es am heutigen Sonntagabend düster-schaurig. 

Düster & traumatisch

Das fängt schon bei der Location und dem Szenenbild in Tatort: Parasomnia an. Das Wetter ist herbstlich, kaum bunt, sondern grau und trist, wirklich hell wird es nie. Auch die Räume sind, ob im Tageslicht oder durch künstliche Beleuchtung, nie von Licht erfüllt. Der Dreh- und Handlungsort ist recht großartig gewählt: Das Schloss Pinnewitz bei Nossen. Ein altes, verlassenes (?) Herrenhaus, das sich perfekt als Kulisse eignet für die Geister, die die zurückkehrende Bewohnerin Talia heimsuchen.

Winkler (Cornelia Gröschel, li.) hält das Familienalbum der Schröders in Händen und spricht mit Talia (Hannah Schiller), erarbeitet sich weiter ihr Vertrauen. // © MDR/MadeFor/Daniela Incoronato

Die sechzehnjährige Talia kehrt mit ihrem Vater Ben in das Haus ihrer Kindheit zurück, acht Jahre nach dem Tod ihrer Mutter und manch einem Klinikaufenthalt. Kaum zurück, überrascht Talia einen Mörder nach seiner Tat, doch im Gespräch mit Oberkommissarin Karin Gorniak stellt sich schnell heraus, dass Talia aus psychologischem Selbstschutz etwas verdrängt. Statt einer Leiche und Blutlache sieht sie Farbdosen und ausgelaufene Farbe und, absurderweise, ein Familienfotoalbum am Boden liegen. Doch die Verdrängung des Gesehenen hilft ihr nur bedingt: durch ihre Parasomnie, einer Schlafstörung, die mit Nachtangst und Schlafwandeln einhergeht, sieht sie in Träumen – oder Visionen? – Geister. Schließlich verfolgen die Geister, die, wie sie spürt, etwas mit dem Mord zu tun haben, sie sogar in den Alltag hinein. Es ist schließlich Oberkommissarin Leo Winkler, die sich ihrer zuerst widerwillig, dann aber engagiert, annimmt und gemeinsam mit ihr das Trauma aufbrechen und dabei zusammen mit Gorniak und Kommissariatsleiter Schnabel eine weit in die DDR-Vergangenheit zurückreichende Mordserie aufklären will.

Atmosphärisch auf allen Ebenen

Also hier an dieser Stelle mal ganz deutlich: Chapeau! Parasomnia ist ein dichter, stringent erzählter, auf nahezu jeder Ebene funktionierender Tatort mit einem bestens aufgelegten Ensemble. Neben der gewohnt stabilen Leistung von Karin Hanczewski, Cornelia Gröschel und Martin Brambach sind auch die weiteren Rollen fein ausgewählt. Hannah Schiller als heimgekommene und -gesuchte Talia deckt die gesamte Bandbreite eines traumatisierten, von Geistern und Ängsten verfolgten Mädchens ab. Wanja Mues als ihr etwas erratischer und leicht manischer, immerfort düstere Bilder zeichnender Vater fügt sich perfekt in die Szenerie ein. Und die verschrobenen Nachbar*innen und potenziellen Täter*innen sind so gut besetzt wie auch für so eine Dorfatmosphäre passend geschrieben. 

Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach, li) wird das Ausmaß der Verbrechen klar. // © MDR/MadeFor/Daniela Incoronato

Auf der Handlungsebene bewegen wir uns im Grunde auf drei Ebenen: der klassischen Ermittlungsarbeit, die um einiges weiter in die Vergangenheit reicht, als angenommen; der psychologischen Ebene um Trauer, Verdrängung und Verlust und der Horror- beziehungsweise Gruselebene. Alle drei überschneiden sich natürlich sinnvollerweise. Am knappsten bemessen und auch am fehleranfälligsten ist die Ermittlungsebene. Hier kommt es auch zu zwei unsinnigen Vorfällen. Einer zu Beginn, als der Tatort anfangs wohl eher schludrig untersucht wird und ein weiterer als Leo eine eventuell wichtige Informationen verzögert und eher versehentlich weitergibt. 

Dafür funktioniert Parasomnia auf der psychologischen Ebene hervorragend, nicht nur, weil neben Talia auch Leo etwas Verdrängtes hervorholt, sondern weil die sich ergebenden Verarbeitungs- oder viel eher zuerst Erkenntnisschritte durchaus schlüssig eingewoben werden und wir nicht das Gefühl haben, da fiel dem Drehbuchautoren Erol Yesilkaya (Sløborn) kurz vor Schluss noch ein cooles AHA!-Ding ein. Ebenso verstehen Regisseur Sebastian Marka und Kameramann Willy Dettmeyer es gut, zwischen den verschiedenen Ebenen zu arbeiten. So sind die in die Analyse gehenden Momente feinfühlig und beinahe zaghaft inszeniert, wohingegen die Ermittlungsarbeiten eher zackig und die Gruselmomente intensiv-schauderhaft arrangiert sind.

Karin Gorniak (Karin Hanczewski) spricht mit Ben Schröder (Wanja Mues) in seiner Küche. // © MDR/MadeFor/Daniela Incoronato

Horror-Aficionados werden auf ihre Kosten kommen

Und, Mensch, Mensch Mensch, das sind sie. Für mich als Horror-Aficionado (neben soliden Slashern, insbesondere eben Haunted House- und Besessenheitsfilme) war das so überraschend wie begeisternd. Durch die düstere Grundstimmung des Films wird von Beginn an eine bedrohliche und unheilverheißende Stimmung geschaffen, weiter kommen die bewährten Mittel von ominösen Geräuschen, langsamen Kamerafahrten und Licht-Schatten-Gegenlicht zum Einsatz. Dies alles entsprechend zurückgenommen und sich steigernd, sodass konstanter Grusel angesagt ist und hier nicht ständig auf sogenannte Jump-Scares zurückgegriffen werden muss. Wenn es diese gibt, funktionieren sie. Die Maske tut ihr Übriges, um uns Zuschauer*innen vor den Geistern schaudern zu lassen und die Szene im Keller der Schule ist so klassisches wie effektives Horrorkino. Bei mir stellte sich der gewünschte Schauer ein, den viele Filme gar nicht mehr hervorrufen. Das heißt aber auch, dass Parasomnia bei manchen Zuschauer*innen Herzrasen und eine unruhige Nacht hervorbringen kann. 

Talia (Hannah Schiller, re.) wird durch Geräusche aus dem Schlaf gerissen, neben ihr im Bett schläft Leonie Winkler – ob das hilft? (Cornelia Gröschel). // © MDR/MadeFor/Daniela Incoronato

Parasomnia ist ein atmosphärisch und erzählerisch dichter, hervorragend gespielter, auf jeder Handlungsebene überzeugender, inszenatorisch gelungener und wunderbar gruseliger Tatort.

Tatort: Parsomnia ist bis 15.5.2021 in der ARD-Mediathek verfügbar.

Tatort: Parasomnia; Deutschland 2020; Regie: Sebastian Marka; Drehbuch: Erol Yesilkaya; Kamera: Willy Dettmeyer; Musik: Thomas Mehlhorn; Darsteller: Karin Hanczewski, Cornelia Gröschel, Martin Brambach, Hannah Schiller, Wanja Mues, Anne-Kathrin Gummich, Rainer Reiners, Jonas Fürstenau, Franziska Junge, Hans Klima, Jürgen A. Verch, Egal Gleim-Sroussi; Laufzeit: ca. 88 Minuten; Eine Produktion der MadeFor im Auftrag des Mitteldeutschen Rundfunks für Das Erste.

AS

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