Streit ja – Empörungsinflation nein

Egal wer wie zu Naturwissenschaften oder viel eher der Auseinandersetzung mit diesen in seiner Freizeit steht, einigen können wir uns derzeit sicherlich darauf, dass das aktuelle Buch der Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit quasi das Buch der Stunde ist. Nicht nur, weil sie mit dem Buch vergleichsweise viele Preise und Nominierungen (unter anderem für den Deutschen Sachbuchpreis 2021) mitnimmt, sondern auch, weil sie sich in aufregenden und aufgeregten Zeiten mit ihrem Titel dafür engagiert, die Erregungsflamme zumindest mal wieder aufs leichte Köcheln zu bringen. 

„Keine Macht den Pauschalisierungen“

Darüber hinaus bringt ihr zweites Buch (nach dem Bestseller Komisch, alles chemisch! Handys, Kaffee, Emotionen – wie man mit Chemie wirklich alles erklären kann) durchaus ein wenig Freude mit sich und fühlt sich auch für, um mal augenzwinkernd einen von ihr öfter gebrauchten Begriff aufzunehmen, Nicht-Nerds nicht wie zusätzliche Hausaufgaben an. Jedenfalls größtenteils nicht, dazu gleich mehr. Das im März im Droemer Verlag erschienene Buch, das sie ihrer im Corona-Jahr 2020 geborenen Tochter widmet, gliedert sich dabei in neun Kapitel, die sich nicht alle mit Chemie befassen, denen jedoch zwei Dinge gemein sind: Über allem steht die sachbezogene Beschäftigung mit diversen wissenschaftlichen und damit verbundenen gesellschaftlichen Streitfragen, was zu der Frage führt: Wie politisch darf Wissenschaft sein? Und auch: Wie unwissenschaftlich Politik?

Als würde sie direkt knallhart einsteigen und die „aufgezogenen Frösche“, auf die sie im Vorwort anspielt, alle springen lassen wollen, geht es im ersten Kapitel um die Legalisierung von Drogen. Das Kapitel trägt im Titel den wunderbaren Zusatz „Keine Macht den Pauschalisierungen“. Wie auch in den kommenden Kapiteln werden hier Studien, respektive einzelne Ergebnisse und die jeweiligen Methoden herangezogen und analysiert, kombiniert mit dem Impact, den diese auf die gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen haben. So stellt sie hier, in Anspielung auf einen Kommentar der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Daniela Ludwig (CSU), klar, dass der Vergleich von Cannabis mit Brokkoli zwar ulkig, aber bei weitem nicht so hanebüchen ist, wie er gern dargestellt wurde, wenn nämlich bedacht wird, dass sich Ludwig eher darauf bezog, nicht noch eine dritte Volksdroge in Umlauf haben zu wollen. Alkohol belaste schließlich schon genug.

Ausführlich wird im ersten Kapitel eine Studie zur Schädlichkeitsbwertung unterschiedlicher Drogen (es handelt sich um die Studie von David Nutt, die in der Tat sehr bekannt ist) und die an ihr und ihren Methoden geübte Kritik behandelt und anhand dieser Auseinandersetzung, eben die Bedeutung der Methoden erläutert. Kurz kommt sie auch auf Korrelation und Kausalität zu sprechen, womit sie sich im Folgekapitel, das sich einem nicht weniger hitzigen Thema, nämlich „Videospiele und Gewalt“, widmet, ausführlich befasst. So durchziehen das Buch also immer wieder die Punkte, beinahe Mahnungen, sich nicht einfach einseitig irgendwelchen am besten noch in knackigen Überschriften vermittelten Ergebnissen hinzugeben, sondern wissenschaftliche Methoden, Zusammenhänge, Reproduzierbarkeit und derlei zu hinterfragen und Begriffe wie eben „Korrelation”, „Kausalität“, „statistische Signifikanz“, „Effektgröße“ etc. zu kennen und einordnen zu können. Zum Ende des Buches appelliert sie auch, dass dies zur Allgemeinbildung gehören sollte, gerade in der Corona-Krise habe sich gezeigt, wie wichtig Allgemeinwissen sei. Dit stimmt. 

„Warum?“ und „Wofür?“ – der kleine Unterschied

Apropos Reproduzierbarkeit (und Kapitel zwei): Hier findet sich auch schon der größte Kritikpunkt des gesamten Buches (dessen kompletter Titel lautet: Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit. Wahr, falsch, plausibel? Die größten Streitfragen wissenschaftlich geprüft). Beinahe naturgemäß bei diesem Thema geht es ins Psychologische und natürlich unterliegen psychologische Studien anderen Gesetzmäßigkeiten als beispielsweise chemische; auch laufen sie Gefahr, eher einem von der Autorin ausführlich beschriebenen Confirmation Bias oder ähnlichem anheim zu fallen, dennoch kam es mir beim Lesen so vor, als würde sie hier den Sheldon Cooper machen: Ein wenig von oben herab auf eine „Pseudowissenschaft“ blicken, um es mal überspitzt zu formulieren. Sie beschreibt durchaus richtige Problemlagen, bleibt dann aber doch irgendwie im Ungefähren und lässt die Psychologie hier unverdient etwas unbedarft aussehen. Gleichwohl bleibt festzuhalten: Psychologie ist eine bedeutende Wissenschaft, die eben auch nach eigenen Gesetzmäßigkeiten funktioniert und von einer Chemikerin wohl auch nur bis zu einem gewissen Grad beurteilt werden können dürfte.

Die Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim, die Laborbrille macht’s kenntlich // Foto © Thomas Duffé

Im gleichen Kapitel weist sie allerdings auch auf viele andere Probleme der Wissenschaften hin, wie die Notwendigkeit ständig zu veröffentlichen, was ebenfalls unschöne Folgen mit sich bringen kann (Publication Bias), wie diverse andere Schwierigkeiten im Rahmen der Forschung. Später soll sich auch anhand der Thematik Tierversuche die Frage stellen, was erlaubt, was ethisch vertretbar und was dies beides nicht oder vielleicht nicht ist?! Gerade im Bereich der Grundlagenforschung, die vielen Bürger*innen sicherlich erst einmal sehr abstrakt erscheinen mag (an einer Stelle betont die Autorin den kleinen aber wichtigen Unterschied des „Warum?“, um das es in der Wissenschaft geht, und des „Wofür?“) wühlt diese Frage wohl auf. An recht wenigen Stellen spricht sich Mai Thi Nguyen-Kim selber konkret für oder gegen etwas aus, öfter mal zwischen den Zeilen, aber im Grunde geht es ihr mit dem Buch vor allem eben um eine faktenbasierte Streitkultur und nicht darum, die angesprochenen Themen aufzulösen. So belehrt sie auch nicht, lehrt und hier und da nudged vielleicht ein wenig.

Das merken wir insbesondere bei dem sehr interessanten Kapitel zu Gender Pay Gap, das sich nicht nur in der Tonalität vom Rest ausnimmt und dennoch dabei helfen könnte, ein sehr sensibles und überhitztes Thema einmal ruhiger und eben sachlich zu betrachten. So klagt sie auch hier nicht an, weist aber auf argumentative Ungereimtheiten hin. Das wiederholt sich natürlich im Buch häufiger und regt sie auch sehr auf: Verkürzt, vereinfacht oder schlimmstenfalls gar verfälscht mit vermeintlich ach so klaren Studien- beziehungsweise Forschungsergebnissen um sich werfen, um Diskussionen zu „gewinnen“. 

Nötige Frustrationstoleranz nicht nur bei Impfdiskussionen

Wie es beispielsweise so manch überzeugte Impfgegner*innen gern tun, die wir nach ihrem Dafürhalten aber auch in Ruhe lassen sollten. Statistisch ist deren Zahl so gering, dass wir, was beispielsweise Corona angeht, die Herden- oder Bevölkerungsimmunität auch ohne diese erreichen (hier könnte noch der Zusatz folgen, dass wir dennoch ein Auge auf die „Mitläufer“ haben sollten). In zwei Kapiteln mit den Titeln „Big Pharma vs. Alternative Medizin“ und „Wie sicher sind Impfungen“ widmet sie sich also diesem verminten Feld an festgefahrenen Positionen, die in gewissen Teilen sehr gern, sehr oft, sehr laut mit Verschwörungsmythen und neuerdings auch Querdenkern einhergehen, die nicht selten den Mindestabstand nach rechts nicht einhalten. 

Im gleichen Kapitel geht sie aber auch darauf ein, mit welcher Akribie Prüf- und Zulassungsverfahren von Medikamenten verlaufen, was im Tierversuch-Kapitel in Teilen nochmals vertieft wird, wie wenig Interesse sowohl Forschende, als auch Unternehmen und Politik an einer großen Verschwörung haben dürften und nach welchem Zeitverlauf eine solche wohl aufgeflogen sein dürfte.  Insbesondere aber was die „regulären“ Skeptiker in Bezug auf die Corona-Impfung und den Mangel an Langzeitstudien angeht, dürften die Erläuterungen im Impfkapitel eine Hilfe sein, beziehungsweise jenen, die diese im familiären oder sonstigen direkten Umfeld haben. Das Buch bietet hier eine nicht nur für die Form, sondern auch die Inhalte gute Gesprächsgrundlage.

Etwas sperrig sind die die Kapitel zur „Erblichkeit von Intelligenz“ und „Warum denken Frauen und Männer unterschiedlich?“ Sehr interessant, aber auch äußerst komplex, obwohl Nguyen-Kim alles schon wirklich vereinfacht und eigentlich zugänglich beschreibt. Aber ich denke, hätte ich nicht ein (geringes) chemisches Vorwissen, hätten diese Kapitel meine Frustrationstoleranz sicherlich stärker gefordert. Es sei allerdings ergänzt, dass ich beide Kapitel zu einem Tageszeitpunkt las, als die Leistungsfähigkeit meines Gehirns vermutlich schon nicht mehr ganz weit oben war.

Mehr Vernunft, weniger Lautstärke

Weit oben ist auf jeden Fall die Leistungsfähigkeit der Autorin im Schlusskapitel „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit: Nicht weniger streiten, nur besser“. Die gut zwanzig Seiten nutzt sie nicht nur, um nochmals auf die Dringlichkeit der ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Klimawandel hinzuweisen; Naturwissenschaft nicht immer als nerdiges Orchideenwissen zu betrachten, auch in der Breite die Wichtigkeit dieser zu erkennen: „Wer als gebildet oder intellektuell durchgehen möchte, muss sich hierzulande mit Geschichte, Politik und Weltgeschehen auskennen, gerne auch mit Kunst und Literatur – doch was die drei Hauptsätze der Thermodynamik sind – ach, Freak-Wissen, das keiner braucht. Doch!!“

Auch lässt sie es nicht aus, hier noch darüber zu schreiben, wie unterrepräsentiert wissenschaftlicher Konsens in der Corona-Krise in den Medien war; wie laut jene waren, die wissenschaftlichem Konsens widersprechen und sagen, man solle ihnen das Gegenteil beweisen („Danke“ Sucharit Bhakdi, der auch kritisch im Text-Bildband #behindthemask porträtiert ist) und auch wo sie laut waren: Viel in den sozialen Netzwerken. Diese verteufelt Mai Thi Nguyen-Kim nicht, stellt aber richtig fest, dass sich Wut dort oft impulsiv und ungerichtet äußere und schnell unverhältnismäßig werden können. Sie räumt mit dem Narrativ von „Wissenschaftsreligion“ und Hörigkeit der Politik auf und widmet sich auch dem inflationären Gebrauch des Begriffs „Cancel Culture“, auch das wieder nicht einseitig betrachtet. Sie macht vor allem durch die und in den sozialen Netzwerken eine „Art Empörungsinflation“ aus, wo eigentlich Augenrollen angemessener wäre. Dem soll hier nicht widersprochen wieder.

So bringt Mai Thi Nguyen-Kim im Finale ihres auch durch Illustrationen anschaulichen, alles in allem kurzweiligen, teils sehr unterhaltsamen und frischen und in Pandemie- und Superdupermegawahljahr-Zeiten tatsächlich Buches der Stunde also sinnvoll alles, was wir Leser*innen hoffentlich im Verlauf dieses an Zuneigung zu wissenschaftlichen Fakten und Methoden aufgebaut haben zusammen, um einen Appell für mehr Vernunft an uns zu richten, und sei es „nur“ jene, nicht weniger, aber doch besser zu streiten. Zumindest für the little queer review gesprochen: Na gut, machen wir.

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Mai Thi Nguyen-Kim: Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit. Wahr, falsch, plausibel? Die größten Streitfragen wissenschaftlich geprüft; 1. Auflage, März 2021; 368 Seiten; mit zahlreichen Illustrationen von Ivonne Schulze; Hardcover; ISBN: 978-3-426-27822-2; Kroemer HC; 20,00 €; auch als eBook

Anmerkung: Der erste Deutsche Sachbuchpreis wird am 14. Juni 2021 vergeben. Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit ist eines von acht nominierten Büchern. Bis zur Verleihung werden wir sechs der Bücher besprechen.

Ebenfalls findet ihr bei Elementares Lesen noch eine schöne Besprechung zum Buch.

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